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22.08.2019

Neuer Optimismus bei Iraks Elektrizitätsversorgung

Kapazitätserweiterungen und Netzausbau schaffen Abhilfe / Von Christian Glosauer

Bonn (GTAI) - Mit schnellen Lösungen für Iraks chronische Energiekrise ist nicht zu rechnen, doch jüngste Entwicklungen geben Anlass zu mehr Optimismus.

Der Sommer ist erhöhte Krisenzeit in der anfälligen irakischen Elektrizitätsversorgung, da dann die Klimageräte das Netz in die Knie zwingen. Der seit Oktober 2018 amtierende Minister für Elektrizität, Luay al-Khatteeb, hatte Anfang 2019 der Bevölkerung 20 Stunden täglichen Netzstrom versprochen, was allerdings in der Folge nicht eingehalten werden konnte. Das Amt ist ein Schleudersitz und öffentliche Proteste im Sommer 2018 im Süden des Landes hatten seinem Vorgänger aus seiner Position befördert. Auch al-Khateeb blieben Proteste im Sommer 2019 nicht erspart.

Mit durchschnittlichen Temperaturen über die Mittagszeit von 48 Grad im Juni 2019 liegen die Nerven bei der Bevölkerung blank. Die beeindruckenden Kapazitätserweiterungen seit 2012 von zusätzlichen 8 Gigawatt (+90 Prozent) haben mit dem Nachfragezuwachs kaum Schritt gehalten. Dazu kamen noch erhebliche Schäden aus den kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Islamischen Staat (IS) in 2017, die etwa 4,5 Gigawatt an Kapazität im Norden außer Betrieb setzten sowie rund 20 Prozent der Übertragungsleitungen beeinträchtigten. Sie mussten aufgebarbeitet mussten.

Auch Siemens investiert

Zusammen mit Siemens und General Electric (GE) will das Ministerium für Elektrizität ein ambitioniertes Investitionsprogramm angehen. Beide Unternehmen sind bereits stark bei Neubau und Rehabilitierung involviert. Die Planung des Ministeriums sieht bis 2023 Kapazitätserweiterungen von 11 Gigawatt sowie Investitionen in Übertragung und Distribution vor. In Phase 1 sollen ein neues Gaskraftwerk mit 500 Megawatt in Zubaidiya gebaut, 40 bestehende Gasturbinen aufgewertet sowie kurzfristig installierbare Generatoren zur Abfangung der Spitzenlast im Sommer installiert werden. Dazu kommen landesweit 13 132-kV-Umspannstionen und 34 Transformatoren. Siemens hat im April für diese Phase Aufträge im Wert von 783 Millionen US-Dollar (US$) erhalten. In den Phasen 2 und 3 sollen weitere neue hocheffiziente Gaskraftwerke entstehen, bestehende Kraftwerke rehabilitiert und erweitert sowie erheblich in Übertragung und Distribution investiert werden. Die Gesamtinvestitionen werden auf 14 Milliarden US$ geschätzt.

Netzverluste werden angegangen

Während bislang die Kapazitätserweiterungen durch die hohen Systemineffizienzen in der Verteilung zum Teil in ein "schwarzes Loch" produzierten, sollen jetzt auch die mit 50 bis 60 Prozent der eingespeisten Elektrizität weltweit an der Spitze liegenden Verluste minimiert werden. Von dem nominalen Kapazitätszuwachs von 9 Gigawatt seit 2012 blieben damit effektiv nur noch rund 4 Gigawatt übrig. Nach Schätzungen der International Energy Agency (EIA) in ihrem neuen Bericht "Iraq´s Energy Sector" (2019) könnte allein durch eine Halbierung der Verluste die verfügbare Kapazität um ein Drittel erhöht werden.

Von den Verlusten entfallen rund zwei Drittel oder 40 Prozent der Gesamtleistung auf technische Verluste im System. Diese können nach Angaben der EIA relativ schnell und zu überschaubaren Kosten durch entsprechende Rehabilitierungen und Neuinvestitionen in Übertragung und Distribution angegangen werden, wie dies auch jetzt geschieht. Ein Drittel der Verluste (20 Prozent der eingespeisten Elektrizität) entfällt auf sogenannte Nicht-technische-Verluste. Das ist verbrauchte Elektrizität, die nicht über Stromzähler fakturiert wird und letztlich illegale Anzapfungen des Netzes darstellt. Hier sind politische Lösungen gefragt. Allerdings wird auch über Erdkabel nachgedacht, um diese Praxis zu unterbinden.

Aufgrund der Unterversorgung hat sich längst eine private Generatorenbranche etabliert. Das geht vom Kleinstgenerator im Privathaushalt bis zu Großanlagen für Straßenzüge und Stadtviertel, wie sich dies auch nach 1990 im Libanon etabliert hatte. Die privaten Anlagen stellen nach Schätzung der EIA etwa 20 Prozent der Nachfrage. Die Kosten für die Verbraucher sind im Vergleich zum offiziellen Tarif horrend und liegen zwischen 60 US-Cent und 1,2 US-Dollar pro Kilowattstunde. Der Umsatz der Branche lag 2018 bei rund 4 Milliarden US$.

Entsprechend darf hier mit Beharrungsvermögen und mit einem Interesse dieser Kreise an der Erhaltung des Status quo gerechnet werden. Im Libanon wurden gleichfalls jahrzehntelang technische Lösungen vor allem bei der Distribution verhindert, um diesen Markt nicht zu gefährden.

Irakische Elektrizitätskennwerte (Stand: Juli 2019)
Erzeugung in MWh Durchschnittliche Leistung in MW
Kapazitäten unter dem Ministerium für Elektrizität 313.878 13.078
Importe aus den Regionen (Autonome Region Kurdistan) 109 1.133
Lieferungen privater Generatoren 84.731 3.530
Importe aus dem Iran 27.181 1.133
Gesamtleistung 428.403 17.850
Nachgefragte Spitzenlast 25.575
Effektive Spitzenlast 18.175

Quelle: Ministerium für Elektrizität

Natürlich ist es kaum einzusehen, warum Irak mit den fünftgrößten Erdölreserven der Welt (2018: 147,2 Milliarden Barrel) ein Energieproblem haben sollte. Dies gilt umso mehr, als in der Erdölförderung gewaltige Mengen Gas abgefackelt werden, das als Kraftstoff eingesetzt werden könnte. Wegen der kräftig auf 4,6 Millionen Barrel pro Tag gestiegenen Erdölförderung hat sich die Menge abgefackelten Gases auf derzeit rund 16 Milliarden Kubikmeter jährlich erhöht.

Gleichzeitig wurden viele Kraftwerke auf die effizientere und die Technik schonendere Gasverfeuerung umgestellt, so dass eine weiter steigende Gasnutzung nur die noch fehlenden Investitionen in Gasabscheidung und -transport vom Ölfeld zum Kraftwerk verhindern. Wurden noch 2012 rund 70 Prozent teure Flüssigkraftstoffe (Schweröl/Diesel) in den irakischen Kraftwerken verfeuert, lag 2018 der Gaseinsatz bereits bei erfreulichen 55 Prozent der Erzeugung und wird nur durch die Verfügbarkeit begrenzt. Immerhin hat die Basrah Gas Company entsprechend investiert und fängt inzwischen 10 Milliarden Kubikmeter trockenes Gas jährlich für den Kraftwerkseinsatz und zur Herstellung von Liquid Petroleum Gas (LPG) ein. Bis 2023 soll die Kapazität auf 16,5 Milliarden Kubikmeter steigen.

Gaslieferungen durch Iran

Die Gaslücke wird zur Zeit durch den Iran gestopft, der seit 2017 mit Unterbrechungen täglich 14 Millionen Kubikmeter Gas an Irak für Kraftwerke in Bagdad und Basrah liefert. Zusammen mit Elektrizitätslieferungen ist Iran für rund 4 Gigawatt an Leistung im Irak verantwortlich. Diese Abhängigkeit ist den USA ein Dorn im Auge, und Washington versucht hier gegenzusteuern. Allerdings wurde im Juni 2019 Bagdad weitere 90 Tage sanktionsfreier Strom- und Gasbezug vom Iran seitens Washington "erlaubt", da keine Alternative verfügbar ist.

Entlastung sogar kurzfristiger Natur könnten die jetzt erstmals auch ernsthaft eingeleiteten Bemühungen um Investitionen in erneuerbare Energien bringen. Das Elektrizitätsministerium plant eine Fotovoltaikanlage mit 300 Megawatt in Kerbala. Das mit 900 Millionen US$ kalkulierte Projekt wird als Betreibermodell ausgeschrieben. Eine Liste der präqualifizierten Firmen wurde Ende Juli 2019 erstellt. Mit der Tenderveröffentlichung wird für Oktober 2019 gerechnet. Das Potenzial für Fotovoltaik im Irak ist fast unbegrenzt, die Flächen stehen zur Verfügung, und die Spitzenlast deckt sich sehr gut mit den Maxima bei der täglichen Sonneneinstrahlung.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Iran können Sie unter http://www.gtai.de/Irak abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Irak Strom-, Energieerzeugung, allgemein, Kraftwerksbau, alternative Energien

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