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05.09.2019

Mexiko-Stadt setzt auf Digitalisierung des ÖPNV

Einheitliches Netz und bessere Informationen sollen mehr Menschen in Bus und Bahn locken / Von Florian Steinmeyer

Mexiko-Stadt (GTAI) - Die Megametropole Mexiko-Stadt will ihre Verkehrsprobleme durch Investitionen in den ÖPNV in den Griff bekommen. Die ersten Ausschreibungen verlaufen teils problematisch.

Die seit Dezember 2018 amtierende Regierung von Mexiko-Stadt hat große Pläne, um Verwaltung und Infrastruktur zu digitalisieren. Bürgermeisterin Claudia Sheinbaum sieht besonders großen Nachholbedarf beim öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Ihr Verkehrsminister Andres Lajous hat nun Konzepte vorgelegt, die den ÖPNV stärken sollen.

Mehr Informationen dank GPS und Apps

Laut Andres Lajous halten die unzureichenden Informationen über die Verkehrslage derzeit viele potenzielle Fahrgäste davon ab, den ÖPNV zu nutzen. Tatsächlich ist das Zusammenspiel der verschiedenen Verkehrsmittel sehr unübersichtlich: Die Netze der Metro (U-Bahn) und der Metrobusse sind zwar klar definiert. Das gilt allerdings nicht für die Stadtbusse (RTP) und die konzessionierten Kleinbusse (Micros). Mögliche Übergänge etwa von der Metro auf den Bus sind nicht gekennzeichnet.

Zukünftig sollen daher alle Transporteinheiten über GPS-Sender verfügen, die ihre Signale in ein zentrales System einspeisen. Die Passagiere werden über eine App auf ihren Smartphones in Echtzeit verfolgen können, wann ein Verkehrsmittel ankommt, ob es Verspätung hat und welche alternativen Routen es gibt. Bislang sind lediglich die Metrobusse mit entsprechendem Equipment ausgestattet. Die gewonnenen Daten werden in die App Alameda Central eingespeist.

Technologie soll weitere Möglichkeiten eröffnen

Ein weiteres Projekt des Verkehrsministers Lajous ist die Einführung einer allgemein akzeptierten Zahlkarte für den gesamten ÖPNV. Derzeit ist nur die Nutzung von Metro, Metrobus und Leihfahrrädern (Ecobici) über ein gemeinsames Zahlungsmittel möglich. Dadurch soll nicht nur die Zugangskontrolle vereinfacht werden. Die Verantwortlichen erhoffen sich, durch die Analyse der Nutzerdaten bessere Informationen über die Hauptnutzungszeiten und das Umsteigeverhalten zu erlangen.

In der ÖPNV-Strategie spielen auch Leihfahrräder eine große Rolle. Mit dem Ecobici-System verfügt die Stadt in den zentral gelegenen Vierteln bereits über ein gut ausgebautes Netz an Leihstationen, die in der Regel direkt an die U-Bahnhöfe angeschlossen sind. Dieses Netz soll nun auf die Endstationen der U-Bahnlinien ausgeweitet werden.

Die neue Stadtregierung will auch in weitere Hardware investieren. Im April und Mai diesen Jahres vereinbarte sie mit dem Transportministerium auf Bundesebene SCT (Secretaría de Comunicaciones y Transportes) die Erweiterung der Metrolinien 9, 12 und A zu prüfen. Daneben werden Stadtbusse und der elektrisch betriebene Trolebus modernisiert. Der Bau von zwei Seilbahnlinien, genannt Cablebus, steht kurz bevor.

Anbieter können nicht alle Anforderungen erfüllen

Bisherige Ausschreibungen zeigen jedoch, dass die ambitionierten Pläne schwer umzusetzen sein werden. So blieb eine Ende Juli vergebene Ausschreibung für die Ausrüstung von Stadtbussen mit GPS-Geräten, Videokameras und Panikknöpfen unvollständig. Für Software und GPS-Ausrüstung fanden sich keine qualifizierten Bieter. Die übrige Ausstattung wird von dem mexikanischen Unternehmen LOKUS gestellt. Bis Ende 2019 sollen 10.000 Busse ausgerüstet werden, die Kosten dafür liegen bei umgerechnet rund 7 Millionen US-Dollar (US$).

Ob es für die fehlenden Komponenten eine neue Ausschreibung gibt, war Ende August nicht bekannt. Möglich ist auch eine beschränkte Ausschreibung oder Direktvergabe.

Ebenso blieb eine Ausschreibung über knapp 1,1 Millionen neue Zahlkarten ohne Gewinner, da das einzige teilnehmende Unternehmen MyCard die Auflagen nicht erfüllte. Ob und wann es hierzu eine erneute Ausschreibung gibt, ist ebenfalls noch unklar.

Aufträge für Seilbahnen per Direktvergabe

Die beiden neuen Seilbahnlinien gibt das Transportministerium Mexiko-Stadts Semovi (Secretaría de Movilidad) per Direktvergabe mit Bieterverfahren in Auftrag, nachdem bei einer offenen Ausschreibung für die Linie 1 keine zulässigen Angebote abgegeben wurden. Der Gewinner für die erste Linie steht bereits fest: Ende Juni ging der 150 Millionen US$ teure Auftrag an das österreichische Unternehmen Doppelmayr Seilbahnen im Verbund mit der mexikanischen Baufirma Gami Ingenieria e Instalaciones. Termin für die Fertigstellung ist März 2021. Um den Auftrag für die Linie 2 konkurrieren derzeit die Konsortien Doppelmayr/Gami, Bartholet/Prodemex und Leitner/Alfa.

Im Februar 2019 gewann Volvo eine Ausschreibung über 70 neue Stadtbusse, die das Unternehmen bereits ab Werk mit GPS und Überwachungskameras ausstattet. Allerdings verzögerte sich die Übergabe um rund 60 Tage, so dass die Busbetriebe erst Ende Juli die ersten 18 Einheiten in Dienst stellten. Trotz der Schwierigkeiten ging Volvo auch aus einer zweiten Ausschreibung über 100 Busse als Gewinner hervor, die am 31. Juli vergeben wurde. Die Fahrzeuge sollen bis zum Jahresende ausgeliefert werden.

Die Regierung Mexiko-Stadts informiert über Ausschreibungen sowie über künftige Geschäftschancen auf ihrem Portal Tianguis Digital (https://tianguisdigital.cdmx.gob.mx). Auch Metro (https://metro.cdmx.gob.mx/convocatorias/licitaciones), Metrobus (https://www.metrobus.cdmx.gob.mx/convocatorias/licitaciones) und die Stadtbusbetriebe (https://www.rtp.cdmx.gob.mx/convocatorias/licitaciones) stellen Ausschreibungsinformationen auf ihren Websites bereit.

Schwierige Ausgangslage

Mit rund 21,6 Millionen Einwohnern ist Mexiko-Stadt samt der umliegenden Metropolregion der fünftgrößte Ballungsraum der Welt. Die rund 5,5 Millionen in der Stadt registrierten Fahrzeuge bringen den Verkehr regelmäßig zum Erliegen. Die stärkere Nutzung des ÖPNV wäre daher dringend geboten, doch das existierende Netz gilt als unzuverlässig, überfüllt und unsicher. In internationalen Rankings schneidet das Verkehrssystem der mexikanischen Hauptstadt bestenfalls mittelmäßig ab.

Städteranking Cities in Motion 2019 (Rangstelle)
Stadt Gesamtranking *) Unterranking Mobilität Unterranking Technologie
London 1 3 8
New York 2 5 11
Amsterdam 3 11 7
...
São Paulo 132 169 123
Mexiko-Stadt 133 116 135
Medellín 134 107 143
...
Caracas 172 130 164
Lahora 173 147 172
Karachi 174 153 167

*) Neben Mobilität und Technologie gingen die Kategorien Wirtschaft, Humankapital, soziales Umfeld, Umwelt, Governance, Stadtplanung und internationales Umfeld in das Gesamtranking ein.

Quelle: IESE Business School

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Secretaría de Movilidad (Semovi) http://www.semovi.cdmx.gob.mx Transportministerium von Mexiko-Stadt
Secretaría de Comunicaciones y Transportes (SCT) http://www.sct.gob.mx Transportministerium auf Bundesebene

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Mexiko sind unter http://www.gtai.de/mexiko abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Mexiko Transport und Verkehr, allgemein, Straßenfahrzeuge, allgemein, Digitalisierung

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