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26.06.2019

Milliardenregen für Russlands Wasserversorgung

Mit Staatsgeldern sollen marode Leitungen und Kläranlagen saniert werden / Von Gerit Schulze

Moskau (GTAI) - Russland investiert in den nächsten Jahren mehrere Milliarden Rubel in die Modernisierung der Wasserversorgung und Abwasserreinigung. Auch digitale Technologien sind dabei gefragt.

Russlands Wasserwirtschaft steckt in einem ähnlichen Dilemma wie die Müllentsorgung: Die künstlich niedrig gehaltenen kommunalen Gebühren für die Haushalte verhindern die dringend benötigte Sanierung der Infrastruktur. Etwa zwei Drittel der örtlichen Wasserwerke arbeiten nicht profitabel. Ähnlich hoch ist der Verschleißgrad der Infrastruktur. Etwa 70 Prozent der 9.000 Kläranlagen wurden vor 30 bis 50 Jahren gebaut. Rund 160.000 Kilometer Wasserleitungen sollen marode sein; die Trinkwasserqualität ist in vielen Orten gesundheitsgefährdend.

Bis heute haben fast 15 Millionen Menschen in Russland überhaupt keinen Anschluss an die zentrale Trinkwasserversorgung. Im ländlichen Raum hat nur jeder Vierte Zugang zur zentralen Kanalisation.

Nach Angaben des Verbands der Wasserversorgung und Abwasserentsorgung RAWW (https://raww.ru) wurden von 2016 bis 2018 jährlich nur rund 68 Milliarden Rubel in die Branche investiert. Geplant waren laut Strategie für die kommunale Wohnungswirtschaft aber 200 Milliarden Rubel. Das russische Bauministerium schätzt den Investitionsbedarf pro Jahr sogar auf 250 Milliarden Rubel.

Landesweites Projekt für sauberes Trinkwasser

Aufgrund dieser Ausgangslage gehört die Wasserwirtschaft zu den Prioritäten der russischen Politik. Im Rahmen des nationalen Projekts "Ökologie" gibt es mehrere Unterprogramme, die auf eine Verbesserung der Wasserversorgung und Abwasserreinigung zielen.

Wichtigstes Vorhaben ist das föderale Projekt "Sauberes Wasser". Mit ihm soll das System der Trinkwasseraufbereitung und -versorgung bis 2024 umfassend modernisiert werden. Bis Herbst 2019 müssen die zuständigen Behörden (Bau- und Industrieministerium, Fonds zur Reform der kommunalen Wohnungswirtschaft) eine Bestandsaufnahme der Infrastruktur durchführen. Die Regionalverwaltungen sollen konkrete Bauvorhaben vorschlagen.

Insgesamt rechnet Russlands Regierung mit Investitionen von 245 Milliarden Rubel (3,4 Milliarden Euro; 1 Euro = 72,19 Rubel, Stand: 27.05.2019) für die Umsetzung des Projekts "Sauberes Wasser". Knapp zwei Drittel davon kommen aus dem Staatshaushalt.

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Projekte zur Reinhaltung von Wolga und Baikalsee

Im Rahmen des föderalen Projekts "Gesundung der Wolga" soll sich das in diesen Fluss geleitete Schmutzwasservolumen auf ein Drittel reduzieren. Entlang des Stroms entstehen neue Abwasserreinigungsanlagen, bestehende Kläranlagen werden modernisiert, Leitungssysteme erneuert, Schleusen, Wassereinlauf- und Ablaufwerke gebaut.

Eine Finanzquelle für die Branche ist die New Development Bank (NDB) der BRICS-Staaten. Im Mai 2018 genehmigte die Bank ein Darlehen über 320 Millionen US-Dollar für Projekte zur Wasserversorgung und Abwasserreinigung in der Wolgaregion. An dem Investitionsvorhaben nehmen die Städte Iwanowo, Dserschinsk, Tscheboksary, Rybinsk und Wolschski teil.

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Mit dem föderalen Projekt "Schutz des Baikalsees" will Russland das ökologische Gleichgewicht im tiefsten Süßwassersee der Erde sichern. Neue Anlagen sollen täglich mindestens 350.000 Kubikmeter Schmutzwasser reinigen, das von der Großstadt Irkutsk in den See geleitet wird.

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Neben den drei föderalen Projekten legt die Strategie zur Entwicklung der kommunalen Wohnungswirtschaft wichtige Ziele für die Wasserwirtschaft fest.

Smarte Sensoren und Wasserzähler sollen beim Wassersparen helfen

Außerdem will das Bauministerium im Rahmen der Smart-City-Strategie für Russlands Städte die kommunale Wasserwirtschaft digitalisieren. Dabei geht es um den Einbau von smarten Zählern, Messgeräten und Sensoren. Sie sollen helfen, Leitungsverluste zu verringern, die Betriebskosten zu senken und drohende Havarien schneller zu erkennen. Zu den Pilotregionen gehören Omsk (http://www.omskvodokanal.ru) und Sarow im Gebiet Nischni Nowgorod. Dort will der staatliche Atomenergiekonzern Rosatom den Betrieb der örtlichen Wasserwerke übernehmen und digitale Technologien installieren.

Mehr private Investoren sollen Wasserwerke betreiben

Im Unterschied zu anderen Versorgungsbranchen wie der Stromübertragung fehlt in der Wasserwirtschaft ein landesweiter Netzbetreiber. Bislang ist es nicht gelungen, einen einheitlichen nationalen Verwalter für das Wassernetz zu schaffen. Auch der Versuch, über Konzessionen und Public Private Partnerships an Finanzmittel zur Sanierung der Infrastruktur zu kommen, erweist sich als schwierig. Häufig endeten öffentlich-private Partnerschaften mit Skandalen, da Gelder aus den Wasserwerken zweckentfremdet wurden. Außerdem sind die Tarife zu niedrig, um Investitionen in einem überschaubaren Zeitraum rentabel zu machen.

In der Regel wird die Branche deshalb von staatlichen und kommunalen Einheitsunternehmen (russische Abkürzung: GUP oder MUP) kontrolliert, die meist Verluste schreiben. Die Übertragung der Wasserversorgung und Abwasserreinigung an private Konzessionäre ist politisch gewünscht. In Archangelsk am Weißen Meer hat RWK-zentr Ende 2018 den Betrieb der örtlichen Wasserwerke übernommen. Die Konzessionsvereinbarung läuft mit 49 Jahren ungewöhnlich lange.

Der größte private Wasserwirtschaftsbetrieb Russlands ist Roswodokanal, der in sechs Regionen mehr als fünf Millionen Verbraucher versorgt (Omsk, Woronesch, Tjumen, Krasnodar, Orenburg, Barnaul, http://www.rosvodokanal.ru). Das Unternehmen hat mit den jeweiligen Kommunen langfristige Pacht- und Konzessionsverträge geschlossen. Große regionale Versorger sind außerdem Moswodokanal in Moskau (http://www.mosvodokanal.ru), Wodokanal Sankt Petersburg (http://www.vodokanal.spb.ru), die Wasserwerke in Rostow-am-Don (http://www.guproursv.ru) und im Gebiet Stawropol (http://www.skvk.ru).

Bei Investitionen zum Aufbau einer zentralen Trinkwasserversorgung in Russlands Dörfern könnte künftig eine Initiative der Regionalverwaltung Stawropol zum Einsatz kommen. Sie zielt darauf, im ländlichen Raum Doppelrohre zu installieren, um Trinkwasser und Betriebswasser (russisch: technisches Wasser) getrennt zu transportieren. Das deutlich billigere Betriebswasser könnten die Verbraucher dann zum Bewässern von Pflanzen oder zur Toilettenspülung benutzen. Das Projekt wird zurzeit in einer Arbeitsgruppe der Präsidialverwaltung beraten.

Mehr Informationen, Investitionsprojekte und Kontaktadressen finden Sie im GTAI-Bericht "Russland braucht mehr Kläranlagen".

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Kläranlagenbau, Abwasserentsorgung

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Edda Wolf

GUS/Südosteuropa

‎+49 228 24 993 214

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