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31.05.2018

Niederlande: Brexit könnte Wirtschaft hart treffen

Vereinigtes Königreich ist drittwichtigster Exportmarkt und drittwichtigste Investor / Von Oliver Döhne

Berlin (GTAI) - Die Niederlande werden den Brexit wahrscheinlich überdurchschnittlich stark spüren, da sie in Außenhandel und Investitionen besonders eng mit dem Vereinigten Königreichs verbunden sind. Neue Handelsbarrieren werden wohl deutlich auf die örtliche Konjunktur durchschlagen. Der Logistikhub Rotterdam muss im Warenverkehr mit der Insel einen erheblichen bürokratischen Zusatzaufwand befürchten. Amsterdam bemüht sich derweil um übersiedlungswillige Fintechs. (Kontaktadressen)

Bis zu 35 Milliarden Euro Brexit-Schäden

Die Niederlande könnten aufgrund ihrer Rolle als logistische Drehscheibe und ihrer eng mit dem Vereinigten Königreich verflochtenen Lieferketten mehr Brexit-Schäden als die meisten anderen EU-Länder erleiden. Laut einer Analyse der Rabobank von Oktober 2017 könnte ein harter Brexit das Wachstum der niederländischen Wirtschaft im Jahr 2020 von 1,5 Prozent, die ohne Brexit möglich wären, auf 0,2 Prozent abbremsen. Bis 2030 könnte ein harter Brexit dementsprechend die Niederlande um 3,5 bis 4,3 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) bringen. Das wären etwa 25 Milliarden bis 35 Milliarden Euro oder 3.250 bis 4.000 Euro pro Kopf. Selbst wenn es gelänge, zeitnah ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich abzuschließen, lägen die Schäden bei rund 3 bis 3,5 Prozent des BIP.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2017
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP 3,5
Anteil Dienstleistungsimport aus VK am BIP 2,7
Anteil Warenexport in das VK am BIP 6,9
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP 3,0
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in den Niederlanden 8,8

Quellen: Eurostat; De Nederlandsche Bank; CBS

Vereinigtes Königreich ist drittwichtigster Exportmarkt der Niederlande

Ein Hauptgrund für die relativ schwerwiegenden erwarteten Brexit-Folgen ist die überdurchschnittliche Abhängigkeit der Niederlande vom Vereinigten Königreich als Absatzmarkt. Rund 8,8 Prozent der niederländischen Gesamtausfuhren gingen laut Eurostat 2017 auf die Insel. In Deutschland waren es lediglich 6,6 Prozent und in Frankreich 6,7 Prozent. Insgesamt wurden niederländische Waren im Wert von rund 51 Milliarden Euro in das Vereinigte Königreich geliefert. Damit war es nach Deutschland und Belgien der drittwichtigste niederländische Exportzielmarkt. Zu den Hauptexportgütern zählen chemische Erzeugnisse, Informations- und Telekommunikationstechnik, elektrische und optische Ausrüstungen, Nahrungsmittel, Lederwaren, Schuhe und Textilien.

Bis zum Jahr 2000 war der bilaterale Handel in etwa ausgeglichen, danach sprangen die niederländischen Lieferungen ins Vereinigte Königreich auf ein höheres Niveau. Seit 2012 legte der Export stark zu, während der Import (mit Ausnahme von 2016) schrumpfte. 2016 machte die Ausfuhr etwa das Doppelte der Einfuhr aus, 2017 war sie hingegen nur noch eineinhalbmal so groß. Als Beschaffungsmarkt der Niederlande liegt das Vereinigte Königreich hinter Deutschland, China, Belgien und den USA auf Platz fünf.

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Als Logistikhub der Europäischen Union werden die Niederlande, in erster Linie der Hafen Rotterdam, mit einer starken Zunahme der Zollprozesse konfrontiert sein. Laut einer Schätzung des niederländischen Zolls könnte der physische Ein- und Ausgang in die Zollabfertigung um 32 Prozent beziehungsweise 137 Prozent zunehmen, was 1,5 Millionen zusätzliche Zolleingangserklärungen und 5 Millionen Zollausgangserklärungen bedeuten würde. Es bestehen große Zweifel, ob dies in der kurzen verbleibenden Zeit bis zum Brexit angemessen vorbereitet werden kann. Laut Presseberichten wollen Logistikunternehmen im Hafen von Rotterdam ihre Terminals dafür neu aufteilen.

Niederländischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus... (Mrd. Euro) 26,0 77,8
Rang in der Importstatistik 5 1
Exporte nach... (Mrd. Euro) 50,7 139,5
Rang in der Exportstatistik 3 1
Handelsvolumen mit... (Mrd. Euro) 76,7 217,3
Rang als Handelspartner 4 1

Quellen: Eurostat; CBS

Drittwichtigster Investor

Laut Daten der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stammen 3,4 Prozent der auf die Endnachfrage in den Niederlanden bezogenen Wertschöpfung aus dem Vereinigten Königreich. Damit liegen die Niederlande zwischen sehr stark betroffenen Ländern wie Irland (14,4 Prozent) und weniger betroffenen Staaten wie Italien (1,9 Prozent). Deutschland bezieht nach diesem Indikator rund 2,3 Prozent seiner industriellen Wertschöpfungsvorleistungen aus dem Vereinigten Königreich.

Die verarbeitende Industrie macht rund 11 Prozent des niederländischen BIP aus und setzt sich schwerpunktmäßig aus den Bereichen Roh- und Brennstoffverarbeitung, Chemie, Elektronik, Metall sowie Nahrungs- und Genussmitteln zusammen. Als Resultat ihrer offensiven Politik zur Anwerbung internationaler Investitionen dienen die Niederlande zahlreichen multinationalen Unternehmen als globale Firmenzentrale, von der sie wiederum in andere Staaten investieren. Sowohl als Direktinvestitionsgeber als auch als -nehmer stehen die Niederlande an der Weltspitze. Laut OECD übertrifft der örtliche Bestand ausländischer Direktinvestitionen sogar das BIP. Das Vereinigte Königreich hat daran nach Angaben der niederländischen Zentralbank einen Anteil von rund 8,8 Prozent und war 2016, hinter den USA, Luxemburg und knapp vor Deutschland, der drittwichtigste Investor.

Dass sich der Brexit stark auf die britischen Direktinvestitionen in den Niederlanden auswirken wird, ist unwahrscheinlich, auch wenn es durchaus zu einigen Umschichtungen kommen kann. Rund 85,7 Prozent des britischen Direktinvestitionsbestands in den Niederlanden konzentrierten sich 2016 auf Dienstleistungen, darunter 75,3 Prozent auf Finanzen und Versicherungen. In der verarbeitenden Industrie waren rund 14,3 Prozent der Investitionen angelegt, darunter 9,4 Prozent im Bereich Lebensmittel, Getränke und Tabak sowie 3,5 Prozent in der Erdölverarbeitung und Chemie und 1,1 Prozent in der Metall- und Elektroindustrie.

Zu den britischen Unternehmen mit größerer Präsenz in den Niederlanden zählen BP, British-American Tobacco, British Steel, Astra Zeneca und Vodafone. Die enge Verbindung der beiden Länder zeigt sich auch an den Großkonzernen, die aus Fusionen von niederländischen und britischen Unternehmen hervorgegangen sind. Hierzu gehören Royal Dutch Shell, Reckitt-Benckiser, Unilever und RELX. Unilever kündigte im März 2018 an, seine globale Firmenzentrale von London nach Rotterdam zu verlegen. Nach Angaben des niederländischen Statistikamts leben rund 85.000 Briten in den Niederlanden. Britische Expats machen rund 1 Prozent der Bevölkerung von Amsterdam aus. Während deren Aufenthaltsstatus nach den letzten Brexit-Verhandlungen vorerst gesichert zu sein scheint, gilt dies nicht für den Status künftiger Entsandtkräfte.

Fintechs sollen nach Amsterdam gelockt werden

Laut Presseberichten besteht insbesondere bei kleineren technologiegestützten Finanzdienstleistern (Fintechs) aus dem Vereinigten Königreich erhöhtes Interesse an einem Umzug nach Amsterdam, das sich speziell um diese Unternehmensgruppe bemüht. Für größere Banken scheinen die Niederlande aufgrund der gesetzlichen Beschränkung der Boni eher weniger attraktiv zu sein. Mit dem Zuschlag für den neuen Sitz der European Medicine Agency (EMA) gelang es den Niederlanden, eine prestigeträchtige und personalstarke EU-Behörde aus dem Vereinigten Königreich anzuwerben.

Kontaktadressen

Eine Analyse der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll in den Niederlanden können Sie unter http://www.gtai.de/niederlande abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Niederlande Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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‎+49 228 24 993 365

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