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28.02.2018

Öffentliche Ausschreibungen in Kolumbien bieten Chancen für deutsche Unternehmen

Volumen öffentlicher Aufträge in Kolumbien liegt über dem OECD-Schnitt / Von Edwin Schuh

Bogotá (GTAI) - Öffentliche Ausschreibungen stehen in Kolumbien offen für europäische Firmen. Jedoch sind die formalen und technischen Hürden gerade für Mittelständler oftmals zu hoch. Auch spielt Korruption in Kolumbiens öffentlichem Sektor eine Rolle. Öffentliche Ausschreibungen finden vor allem bei Bauprojekten, im Energiesektor und bei der Ausstattung von Regierungsstellen und Militär statt. Neben einem zentralen Ausschreibungsportal sind auch die Portale von staatlichen Unternehmen wichtige Quellen.

Grundlagen der Vergabe: Öffentliche Aufträge werden zentralisiert ausgeschrieben

Nach Angaben der OECD machten in Kolumbien im Jahr 2015 öffentliche Vergaben 35,7 Prozent der gesamten Regierungsausgaben aus. Damit lag das Land über dem OECD-Schnitt von 29 Prozent. Öffentliche Vergaben hatten demnach ein Volumen von rund 31,4 Milliarden US-Dollar (U$) in Kolumbien. Dank des wieder höheren Erdölpreises dürfte das Volumen aktuell höher sein als 2015.

Im Vordergrund stehen die Bereiche Bau und Betrieb von Verkehrsinfrastruktur (Autobahnen, Häfen, Flughäfen, öffentliche Verkehrsmittel), Hochbau (Sozialwohnungen, Schulen), Gesundheitswesen, Energiesektor, Wasser- und Abwassersektor, Logistik (wie etwa Belieferung von öffentlichen Schulen oder Krankenhäusern mit Lebensmitteln), Ausstattung von Regierungsstellen, Militär und Polizei sowie verschiedene Dienstleistungen wie etwa die Bewachung von staatlichen Einrichtungen und von Politikern.

Die überwiegend ausschreibenden Stellen sind das Militär, die Polizei, das Verteidigungsministerium (http://www.mindefensa.gov.co/irj/portal/Mindefensa), die Regierungen von Gemeinden und Städten, öffentliche und militärische Krankenhäuser, das Nationale Straßenbauamt INVIAS (http://www.invias.gov.co) sowie die Nationale Infrastrukturagentur ANI (http://www.ani.gov.co). INVIAS ist für überregionale, staatlich finanzierte Straßenbauvorhaben verantwortlich, während ANI Infrastrukturkonzessionen von Autobahnen, Häfen, Zugstrecken und Flughäfen als Public-Private-Partnerships (PPP) vergibt. Der Kompetenzbereich der nationalen Flugaufsichtsbehörde Aeronautica Civil (Aerocivil) liegt im Ausbau der staatlich betriebenen Flughäfen.

Generell müssen die Regierungsstellen Aufträge über ein öffentliches Ausschreibungsverfahren vergeben. Ausnahmen von dieser Regel finden sich unter Artikel 24 des Gesetzes 80 von 1993. Die öffentlichen Ausschreibungen in Kolumbien sind zentralisiert und werden auf dem Portal SECOP II (Sistema Electrónico de Contratación Pública, http://www.colombiacompra.gov.co) bekannt gegeben. Die Klassifikation entspricht dem United Nations Standard Products and Services Code (UNSPSC).

Daneben haben zahlreiche staatliche Unternehmen und Universitäten eigene Ausschreibungsportale. Wichtig sind unter anderem die Lieferantenportale der mehrheitlich staatlichen Ölgesellschaft Ecopetrol (Sistema de Información de Proveedores SIPROE https://siproe.ecopetrol.com.co/proveedor) und des Energieversorgers Grupo EPM (Te Cuento https://www13.epm.com.co/ComprasMayores/ConsultarProcesosAbiertos.aspx).

Viele Ausschreibungen öffentlicher Stellen resultieren aus Projekten, die von der Weltbank oder der Inter-Amerikanischen Entwicklungsbank (IDB) finanziert werden. Hier gelten die Beschaffungsvorgaben des jeweiligen Gebers, deren Einhaltung besonders bei internationalen Ausschreibungen von diesem geprüft wird, sodass ein faires Verfahren wahrscheinlich ist.

PPP-Projekte nehmen seit einigen Jahren eine immer wichtigere Rolle in Kolumbien ein. Laut der IDB ist das Land zusammen mit Chile ein Vorreiter in diesem Bereich in der Region. Durch PPP sollen vor allem im Infrastrukturbereich trotz knapper staatlicher Kassen schnelle Fortschritte erzielt werden. Das Autobahnprogramm "Vierte Generation" (Investitionsvolumen 16,7 Milliarden US$) war der erste große Test für PPP-Projekte in Kolumbien. Es stieß auf großes internationales Interesse. In den Jahren 2016 und 2017 wurden alle 31 Autobahnprojekte vergeben, darunter an namhafte Baufirmen wie Sacyr, Grupo Ortiz, Iridium (Spanien), Vinci (Frankreich), OHL (Chile), MECO (Costa Rica), Shikun Binui (Israel), Strabag (Österreich) oder Mota Engil (Portugal), zumeist in Konsortien mit kolumbianischen Bauunternehmen (detaillierte Informationen unter http://www.ani.gov.co/carreteras2).

Auch Flughäfen, Häfen und sogar Gefängnisse, Schulen und Museen wurden bereits als PPP strukturiert. In Bogotá wird mit dem Bau fünf neuer Krankenhäuser aktuell das erste PPP-Projekt im Gesundheitssektor des Landes durchgeführt, die Investitionen dafür liegen bei über 500 Millionen US$. Die Datenbank RUAPP (Registro Único de Asociaciones Público Privadas; https://saga.dnp.gov.co/ruapp/listadoGralProyectos.aspx) listet alle geplanten und durchgeführten PPP-Projekte in Kolumbien auf.

Das Gesetz 1508 aus 2012 legt den Rahmen für PPP fest. Demzufolge kann ein PPP auf Initiative der Regierung durchgeführt werden, falls diese einen Bedarf sieht (Iniciativa Pública). Im Infrastrukturbereich gibt es dazu die Möglichkeit einer Initiative privater Akteure (Iniciativa Privada), welche bei der ANI eingereicht werden muss. Die staatlichen Zuschüsse bei privaten Initiativen können bis maximal 20 Prozent des gesamten Projektwerts betragen. Auf diesem Wege wurden bislang mehrere Autobahnprojekte umgesetzt, eine Auflistung befindet sich unter http://www.ani.gov.co/carreteras2#quickset-acordeon_olas=3.

Die angekündigten öffentlich finanzierten Projekte wurden in der jüngsten Vergangenheit meist auch tatsächlich realisiert. Zurückzuführen ist dies auf die gute wirtschaftliche Entwicklung des Landes, eine professionellere Regierung und den erfolgreichen Einsatz des PPP-Modells.

Praxischeck Ausschreibungen: Hoher bürokratischer Aufwand bei Bewerbung um öffentlichen Aufträge

In Kolumbien sind öffentliche Ausschreibungen dank des EU-Kolumbien Handelsabkommens für europäische Firmen und Investoren unter den gleichen Bedingungen zugänglich wie für lokale Unternehmen. Eine Bewerbung um staatliche Aufträge setzt jedoch eine Präsenz vor Ort, zumindest in Form eines Kontaktbüros, voraus. Die Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen ist zudem durch diverse Vorschriften mit einem hohen, juristischen, technischen und administrativen Aufwand verbunden. Hier könnte es für deutsche Firmen hilfreich sein, sich als Konsortium zusammen mit einem lokalen Partner bei der Ausschreibung zu beteiligen. Deutsche Produkte sind vor allem in den Bereichen Verkehrsinfrastruktur, Umwelttechnik und Medizintechnik gefragt.

Die Seriösität der Ausschreibungen ist teilweise fraglich, da es vorkommen kann, das der Anbieter schon vorher "unter der Hand" ausgewählt wurde. Die Ausschreibung wird dann nur pro-forma veröffentlicht und ist möglicherweise auf das Produkt des vorher ausgewählten Anbieters ausgerichtet. Korruption ist in Kolumbiens öffentlichem Sektor ein großes Problem.

Deutsche Anbieter haben gemischte Erfahrungen mit nationalen Ausschreibungen gemacht. Für Mittelständler ist oftmals der bürokratische Aufwand zu hoch, als dass er eine Bewerbung bei einer Ausschreibung rechtfertigt. Vor allem die technischen Formalitäten können kompliziert sein, zudem werden die Ausschreibungen mit Ausnahme großer Aufträge nur auf Spanisch veröffentlicht. Auch können Mittelständler oftmals nicht alleine einen Großauftrag (zum Beispiel Kraftwerksbau) stemmen, sondern eher als Lieferanten für das Gewinnerkonsortium fungieren. Größere deutsche Firmen haben jedoch in der Vergangenheit mit Erfolg an öffentlichen Ausschreibungen in Kolumbien teilgenommen, darunter Siemens im Energiesektor und Ferrostaal im Bereich Abwasser.

Vergaberichtlinien: Weiterführende Links

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Gesetz 80 aus dem Jahr 1993 https://sintesis.colombiacompra.gov.co/sites/default/files/20150406_law80_1993.pdf Regelt öffentliche Ausschreibungen
Weltbank http://bpp.worldbank.org/data/exploreeconomies/colombia/2018#bpp_plc Fragenkatalog bezüglich öffentlicher Ausschreibungen in Kolumbien
Informationen zu geberfinanzierten Projekten und Ausschreibungen in Kolumbien bei Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Projekte-Ausschreibungen/suche.html?formId=208276&searchTerm=&facets%5Bcountry%5D=KOLUMBIEN&facets%5BmCode%5D=&btnQuickSearchContent=Suche

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Kolumbien können Sie unter http://www.gtai.de/kolumbien abrufen.

(E.D.S)

Dieser Artikel ist relevant für:

Kolumbien Ausschreibungsregelungen, Recht der öffentlichen Aufträge, Ausschreibungswesen

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