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30.06.2016

Norwegen sieht Industrie 4.0 als große Chance

Roboterdichte noch relativ gering / Unternehmen holen einst ausgelagerte Produktion wieder zurück / Von Heiko Steinacher

Oslo (GTAI) - Das Interesse an der Zukunftsstrategie Industrie 4.0 ist in Norwegen groß. Zwar ist der Anteil des Verarbeitungsgewerbes an der Bruttowertschöpfung mit gut 8% relativ gering, doch besteht sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft eine hohe Bereitschaft dazu, Industrie-4.0-Lösungen voranzubringen. Einsatzmöglichkeiten für digitale Zukunftstechnologien bietet auch der in Norwegen dominierende Offshore-Öl- und Gassektor. Es gibt bereits zahlreiche Kooperations- und Forschungsprojekte.

Norwegen sieht in dem Konzept Industrie 4.0 große Chancen, sich komparative Wettbewerbsvorteile zu verschaffen beziehungsweise solche auszubauen. Das Forschungsinstitut SINTEF hat vor einigen Monaten die Auswirkungen des technologischen Wandels auf die norwegische Wirtschaft untersucht und dabei sieben Schlüsseltechnologiebereiche identifiziert, die den Weg in Richtung vierte industrielle Revolution ebnen sollen: neue Werkstoffe, Mikro-, Nanoelektronik, Photonik, industrielle Biotechnologie, Software und fortgeschrittene Herstellungsverfahren.

Norwegens Roboterdichte lag im Jahr 2013 (aktuellere Angaben zu Redaktionsschluss nicht verfügbar) laut der International Federation of Robotics (IFR) erst bei 40 pro 10.000 Industriebeschäftigten. Dänemark und Schweden kamen auf 150. Während sich die Neuverkäufe pro Jahr in Schweden bei 900 bis 1.000 Stück bewegten, seien es in Norwegen nur 80 bis 120, verlautet es aus Branchenkreisen. Das sowie der starke Fokus auf der Öl-/Gas- und Schiffsindustrie eröffnen viel Potenzial für den Einsatz digitaler Technologien.

Doch gibt es für deren Einsatz in der norwegischen Industrie bereits jetzt eine Fülle von Beispielen. So hat der Hersteller von Flüssigerdgas-Zylindern Hexagon Ragasco seine Produktion mit Ausrüstungen von Siemens vollautomatisiert. Auch an den Hersteller von Leergutrücknahmeautomaten Tomra und den Produzenten von Isolationsmaterial aus Glaswolle Glava lieferten die Münchener Hochtechnologieausrüstungen.

Kongsberg Automotive hat die Produktions- und Montageprozesse in seinem Werk in Raufoss, in dem jährlich rund 70 Mio. Kupplungen hergestellt werden, stark automatisiert. Das Chemieunternehmen Borregaard hat ein Hightech-Betriebszentrum, von dem aus 15 Fabriken ganzheitlich gesteuert werden. Der Produzent von Aluminiumgussteilen Benteler Automotive Farsund nutzt 3D-Druckverfahren zur Herstellung von Sandkernen und Formwerkzeug.

Werft holt Produktion nach Norwegen zurück und automatisiert sie

Es gibt noch eine Reihe weiterer norwegischer Firmen, die ebenfalls 3D-Drucker einsetzen, darunter Möbelhersteller sowie Architekten- und Konstruktionsbüros, die ihre Kunden bei der Produktentwicklung und im Industriedesign unterstützen. Vor allem die Möbelindustrie setzt viele Roboter ein, aber auch Teilehersteller für die Kfz- und Luftfahrtindustrie, die Landwirtschaft sowie die Öl- und Gasindustrie. Das Schiffbauunternehmen Kleven Industrier hat die Rumpfproduktion wieder aus Polen zurückgeholt und fertigt diese nun in Modulbauweise an seinem Stammsitz in Ulsteinvik. Zur Automatisierung der Produktion dort hat das Unternehmen in den letzten Jahren hohe Summen in neue Roboterschweißanlagen investiert.

Angesichts des anhaltend niedrigen Ölpreises sehen Fachleute auch im Rahmen von Erschließungsmaßnahmen in der Offshore-Öl- und -Gaswirtschaft große Chancen durch weitere Digitalisierungsschritte. Effizienzverbesserungen und Kostensenkungen seien unter anderem in der Seismik beim Auffinden neuer Quellen (verbesserte Datenverarbeitungs- und Speicherkapazitäten), beim Monitoring von Bohrvorgängen (präzise Messwerte in Echtzeit durch verbesserte Sensortechnik) sowie zur Früherkennung wichtiger Instandhaltungsmaßnahmen und Vorhersage von Marktentwicklungen (Predictivity-Software) möglich.

Industrieunternehmen, die ihre Produktion in den letzten Jahren zumindest teilweise wieder nach Norwegen zurückgeholt und dort automatisiert haben
Unternehmen Produkt Land beziehungsweise Region *)
BerryAlloc/Sapa Aluminiumrahmen VR China
Raufoss Technology Fahrzeugfedern VR China
AKVA Group/Plasto Kunststoffteile für Aquakultur-Käfige VR China
Teknotherm Stromverteiler VR China
Kleven verft Schiffsrümpfe Baltikum
Kvaerner Stahlschürzen und Teile für Offshore-Plattformen Vereinigte Arabische Emirate/Dubai, VR China
Globus Baggerschaufeln Baltikum
ForaForm Kunststoffformen für Möbel VR China
Sleipner Motor Edelstahlwinden für Kleinboote VR China
Rift Labs Kunststoffteile für Beleuchtung VR China
I.P. Huse Windenteile für Schiffe Tschechische Republik, Russland, Ukraine

*) in dem/der die Produktion zumindest teilweise aufgegeben wurde

Quelle: Teknisk Ukeblad

Zahlreiche Forschungsprojekte werden dafür sorgen, dass sich die Einsatzmöglichkeiten von Industrie-4.0-Technologien in den nächsten Jahren erweitern. Im Rahmen des NAP-Projekts zum Beispiel wird an Lösungen für eine Null-Fehler-Fertigung in den Bereichen Automation und Autonomie gearbeitet. An dem über das Innovationsprogramm des norwegischen Forschungsrats (BIA) finanzierten Projekt nehmen fünf Partner teil: GKN Aerospace, Nammo Raufoss, Benteler Aluminium Systems, SINTEF Teknologi og Samfunn und SINTEF Raufoss Manufacturing.

Am SFI Manufacturing, einem interdisziplinären Zentrum für forschungsbasierte Innovationszentren zur Fertigung hochwertiger Produkte, beteiligen sich 13 Partner aus der Industrie, darunter dieselben, die auch im NAP-Projekt engagiert sind, sowie mehrere Hochschulen und Forschungs- und Entwicklungs(FuE)-Institute, darunter die Technisch-Naturwissenschaftliche Universität NTNU in Trondheim und die Hochschule in Gjovik. NAP und SFI Manufacturing sind nur zwei von vielen FuE-Projekten mit Automatisierungsbezug.

Das von der Universität Agder geleitete Future-Robotics-Projekt dient vor allem dem Aufbau von Kompetenzen in den Bereichen Robotik und Automation. Dafür werden Cluster und Branchennetzwerke gebildet, die eng mit Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. "Wir werden uns mit nationalen und internationalen Stakeholdern vernetzen, vor allem im Rahmen der EU-Initiative PPP Robotics", sagt Soren Kragholm, der Manager des Projekts. An der Initiative beteiligen sich alle sechs in der südnorwegischen Region bestehenden Industriecluster und Netzwerke, das sind GCE NODE (http://gcenode.no), Eyde (http://www.eydecluster.com), Arena Digin (http://digin.no), Sorlandsporten Teknologinettverk (http://www.sortek.no), SINPRO (http://www.sinpro.no) und Lister Alliance (http://listeralliance.no).

Weißbuch zur künftigen Industrieentwicklung um den nächsten Jahreswechsel

Zum Jahreswechsel 2016/2017 will die Regierung in Oslo ein Weißbuch zur Entwicklung der Industrie vorlegen. Der strategische Industrie-4.0-Denkansatz wird darin eine wichtige Rolle spielen. Um aus der deutschen Industriepraxis Denkanstöße für neue, industriepolitische Ansätze zu bekommen, hat Norwegens Wirtschaftsministerin Monica Maeland im März 2016 unter anderem Siemens in München sowie Daimler und das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart besucht. Begleitet wurde sie von einer Wirtschaftsdelegation aus Vertretern der Verbände NHO, Norsk Industri und IKT-Norge, des Gewerkschaftsdachverbands LO, des staatseigenen Unternehmens Innovasjon Norge, von Siemens Norge, SINTEF und der Deutsch-Norwegischen Handelskammer.

Angesichts der großen Potenziale, die Industrie 4.0 auch in Norwegen bietet, haben IKT-Norge und die Deutsch-Norwegische Handelskammer am 9.6.16 in Oslo eine Konferenz veranstaltet. Dabei kamen über 150 Vertreter aus Politik, Forschung und Wirtschaft zusammen, um Möglichkeiten und Herausforderungen der Digitalisierung der Industrie für norwegische Unternehmen zu beleuchten. Fachleute betonen, dass für Norwegen keine Notwendigkeit bestehe, ebenfalls wie Deutschland unter politischer Regie eine Plattform für Industrie 4.0 zu schaffen. Wichtig seien aber Hilfen bei der Finanzierung von Industrieprojekten zur Entwicklung von Testbeds und Incentives für Unternehmen, um Erfahrungen mit dem Konzept Industrie 4.0 zu sammeln.

(S.H.)

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Norwegen Robotik und Automation, Digitalisierung

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