Suche

10.12.2018

Ohne Rentabilität kein neues Geld für kenianische Eisenbahn

Kenia rangiert sich selbst auf das Abstellgleis / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Die Chinesen machen bei der kenianischen Eisenbahnfinanzierung einen Rückzieher. Nun soll in ein anderes Projekt Geld fließen - Pläne dafür gibt es schon.

China hat angesichts der massiven Verschuldung Kenias kalte Füße bekommen und erst einmal die Notbremse beim weiteren Eisenbahnausbau gezogen. Eigentlich wollte der kenianische Präsident Uhuru Kenyatta beim Forum on China-Africa Cooporation im September 2018 ein 3,8-Milliarden-US-Dollar-Paket über die Finanzierung einer weiteren Ausbaustrecke von Naivasha nach Kisumu unterzeichnen. Doch China sagte im letzten Moment - ein Affront.

Ohne Rentabilitätsnachweis keine neuen Kredite

Stattdessen wurde dem Präsidenten beschieden, er solle seine Hausaufgaben machen und nachrechnen, ob sich ein weiterer Streckenabschnitt lohnen würde. Dabei hatte sich das Debakel schon abgezeichnet, als die China-Exim-Bank eine bewilligte Auszahlung von 320 Millionen US-Dollar (US$) für die im Bau befindliche Strecke von Nairobi nach Naivasha gestoppt hatte. Daraufhin sah sich der kenianische Finanzmister im April 2018 im Rahmen eines Nachtragshaushalts gezwungen, die Eisenbahnausgaben um 420 Millionen US$ zu reduzieren. Warum China die Auszahlung stoppte und wofür die Gelder nun fehlen, wurde nicht öffentlich bekannt.

Die Strecke von Nairobi nach Naivasha kostet der Planung zufolge 1,5 Milliarden US$. Weitgehend fertiggestellt sind: eine umstrittene Trasse durch den Nairobi-Tierpark und eine weitere beim Mount Suswa, ein Tunnel entlang der Ngong-Berge sowie erste Bahnhöfe. In den Vororten der Hauptstadt hingegen verzögert sich der Bau aufgrund ungeklärter Eigentums- beziehungsweise Entschädigungsfragen. Obwohl in offiziellen Verlautbarungen immer von Naivasha die Rede ist, kommt die Bahn tatsächlich noch nicht einmal in die Nähe der Stadt. Die kenianische Presse schweigt sich hierzu aus und benennt auch nicht den Endpunkt der Ausbaustrecke.

"Alle unsere Papiere waren unterschriftsreif", berichtet der kenianische Kabinettssekretär für Transport, James Macharia, "jetzt sollen wir aber erst eine Durchführbarkeitsstudie machen, die belegen soll, dass sich nicht nur der Streckenabschnitt Naivasha-Kisumu kommerziell rechnet, sondern gleich die ganze Strecke von Mombasa nach Kisumu." In ersten kenianischen Pressereaktionen herrschte daraufhin Ratlosigkeit: Alle Verträge waren ausverhandelt, chinesische Auftragnehmer benannt, es musste nur noch unterschrieben werden. Und bislang waren Fragen nach der kommerziellen Sinnhaftigkeit der Strecke immer abgebügelt worden.

Frachtmanagement bislang überfordert

Sollte Kenia nun tatsächlich in einer Studie nachweisen müssen, dass sich die Eisenbahn rechnet, könnte es schwierig werden. Kenia hat nach Ansicht von Beobachtern bereits zu viel bezahlt - die Rede ist von zweieinhalb bis dreimal so viel. Selbst die Weltbank hatte seinerzeit abgewinkt, weil Kenia bereits über eine Bahn verfüge, die man kostengünstiger hätte rehabilitieren können. Außerdem hapert es seit Inbetriebnahme der Strecke von Mombasa nach Nairobi an professionellem Management. Deshalb setzen viele Frachtgesellschaften trotz Schlaglöchern und Behinderungen durch korrupte Beamte weiterhin auf die Straße.

Möglicherweise verfolgt China einen anderen Plan: Im Rift-Valley soll ein Industriepark entstehen, auch von Gewächshäusern für Gartenbauprodukte ist die Rede. Ungenutztes Land gibt es im Überfluss, der Naivashasee könnte Wasser liefern, die nahegelegenen Geothermie-Kraftwerke Strom und die Eisenbahn würde die infrastrukturelle Anbindung an den Seehafen Mombasa garantieren.

Sonderkonditionen für chinesische Investoren?

Kenia würde solchen Plänen zweifellos zustimmen, der Knackpunkt wäre derweil ein anderer: Die regulativen Rahmenbedingungen wie Verwaltung, Arbeitsgesetze und zunehmende Beschränkungen bei Arbeitsgenehmigungen für Ausländer stehen einer Industrialisierung des Landes zunehmend im Wege. Damit sich ein Industriepark lohnt, müsste Kenia umsteuern und/oder dem Industriepark Sonderrechte zubilligen. Das dies möglich ist, hat Kenia seinerzeit beim chinesischen Bau der Nairobi-Thika-Schnellstraße gezeigt, als sich die Chinesen über bestehende Vorschriften hinwegsetzen konnten. Die nun aufgeschobene Finanzierung für das Aushängeschild des amtierenden kenianischen Präsidenten ist zweifellos ein gutes Druckmittel.

Während Kenia erst einmal als Verlierer dasteht, freut sich das rivalisierende Tansania: Wird der Bahnausbau nicht nach Kisumu fortgeführt, dann rückt auch der Ausbau des Hafens von Kisumu, mit dem Kenia die Anrainerstaaten des Viktoriasees mit Waren versorgen wollte, in weite Ferne. Dagegen würde sich die Erweiterung der tansanischen Bahn, die ebenfalls an den Viktoriasee und später nach Ruanda, Burundi, Uganda und in die Demokratische Republik Kongo führen soll, wieder rechnen.

Tansania könnte zudem seinen Hafen in Dar es Salaam vergrößern und das Projekt eines neuen Megahafens in Bagamoyo auf die Tagesordnung setzen. Tansania und Uganda scheinen kooperieren zu können - Kenia hingegen kommt mit beiden nicht zurecht. Nicht zuletzt, weil Uganda seine Rohölpipeline nicht wie ursprünglich vereinbart durch Kenia, sondern nunmehr durch Tansania bauen will.

Verschuldung der ostafrikanischen Kernstaaten Kenia, Äthiopien, Tansania und Uganda (Prognose)
2018 2019 Veränderung in %
Kenia
Öffentl. Schulden in % des BIP 59,7 59,5
Ausl. Schulden in Mrd. US$ 34,50 39,30 13,9
Ausl. Schuldendienst in Mrd. US$ 1,90 3,14 65,3
Äthiopien
Öffentl. Schulden in % des BIP 60,6 59,0
Ausl. Schulden in Mrd. US$ 28,58 31,92 11,7
Ausl. Schuldendienst in Mrd. US$ 1,29 1,51 17,0
Tansania
Öffentl. Schulden in % des BIP 37,3 38,8
Ausl. Schulden in Mrd. US$ 19,21 20,63 7,4
Ausl. Schuldendienst in Mrd. US$ 0,82 0,87 6,1
Uganda
Öffentl. Schulden in % des BIP 40,2 42,5
Ausl. Schulden in Mrd. US$ 12,86 14,13 9,9
Ausl. Schuldendienst in Mrd. US$ 0,45 0,58 28,9

Quelle: Economist Intelligence Unit

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Kenia können Sie unter http://www.gtai.de/kenia abrufen. Unter http://www.gtai.de/afrika erhalten Sie weitere Informationen zum Land Ihrer Wahl in Afrika.

Dieser Artikel ist relevant für:

Kenia Wirtschaftslage, -entwicklung, allgemein, Eisenbahnbau, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen

Funktionen

Kontakt

Katrin Weiper

‎+49 228 24 993 284

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche