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07.04.2017

Mosambiks Wirtschaft im Sog der staatlichen Finanzkrise

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Kleinbauern und Großprojekte betroffen / Verbraucher müssen Gürtel enger schnallen / Kaum Lebensmittelverarbeitung / Von Heiko Stumpf

Johannesburg (GTAI) - Mosambik leidet unter einer schweren öffentlichen Liquiditätskrise. Das bekommt auch der Agrarsektor zu spüren: Programme für Kleinbauern und große Projekte sind gefährdet. Die Verbraucher können nur noch ihren Grundbedarf sichern - Fleisch oder Milchprodukte sind nicht mehr erschwinglich. Investitionen in die Nahrungsmittelproduktion sind auch auf mittlere Sicht kaum zu erwarten. Chancen gibt es am Ehesten in der Geflügelwirtschaft sowie bei Anbau und Verarbeitung von Cashewnüssen.

Die mosambikanische Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie leidet stark unter den makroökonomischen Fehlentwicklungen des Landes. Schwache Rohstoffpreise und ein Rückgang der ausländischen Direktinvestitionen sorgen für eine Liquiditätskrise. Diese verschärfte sich schlagartig, als sich 2016 internationale Partner wie der Internationale Währungsfonds (IWF) vorläufig aus Mosambik zurückzogen.

Ursache ist ein Skandal um die kontroverse Kreditaufnahme der drei staatseigenen Firmen EMATUM, ProIndicus und Mozambique Asset Management (MAM). Diese hatten sich unter dem früheren Staatschef Armando Guebuza 2012/13 mehrere Auslandskredite mit einem Volumen von rund 2 Mrd. US$ bei privaten Geldgebern wie der Credit Suisse und der russischen VTB Bank besorgt.

Die Hintergründe dieser Geschäfte sind dubios. Alle drei beteiligten Staatsbetriebe gehören teilweise dem mosambikanischen Geheimdienst SISE und verfügen über kein tragfähiges Geschäftsmodell, um diese Summen zurückzahlen zu können. Das Unternehmen EMATUM wurde offiziell gegründet, um eine neue Thunfischflotte für Mosambik aufzubauen. Tatsächlich wurde mit den geliehenen Geldern aber auch militärische Ausrüstung wie Patrouillenboote beschafft. Die Fischereiboote der EMATUM lagen bislang hingegen weitgehend ungenutzt im Hafen von Maputo.

Die Kredite für ProIndicus und MAM wurden gegenüber der mosambikanischen Öffentlichkeit sowie den internationalen Partnern (IWF, Weltbank etc.) zunächst verheimlicht und kamen erst im April 2016 durch eine Enthüllung des Wall Street Journal ans Licht. Kritiker in Maputo gehen davon aus, dass auch mit Teilen dieser heimlich aufgenommenen Gelder Militär- und Polizeiausrüstung beschafft wurde. Obwohl in Mosambik seit 1992 offiziell Frieden herrscht, kam es in den vergangenen Jahren wieder zu regelmäßigen militärischen Auseinandersetzungen zwischen den Regierungstruppen der Frelimo-Partei und dem alten Bürgerkriegsgegner Renamo.

Die Folgen des Skandals sind gravierend. IWF, Weltbank sowie die in der G14-Gruppe zusammengeschlossenen bilateralen Geber stellten ihre direkte Budgethilfe für Mosambik ein. Als eines der ärmsten Länder der Welt ist Mosambik zur Finanzierung des Staatshaushaltes noch stark auf internationale Hilfe angewiesen. Durch den Wegfall der Unterstützung kamen die Kapitalzuflüsse weitgehend zum Erliegen, weshalb es der Regierung an Liquidität mangelt. Anfang 2017 konnte das Land seine Verpflichtungen aus der Staatsgarantie für den EMATUM-Kredit nicht mehr bedienen und geriet in Zahlungsrückstand.

Staatliche Liquiditätskrise mit weitreichenden Folgen

Mosambik kann den Wegfall der Budgethilfe durch die internationalen Geber allein nicht kompensieren. Unter anderem ist die Finanzierung zahlreicher Agrarprogramme für Kleinbauern gefährdet. Die Staatsverschuldung liegt bereits bei 124% des BIP. Nennenswerte Einnahmen aus den im Norden des Landes entdeckten Gasvorkommen sind frühestens in fünf bis sechs Jahren zu erwarten. Die Geber wie der IWF wollen erst wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren, wenn Mosambik Fortschritte bei der Aufklärung sowie der Restrukturierung der Kredite mit den privaten Gläubigern erzielt. Die zu erwartenden schwierigen Verhandlungen könnten sich noch weit in das Jahr 2017 hineinziehen.

Anlässlich des Starts der Agrarkampagne 2016/17 sprach Staatspräsident Nyusi von 600 kommerziellen Großfarmen, die im Land aktiv seien. Aufgrund der wirtschaftlichen Verwerfungen sind die Rahmenbedingungen für Maschinenanschaffungen allerdings sehr ungünstig. Die mosambikanische Landeswährung Metical verlor 2016 gegenüber dem US-Dollar rund 30% an Wert, was Importe von Landtechnik drastisch verteuert. Economist Intelligence Unit (EIU) prognostiziert für 2017 und 2018 eine weitere massive Abwertung (Jahresendkurs 2016: 1 US$ = 70,33 MT; Prognose Jahresendkurs 2018: 1US$ = 91,48 MT).

Die Inflation betrug 2016 im Jahresdurchschnitt immense 26,6%, auch für 2017 erwartet EIU wird eine Teuerungsrate von rund 19% erwartet (EIU). Die Zentralbank reagierte mit einer Anhebung des Leitzinssatzes auf 23,25%, was eine Finanzierung von Maschineninvestitionen durch Geschäftsbanken fast unerschwinglich macht. Um gegenzusteuern und Anreize für Investitionen zu schaffen, beschloss die Regierung 2016, bestimmte landwirtschaftliche Geräte wie zum Beispiel Bewässerungssysteme von den bestehenden Einfuhrzöllen zu befreien.

Negative Auswirkungen auch auf landwirtschaftliche Großprojekte

Die schwierigen Bedingungen dürften sich auch negativ auf die Umsetzung zahlreicher großer Agrarprojekte auswirken. Landesweit sind insgesamt 34 große Agrarinvestoren bekannt, die zusammen über etwa 408.000 ha verfügen. Hinzu kommt das gigantische Lurio Valley Projekt, das insgesamt 600.000 ha landwirtschaftlich entwickeln will. Durch zwei Dämme soll eine Bewässerungsfläche von 160.000 ha entstehen. Beteiligt sind die Unternehmen Agricane (Südafrika, http://www.agricane.com/blog/item/developing-the-lurio-valley), Arcem Resources (Mauritius) und Turconsult (Mosambik).

Viele der Vorhaben befinden sich auf alten Großgrund-Fazendas aus der Kolonialzeit, die nach der Unabhängigkeit verstaatlicht wurden, in den Wirren des langen Bürgerkriegs (1980 - 1992) aber verfielen. Häufig werden bislang nur kleine Flächen der riesigen Areale bewirtschaftet. Zudem zogen im Laufe der Jahre Kleinbauern auf die Ländereien, die von Investoren umgesiedelt werden müssen, was zu sozialen Protesten führt.

Landwirtschaftsprojekte in Mosambik (Auswahl)
Projekt Inhaber Anmerkungen *)
African Century Agriculture African Century Group (Mauritius) Zwei Farmen; 1.000 ha in Gurue und 3.800 ha in Lichinga; Anbau von Soja
Hoyo Hoyo BXR Group, Niederlande Zwei Farmen; 20.000 ha in Zambézia und 8.000 ha in Tete; Anbau von Soja
Corredor Agro Matanuska(Mauritius) Rift Valley Corporation (Simbabwe) Zwei Farmen in Nacala; Meserepane Farm mit 2.200 ha für Mais, Soja, Sesam etc. Metocheria Farm mit 6.000 ha; liefert Bananen an Dole Europe
AgroMoz Grupo Américo Amorim (Portugal) Intelec (Mosambik) 10.000 ha in Lioma; Anbau von Soja
Olam Mozambique Olam International (Singapur) 9.500 ha in Zambezia; Reis, Baumwolle, Cashew, Erdnüsse etc.
Sociedade de Desenvolvimento da Zambezia-Chá Export Trading Group (ETG) 7.400 ha Teeplantage in Gurue
Massingir Agro-Industrial RCL Foods (Südafrika) SIAL (Mosambik) 37.000 ha; geplanter Anbau von Zuckerrohr am Massingir-Damm
Rei do Agro Aslan Global Management (USA) 2.500 ha in Gúruè; Erweiterung auf 10,000 ha möglich, Anbau von Soja

*) Aktueller Entwicklungsstand der Vorhaben häufig intransparent

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Von staatlicher Seite ist der Fundo de Desenvolvimento Agrio (FDA) für die Mechanisierung in der Landwirtschaft zuständig. Dieser errichtete bis 2016 landesweit bereits 73 Agricultural Service Center (Centros de Serviços Agrários, CSA). Diese erbringen Dienstleistungen für Kleinbauern, die sich in der Regel kein eigenes Gerät leisten können. Ein CSA besteht aus vier bis sechs Traktoren und zugehörigem Anbaugerät wie Pflügen, Eggen oder Aussaatgerät. Im Schnitt werden pro Zentrum rund 1.600 ha bearbeitet.

Brasilien stellt für den Aufbau der CSA bis 2020 eine Kreditlinie von 97 Mio. US$ zur Verfügung. Beschafft werden Traktoren der Marke LS Tractors, die in Brasilien gebaut werden und nach Angaben der FDA auch Komponenten deutscher Unternehmen enthalten: die Motoren stammen von MWM, das Getriebe von ZF.

Zusätzlich startet USAID zusammen mit dem Landmaschinenhändler Argo Tractors Limitada sowie dem Nahrungsmittelunternehmen Export Trading Group (ETG) das Programm 3i-Farmers Empowerment Hub. Dabei entstehen 23 neue Servicecenter, die neben technischem Gerät auch Saatgut, Dünger und Trainingsmaßnahmen für Kleinbauern anbieten. Die technische Zusammenarbeit zwischen Mosambik und den internationalen Gebern ist bislang nicht negativ betroffen, sodass die Gelder für Einzelprogramme weiter fließen.

Investitionen in Lebensmittelproduktion wenig wahrscheinlich

Aufgrund der ausufernden Inflation können sich zahlreiche Verbraucher importierte Lebensmittel nicht mehr leisten. Der Konsum von Milchprodukten oder Fleisch dürfte zurückgehen, da viele Haushalte nur noch die Versorgung mit einfachen Grundnahrungsmitteln wie Maismehl oder Reis sicherstellen können. Die Chancen für Neuinvestitionen in die Lebensmittelproduktion sind deshalb mittelfristig gering.

Bislang beschränkt sich die lokale Nahrungsmittelindustrie weitgehend auf Primärverarbeitung, wie Mühlen für Mais, Reis oder Zucker. Dort wo eine Weiterverarbeitung stattfindet, sind die Grunderzeugnisse meist importiert. Der Hersteller Companhia Industrial da Matola betreibt seine Mühlen mit Mais aus Südafrika, da in Mosambik keine gleichbleibend hohe Qualität zur Herstellung von Maismehl zu beziehen ist. Auch der Weizen für Brot und Nudeln wird importiert.

Coca-Cola eröffnete 2016 eine 130 Mio. US$ teure Abfüllanlage in Maputo, lässt den dort verwendeten Zucker aber weiter importieren. Mosambik verfügt zwar selbst über große Zuckerrohrplantagen, diese produzieren aber vor allem braunen Rohzucker der ungeeignet für die Herstellung von Softdrinks ist.

Landwirtschaftliche Wertschöpfungsketten sind landesweit bislang kaum vorhanden. Viele Kleinfarmer verfügen über keine Transportmittel, um eigene Erzeugnisse auf die Märkte zu bringen. Schlechte Straßen und Mängel im Logistikbereich wie fehlende Agrarspediteure, Silos oder Kühllager kommen hinzu. Chancen für mehr lokale Produktion bestehen für Geflügel. Die Regierung will den Sektor weiter fördern und bis 2019 den Eigenbedarf von erwarteten 97.000 t selbst decken. In 2016 erreichte die Geflügelproduktion nach Regierungsangaben mit 78.000 t ein Plus von 16% gegenüber dem Vorjahr.

Positiv entwickeln sich der Anbau und die Weiterverarbeitung von Cashewnüssen. Der Lebensmittelproduzent ETG eröffnete 2016 seine landesweit zweite Weiterverarbeitungsanlage in Nampula. Bis 2020 soll die Kapazität von zunächst 2.500 auf 10.000 t pro Jahr ausgebaut werden. Auch der internationale Agrarkonzern Olam betreibt den Cashew-Anbau in Mosambik und will seine Produktion von 12.000 auf 18.000 t pro Jahr steigern. Landesweit erreichte die Ernte 2016 rund 104.000 t, für 2017 werden bereits 120.000 t erwartet.

(He.St.)

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Mosambik Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Nahrungsmittel- u. Verpackungsmaschinen, Land- und Forstwirtschaftsmaschinen

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