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27.06.2018

Moderne Landmaschinen in Russland stark gefragt

Gute Geschäftschancen trotz Importsubstitution / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Effiziente Landtechnik ist auf russischen Äckern meist Mangelware. Die einheimische Produktion erreicht zwar jährlich neue Höchststände. Um die wachsende Nachfrage zu decken, bleibt das größte Flächenland der Welt aber weiter auf Importe moderner Landmaschinen angewiesen. Fördermaßnahmen der Regierung, wie die Gründung von Clustern, sollen den Ausbau der lokalen Produktion beschleunigen. Das Potenzial ist riesig. Veraltete Technik muss erneuert und der Bestand an Neumaschinen erhöht werden.

Die hohe Nachfrage russischer Landwirte nach moderner Technik füllt die Auftragsbücher der Hersteller von Landmaschinen. Im Jahr 2017 ist die Produktion von Landtechnik in Russland um 21 Prozent auf etwa 1,6 Milliarden Euro gestiegen. Der Marktführer Rostselmasch, das Petersburger Traktorenwerk, das Altaj Werk für Landmaschinenbau, aber auch ausländische Produzenten wie Claas, John Deere, Amazone Eurotechnika und Kverneland lieferten im vergangenen Jahr 5.777 Mähdrescher und 2.450 Traktoren aus. Der Marktanteil russischer Hersteller stieg dabei im Vergleich zum Vorjahr um 3,7 Prozent auf 56 Prozent.

Das Wachstumspotenzial ist längst nicht ausgeschöpft. Neue Absatzperspektiven bietet der Ferne Osten Russlands, dessen Flächen künftig intensiv landwirtschaftlich genutzt werden sollen. Außerdem ist 70 Prozent der eingesetzten Technik seit über zehn Jahren im Einsatz und muss ersetzt werden. Um sämtliche bestehenden Anbauflächen abernten zu können, müssten pro Jahr etwa 12.000 neue Mähdrescher beschafft werden.

Importe bleiben mittelfristig notwendig

Trotz steigender Produktion können russische Hersteller den Bedarf nicht allein decken. So legten die Einfuhren deutscher Landtechnik nach Russland im Jahr 2017 um 30 Prozent auf 500 Millionen Euro zu. Ohne Importe ausländischer Landtechnik wird der von Präsident Putin angestrebte Aufstieg Russlands zur landwirtschaftlichen Supermacht mittelfristig nicht zu realisieren sein.

Importe von Landmaschinen nach Russland (Millionen US-Dollar)
Landmaschinen 2008 2014 2016
Gesamt SITC 721+722 3.486,1 2.236,7 1.652,2
. darunter aus:
. Deutschland 983,5 553,0 489,2
. Belarus 0,0 409,2 300,7
. Niederlande 149,7 113,4 121,2
. USA 752,2 142,2 112,3

Quelle: UN-Comtrade

Landtechnikhersteller investieren in neue Projekte

Die hohe Nachfrage kurbelt Investitionen in neue Werke an. In Blagoweschtschensk in der Republik Baschkortostan planen der chinesische Konzern Jingxi Zhifang Numerical Power und die Firma Baschselchostechnika eine Produktion von YTO-Traktoren sowie die Montage von Traktoren der Firma Master für 1,8 Milliarden Euro. Das Petersburger Traktorenwerk (gehört zu den Kirow Werken) investiert etwa 57 Millionen Euro in den Aufbau eines Kompetenzzentrums zur Entwicklung eines Automatikgetriebes für Traktoren.

Das Kameschkowskij Mechanitscheskij Sawod errichtet bis 2020 ein Werk zur Montage von Traktoren im Gebiet Wladimir. Die Firma NPO Mechinstrument begann Anfang 2018 im Gebiet Nischni Nowgorod mit der Serienproduktion von Kabinen aus russischen Komponenten für Traktoren der Marke Deutz-Fahr. Damit erhöht sich der Lokalisierungsgrad des Traktormodells Agrolux auf 60 Prozent. Die Agromasch Holding plant, ihre Produktion von gasbetriebenen Traktoren auszuweiten.

Die Staatsholding Rostech wird im Kisljarskij Elektromechanitscheski Sawod in der Republik Dagestan bis Ende 2018 mit der Montage von Maschinen zur Bodenbearbeitung beginnen. Daneben saniert Rostech federführend den Konzern Traktornye Sawody (KTZ) und holte die Holding Transportnye Komponenty als Investor mit ins Boot.

Der deutsche Landtechnikhersteller Claas steckt 2018 etwa 6,6 Millionen Euro in die Erweiterung seiner Metallbearbeitungskapazitäten im Werk Krasnodar, um den Lokalisierungsgrad zu erhöhen. Außerdem hat das Unternehmen aus Harsewinkel seine Produktionsziele bei Mähdreschern und Traktoren für 2018 von plus 20 Prozent auf 34 Prozent angehoben. Mit der Unterzeichnung des Sonderinvestitionsvertrages sind die hergestellten Mähdrescher in das staatliche Förderprogramm Nr. 1432 für russische Landmaschinenbauer aufgenommen worden. Seither kann Claas seinen Kunden 15 bis 20 Prozent Preisnachlass anbieten.

Cluster bündeln Produktionskapazitäten

Durch den Ausbau bestehender und die Gründung neuer Cluster sollen Zulieferketten geschaffen und die Produktion von Landmaschinen angekurbelt werden. In Tschaplygin im Gebiet Lipezk entsteht 2018 ein neuer Landtechnik-Cluster. Etwa 30 Unternehmen, vor allem Hersteller von Bodenbearbeitungsmaschinen, schlossen sich zusammen und bauen eine lokale Wertschöpfungskette auf. Bis 2025 erwartet die Gebietsregierung Investitionen von etwa 2,7 Milliarden Euro und die Schaffung von 10.000 neuen Arbeitsplätzen. Dazu soll ein neuer Industriepark angelegt werden.

Der bayerische Landmaschinenhersteller Horsch nahm im Oktober 2017 ein Werk zur Produktion von Sämaschinen und Grubbern im Gebiet Lipezk in Betrieb. Die Firma Ropa aus Bayern montiert dort Maschinen zur Ernte von Kartoffeln und Zuckerrüben. Ebenfalls im Gebiet Lipezk begann der norwegische Hersteller Kverneland im Januar 2018 mit der Montage von Sämaschinen. Im Jahr 2018 sollen die ersten 150 Einheiten ausgeliefert werden.

Der deutsche Zuliefercluster Russland (http://www.supplier-cluster-russia.de) der Unternehmen Claas, AGCO, John Deere, Krone und Kuhn Group plant den Aufbau eines Landtechnik-Clusters in der Region Krasnodar, der Kornkammer Russlands. In der Region Perm entsteht ebenfalls ein neuer Landtechnik-Cluster auf dem Gelände des Krasnokamskij Remontno-Mechanitscheskij Sawod. Beteiligt sind etwa 20 Unternehmen aus der Region.

Regierung fördert Produktion und Export von Landtechnik

Bis 2030 soll der Marktanteil von Landtechnik "Made in Russia" auf 80 Prozent steigen und etwa 3,8 Milliarden Euro erreichen. Die Regierung fördert die Anschaffung moderner Landtechnik aus heimischer Produktion. Laut der im Juli 2017 beschlossenen "Strategie zur Entwicklung der Landtechnik bis 2030" erhalten einheimische Hersteller im Rahmen der Verordnung Nr. 1432 Subventionen, wenn sie den Agrarbetrieben 15 bis 20 Prozent Rabatt auf den Kaufpreis der Landmaschinen gewähren. Für 2018 stehen etwa 145 Millionen Euro an Finanzhilfen zur Verfügung. Im Jahr 2019 und 2020 kommen jeweils weitere 28,5 Millionen Euro hinzu.

Käufer von einheimischen Landmaschinen erhalten vergünstigte Kredite zu einem Zinssatz von maximal 5 Prozent für im Jahr 2018 abgeschlossene Verträge. Für das Programm zur Vergabe vergünstigter Kredite zur Anschaffung von Landmaschinen stellen das Industrieministerium und die Sberbank 2018 etwa 225 Millionen Euro zur Verfügung. Damit sollen etwa 4.000 Landmaschinen im Wert von 70 Millionen Euro einen Abnehmer finden.

Außerdem verfolgt die russische Regierung eine "Strategie zur Förderung des Exports von Landtechnik bis 2025". Die Ausfuhren sollen bis 2025 auf etwa 430 Millionen Euro zulegen. Zur Erstattung der Kosten für die Produktanpassung und -zertifizierung oder für den Warentransport bis zur Grenze stehen jährlich etwa 620 Millionen Euro bereit. Das Russische Exportzentrum will die staatliche Exportförderung 2018 um ein Viertel erhöhen.

Im Jahr 2017 steigerten russische Landtechnikhersteller ihre Exporte um 16 Prozent auf etwa 113 Millionen Euro. Abnehmer waren Länder in Afrika, Südamerika und dem Nahen Osten, GUS-Staaten, Bulgarien, Ungarn, Polen und die Slowakei. Das Altaj Werk für Landmaschinenbau lieferte 2017 Scheibeneggen der Marke VELES sogar nach Deutschland.

Auch für deutsche Hersteller mit Werken in Russland spielt der Export eine wichtige Rolle. So lieferte Claas Ende 2017 erste Mähdrescher aus Krasnodar an seinen Händler Stotz Agroservice in Belarus.

Änderung der Spielregeln nicht auszuschließen

Ausländische Landtechnikhersteller mit lokaler Produktion sollten auf kurzfristige und unvorhersehbare Änderungen von Regelungen, die zum Erhalt von Subventionen berechtigen, gefasst sein. Ende 2017 wurde die Verordnung Nr. 1432 so modifiziert, dass auch für Raupentraktoren und Mähdrescher der Agromasch Holding Subventionen fließen können. Zudem sollten Investoren auf die Einhaltung der gemachten Zusagen pochen. Der US-Landtechnikhersteller John Deere klagte erfolgreich Subventionen im Rahmen der Verordnung Nr. 1432 für in Russland hergestellte Landtechnik ein. Zuvor hatte das Industrieministerium deren Auszahlung verweigert, mit der Begründung, es handele sich bei der Fertigung nicht um eine lokalisierte Produktion.

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Russland Land- und Forstwirtschaftsmaschinen

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