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08.08.2018

Moskau setzt auf smarte Mobilität

Russische Hauptstadt auf dem Weg in die Zukunft / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - In Moskau gehören schnelles Internet, virtuelle Behördengänge sowie mobile Transport-Applikationen längst zum Alltag. Nun will die Stadt den öffentlichen Nahverkehr digitalisieren.

Die russische Regierung plant, mit dem nationalen Programm "Digitale Wirtschaft" die Gesellschaft bis 2024 in die digitale Zukunft zu führen. Eines der Unterprogramme hat die Entwicklung von Smart Cities zum Ziel. Moskau kommt dabei die Vorreiterrolle zu. Mit der Strategie "Umny Gorod" (Smart City) will die Hauptstadt die Anwendung digitaler Technologien vorantreiben: Künstliche Intelligenz soll die Automatisierung von Prozessen beschleunigen, Big-Data-Lösungen werden riesige Datenmengen analysieren und Blockchains den elektronischen Dokumentenumlauf erleichtern.

Moskau knapp vor New York im PwC-Ranking

In einigen internationalen Smart-City-Rankings schneidet Moskau bereits gut ab. In einem Ranking der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) landete Moskau auf dem fünften Platz von zehn, knapp vor New York. PwC analysiert in diesem Ranking (https://www.pwc.ru/ru/assets/the-future-is-coming-eng.pdf) die Voraussetzung von Städten für die Einführung von Smart-City-Technologien. Kostenloses WLAN an öffentlichen Plätzen und elektronische Dienstleistungen städtischer Behörden bringen Pluspunkte. Nach London verfügt die russische Hauptstadt über die zweithöchste Anzahl von Applikationen in Europa.

Im Smart-City-Index des Park-App-Betreibers Easy Park (https://easyparkgroup.com/smart-cities-index) belegte Moskau 2017 allerdings nur Platz 77 von 100 - mit Potenzial nach oben. Das Unternehmen prüfte die Städte auf Mobilität, Nachhaltigkeit oder Digitalisierung der Verwaltung.

Basisdaten Moskau
Indikator 2016
Einwohner (Mio.) 12,5
Fläche (qkm) 2.600
BIP/Kopf (US$) 16.242,6
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm) 4.883,43
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität (%) 100
Elektrizitätsverbrauch pro Kopf (kWh/Jahr) 959 (2015)
Passagiere im Nicht-Schienenverkehr(pro Jahr) 2,4 Mrd.
Passagiere im Schienenverkehr (inkl. U-Bahn, pro Jahr) 3,0 Mrd.
Abfall pro Einwohner (nur im Wohnsektor, kg/Jahr) 560
Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Trinkwasser (%) 98,8
Wasserverbrauch pro Kopf (Liter/Tag) 147 (PwC-Schätzung von 2015)
Kfz pro Taus. Einwohner 316

Quellen: Föderaler Statistikdienst; Rosstat; Regierung der Stadt Moskau; PwC

Moskau baut intelligenten Verkehr aus

Schon heute machen intelligente Lösungen den Stadtverkehr effizient. Die russische Hauptstadt verfügt nach Angaben der Beratungsgesellschaft McKinsey über eines der effektivsten Transportsysteme weltweit. Seit 2010 stieg die Anzahl von Pkw auf Moskaus Straßen um 1 Million auf 4 Millionen. Gleichzeitig wuchs die Durchleitungsgeschwindigkeit um 13 Prozent - dank des intelligenten Verkehrsmanagementsystems (ITS), welches Verkehrsprognosen in Echtzeit ermöglicht.

Das autonome Fahren soll dabei helfen, den Verkehrsfluss weiter zu verbessern. Dazu unterzeichnete die Stadtregierung am Rande des Moscow Urban Forums 2018 eine Vereinbarung mit dem IT-Konzern Yandex, dem Automobil-Forschungsinstitut NAMI, dem Automobilkonzern GAZ-Gruppe und dem Nutzfahrzeughersteller Kamaz. Ziel ist, in den kommenden 10 bis 15 Jahren intelligente Lösungen zum autonomen Fahren im städtischen Nahverkehr einzuführen und an telematischen Verkehrssystemen zu forschen. Eine erste Teststrecke für autonome Fahrzeuge wurde 2017 im Moskauer Technopark Kalibr eröffnet. Doch in der russischen Hauptstadt fehlen noch die notwendige Infrastruktur für selbstfahrende Verkehrsmittel, wie spezielle Schilder, Fahrspuren, sowie entsprechende rechtliche Regelungen.

Derweil werden Carsharing-Modelle immer beliebter. Unternehmen wie Belka Car oder Yandex.Drive bieten Gelegenheitsfahrern eine günstige Alternative zum eigenen Auto. Neben Pkw können auch Zweiräder gemietet werden. Seit Mai 2018 bietet die Firma Delisamokat einen Verleih von Elektrorollern an. An 25 Standorten können Moskauer diese für eine Strecke von bis zu 20 Kilometern mieten. Die Roller erreichen eine Maximalgeschwindigkeit von 20 Kilometern pro Stunde. Bis 2021 sollen etwa 16.000 solcher E-Roller zur Verfügung stehen.

Auch der gut ausgebaute Nahverkehr trägt dazu bei, die staugeplagten Moskauer Straßen zu entlasten. Pro Tag nutzen etwa 5,5 Millionen Fahrgäste die U- und S-Bahn. Die Stadtregierung investiert bis 2021 etwa 44 Milliarden Euro in die Weiterentwicklung der Verkehrsinfrastruktur. Bis 2020 soll das U-Bahnnetz um 160 Streckenkilometer und 78 neue Stationen erweitert werden. Im Rahmen des Großprojekts Moskowskije Zentralnyje Diametry (MZD) sollen 17 neue oberirdische S-Bahnlinien ab 2025 die Vororte mit den wichtigen Moskauer Fernbahnhöfen und Verkehrsknotenpunkten verbinden.

Städtische Dienstleistungen werden virtuell erledigt

Moskauer Bürger können schon heute bequem von zu Hause aus mit öffentlichen Einrichtungen kommunizieren. Die Seite http://www.mos.ru bietet online etwa 220 Services an. So nutzen rund 75 Prozent aller Moskauer diese Plattform, um Rechnungen für kommunale Dienstleistungen oder Strafen für Verkehrsvergehen zu bezahlen - ohne ein Amt zu betreten. Über das einheitliche medizinisch-analytische System (EMIAS) können Arzttermine bequem vom Sofa aus vereinbart oder Krankenakten digital hinterlegt werden. Die Moskauer Stadtverwaltung tätigt über ein automatisiertes Informationssystem für Beschaffungen (EAIST) bereits etwa 90 Prozent ihrer Beschaffungen auf dem elektronischen Weg.

Mit dem Portal "Nasch Gorod" (Unsere Stadt) können die Bürger der Hauptstadt direkt mit den Behörden Kontakt aufnehmen und deren Dienstleistungen beurteilen. Bis zu zwei Millionen Hauptstädter sind in diesem System bereits registriert. Speziell an Touristen richtet sich die App "Uznaj Moskwu" (Entdecke Moskau), um damit die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erkunden. Mit Hilfe des elektronischen Referendumssystems "Aktiwny Graschdanin" (Aktiver Bürger) können Moskauer außerdem an Abstimmungen zu Fragen der Stadtentwicklung teilnehmen, wie an dem derzeitigen Renovierungsprogramm. Die Regierung hatte zu Beginn 2017 angekündigt, Plattenbauten aus den Jahren 1957 bis 1975 abzureißen. Mehr als eine Million Einwohner sollen in Neubauten umgesiedelt werden.

Schnelles Internet wird ausgebaut

Moskau hat bereits heute die zweithöchste Dichte von öffentlichen WLAN-Zugängen weltweit. An 1.100 Punkten der Stadt gibt es kostenlose Einwahlstationen in das Internet - darunter im öffentlichen Nahverkehr der Hauptstadt, Mosgortrans. In den kommenden Jahren investiert die Hauptstadt in den weiteren Ausbau des schnellen Internets. Dazu werden auch Netzbetreiber und Mobilfunkanbieter mit ins Boot geholt. Bereits in den kommenden zwei Jahren sollen etwa 1.000 neue Hotspots entstehen. Vor allem rund um den Gartenring sowie in zwölf Parks, 70 Museen und 151 Kulturzentren wird es deutlich mehr WLAN-Zugänge geben.

Ein weiterer Trend ist die Entwicklung von intelligenten Wohnungen (Smart Home). Im Smart-City-Viertel Marino wird derzeit die ferngesteuerte automatisierte Kontrolle der Abholung und Sortierung von Müll erprobt. Zudem werden dort bereits intelligente Systeme zum Beheizen von Wohnungen oder zum An- und Abschalten von Beleuchtungen eingesetzt. Die Moskauer Firma Smart Energo entwickelt ein System zur autonomen Steuerung des Energieverbrauchs auf Grundlage von Big Data-Analysen.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in der Russischen Föderation sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Digitalisierung, Urbanisierung, Stadtentwicklung

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Edda Wolf

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