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12.04.2018

Mexiko-Stadt investiert in Transport und Umwelt

Zahlreiche Vorhaben in der Pipeline / Mangelnde Planung behindert integrierte Entwicklung / Von Florian Steinmeyer

Mexiko-Stadt (GTAI) - "Hätten wir doch flexiblere und elastischere Körper, nur für die Metro von Mexiko-Stadt" - so wünschte es sich der Chronist Carlos Monsiváis. Darin spiegelt sich das Chaos wider, das in der überfüllten mexikanischen Hauptstadt herrscht. Aus dem Umland drängen täglich Millionen Menschen ins Zentrum, wo sich die meisten Arbeitsplätze befinden. Die Vororte sind längst einwohnerreicher als das Stadtgebiet. Entsprechend groß sind die Herausforderungen für Transport, Umwelt und Sicherheit.

Mexiko-Stadt war schon vor der Eroberung durch die Spanier unter dem Namen Tenochtitlan das politische wie wirtschaftliche Zentrum des Aztekenreichs, aber erst durch die Industrialisierung seit den 1940er-Jahren wuchs sie zur Megacity an. Zusammen mit ihrem Umland macht sie mit 21 Millionen Bewohnern die "Zona Metropolitana del Valle de México" aus, die sich in Rankings der größten Ballungsräume der Welt stets in den Top 10 befindet.

"Die Expansion geschah weitestgehend ohne eine vorausschauende Planung", sagt Dennis Quennet, Leiter des Vorhabens Städtisch-Industrielles Umweltmanagement der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ ) in Mexiko. Dies äußert sich Quennet zufolge unter anderem in einer mangelnden Stadt- und Verkehrsplanung, Problemen im Abfall- und Wassermanagement sowie der geringen Kooperation zwischen den Bezirksregierungen. Hinzu kommen natürliche Risiken wie die latente Erdbebengefahr.

Basisdaten Metropolregion Mexiko-Stadt 1)
Indikator 2015
Einwohner (Mio.) 20,9
Fläche (qkm) 7.866
BIP/Kopf (US$) 12.517
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm) 2.656
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität (%) 99,8
Elektrizitätsverbrauch pro Kopf (kWh/Jahr) 2.127 2)
Länge des ÖPNV (km) 3.696 3)
Abfall pro Einwohner (kg/Jahr) 525,6
Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Trinkwasser (%) 89,4 4)
Wasserverbrauch pro Kopf (l/Tag) 366 2)

1) umfasst neben Mexiko-Stadt Teile der Bundesstaaten Estado de México und Hidalgo; 2) 2016, landesweit; 3) U-Bahn, Oberleitungsbusse und städtische Busse; 4) mit Anschluss der Wohnstätte an das Wassernetz

Quellen: Statistikamt Inegi; Citibanamex; Energieministerium Sener; Einwohnerbehörde Conapo; Transportministerium Mexiko-Stadt Semovi; Umweltministerium Mexiko-Stadt Sedema; Weltwirtschaftsforum

Mobilitätssysteme wachsen - sind aber wenig vernetzt

Im öffentlichen Nahverkehr wird die mangelnde Vernetzung besonders deutlich. Auch wenn die aktuelle Stadtregierung 2015 einen Masterplan zur besseren Integration der Systeme vorstellte, fließen die Investitionen hauptsächlich in den Ausbau einzelner Verkehrsträger. Dazu gehören die Zugverbindung zwischen der Kapitale und der Nachbarstadt Toluca, die Erweiterung der Metrolinien 4, 9, 12 und A sowie die Zuganbindung des neuen Flughafens, der 2020/2021 eröffnen soll.

Im nicht-schienengebundenen ÖPNV steht die Ausweitung des Metrobus-Systems im Vordergrund. Anfang 2018 wurde die siebte Linie für die überlangen Busse eröffnet, die dank eigener Fahrspur verhältnismäßig schnell durch den Verkehr kommen. Derzeit befindet sich die Linie 5 für 135 Millionen US-Dollar (US$) im Ausbau. Dank des Erfolgs des Konzepts könnten in den kommenden Jahren weitere Linien hinzukommen. Fahrzeuge liefert unter anderem Mercedes-Benz.

Für Busse und Taxen läuft seit 2016 ein Modernisierungsprogramm für umgerechnet 350 Millionen Euro. 600 Stadtbusse, 80 Oberleitungsbusse und rund 10.000 Taxen sollen durch moderne Fahrzeuge ersetzt werden, teils mit Hybrid- oder Elektroantrieb. Auch in den Individualverkehr kommt Bewegung. ChargeNow und Tesla, die beiden führenden Anbieter von Pkw-Ladestationen, bauen ihr Netz in der Metropolregion aus, da knapp 58 Prozent aller Elektro- und Hybrid-Pkw dort abgesetzt werden.

Weitere Mittel fließen in den Ausbau des öffentlichen Fahrradleihsystems Ecobici, das seit Februar 2018 auch 340 E-Bikes umfasst und über 25 neue Stationen verfügt. Unterdessen machen die Firmen Vbike und Mobike dem Ecobici-System Konkurrenz. Sie stellen Apps für die Buchung von Fahrrädern zur Verfügung, die nicht wie bei Ecobici an feste Stationen gebunden sind.

Wassermangel verschärft sich

Im Umweltbereich steht die Metropolregion vor immensen Herausforderungen. "Ein Teil des Wassers muss über hunderte Kilometer zugeleitet werden, oder es wird aus dem unterirdischen Grundwasserspeicher gewonnen, wodurch der Boden der Stadt absackt", sagt Dennis Quennet von der GIZ. "Wir gehen davon aus, dass unter der künftigen Regierung ab 2019 das Thema Wasser eine große Rolle spielen wird."

Momentan fehlt der nationalen Wasserbehörde Conagua jedoch das Geld, um die Lokalregierungen bei der nötigen Modernisierung der Wassernetze zu unterstützen. Daher konzentriert sie sich auf einige Großprojekte. Im zentralen Hochland rund um die Metropolregion führt Conagua derzeit Studien durch, um die Hauptstadt mit zusätzlichem Wasser zu versorgen.

In der Abfalltrennung ist die Hauptstadt hingegen vergleichsweise weit. Verpackungen und andere Kunststoffe werden zu über 50 Prozent wiederverwertet, bei einigen Materialien wie Aluminium ist der Anteil noch höher. Die Sortierung ist aufgrund informell beschäftigter Müllsammler jedoch wenig automatisiert. Neben der Mülltrennung gewinnt die Energieerzeugung an Bedeutung, wie eine Mitte 2017 eröffnete Vergärungsanlage für Bioabfälle im Bezirk (Delegation) Milpa Alta zeigt.

Stadt will bei Sicherheit aufrüsten

Zwar hat sich die Sicherheitslage in Mexiko-Stadt seit den 1990er-Jahren verbessert, doch angesichts der im Land insgesamt zunehmenden Gewalt werden die Rufe nach mehr Überwachung lauter. Idris Zapata, Leiter des Sicherheitszentrums der Stadt C5, sagte der Zeitschrift Publimetro Anfang 2018, dass 6.500 Videokameras und damit fast jedes zweite Gerät ersetzt werden müsse. Die Behörde konzentriert sich zunächst auf den Austausch von 2.000 Geräten.

Zudem gibt es Vorschläge für den Ausbau der Sicherheitssysteme. Dabei steht die Möglichkeit im Fokus, das öffentliche System mit privaten Kameras, etwa von Banken und Supermärkten, zu vernetzen. Um diese sinnvoll zu nutzen, müsste jedoch auch das Personal aufgestockt werden. Daneben spielt nach einem starken Erdbeben im September 2017 der Katastrophenschutz wieder eine wichtigere Rolle. So wurde die öffentliche Notruf-App für Smartphones um ein Modul zur Erdbebenwarnung erweitert.

Ausgewählte Großprojekte in Mexiko-Stadt
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) Projektstand Anmerkung/Ansprechpartner
Erweiterung der Metrolinie 4 1.293 Studien abgeschlossen; Entscheidung über Ausschreibung steht aus Öffentliches ÖPNV-Unternehmen Sistema de Transporte Colectivo de la Ciudad de México (STC)
Erweiterung der Metrolinie A 927 Prefeasibility-Studien in Arbeit STC
Zugverbindung und Buskorridor zwischen dem neuen Flughafen und der Innenstadt k.A. Prefeasibility-Studien in Arbeit Projekt des Transportministeriums; Studien durch: - Consorcio Ingeniería, Servicios y Sistemas Aplicados (ISSA), - Desarrollo Ingeniería y Planeación, - HH y Asociados Consultoría Especializada, - Consultoría Integral en Transporte (Citran)
Erschließung neuer Wasserquellen nördlich von Mexiko-Stadt k.A. Studienphase; Entscheidung über Ausführung noch nicht getroffen Nationale Wasserbehörde Conagua
Austausch von 6.500 Videokameras k.A. Erste Geräte wurden Anfang 2018 ersetzt; weitere sollen folgen Unternehmen Seguritech im Auftrag der Sicherheitsbehörde C5

Quellen: BNamericas; Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Mexiko sind unter http://www.gtai.de/mexiko abrufbar.

(FST)

Dieser Artikel ist relevant für:

Mexiko Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Öffentlicher-Personen-Nahverkehr (ÖPNV), Signal-, Sicherheitstechnik (nicht Zugangs-Kontrolltechnik), Urbanisierung, Stadtentwicklung

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