Suche

25.02.2019

Nahrungsmittel in der Türkei werden immer teurer

Inhalt

Preisentwicklung dämpft Nachfrage nach Lebensmitteln - nur wenige Hersteller investieren / Von Necip C. Bagoglu

Istanbul (GTAI) - Die türkische Lebensmittelbranche leidet unter der schwindenden Kaufkraft der Verbraucher und den gestiegenen Preisen. Nur wenige Hersteller investieren in die Produktion.

Die Preise für Nahrungsmittel steigen in der Türkei derzeit kräftiger als die allgemeine Inflationsrate. Während die Teuerungsrate im Dezember 2018 bei etwa 20 Prozent lag, kletterten die Preise für Lebensmittel durchschnittlich um 25 Prozent nach oben, so das Statistikamt TÜIK. Seit Mitte 2018 hat sich zudem die Konjunktur im Land deutlich abgekühlt, die Nahrungsmittelindustrie ist davon allerdings nicht so stark betroffen wie andere Wirtschaftszweige.

Ein positiver Faktor für die Industrie ist die steigende Zahl der Konsumenten in der Türkei. Zum natürlichen Bevölkerungswachstum kommen die knapp 4 Millionen Geflüchteten aus Syrien und anderen Gebieten des Nahen Osten hinzu. Darüber hinaus reisen wieder deutlich mehr Touristen ins Land.

Saison- und kalenderbereinigter Produktionsindex (Index: 2015 =100)
Warengruppe 2016 2017 2018 *)
Nahrungsmittel 105,5 114,4 118,9
Getränke 100,3 109,2 125,6
Tabakwaren 102,6 100,2 106,8

*) Januar bis Oktober

Quelle: TÜ?K

Um die Verpackungsabfälle aus Kunststoff zu reduzieren, müssen Verbraucher in Supermärkten und anderen Geschäften seit dem 1. Januar 2019 für Tragetaschen 0,25 türkische Lira (circa 0,04 Euro) bezahlen (Regelung gilt für Größen ab 50 x 35 Zentimetern). Das geht aus einer Verordnung des Umweltministeriums hervor.

Pressemeldungen zufolge arbeitet das Landwirtschaftsministerium an einer neuen Verordnung, wonach der Einsatz von schädlichen Chemikalien bei Kunststoffverpackungen reduziert und neue Grenzwerte festgesetzt werden sollen. Betroffen sind vor allem solche gesundheitsgefährdenden Stoffe, die von der Verpackung auf Lebensmittel übertragen werden. Wie verlautet sollen 21 neu entwickelte Stoffe, die Sicherheitstest bestanden haben, als Rohstoffe für Kunststoffverpackungen zugelassen werden.

Im Zuge der fortschreitenden Anpassung der Umwelt- und Verpackungsvorschriften an Regeln der Europäischen Union ist in absehbarer Zeit auch die Einführung von Pfand auf Flaschen und Dosen im Einzelhandel zu erwarten. Bislang werden diese von Verbrauchern einfach weggeworfen.

Lebensmittelhersteller erhöhen den Anteil kleinerer Verpackungseinheiten an ihrer Produktion. Begründet wird dieser Trend mit der fortschreitenden Urbanisierung und kleiner werdender Haushalte in der Türkei.

Weizenproduktion geht zurück

Bei wichtigen Getreideerzeugnissen erwarten Fachleute für 2018 im Vergleich zum Vorjahr eine geringere Ernte. In Zentralanatolien, das bislang als die Weizenkammer des Landes galt, sei bei Produzenten ein Übergang von Weizen zu Hülsenfrüchten wie Kichererbsen und grünen Linsen zu beobachten, berichtet die Lebensmittelzeitschrift "Dünya Gida Dergisi".

Türkische Getreideproduktion (in 1.000 t)
Produkt 2017 2018 *)
Weizen 21.500 20.000
Gerste 7.100 7.000
Roggen 320 320
Hafer 250 260
Mais 5.900 5.700
Reis 900 940
Kartoffel 4.800 4.550
Trockene Hülsenfrüchte 1.164 1.225
Ölsaaten 2.413 2.467
Zuckerrüben 21.149 18.900

*) Schätzung

Quelle: TÜIK

Die Weizenproduktion spielt eine wichtige Rolle in der türkischen Lebensmittelindustrie. Nach Angaben des Verbandes der Mehlproduzenten (http://www.tusaf.org) bestreitet das Land circa 30 Prozent der weltweiten Mehlexporte. Das Unternehmen Ulusoy Un (http://www.ulusoyun.com.tr), das nach eigenen Angaben in den letzten zehn Jahren seinen Umsatz im Durchschnitt um 29 Prozent pro Jahr steigerte, will weiter expandieren. Die Firma exportiert etwa 80 Prozent ihrer Produktion und will ihren Umsatz von 2,8 Milliarden türkische Lira (TL, etwa 490 Millionen Euro; 1 Euro = 5,71 TL) im Jahr 2018 um 20 Prozent im Jahr 2019 erhöhen. Im 2. Halbjahr 2019 will Ulusoy Un in Samsun eine neue Fabrik in Betrieb nehmen, in die das Unternehmen 60 Millionen TL investiert hat. In den kommenden fünf Jahren soll der Umsatz von 2018 verdoppelt werden.

Hohe Exporteinnahmen erwirtschaften auch die Nudelproduzenten, die nach Angaben des Fachverbandes TMSD (http://www.makarna.org.tr) mittlerweile 154 Länder beliefern. Die Nudelausfuhren stiegen von 831.000 Tonnen im Jahr 2016 auf 1.055.000 Tonnen im Jahr 2017. Für 2018 erwartet der Verband ein Exportvolumen von 1,2 Millionen Tonnen. Verbandangaben zufolge ist die Türkei weltweit der drittgrößte Nudelproduzent.

Fleisch- und Milchproduzenten haben es zurzeit schwer

Die Fleischindustrie leidet unter den hohen Preisen und steigenden Kosten. Während lokale Tierhalter keine rechtzeitigen Schlachttermine bekommen, importiert die staatliche Anstalt für Fleisch und Milch ESK (http://www.esk.gov.tr) Lebendvieh und Fleisch zu niedrigen Preisen. Das Fleisch wird hauptsächlich über die drei Supermarktketten A101, BIM und Migros vertrieben. Die Rotfleischimporte der ESK, die 2017 insgesamt 19.415 Tonnen betrugen, erreichten bis Ende November 2018 eine Höhe von 33.205 Tonnen. Die Zahl der 2017 von ESK eingeführten Schlachtrinder betrug 90.726. Bis Ende November 2018 waren es 116.755 Rinder. Der Branchenverband für Fleisch und Milch SETBIR (http://www.setbir.org.tr) rechnet bei rotem Fleisch für das Gesamtjahr 2018 mit einem Produktionswachstum von 3,5 Prozent auf insgesamt 1.165.000 Tonnen.

Der bekannte Eier- und Geflügelproduzent Keskinoglu (http://www.keskinoglu.com.tr) hat infolge wirtschaftlicher Schwierigkeiten ein Konkursverfahren beantragt. Die Firmeninhaber sind aber zuversichtlich, durch geeignete Umschuldungen das Unternehmen bis 2020 wieder zur früheren beherrschenden Marktstellung zurückzuführen.

Der türkische Geflügelverbrauch beträgt derzeit circa 22 Kilogramm pro Kopf/Jahr. Er könnte nach Einschätzung von Fachleuten mittelfristig auf 30 bis 35 Kilogramm erhöht werden.

Produktion von Fleisch, Milch und Eiern in der Türkei (1.000 t)
Warengruppe 2017 2018
Rotfleisch 1.126,4 859,0 1)
.Rind 987,5 764,2 1)
.Büffel 1,3 0,2 1)
.Schaf 100,1 82,9 1)
.Ziege 37,5 11,7 1)
Huhn 2.136,7 1.810,1 2)
Eier (Mio. Stück) 19.281 16.254 2)

1) Januar bis September; 2) Januar bis Oktober

Quelle: TÜIK

Auch der Markt für Milch und Molkereiprodukte entwickelt sich schwierig. Die gestiegenen Tierhaltungskosten führen dazu, dass Landwirte ihre Milchkühe zum Schlachten freigeben, wodurch die Milchproduktion zurückgeht. Die Folge: zunehmende Preise für Verbraucher. SETBIR schätzt für 2018 einen Importanstieg von Milchprodukten um 15,3 Prozent auf 104,2 Millionen US-Dollar (US$). Die Exporte sind schätzungsweise um 5 Prozent auf 320 Millionen US$ zurückgegangen.

Das Unternehmen Güney Süt (http://www.guneysut.com.tr) errichtete kürzlich in Tarsus einen neuen Molkereibetrieb für Ziegenmilch. In Eregli (Konya) besitzt es ein Verarbeitungswerk für Kuhmilch. Hauptsitz des Unternehmens ist Mersin; die tägliche Milcherzeugungskapazität beträgt 210 Tonnen. Güney Süt hat 2018 schätzungsweise 200 Millionen TL umgesetzt (2017: 128 Millionen TL).

Das große türkische Milchunternehmen Sütas (http://www.sutas.com.tr) wird Pressemeldungen zufolge in Pakistan zusammen mit dem Unternehmen NAFL (Nishat Group) eine Fabrik für Milchprodukte errichten.

Produktion von Milch und Milchprodukten in der Türkei (1.000 t)
Warengruppe 2017 2018 *)
Rohmilch 9.111,7 8.515,8
Trinkmilch 1.548,9 1.389,4
Sahne 32,9 26,9
Milchpulver 45,2 38,9
Fettarmes Milchpulver 87,7 53,2
Butter 59,4 53,3
Kuhkäse 662,2 609,5
Schafs-, Ziegen- und Büffelkäse 27,8 31,3
Yoghurt 1.172,2 1.017,7
Yoghurt-Getränk (Ayran) 717,3 619,2

*) Januar bis Oktober

Quelle: TÜIK

Die Produktion von Oliven und Hartschalenfrüchten ging 2018 zurück. Vor allem die Olivenernte war stark rückläufig. Die Pistazienernte hat sich dagegen verdreifacht.

Produktion von Oliven und Hartschalenfrüchten (1.000 t)
Warengruppe 2017 2018 *)
Oliven 2.100,0 1.500,0
Mandeln 90,0 100,0
Nüsse 675,0 515,0
Walnüsse 210,0 215,0
Kastanien 62,9 63,6
Pistazien 78,0 240,0
Insgesamt 3.215,9 2.634,0

*) Schätzung

Quelle: TÜ?K

Schokoladenhersteller Melodi Cikolata baut neue Fabrik

Der Schokoladenhersteller Melodi Cikolata (http://www.melodi.com.tr), der circa 3.000 Unternehmen beliefert, errichtet zurzeit in Istanbul/Esenyurt für 20 Millionen US$ eine neue Fabrik. Dadurch will er die Jahreskapazität von 10.000 auf 15.000 Tonnen erhöhen. Die Anlage, die Ende 2018 zu 70 Prozent fertiggestellt war, soll ab 2020 mit voller Kapazität die Produktion aufnehmen.

Markt für Fruchtsäfte noch vergleichsweise klein

In der Türkei werden jährlich rund 20 Millionen Tonnen Obst geerntet. Etwa eine 1 Million Tonnen werden zu Fruchtsäften verarbeitet. Rund 65 Prozent davon werden exportiert, vorrangig in die Europäische Union (EU), so der Fachverbande MEYED (http://www.meyed.org.tr). Der Inlandsmarkt für Fruchtsäfte ist mit einem Umsatzvolumen von 3 Milliarden TL, umgerechnet etwa 526 Millionen Euro (1 Euro = 5,71 TL), relativ klein. Zum Vergleich: In Deutschland wurden im Jahr 2017 etwa 3,54 Milliarden Euro mit dem Verkauf von Säften umgesetzt, so der Verband der deutschen Fruchtsaft-Industrie. Der Pro-Kopf-Verbrauch von 9 Litern liegt unter dem EU-Durchschnitt (Deutschland: 32,2 Liter pro Kopf).

Anfang 2019 eröffnete der US-amerikanische Getränke- und Snackwarenkonzern PepsiCo in Manisa seine sechste Fabrik in der Türkei. Das Unternehmen hat über 100 Millionen US$ in dieses Werk investiert.

Mehrere Produzenten von Mineralwasser, kohlensäurehaltigen Cola-Getränken und Fruchtsäften sind in letzter Zeit dazu übergegangen, ihr Angebot an Glasflaschen zu erhöhen. Kaufkräftige Verbraucher bevorzugen zunehmend Getränke aus Glas- anstelle von Kunststoffflaschen.

Mit Beschluss Nr. 536 des Staatspräsidenten wurde die Sonderverbrauchsteuer (ÖTV) auf alkoholische Getränke mit Wirkung vom 1. Januar 2019 um durchschnittlich 13,5 Prozent angehoben. Damit wurde die ohnehin hohe Abgabenlast auf Spirituosen weiter erhöht.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in der Türkei sind unter http://www.gtai.de/tuerkei abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Türkei Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Nahrungsmittel- u. Verpackungsmaschinen

Funktionen

Sofia Hempel Sofia Hempel | © GTAI/Rheinfoto

Kontakt

Sofia Hempel

‎+49 228 24 993 215

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche