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29.08.2018

Mexikanischer Transportsektor wird elektrisch

Erste E-Modelle für ÖPNV und Cargoverkehr kommen auf den Markt / Von Florian Steinmeyer

Mexiko-Stadt (GTAI) - Mexiko macht Fortschritte bei der Einführung elektrisch angetriebener Busse und Lkw. Zwei Unternehmen positionieren sich dabei als Vorreiter.

Elektrische Busse sind nichts Neues in Mexiko-Stadt, doch ihnen stehen große Veränderungen bevor. Bereits seit 1951 gibt es den elektrischen Trolebús, der aktuell auf acht Linien mit rund 340 Fahrzeugen seinen Dienst verrichtet. Die Busse sind allerdings in die Jahre gekommen, rund die Hälfte von ihnen müsste eigentlich ersetzt werden. Zudem ist das Oberleitungssystem anfällig für Störungen. Immer wieder springen die Stromabnehmer aus der Kabelführung und legen die Fahrzeuge zwischenzeitlich lahm.

Abhilfe könnte aus Deutschland kommen. Die Daimler-Tochter Mercedes-Benz verhandelt Unternehmensangaben zufolge mit der Stadtverwaltung über den Einsatz des eCitaro in der mexikanischen Hauptstadt. Dabei handelt es sich um die elektrische Version des Citaro, des meistverkauften Stadtbusses der Welt. Laut einem Unternehmenssprecher können die Fahrzeuge im Falle einer Einigung innerhalb von sechs Monaten bereitgestellt werden.

Elektromobilität im öffentlichen Nahverkehr ist ein wichtiges Thema für die Mexikaner, die sich im Rahmen des UN-Klimaabkommens von Paris verpflichtet haben, bis 2030 wenigstens 25 Prozent des CO2-Ausstoßes einzusparen. Laut dem mexikanischen Umweltministerium Semarnat (Secretaría de Medio Ambiente y Recursos Naturales) können 3,5 Prozent der geplanten Einsparungen durch den ÖPNV generiert werden, wenn dieser bis 2030 zu 15 bis 20 Prozent auf elektrische Fahrzeuge umstellt.

Weitere Unternehmen an Einstieg in Mexiko interessiert

Durch ein weltweites Gemeinschaftsprojekt versuchen auch der schweizerische Elektrokonzern ABB und der schwedische Fahrzeugbauer Volvo E-Busse in Mexiko-Stadt zu platzieren. Die Unternehmen planen, ein Volvo-Modell auf den Markt zu bringen, dass die Ladetechnologie TOSA von ABB nutzt. Dadurch sei es möglich, die Fahrzeuge durch Ladestationen direkt an den Haltestellen in 15 bis 20 Sekunden mit Strom zu versorgen.

Volvo und ABB wollen über das Projekt "Corredor Verde" in den Markt einsteigen. Dabei handelt es sich um eine 22 Kilometer lange Buslinie entlang der Avenida Eje 8 Sur in Mexiko-Stadt, die eine gesonderte Fahrspur für E-Busse und Fahrräder erhalten soll. Das Projekt erhielt 2016 eine Finanzierung von 1 Million US-Dollar (US$) der Klimainitiative C40, ist bis auf einen kurzen Abschnitt jedoch noch nicht in Betrieb. Voll ausgebaut würden 80 bis 100 Fahrzeuge auf der Strecke zum Einsatz kommen, jedes mit einem vorgesehenen Anschaffungspreis von 400.000 bis 700.000 US$.

Detaillierte Studien notwendig

Die lange Vorlaufzeit des Corredor Verde begründen die Verkehrsbehörde Semovi (Secretaría de Movilidad) und der Transportbetreiber STE (Sistemas de Transportes Eléctricos) mit aufwendigen Vorabstudien. Laut Verkehrsexperten sind bei derartigen Vorhaben genaue Fahrgastprognosen notwendig, denn die Fahrgastanzahl bestimme das Gewicht der Busse. Dies wiederum sei wichtig, um zu entscheiden, ob ein Fahrzeug mit einer Stromladung die gesamte Strecke bestreiten kann oder ob Zwischenladungen notwendig werden.

Auch Cargoverkehr steht vor E-Revolution

Für den mexikanischen Warentransport gibt es ebenfalls Pläne, ihn unabhängiger von mineralischen Kraftstoffen und damit emissionsärmer zu machen. Das mit Abstand wichtigste Transportmittel im Land, der Lkw, steht dabei im Mittelpunkt. Auch in diesem Bereich sind Daimler und Volvo in Mexiko am weitesten fortgeschritten.

Daimler stellte im Juni 2018 die beiden Modelle eCascadia und eM2 106 der Marke Freightliner für den nordamerikanischen Markt vor. Während der eM2 106 für den lokalen Zustellverkehr vorgesehen ist, handelt es sich bei dem eCascadia um ein Langstreckenfahrzeug, das mit einer Batterieladung bis zu 400 Kilometer zurücklegen kann. Beide Modelle sollen im Laufe des Jahres zunächst an rund 30 Kunden in den USA ausgeliefert werden. Mit dem eCascadia hat Daimler in Mexiko noch größere Pläne: Der Konzern gab im Juni 2018 bekannt, das Modell in seinem Werk in Saltillo fertigen zu wollen. Dort wird bereits die konventionelle Version des Cascadia gebaut, ab 2021 soll er auch mit Elektroantrieb vom Band rollen.

Volvo denkt über Markteinführung nach

Vertreter von Volvo Trucks sagten im August 2018, dass ihre Modelle FL Electric und FE Electric gut auf den mexikanischen Markt passen würden. Die Einführung könnte laut Verkaufsleiter José Gutiérrez kurzfristig erfolgen. Bei dem FL Electric handelt es sich um ein 16 Tonnen schweres Fahrzeug, das beispielsweise für den städtischen Verteilerverkehr und die Müllabfuhr eingesetzt werden kann. Der FE Electric wiegt 27 Tonnen und ist für schwere Verteilaufgaben in Städten konzipiert.

Aufgrund der geografischen Nähe ist auch die Markteinführung des Langdistanz-Trucks Semi des US-amerikanischen Herstellers Tesla denkbar. Firmenchef Elon Musk hatte das Modell mit einer Reichweite von 800 Kilometern im November 2017 vorgestellt. Tesla äußerte sich bislang allerdings nicht dazu, das Fahrzeug in Mexiko verkaufen zu wollen. Gleiches gilt für den ebenfalls in den USA ansässigen Lkw-Bauer Cummins, der sein Modell Aeos 2019 zunächst dort auf den Markt bringen könnte.

Heimische Unternehmen bauen Kleinlaster

Neben den Ambitionen internationaler Lkw-Bauer gibt zwei lokale Hersteller, wenn deren Fahrzeuge auch um Einiges kleiner ausfallen. Bereits seit Mitte 2016 baut Moldex, eine Tochterfirma des Backwarenriesen Bimbo, zwei Lieferwagenmodelle mit elektrischem Antrieb. Deren Entwicklung findet in Eigenregie statt, auch der Motor stammt aus eigener Produktion. Waren die Lieferwagen mit einer zulässigen Zuladung von einer halben bzw. einer Tonnen zunächst nur für den hauseigenen Vertrieb von Bimbo gedacht, verkauft Moldex die Fahrzeuge mittlerweile auch an Kunden wie Coca Cola Femsa. Monatlich werden rund 200 Einheiten produziert.

Mit Vehículos Eléctricos Corporativos (VEC) entwickelt ein weiteres mexikanisches Unternehmen elektrisch betriebene Nutzfahrzeuge. Zusammen mit der Universidad Autónoma Metropolitana (UAM) stellte die Firma Anfang 2017 den Prototypen eines Transporters vor, dessen Batterie für eine Reichweite von 100 Kilometern lediglich 60 Minuten Ladezeit benötigt. Der angestrebte Verkaufspreis ist mit 32.000 US$ im Vergleich zu anderen Elektrofahrzeugen günstig. Informationen über eine Markteinführung liegen jedoch noch nicht vor.

Ladeinfrastruktur vergleichsweise gut

Wichtigste Herausforderung für den E-Transport ist die Ladeinfrastruktur, doch Mexiko steht hierbei im Vergleich zu anderen Schwellenländern gut dar. Die beiden großen Anbieter ChargeNow und Tesla führen jeweils über 400 Stationen auf ihren Websites. Die Infrastruktur konzentriert sich jedoch stark auf die zentrale Metropolregion um Mexiko-Stadt.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Asociación Nacional de Productores de Autobuses, Camiones y Tractocamiones (ANPACT) http://www.anpact.com.mx Mexikanischer Verband der Hersteller von Nutzfahrzeugen
Instituto Mexicano de Ciudades Inteligentes Sustentables y Sostenibles (IMCISS) http://www.imciss.org.mx Mexikanisches Institut für Smart Cities
Expo Transporte ANPACT http://www.expotransporte.org Wichtigste mexikanische Nutzfahrzeugmesse

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Mexiko sind unter http://www.gtai.de/mexiko abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Mexiko Nutzfahrzeuge (Nfz), Elektromobilität

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