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06.12.2016

Organische Lebensmittel sind in Brasilien immer beliebter

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Konsum wächst zweistellig trotz Wirtschaftskrise / Von Edwin Schuh

São Paulo (GTAI) - Brasilien ist einer der größten Produzenten von organischen Lebensmitteln weltweit. Aufgrund der Biodiversität des Landes gibt es eine breite Palette innovativer Produkte, die stärker auf dem deutschen Markt platziert werden könnten. Brasiliens Repertoire reicht von Standardprodukten wie organischem Zucker, Bananen und Kaffee bis hin zu Superfruits wie Açai oder Guaraná. Die ökologische Landwirtschaft dürfte wegen steigender Konsumentennachfrage an Bedeutung gewinnen. (Internetadressen)

Brasiliens Agrarsektor gehört zur Weltspitze, unter anderem bei der Produktion von Soja, Fleisch, Orangensaft, Mais, Zucker und Kaffee. Dabei setzt das Land großflächig und unbesorgt Chemikalien und Gentechnik ein. Da der Trend mittelfristig jedoch hin zu einer natürlicheren Ernährung geht, expandieren organische Lebensmittel. "Die Verkäufe von Bio-Produkten blieben von der Wirtschaftskrise unbeeindruckt und nahmen 2016 um 20% zu" sagt Ming Liu, Leiter vom staatlichen Förderprogramm Organics Brasil. Damit erreichte der Sektor Schätzungen zufolge einen Umsatz von 3 Mrd. brasilianischen Reais (R$; etwa 882 Mio. US$; 1 US$ = rund 3,4 R$). Für die nächsten Jahre erwartet Liu ebenfalls ein Wachstum von 20 bis 30% jährlich.

Exporte sind wichtiges Standbein

Die Ausfuhren von Bio-Produkten vervielfachten sich in den letzten Jahren und legten zwischen 2005 und 2016 von 9,5 Mio. auf rund 184 Mio. US$ zu. Im Jahr 2016 wurden sie vom schwachen Real angetrieben und stiegen um 15%. Exportiert werden vor allem organischer Rohzucker, Palmöl, Cashew-Nüsse, Fruchtsäfte, Honig, Mate-Blätter, Kaffee, Kakao, Soja, Trockenfrüchte und "Superfruits" aus dem Amazonas wie Açai, Acerola, Cupuaçu oder Guaraná. Hauptabsatzmärkte sind die USA, Deutschland und Frankreich, zunehmend auch China. Die Importe von organischen Lebensmitteln werden auf 60 Mio. US$ jährlich geschätzt.

Nach Auskunft von Organics Brasil verkaufen die Unternehmen Agropalma (Palmöl), Native, Jalles Machado (beide Zucker), MN Própolis (Honig), Triunfo (Mate-Tee), Usibras (Cashew-Nüsse) und Toca (Fruchtmark) bereits nach Deutschland. Andere Firmen suchen noch nach deutschen Partnern. Das Förderprogramm Organics Brasil unterstützt den Sektor bei der Erschließung von Auslandsmärkten und vereint inzwischen 77 Branchenunternehmen (siehe http://www.organicsbrazil.org/en/empresas-associadas-e-produtos). Seit 2005 organisiert Organics Brasil jährlich einen brasilianischen Gemeinschaftsstand auf der Biofach in Nürnberg.

Anzahl der Produzenten nimmt schnell zu

Die Zahl von Bio-Produzenten stieg in den letzten Jahren sprunghaft an. Derzeit gibt es über 14.000 registrierte Produzenten von organischen Lebensmitteln, 40% mehr als noch 2014 (eine Liste aller Produzenten ist unter http://www.agricultura.gov.br/desenvolvimento-sustentavel/organicos verfügbar). Bis 2019 soll die Anzahl auf 30.000 wachsen. Die meisten Produzenten finden sich in den südlichen Bundesstaaten Paraná, São Paulo und Rio Grande do Sul, wo vor allem Gemüse, Reis und Zucker produziert werden. Im Norden und Nordosten werden organisches Obst und Nüsse angebaut. In der Weiterverarbeitung von organischen Lebensmitteln sind rund 1.000 Unternehmen tätig. Die Pioniere haben ihr Angebot deutlich ausgebaut und junge Firmen warten mit frischen Ideen auf, wie etwa schnellgefrorene Bio-Fertiggerichte.

Die Marktstruktur ist geprägt von vielen kleinen und mittelgroßen Unternehmen, nur wenige erwirtschaften einen Umsatz im zweistelligen US$-Millionenbereich. Zu den größten Bio-Herstellern zählt das Traditionsunternehmen Native, welches bereits 1986 mit der Produktion von organischem Zucker aus Zuckerrohr begann. Inzwischen ist das Unternehmen zum weltweit größten Hersteller aufgestiegen, mit einer jährlichen Produktion von 300.000 t organischem Zucker. Das Sortiment umfasst neben Zucker auch 70 weitere Produkte von Fruchtsäften bis Müsli und wird in 60 Länder exportiert.

Wichtige Produzenten von organischen Lebensmitteln in Brasilien
Unternehmen Hauptprodukte Umsatz in Mio. US$ (Jahr) Sitz Internet
Native Zucker, Saft, Kaffee 84,3 (2014) Sertãozinho (SP) http://www.nativealimentos.com.br
Jasmine Snacks, Amaranth, Quinoa 63,8 (2014) Curitiba (PR) http://www.jasminealimentos.com
Korin Hühnerfleisch 32,4 (2015) Ipeúna (SP) http://www.korin.com.br
Mãe Terra Backmischungen, Snacks 27,0 (2015) Osasco (SP) http://www.maeterra.com.br
Fazenda da Toca Fruchtsäfte, Eier, Tomatenmark 18,0 (2015) Itirapina (SP) http://www.fazendadatoca.com
Bio2 Organic Saft, Snacks, Nahrungsmittelergänzung 9,0 (2015) Dobrada (SP) http://www.bio2organic.com.br

Quelle: GTAI-Recherche

Die Firma Belalaçá aus dem Bundesstaat Pará ist weltgrößter Exporteur von Açai-Beeren, denen ein besonders hoher Gehalt an Antioxidantien nachgesagt wird. Im Jahr 2003 gegründet, legte das Unternehmen seinen Fokus früh auf ausländische Märkte. Die erste Lieferung ging 2006 nach Nordamerika. "Wir sahen den internationalen Markt als eine Chance, da in Brasilien schon viel Konkurrenz war. Der schwierigste Teil unserer Arbeit war, unser Produkt im Ausland zertifizieren zu lassen", so Geschäftsführer Rafael Ferreira. Belalaçá liefert das Produkt heute in 24 Länder, die größten Abnehmer sind die USA (60% der Exporte) und Australien (15%), gefolgt von europäischen Ländern, Kanada, Israel und Japan.

Organische tierische Produkte sind in Brasilien noch limitiert, Bio-Geflügelfleisch und Eier verzeichnen jedoch eine zunehmende Produktion. Hier ist das Unternehmen Korin führend, welches im Jahr 14.000 t organisches Hühnerfleisch ohne Antibiotika und Hormone herstellt. Mit fünf eigenen Geschäften sammelt das Unternehmen inzwischen auch Einzelhandelserfahrung. Der größte Teil der Erzeugnisse geht jedoch an den klassischen Lebensmittelhandel, den Naturkosthandel und an die Gastronomie, so auch an zwei Restaurants von Fernsehkoch Jamie Oliver in São Paulo. Im November 2016 exportierte Korin zum ersten Mal Bio-Hühnerfleisch, die Lieferung von 8 t ging nach Hongkong. Zukünftig sollen 10% der Gesamtproduktion ins Ausland gehen.

Supermärkte erweitern Angebot

Rund zwei Drittel der Verkäufe von organischen Lebensmitteln laufen über die traditionellen Einzelhändler, die ihr Sortiment ausgeweitet haben. Das restliche Drittel wird in Spezialgeschäften, Online-Shops und auf Wochenmärkten verkauft. Unter den Lebensmitteleinzelhändlern bietet Pão de Açúcar die größte Auswahl mit inzwischen rund 850 organischen Produkten, darunter 260 seiner Eigenmarke Taeq. Der Umsatz von Pão de Açúcar mit Bio-Produkten liegt bei rund 75 Mio. US$ jährlich. Walmart wächst bei seiner Marke Sentir Bem (Kleingebäck, Müsli, Öl usw.) pro Jahr nach eigenen Angaben um 30%. Auch Carrefour bietet rund 200 Produkte, darunter 115 seiner Linie Viver, wobei Tomaten, Möhren und Salat am populärsten sind.

Bei den Spezialgeschäften ist die Kette Mundo Verde führend, welche vergleichbar mit dem deutschen Reformhaus ist. Sie besitzt 380 Läden in ganz Brasilien und ein Sortiment von 30.000 Produkten, die zu 75% von KMU stammen. Im Jahr 2014 erzielte Mundo Verde einen Umsatz von 139 Mio. US$, die Prognose bis 2018 ist ein jährliches Wachstum von 20%.

Das Online-Geschäft ist von zahlreichen neuen Start-ups geprägt, die sich auf São Paulo und Rio de Janeiro konzentrieren und mit Lieferservice innerhalb von 24 bis 48 Stunden punkten. Führend sind hier die Unternehmen Organomix (5.000 Produkte), Horta da Vovó und Ecobio. Die deutsche nu3-Gruppe investierte 2013 in den brasilianischen Online-Shop Natue. Deren innovatives Verkaufskonzept - ein Monatsabonnement für eine Box mit acht organischen Produkten für 90 R$ - kommt bei den Kunden gut an. Großer Beliebtheit erfreuen sich die Wochenmärkte für organische Lebensmittel (Feiras de Orgânicos), von denen es aktuell 641 in allen mittelgroßen und großen Städten gibt. Eine Karte mit den Märkten findet sich unter http://www.feirasorganicas.idec.org.br.

Organische Lebensmittel werden Mainstream

Rund 2,5% der brasilianischen Bevölkerung werden als Konsumenten von organischen Produkten eingestuft, während die Hälfte noch nichts mit dem Begriff anfangen kann. Vor allem die gehobene Mittel- und Oberschicht setzt sich mit dem Thema Ernährung auseinander und kann sich das Preispremium leisten. "Organische Lebensmittel entwickeln sich auch in Brasilien vom Nischenprodukt zum Mainstream", sagt Ming Liu. Wichtige Kaufargumente sind Gluten- und Laktose-Unverträglichkeit, die Vermeidung von Zucker und Fetten, der Wunsch, Pestizide und Gentechnik zu umgehen sowie ein gesunder und aktiver Lebensstil.

Organische Produkte sind im Schnitt 30% teurer als herkömmliche Produkte. Die Preise sind jedoch in den letzten Jahren dank verbesserter Produktionsmethoden gesunken. Einige Hersteller setzen sich das Limit, maximal 30% teurer als die nicht-organische Konkurrenz zu sein. Außerhalb von São Paulo, Rio de Janeiro und der Bio-Hochburg Curitiba mangelt es allerdings noch an zertifizierten Lieferanten. Hemmnisse für die Entwicklung sind auch die noch suboptimal organisierte Distribution und die saisonal schlechte Verfügbarkeit wichtiger Produkte. Eine weitere Herausforderung für die Produzenten ist die umweltgerechte Verpackung der Produkte und eine schnelle Distribution von Produkten mit begrenzter Haltbarkeit, wie zum Beispiel Jogurt.

Brasilien hat kein Äquivalenzabkommen für Bio-Produkte

Gemäß brasilianischer Bio-Gesetzgebung müssen Produkte zu 95% aus organischen Inhalten bestehen, um als organisches Produkt zu gelten. Es sind vier internationale Bio-Zertifikate anerkannt: Ecocert, Organización Internacional Agropecuaria (OIA), Institute for Marketecology (IMO) und IBD Certifications. Daneben die drei nationalen Bio-Zertifikate Instituto Mineiro de Agropecuária (IMA), Instituto Nacional de Tecnologia (INT) und Instituto de Tecnologia do Paraná (Tecpar). Erhält ein Produkt eines dieser Bio-Zertifikate, wird es außerdem mit dem staatlichen Label "Produto Orgânico Brasil" markiert, welches seit 2011 existiert und von den Kunden immer stärker wahrgenommen wird.

Brasilien hat bislang kein Äquivalenzabkommen für Bio-Produkte mit anderen Staaten abgeschlossen. Vor dem Import eines organischen Produkts muss dieses somit auch in Brasilien nach brasilianischen Standards zertifiziert werden. Für den Verkauf auf ausländischen Märkten werden international anerkannte Zertifikate benötigt, deren Ausstellung teuer ist. Die Exporte beschränken sich daher häufig auf Basisprodukte wie Zucker, Kaffee, Soja, Reis und Fruchtsäfte, vor allem als Bulkware. Nach Aussage von Ming Liu plant Brasilien vorerst nicht, Äquivalenzabkommen abzuschließen.

Internetadressen

Organics Brasil (Exportförderagentur)

Herr Ming Liu

Tel.: +55 41/3362 0200

Email: mingliu@organicsbrasil.org, Internet: http://www.organicsbrazil.org

Ministerio da Agricultura (Landwirtschaftsministerium)

Internet: http://www.agricultura.gov.br

C.I. Orgânicos (Marktinformationen)

Internet: http://www.ciorganicos.com.br

Associação de Agricultura Organica (Verband der organischen Landwirte)

Internet: http://aao.org.br/aao/index.php

Bio Brazil / Biofach America Latina (in Kooperation mit NürnbergMesse)

Datum: 7.-10.6.17

Internet: http://www.biobrazilfair.com.br, http://www.biofach-americalatina.com.br

Naturaltech (Messe für Functional Food)

Datum: 7.-10.6.17

Internet: http://www.naturaltech.com.br

(E.D.S.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Brasilien Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Pflanzenproduktion, Tierproduktion, Einzelhandel, Getränke, Nahrungsmittel

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Lennart Claßen

‎+49 228 24 993 311

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