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09.07.2019

Murmansk wird zum Drehkreuz für Russlands Arktispläne

Eisfreier Hafen bekommt mehr Kapazität / Neue Standbeine für die regionale Wirtschaft / Von Gerit Schulze

Murmansk (GTAI) - Die Halbinsel Kola soll zur Ausgangsbasis für die Erschließung der russischen Arktis werden. Parallel dazu wird die Diversifizierung der regionalen Wirtschaft vorangetrieben.

Russlands Plan zur Erschließung der Arktis rückt das auf der Halbinsel Kola gelegene Gebiet Murmansk in den Fokus. Die Region ist etwa doppelt so groß wie Bayern, hat aber nur so viele Einwohner wie Frankfurt am Main. Auch wenn die Wirtschaftsleistung erst auf dem Niveau der Stadt Potsdam liegt, hat Murmansk eine große Zukunft vor sich. Sie ist zwar eine der nördlichsten Großstädte der Welt, doch sind die Straßen- und Schienenwege dorthin schon jetzt gut ausgebaut. Das 4G-Mobilfunknetz funktioniert bestens. Im Frühjahr 2019 hat Premierminister Dmitri Medwedew Andrej Tschibis als neuen Gouverneur in Murmansk eingesetzt, um die Entwicklung der Halbinsel schneller voranzutreiben.

Mitte Juni 2019 besuchte die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK Russland) mit einer Unternehmerdelegation die Region. Vize-Gouverneurin Soja Sandshijewa betonte im Gespräch mit den deutschen Firmenvertretern, dass Murmansk bisher vor allem Kontakte nach Finnland, Norwegen und Schweden pflege, jedoch gern die Zusammenarbeit mit Deutschland ausbauen möchte.

Kola-Bucht als Logistikhub für die Erschließung der Arktis

Die dank des Golfstroms eisfreie Kola-Bucht könnte zum Logistikhub für die Erschließung der Arktis werden. Das Projekt sieht vor, die Nordostpassage (Nördlicher Seeweg / Polare Seidenstraße) zu einem ganzjährig nutzbaren Seeweg auszubauen. Der Hafen Murmansk in der Kola-Bucht dient dabei als Basisstation zur Belieferung russischer Arktishäfen wie Sabetta, Dikson oder Chatanga und der Offshore-Bohrinseln. Russlands Industrieministerium will die dortigen Werftbetriebe zu einem Cluster für Schiffsreparaturen zusammenschließen.

Schon heute ist der Murmansker Hafen der viertwichtigste Ankerplatz in Russland. Die Umschlagmenge stieg 2018 um fast ein Fünftel auf über 60 Millionen Tonnen. Größter Betreiber ist MMTP (http://www.portmurmansk.ru), der zum Kohlekonzern SUEK gehört und vor allem Kohle verlädt. Das Unternehmen fertigt pro Jahr rund 300 Schiffe ab. Im Jahr 2018 wurden über Murmansk 15,4 Millionen Tonnen Kohle verschifft, die per Eisenbahn aus Sibirien kam. Deutschland war mit 2,8 Millionen Tonnen Kohle der zweitgrößte Zielmarkt.

Der Hafenbetreiber hat seine Investitionen in den letzten Jahren stetig ausgeweitet (2018: über 20 Millionen Euro). Neue Kräne und Greifbagger mit größeren Schaufeln werden angeschafft; Sprüh- und Nebelanlagen sowie Schutzwände senken die Kohlestaub-Emissionen.

Neuer Kohlehafen am Westufer der Kola-Bucht

Mit den Investitionen will der Hafenbetreiber seine Wettbewerbsposition stärken, denn am anderen Ufer der Kola-Bucht entsteht auf Initiative der staatlichen Leasinggesellschaft GTLK ein weiterer Kohlehafen. Dieser soll über 440 Millionen Euro kosten und in drei Ausbaustufen mit jeweils 9 Millionen Tonnen Umschlagkapazität bis 2023 fertig gestellt werden. Neben GTLK sind vier Investoren daran beteiligt, darunter die Eisenbahngesellschaft RZD und ein Unternehmen aus dem Umfeld des Oligarchen Arkadij Rotenberg.

Der neue Umschlagplatz kann perspektivisch auch für Getreide, Mineraldünger und andere Waren genutzt werden. Der Agrarchemiekonzern PhosAgro und das Speditionsunternehmen Infotech Baltika beabsichtigen, ein Spezialterminal für Mineraldünger und Apatit-Konzentrat zu errichten.

Speicher- und Umschlagterminal für Flüssiggas in der Ura-Bucht geplant

Ein weiteres großes Hafenprojekt im Gebiet Murmansk ist der Bau eines Speicher- und Umschlagterminals für Flüssiggas (LNG) bis 2023. Produzent Novatek will das LNG dort von Eistankern auf normale Tanker verladen, die es dann zu den Endkunden in aller Welt bringen. Als Standort ist die Ura-Bucht im Norden der Halbinsel Kola vorgesehen. Die jährlichen Umschlagkapazitäten könnten 20 Millionen Tonnen erreichen, die Investitionen 1 Milliarde Euro. Das Vorhaben soll auch die künftige Gasversorgung der Region Murmansk sicherstellen, die bislang nicht an das russische Gasleitungssystem angeschlossen ist.

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Zwei Sonderentwicklungsgebiete mit Steuervorteilen

Der Industrieminister Dmitri Filippow der Region Murmansk erklärte, dass der bislang dominierende Bergbau durch andere Branchen ergänzt werde. Beispielsweise sollen die Exporte von Fischprodukten bis 2024 um die Hälfte auf 1,5 Milliarden US-Dollar steigen, der Hafenumschlag zulegen und die Werften modernisiert werden. "Großes Potenzial sehen wir im Tourismus, wo die Gästezahlen jedes Jahr um ein Viertel wachsen", so Filippow. Die Skisaison auf den Pisten im Chibinen-Gebirge dauert bis Anfang Juni.

Zur Diversifizierung der regionalen Wirtschaftsstruktur sollen zwei Sonderentwicklungsgebiete (russische Abkürzung: TOR) beitragen. Das erste entsteht in Kirowsk, einer von über 300 Monostädten in Russland. Der Ort hängt fast vollständig vom dominierenden Betrieb OAO Apatit ab, der Nephelin-Erz fördert. Mit gesenkten Steuersätzen und geringeren Sozialabgaben will die Stadt Investoren anlocken.

Schwerpunktbranchen sind Tourismus und Sport, Dienstleistungen und Chemieindustrie. Um in den Genuss der Steuervorteile zu kommen, müssen Unternehmen mindestens 5 Millionen Rubel investieren und 20 neue Arbeitsplätze schaffen. Zu den ersten Residenten der Sonderwirtschaftszone Kirowsk gehören Spezialfirmen für die Munitionsvernichtung, die Produktion von Sprengstoffen für Bergwerke und die Reparatur von Bergwerkstechnik, aber auch Dienstleister für den Skitourismus.

Als zweites Sonderentwicklungsgebiet ist Kowdor im Südwesten der Halbinsel geplant. Dort produziert Eurochem als bestimmender Industriebetrieb ebenfalls Apatit-Konzentrat. Die Stadt setzt auf neue Betriebe aus den Bereichen Tourismus, Umwelttechnologien und Energieeffizienz. Nach Angaben der örtlichen Verwaltung gibt es bereits neun potenzielle Investoren.

Die regionale Entwicklungsagentur der Region Murmansk will außerdem mehr Unternehmen für Öffentlich-Private-Partnerschaften gewinnen. Die Gebietsverwaltung vergibt Konzessionen für Projekte in der Müllverarbeitung, der energetischen Gebäudesanierung (über Energiespar-Contracting EPC) sowie für die Wasserwirtschaft, die Sanierung von Heizkraftwerken und den Bau von Sporthallen.

Ausgewählte Investitionsprojekte im Gebiet Murmansk
Projekt / Ort Investition (Mio. Euro *) Geplante Fertigstellung Anmerkungen / Investor
Transportknoten Murmansk 2.000 2018 bis 2022 Ausbau des Hafens und bessere Anbindung über Straße und Schiene, Vorhaben ist Teil des Nationalen Projekts "Seehäfen Russlands", Transportministerium, Rosmorretschflot
Bau eines Umschlagterminals für Flüssiggas (LNG) / Ura-Bucht 1.000 2023 Novatek
Förderung von Titandioxid und Seltenen Erden / Afrikanda bei Poljarnye Sori 168 Absichtserklärung, Investorensuche Servisnaja gornaja kompanija Arkmineral (http://arcmineral.ru)
Bau eines Heizkraftwerks auf Kohlebasis / Sapoljarny 15 Absichtserklärung, Investorensuche Stadtverwaltung Sapoljarny (http://www.zapadmin.ru)
Aufbau einer Lachszuchtanlage / Gebiet Murmansk 21 bis 56 Absichtserklärung Russkaja akwakultura (https://russaquaculture.ru)
Ausbau des Flughafens Murmansk 14 2025 Novaport Holding (http://novaport.ru)
Bau eines ganzjährig nutzbaren Skiresorts / Kandalakscha 6 Absichtserklärung, Investorensuche Unternehmer Andrej Kostyljow
Zentrum für Nuklearmedizin / Murmansk 6 2021 Beresin-Institut Sankt Petersburg (https://ldc.ru/ldc-mibs), Regierung des Gebiets Murmansk

*) Umgerechnet zum EZB-Wechselkurs vom 27. Juni 2019: 1 Euro = 71,61 Rubel

Quellen: Regionale Entwicklungsagentur (http://www.invest-murman.ru), Recherchen von Germany Trade & Invest

Weitere Informationen zur Region Murmansk finden Sie im Artikel „Deutsche Firmen machen gute Geschäfte im russischen Murmansk“ http://www.gtai.de/MKT201907098004

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Transport und Verkehr, allgemein, Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Chemische Industrie, allgemein, Arzneimittel, Diagnostika, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Wasser-, Hafenbau, Öl, Gas, Petrochemie, Regionalstruktur, Tourismus

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