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01.10.2018

Neue Seidenstraße soll auch durch Tunesien führen

Stärkere Kooperation im Rahmen des Chinesisch-Afrikanischen Gipfeltreffens vereinbart / Von Peter Schmitz

Tunis (GTAI) - China positioniert sich nun auch in Tunesien. Neben der Finanzierung von Infrastrukturprojekten geht es um Investitionen in Industrieproduktion und den Ausbau des Tourismus.

Neben vielen anderen afrikanischen Staats- und Regierungschefs war auch Tunesiens Premierminister Youssef Chahed Anfang September 2018 nach Beijing gereist. Dort sagte Chinas Präsident Xi Jinping den Gästen im Rahmen des Forums für China-Afrika-Kooperation (FOCAC) Investitionen und Kredite in Höhe von 60 Milliarden US-Dollar (US$) für die kommenden drei Jahre zu. Die Absichtserklärungen, die zwischen tunesischen und chinesischen Vertretern unterzeichnet wurden, zeigen dabei fast exemplarisch, dass sich die Afrikastrategie der Volksrepublik mittlerweile geändert hat.

Mit etwas über 11 Millionen Einwohnern bietet Tunesien einen überschaubaren Absatzmarkt. Mit Rohstoffen ist das Land im Vergleich zu anderen ebenfalls nicht übermäßig gesegnet. Dafür liegt es strategisch günstig und positioniert sich selbst verstärkt als Drehscheibe zwischen Europa und Afrika. In einigen Branchen, wie der Textil-, aber auch der Automobilindustrie, suchen chinesische Unternehmen inzwischen nach alternativen Produktionsstandorten. Hier verfügt Tunesien über Know-how, international wettbewerbsfähige Löhne, und die Transportkosten zu den Zielmärkten chinesischer Produzenten könnten niedrig gehalten werden.

Bahn- und Brückenbau sowie PKW-Produktion sind anvisiert

Bereits im Januar 2018 besuchte eine chinesische Delegation Medenine. In Beijing wurden nun Absichtserklärungen für mehrere Projekte in dem am Mittelmeer und der Grenze zu Libyen liegenden Gouvernorat unterzeichnet: der Ausbau der Wirtschafts- und Industriezone in Zarzis, eine Brücke zwischen Ajim (Djerba) und Jorf (Festland), sowie die Verlängerung des Eisenbahnnetzes um die Strecke von Gabes über Medenine nach Zarzis (etwa 140 Kilometer). Zunächst geht es um die Finanzierung wirtschaftlicher und technischer Studien. Laut tunesischen Presseberichten ist eine reguläre internationale Ausschreibung der Projekte nicht ausgeschlossen.

Ebenfalls im Rahmen des FOCAC vereinbarten die tunesische Meninx Holding und die Shanghai Automotive Industry Corporation (SAIC) eine Absichtserklärung über den Bau einer Produktionsstätte für PKW der Marke MG. SAIC ist der größte chinesische Automobilhersteller, Meninx seit 2016 Vertriebspartner in Tunesien für die zu SAIC gehörende Marke MG. Die Fabrik könnte von Tunesien aus Märkte in Europa und Afrika beliefern. Chinesische Direktinvestitionen (FDI) spielen bisher kaum eine Rolle. Mit FDI in Höhe von 1,56 Millionen tunesischen Dinar (tD, rund 476.000 Euro; 1 tD = rund 0,31 Euro, Stand: 21. September 2018) lag China im ersten Halbjahr 2018 auf Platz 19 der Herkunftsländer (Topinvestor Frankreich: 65,3 Millionen Euro) und hatte damit den Wert der FDI im Gesamtjahr 2017 aber bereits überschritten.

Tunesien will Handelsbilanz verbessern

Mit dem Beitritt zur COMESA (Common Market for Eastern and Southern Africa), der im Frühjahr 2018 erfolgte, hat Tunesien bereits einen Schritt zur Diversifizierung seiner außenwirtschaftlichen Beziehungen getan. Traditionell ist die Verflechtung mit Europa mit fast 80 Prozent des Außenhandels sehr stark. Der Handel mit China verläuft bisher sehr einseitig. Während 2017 Waren im Wert von etwa 30 Millionen US$ den Weg Richtung Fernost nahmen, war China mit Lieferungen in Höhe von etwa 1,8 Milliarden US$ drittwichtigstes Herkunftsland tunesischer Importe.

Einfuhren Tunesiens aus China (2017 )
Position Importe (Mio. US$)
Gesamt 1.850
.Elektrische Maschinen, Apparate und Geräte, Einrichtungen und elektrische Teile davon 424,6
.Geräte für die Nachrichtentechnik; Bild-, Tonaufzeichnungs- und-wiedergabegeräte 235,7
.Garne, Gewebe, fertiggestellte Spinnstofferzeugnisse, a.n.g, und verwandte Waren 135,7

Quelle: UN Comtrade

Textilien machen immerhin 9 Prozent der Lieferungen aus und liegen nach elektrotechnischer Ausrüstung und Telekommunikationsmitteln auf Platz drei der Liefergüter. Sollten, wie zu vernehmen war, chinesische Textilunternehmen in Tunesien investieren, könnte sich das Handelsdefizit durchaus verringern.

Neben Industrie und Außenhandel ging es aber auch um den Tourismus. Nachdem die Besucherzahlen nach der Revolution 2011 und Terroraktionen wie 2015 stark zurückgegangen waren, gab es zuletzt wieder deutliche Zuwächse. In Zukunft sollen auch Besucher aus China zur weiteren Erholung von Tunesiens Tourismussektor beitragen. Im Jahr 2017 kamen nach Angaben des Office National du Tourisme Tunisien (ONTT) etwa 20.000 Besucher aus China, 2018 sollen es 30.000 und bereits 2020 schätzungsweise 50.000 sein. Neben bereits umgesetzten Visaerleichterungen soll künftig eine direkte Flugverbindung den Verkehr erleichtern.

Chahed gab im Anschluss an den Gipfel zu Protokoll, dass das Handelsbilanzdefizit auch Inhalt der Gespräche war. China könnte demnach ein zusätzlicher Absatzmarkt beispielsweise für tunesische Lebensmittel sein. Viele Beobachter sehen vor allem die Chancen, die sich durch die Kooperation für Tunesien ergeben können. Es gibt aber auch kritische Stimmen, die nicht an einen Anstieg tunesischer Exporte nach China glauben, sondern eine weitere Verschuldung und Überschwemmung des lokalen Marktes mit fertiggestellten Waren befürchten.

Weiterführende Informationen unter http://www.gtai.de/tunesien

Dieser Artikel ist relevant für:

China, Tunesien Außenwirtschaft, allgemein, Bauwirtschaft, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein

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