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30.10.2018

Noch wenig deutsch-chinesische Zusammenarbeit in Ägypten

Komplexe Infrastrukturprojekte benötigen ausländische Expertise / Von Oliver Idem

Kairo (GTAI) - Ägypten setzt auf ausländische Investitionen und benötigt Finanzierung für Projekte. Spezielle Beratung, Expertise oder Spitzentechnik sind Einstiegstore für deutschen Unternehmen.

China wird vom Handelspartner zum Baumeister und Investor

Die VR China war 2017 das wichtigste Lieferland für Ägypten. Aus dem Reich der Mitte stammten 12,4 Prozent der ägyptischen Einfuhren von insgesamt 65,5 Milliarden US$. Chinesische Unternehmen bauen ihre Präsenz in Ägypten qualitativ und quantitativ stark aus. Ein Indikator ist die chinesische Handelskammer in Ägypten, die seit Mai 2014 von 30 auf 120 Mitglieder angewachsen ist. Insbesondere bei großen Projekten treten chinesische Staatsunternehmen in Erscheinung. Ein neuer Trend sind gemeinsame Vorhaben chinesischer Unternehmen mit dem ägyptischen Militär. Solche Kooperationen existieren beim Aufbau umfangreicher Fischfarmen sowie der Errichtung einer Solarmodulfabrik. Diese wollen das Ministry for Military Production und die GCL Group realisieren. Beim Bau der neuen Hauptstadt sind das Militär sowie China Fortune Land Development und die China State Construction Engineering Cooperation vertreten.

Ägypten hat als Knotenpunkt des Welthandels mit dem Suezkanal auch eine wichtige Bedeutung für China. In Form der von der Investment-Holding TEDA betriebenen chinesischen Wirtschaftszone bei Ain Sokhna nutzen etwa 70 Unternehmen das Gebiet auch zur Produktion von Industriegütern. Die chinesische Zone expandiert und zieht weitere Investoren an, zum Beispiel im Textilsektor. Ägypten verfügt über mineralische und agrarische Rohstoffe und ist zudem über zahlreiche Handelsabkommen in den Welthandel eingebunden. Auch als Exportbasis zur Erschließung afrikanischer Märkte ist das Land geeignet. Ägypten ist Teil der chinesischen Seidenstraßeninitative. Gleichwohl ist nicht immer klar, welche Projekte in diesem Zusammenhang umgesetzt werden.

Chinesische Projekte und Investitionen in Ägypten wirken zunehmend systematischer verzahnt. Einerseits werden Rohstoffe verarbeitet und teils exportiert, andererseits zielen chinesische Unternehmen auf Aufträge zum Infrastrukturausbau ab. Bei Vorhaben in den Bereichen Energie und Eisenbahn sind chinesische Bieter in Ägypten mittlerweile eher die Regel als die Ausnahme. Hinzu kommt, dass erfolgreich absolvierte Projekte Chancen auf Folgeaufträge mit sich bringen. Chinesische Unternehmen sind auch bei Solarprojekten vertreten und derzeit sondieren Textilunternehmen den ägyptischen Markt. Der ehemalige ägyptische Industrieminister Tarek Kabil erklärte im Herbst 2017, dass die China Development Bank die Finanzierung chinesischer Industrieprojekte in Ägypten erleichtern wolle.

Schaffung von Arbeitsplätzen willkommen

Angesichts des Investitionsstaus in Ägypten und eines knappen Investitionsbudgets ist das Argument langfristiger Finanzierungslösungen mit niedriger Verzinsung sehr bedeutsam. Zudem sind die politischen Verbindungen zwischen beiden Ländern eng. Beobachter gehen davon aus, dass Ägypten die Rahmenbedingungen chinesischer Finanzierungen verglichen mit westlichen Institutionen und deren "erhobenem Zeigefinger" in Sachen Umwelt- und Sozialstandards eher entgegenkommen. Chinesische Investoren scheinen zudem risikofreudiger als viele europäische Unternehmen zu sein, wenn es um Industrieprojekte in Ägypten geht. Sie streichen zudem in den Medien geschickt heraus, wie viele Arbeitsplätze für junge Ägypter sie in ihren Betrieben schaffen. Durch das anhaltend hohe Bevölkerungswachstum von etwa 2,5 Prozent im Jahr ist ein konstanter Druck auf den ägyptischen Arbeitsmarkt vorhanden. Arbeitsintensive Projekte sind darum hochwillkommen im Land.

Ein Selbstläufer ist die ägyptisch-chinesische Kooperation aber nicht. Um manche Vorhaben wird ein bis drei Jahre verhandelt, und nicht immer lassen sich die finanziellen Vorstellungen oder, wie bei Teilen des Hauptstadtprojekts, die Designansprüche übereinbringen. Die Verhandlungen über den Bau eines Mehrzweckterminals für den Hafen Alexandria mit der China Harbour Engineering Company scheiterten aus finanziellen Gründen.

Ägypten kann tendenziell davon profitieren, wenn der Bieterkreis bei Infrastrukturprojekten sich um chinesische Interessenten vergrößert. Eine stärkere Konkurrenz dürfte das eng begrenzte ägyptische Investitionsbudget schonen. Ein Nachteil ist die langfristige Abhängigkeit, in die sich das Land durch eine umfangreiche Kreditaufnahme begibt. Im Juni 2018 bezifferte der Wirtschaftsreferent der chinesischen Botschaft das Volumen der Vereinbarungen zwischen chinesischen Finanzierungsinstitutionen und ägyptischen Banken aus den vergangenen beiden Jahren auf fünf Milliarden US$.

Deutsch-chinesische Kooperationen haben Seltenheitswert

Kooperationen zwischen deutschen und chinesischen Unternehmen in Ägypten kommen bislang kaum vor. In der jüngeren Vergangenheit war der Ausbau eines Zementwerks in Beni Suef um sechs Fertigungslinien das einzige Industrieprojekt. Die Federführung lag beim Chengdu Design & Research Institute of Building Materials Industry. Mit der Lieferung von 18 Vertikalwälzmühlen wurde die deutsche Loesche GmbH beauftragt. Den Zuschlag für Maschinen zum Klinkertransport sicherte sich die deutsche Aumund Fördertechnik GmbH. Für die geplante Bahnstrecke von Ain Sokhna nach El Alamein hat sich ein deutsch-chinesisch-ägyptisches Gemeinschaftsunternehmen präqualifiziert. Beteiligt sind Siemens, die Deutsche Bahn, AVIC und CSCEC sowie Orascom Construction und The Arab Contractors.

Eine derartige trilaterale Zusammenarbeit kommt bisher noch nicht vor, ist aber denkbar. Der Staat ist in Ägypten als Auftraggeber und Initiator von Projekten sehr präsent. Wenn nicht alle Leistungen in einem staatlichen ägyptischen Vorhaben von chinesischer Hand oder einem anderen Hauptverantwortlichen erbracht werden können, erscheint die Kooperation möglich. Beispiele wären die umfangreichen Bauvorhaben in der neuen Hauptstadt, Energie- oder Bahnprojekte. Bei komplexen Infrastrukturvorhaben wie dem Metrobau in Kairo sind ohnehin spezialisierte Unternehmen aus verschiedenen Ländern beteiligt.

Wenn es um Projekte mit chinesischen Partnern in Ägypten geht, sticht ein ausländischer Akteur derzeit besonders hervor: ACWA Power aus Saudi-Arabien plant gemeinsam mit der Chint Group drei Fotovoltaikprojekte. Hinzu kommt eine Absichtserklärung, mit Energy China in der Energieerzeugung und der Wasserentsalzung auch über Ägypten hinaus zu kooperieren.

Spezialwissen und Hightech können den Weg zur Kooperation ebnen

Kooperationschancen für deutsche Unternehmen bestehen beispielsweise bei Projekten, die besondere Expertise bei komplexen Aufgaben oder Spezialtechnik benötigen. Die Voraussetzung ist allerdings, dass bei chinesisch finanzierten Projekten nicht ausschließlich chinesische Unternehmen die Aufträge erhalten.

Häufig fragen Ägypter, warum nicht mehr deutsche Unternehmen als Investoren nach Ägypten kommen. Manche sehen die zahlenmäßig eher geringe Präsenz als mangelndes Bekenntnis zu ihrem Land. Deutsche Unternehmen sind eher im Liefer- und Projektgeschäft als in der Rolle von Greenfield-Investoren vertreten. Europäische Unternehmen scheuen allgemein oft die politischen Risiken von Investitionen in Ägypten. Kurzfristige Entscheidungen auch protektionistischer Art sind jederzeit möglich. Zudem ist der Staat über eigene Unternehmen, Preisfestsetzungen für einige Warengruppen und Subventionen stark im Wirtschaftsleben präsent.

Deutschland genießt einen guten Ruf in Ägypten und wird mit langlebigen Qualitätsprodukten, Zuverlässigkeit und hoher Ingenieurskunst assoziiert. Dennoch spielt vielfach der Preis eine entscheidende Rolle, sodass Anpassungen erforderlich sein können. Punkte für ihr Image sammeln Unternehmen, die ihre Bedeutung für den ägyptischen Arbeitsmarkt herausstreichen und die praxisnahe Ausbildungsaktivitäten anbieten oder unterstützen.

Investitionsprojekte mit chinesischer Beteiligung
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. US$) und Geldgeber Umsetzungszeitraum und Projektstand Durchführer/Generalauftragnehmer mit Nationalität
Industrial City in der neuen Hauptstadt 20.000; noch keine Angaben zur Finanzierung Oktober 2019 bis Ende 2025; Studienphase Bauherr: China Fortune Land Development (http://en.cfldcn.com)
Zentrales Geschäftsviertel in der neuen Hauptstadt 3.700; noch keine Angaben zur Finanzierung Oktober 2017 bis April 2021; Durchführung Bauherr: Administrative Capital City for Urban Development; Bauträger: China State Construction & Engineering Corporation (http://english.cscec.com)
Bahnstrecke Ain Sokhna - El Alamein 3.000; Finanzierung über die EBRD Mai 2019 bis Ende 2023; Präqualifikation für den Hauptvertrag Bauherr: Ministry of Transport (http://mot.gov.eg)
Pumpspeicherkraftwerk in Ataka mit 2.100 MW Kapazität 2.600; Finanzierung über die Export-Import Bank of China März 2018 bis Ende 2024; Durchführung Bauherr: Ministry of Electricity & Energy (http://www.moee.gov.eg), Bauträger: Sinohydro aus der VR China (http://www.sinohydro.com)
Automatische Stadtbahn Kairo - neue Hauptstadt 1.500; Finanzierung zum Teil über die Export-Import Bank of China August 2017 bis Juli 2020; Durchführung Bauherr: National Authority for Tunnels (http://www.nat.org.eg), Bauträger: AVIC International (http://www.avic.com) und China Railway Eryuan Engineerung Group (http://www.creegc.com)

Quelle: MEED Projects (Juni 2018)

Die gesamte Studie "China in Afrika - Perspektiven, Strategien und Kooperationspotenziale für deutsche Unternehmen" können Sie kostenlos beziehen: Printversion unter der Bestellnummer 21054 (32 Seiten) bei Germany Trade & Invest, Kundencenter, Postfach 140116, 53056 Bonn, Telefon: 0228/24993-316, E-Mail: vertrieb@gtai.de oder als PDF-Dokument nach kurzer Registrierung unter http://www.gtai.de/china-in-afrika.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Ägypten und Nordafrika können Sie unter http://www.gtai.de/afrika abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten, China Bauwirtschaft, allgemein, Wirtschaftspolitik, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen

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