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17.04.2019

Ölboom in Guyana

Das kleine Land könnte bald pro Einwohner mehr Erdöl fördern als Kuwait und Katar / Von Edwin Schuh

Bogotá (GTAI) - Nach einer Reihe von spektakulären Ölfunden vor der Küste Guyanas seit 2015 steht die ehemalige britische Kolonie vor einem Ölboom. Ab 2020 wird ExxonMobil die Produktion hochfahren.

"Wenn Venezuela die größten Erdölvorkommen weltweit hat, dann liegt vielleicht auch etwas im Nachbarland Guyana" - dachte sich ExxonMobil und begann 2008 in dem einzigen englischsprachigen Land Südamerikas nach Erdölvorkommen zu suchen. 2015 wurde das Risiko belohnt, als das Unternehmen rund 190 Kilometer vor der Küste Guyanas auf das Ölfeld Liza stieß. Laut dem Beratungsunternehmen Wood Mackenzie ist Liza mit den großen Tiefsee-Ölfeldern vor der Küste Brasiliens vergleichbar.

Guyana kann zweitgrößter Ölproduzent Südamerikas werden

Nach Liza entdeckte ExxonMobil noch elf weitere offshore-Lagerstätten, die zusammen auf ein Volumen von 5,5 Milliarden Barrel Öleinheiten (barrel of oil equivalent, boe) kommen. Schon jetzt ist das Explorationsprogramm damit einer der bedeutendsten Funde weltweit seit der Jahrtausendwende und es könnte noch mehr Öl entdeckt werden. Experten halten insgesamt 10 Milliarden boe für realistisch. Laut einer Wood Mackenzie-Studie wird Guyana dadurch "im nächsten Jahrzehnt mit Leichtigkeit viertgrößter Ölproduzent in Lateinamerika und womöglich sogar an Venezuela und Mexiko vorbeiziehen, um den zweiten Platz (hinter Brasilien) zu belegen".

Internationale Konzerne spekulieren auf Guyana

Die bisherigen Ölfunde fanden alle im "Stabroek Block" statt, einer Fläche von 26.800 Quadratkilometern vor der Küste Guyanas. Allerdings konzentrierte sich die bisherige Exploration auch auf dieses Gebiet. Der United States Geological Survey (USGS) bezeichnet Stabroek als die weltweit zweitgrößte, noch unerschlossene Ölquelle. Betreiber von Stabroek ist ExxonMobil, ebenso wie von den angrenzenden, kleineren Blöcken Kaieteur und Canje. Deren Erkundung läuft gerade erst an und wird aller Wahrscheinlichkeit nach weiteres Öl ans Tageslicht bringen.

ExxonMobil kündigte für die Periode 2019 bis 2021 unternehmensweit Investitionen in Exploration von 2,5 Milliarden US-Dollar (US$) jährlich an. Der Großteil davon soll auf Guyana und Brasilien entfallen. Die amerikanische Hess Corporation kooperiert an zwei Blöcken in Guyana mit ExxonMobil und plant Investitionen von 1 Milliarde US$ für die weitere Exploration und den Produktionsstart in Stabroek. "Bis 2025 werden wir unsere Investitionen zu 75 Prozent auf Guyana und die USA (Bakken-Formation) konzentrieren", so Geschäftsführer John Hess bei einer Pressekonferenz.

Erdölblöcke in Guyana
Name Inhaber Ressource/Fläche Stand
Stabroek ExxonMobil (45%, Betreiber), Hess Corporation (30%), CNOOC Limited (25%) Bislang 12 Öllagerstätten entdeckt mit insgesamt 5,5 Mrd. boe; 26.800 qkm Produktionsbeginn im Ölfeld Liza im 1. Quartal 2020; Phase 1: 120.000 bpd; Produktion soll bis 2025 auf 750.000 bpd erhöht werden
Kaieteur ExxonMobil (35%, Betreiber), Ratio Guyana (25%), Cataleya Energy (25%), Hess Corporation (15%) 13.535 qkm Exploration startete 2018
Canje ExxonMobil (35%), Total (35%), JHI (17,5%), Mid-Atlantic Oil & Gas (12,5%) 6.000 qkm k.A.
Kanuku Repsol (37,5%), Tullow Oil (37,5%), Total (25%) 6.525 qkm Exploration startet 2019
Corentyne CGX (66,6%), Frontera Energy (33,3%) 6.212 qkm Exploration startet 2019
Demerara CGX (66,6%), Frontera Energy (33,3%) 3.975 qkm Exploration startet 2019
Orinduik Tullow Oil (60%), Total (25%), Eco Atlantic (15%) 1.800 qkm Exploration startet 2019
Roraima Anadarko (100%) k.A. k.A.

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest

Neben den Amerikanern engagiert sich der französische Konzern Total in Guyana und ist an drei Blöcken beteiligt. Auch Repsol (Spanien) und Tullow Oil (Vereinigtes Königreich) sind aktiv und wollen 2019 mit der Exploration beginnen. Tullow Oil erklärte Guyana zum Fokus seiner Explorationstätigkeit der nächsten drei Jahre. Die kanadische Ölfirma Frontera Energy erwarb eine 33,3-prozentige Beteiligung am Unternehmen CGX und plant 2019 mit der Erkundung der Blöcke Corentyne und Demerara zu starten.

Regierung noch unerfahren im Rohstoffsektor

Das erste Öl soll Anfang 2020 fließen. ExxonMobil will in einer ersten Phase 120.000 Barrel pro Tag (barrel per day, bpd) aus dem Ölfeld Liza pumpen. Verwendet wird dabei eine schwimmende Produktions- und Lagereinheit (Floating Production Storage and Offloading Unit, FPSO), wie weltweit bei der offshore-Ölgewinnung üblich. Danach will ExxonMobil die Produktion in Liza und anderen Ölfeldern ausweiten und 2025 rund 750.000 bpd in Guyana fördern. Zum Vergleich: Die gesamte Ölproduktion Brasiliens lag im Februar 2019 bei 2,5 Millionen bpd.

Laut Wood Mackenzie ist das Produktionsziel von ExxonMobil optimistisch, aber nicht unerreichbar. Schwierigkeiten könnte eine überforderte und Rohstoff-unerfahrene lokale Regierung bereiten, so das Beratungsinstitut. Bislang habe Guyana etwa keine Mindestanforderungen für lokale Wertschöpfung ("local content requirements"), was Ausrüstung und Material für die Tiefseebohrungen angeht, weshalb diese frei importiert werden können. Falls sich Guyana dazu entscheidet, derartige Regelungen einzuführen, könnte sich der Aufbau des Ölsektors verzögern, so Wood Mackenzie.

Guyana wird starkes Wachstum prognostiziert

Außer ExxonMobil (in Kooperation mit Hess Corporation und der China National Offshore Oil Corporation) haben noch keine Unternehmen konkrete Produktionspläne vorgelegt. Allerdings läuft die Erkundung des Guyana-Beckens gerade erst an. Das Energieberatungsunternehmen Westwood prognostiziert mittelfristig eine Erdölproduktion von mindestens 1 Millionen bpd. Da Guyana nur 800.000 Einwohner hat, würde der Kleinstaat damit an die Spitze der Erdölförderung pro Kopf schießen, vorbei an Kuwait und Katar.

Ganz gleich, wie viel Erdöl Guyana letztendlich produzieren wird - der Wirtschaft des Landes stehen große Umbrüche bevor. Der Internationale Währungsfonds IWF prognostiziert für 2020 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 29,6 Prozent, die höchste Rate weltweit. Zwischen 2018 und 2024 soll das BIP insgesamt um 136,9 Prozent steigen. Allerdings muss man sich dabei die nur sehr geringe Größe des Marktes (BIP 2018: 3,6 Milliarden US$) vor Augen halten.

Gleichzeitig zeigt das Nachbarland Venezuela, das trotz riesiger Erdölvorkommen wegen einer verfehlten Wirtschaftspolitik derzeit in einer tiefen Rezession steckt (BIP-Prognose 2019: -25 Prozent), welchen Weg Guyana zukünftig nicht gehen sollte.

Neue Geschäftschancen aufgrund des Ölbooms

Auch andere Sektoren werden von dem bevorstehenden Ölboom profitieren. Der Regierung steht dank Förderabgaben der Erdölunternehmen ein enormer Reichtum bevor. Die Gelder sollen neben dem Aufbau eines Staatsfonds (Beispiel Norwegen) auch in die Verbesserung der Infrastruktur, des Gesundheitssystems und der Energieversorgung fließen. Für deutsche Unternehmen ergeben sich dadurch interessante Geschäftschancen, nicht nur im Erdölsektor. Eine Erschließung Guyanas empfiehlt sich von den USA oder Panama aus (direkte Flugverbindungen nach New York, Miami und Panama City), auch Kolumbien kommt in Frage. Da die offizielle Amtssprache Englisch ist, vereinfacht sich die Kommunikation.

Angesichts der großen Veränderungen hat die USA im August 2018 eine Handelskammer in Guyana eröffnet (AmCham Guyana). An der Gründung der Handelskammer waren unter anderem die Unternehmen ExxonMobil, Hess Corporation, Baker Hughes und Marriott beteiligt.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Kolumbien sind unter http://www.gtai.de/kolumbien abrufbar.

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