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06.10.2016

Ostafrikas Öl- und Gassektor ist in Bewegung

Tansania treibt LNG-Projekt voran / Uganda setzt auf gemeinsame Ölförderung mit der DR Kongo / Kenia sieht sich an der Spitze / Von Martin Böll

Nairobi (GTAI) - Tansania will noch vor dem konkurrierenden Mosambik Erdgas exportieren, während Uganda und Kenia auf Biegen und Brechen ihre Ölvorkommen versilbern wollen. Alle drei Staaten erhoffen sich hohe Dollarzuflüsse - Geld, das sie dringend brauchen. Fortschritte sind nicht zuletzt für die beteiligten Staatsführer wichtig: in Kenia sind Mitte nächsten Jahres Wahlen, der ugandische Präsident braucht dringend Erfolge und in Tansania möchte John Magufuli seinen Ruf als Macher festigen.

Mitte August 2016 ist binnen nur weniger Tage Bewegung in den ostafrikanischen Öl- und Gassektor gekommen - als hätten sich die Akteure gegenseitig in Zugzwang gesetzt: In Tansania ordnete Präsident John Magufuli an, die Erdgassuche mit äußerster Priorität voranzutreiben. In Kenia kündigte sein Counterpart Uhuru Kenyatta an, die ersten Barrel Rohöl zu fördern und vermarkten zu wollen. Der ugandische Präsident Yoweri Museveni soll derweil seinen Kollegen in der Demokratischen Republik Kongo (DRC), Joseph Kabila, ermuntert haben, bei der geplanten Rohölpipeline von Uganda nach Tansania mitzumachen und sich damit eine Alternative für den Ölexport zu schaffen. Dabei denken Museveni und Magufuli auch an die Öl- und Gasvorkommen im Lake Tanganyika, den sich die Anrainer Tansania zu 46% und die DRC zu 40% teilen. Der Rest gehört Burundi und Sambia.

Tansanisches Gasprojekt könnte regional alles in den Schatten stellen

Die mit Abstand ambitioniertesten Pläne verfolgt Tansania, das seine enormen Gasvorkommen (letzte Schätzung: 57 Trillionen Kubikfuß) zu Geld machen möchte. Im Küstenort Lindi ist eine Gasverflüssigungsanlage (two train LNG terminal) geplant. Hinzu kommen Förderanlagen, Pipelines und anderes mehr, was am Schluss bis zu 30 Mrd. US$ kosten könnte - eine für das arme Land kaum vorstellbare Größenordnung. Hinter dem Projekt stehen die Ölmultis Shell, Statoil, Exxon Mobil und Ophir Energy, die das Vorhaben in Zusammenarbeit mit der lokalen Staatsgesellschaft Tazania Petroleum Development verwirklichen wollen, eine endgültige Investitionsentscheidung aber noch nicht getroffen haben. Nach Ansicht von Beobachtern gibt es diesbezüglich drei Themenkomplexe:

- Die Bedingungen vor Ort: Gesetze und Vorschriften müssen stimmen, Land muss zur Verfügung stehen.

- Die Entwicklung in Mosambik: Der Nachbar im Süden verfolgt eigene Pläne und es erscheint zweifelhaft, ob der Weltmarkt zwei große Erdgasproduzenten an der afrikanischen Ostküste akkommodieren kann.

- Die Gewinnerwartungen: Die internationalen Gaspreise sind im Keller. Wer mit neuen Mengen auf den Markt will, muss sich zeitig Gedanken über Abnehmer machen.

Tansanias Ansehen steigt und überflügelt Mosambik

Sah es lange so aus, als ob sich Mosambik als der dynamischere und verlässlichere Partner empfehlen könnte, hat sich das Blatt offensichtlich gewendet. Tansanias neuer Präsident präsentiert sich als Macher und hat erst einmal seine zuständigen Beamten in aller Öffentlichkeit zusammengestaucht und angewiesen, die Landakquise und anderer vorbereiteten Arbeiten voranzutreiben. Die trotz des im letzten Jahr verabschiedeten neuen Petroleum Act verbliebenen juristischen Fragen sollen schnellst möglichst geklärt werden. Und dann konnte Magufuli einen vielbeachteten Coup landen, als er Kenia im Frühjahr die ugandische Ölpipeline wegschnappte. Die 4 Mrd. $ teure, beheizte Rohölleitung sollte ursprünglich von Uganda zum kenianischen Hafenort Lamu gebaut werden, wird nun aber durch Tansania zur Küste führen.

Mit seinem Ruf und der zur Eile getriebenen Bürokratie will Magufuli nun bei Investoren punkten, zumal das Ansehen der mosambikanischen Regierung aktuell unter anderem wegen der untragbaren Verschuldung, versteckten Geldern und einem Stopp für Hilfsgelder als stark angeschlagen gilt. Das letzte Wort liegt allerdings bei den Investoren und ihren Geldgebern, die entscheiden müssen, ob der erwartete Ertrag das Risiko übersteigt. Fällt diese Einschätzung bald und positiv aus, würde es 40 Monate dauern, das Projekt zu entwickeln. Tansania könnte dann vielleicht, so optimistische Erwartungen, Mitte 2020 mit der Erdgasförderung und 2022 mit dem Export beginnen. Die Lebenserwartung des Vorhabens wird auf 40 Jahre veranschlagt. Für Tansania begänne ein neues Zeitalter.

Uganda wartet auf die Pipeline

Nach der Entscheidung, seine Ölexportpipeline durch Tansania statt, wie zuvor vereinbart, durch Kenia zu legen, bleibt Uganda derzeit nichts anderes übrig als abzuwarten und darauf zu hoffen, dass es die beteiligten Ölfirmen genauso eilig haben wie das Land selbst. Beobachter unterstellen den Ölfirmen Total, Tullow Oil und der China National Offshore Oil Corp. zwar ein großes Interesse, ihre bisherigen Investitionen wieder hereinzubekommen, verweisen gleichzeitig aber auf die großen Herausforderungen des Projektes, weil das zu transportierende Öl eine wachsähnliche Konsistenz hat und durch Erhitzung flüssig gehalten werden muss. Technisch gilt das als machbar, wurde auf einer so langen Strecke (1.400 km) aber noch nie ausprobiert. Eine unterbrechungsfreie Stromversorgung müsste ebenso gewährleistet sein, wie eine sichere Streckenführung.

Schon 2010 hatte Uganda kommerziell verwertbare Ölfelder gefunden (nach letztem Stand 6,5 Mrd. Barrel), sich dann aber viel Zeit gelassen, um über die Verwendung nachzudenken. Jetzt soll auf einmal alles schnell gehen und 2020 mit der Förderung begonnen werden - eine ambitionierte Zeitplanung und ein 8 Mrd. $ teures Unterfangen. In diesem Zusammenhang ist auch der diplomatische Vorstoß Musevenis zu sehen, seinen Amtskollegen Kabila zu einer Zusammenarbeit zu ermuntern. Eine Kooperation würde ökonomisch Sinn machen, sagen Beobachter.

Kenia will erster Ölförderer der Region sein

Geht alles so, wie die kenianische Regierung es will, dann wird die in London gelistete Tullow im März 2017 am kenianischen Turkana-See das erste ostafrikanische Rohöl fördern. Nachgewiesene Reserven von 750 Mio. Barrel und ein aktueller Rohölpreis von etwa 50 $ beflügeln bereits die Fantasie der politischen Elite Kenias. In einer Anfangsphase will Tullow am Tag 2.000 Barrel fördern und einlagern. Im Juni 2017 soll dann mit dem Export begonnen werden.

Präsident Kenyatta, bereits im Wahlkampfmodus, sieht Kenia schon an der Spitze des neuen ostafrikanischen Erdölzeitalters: "Wir haben die Richtung vorgegeben und werden bis 2019 ein Haupterdölproduzent und -exporteur werden". Mit dem Geld soll die kenianische Ökonomie beflügelt und die aus dem Ruder gelaufene öffentliche Verschuldung von 30 Mrd. $ abgebaut werden. Nach Ansicht von Andrew Kamau, Petroleum Principel Secretary, rechnet sich die kenianische Ölförderung bei internationalen Ölpreisen von mehr als 34 $/Barrel.

Mehr Schein als Sein

Unabhängige Beobachter winken derweil ab: Der kenianische Präsident sei von der Entscheidung seines ugandischen Kollegen blamiert worden und wolle nun in der Öffentlichkeit sein Image wieder aufpolieren. Relativ kleine Ölmengen des auch in Kenia ständig warm zu haltenden Öls sollen mit Hilfe von beheizbaren Tanklastwagen von den Fördergebieten nach Eldoret und dann per Bahn nach Mombasa und auf Tankschiffe gebracht werden.

Unter dem Strich, so Experten, dürfte Kenia damit aber kein Geld verdienen, sondern noch etwas drauf legen müssen. Ein sinnvoller Export des kenianischen Öls sei nur mit Hilfe einer Pipeline möglich. Tullow Oil, African Oil und Maersk Companies haben zwar bereits ein entsprechendes Joint Development Agreement geschlossen, bis zum Bau und zur Fertigstellung einer Pipeline aber wird wohl noch einige Zeit vergehen, zumal die zu erwartenden Transportkosten für das kenianische Öl durch den Absprung Ugandas von 7,70 $/Barrel auf mindestens 13,00 $ steigen dürften, wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG ausgerechnet hat.

(M.B.)

Dieser Artikel ist relevant für:

Kenia, Tansania, Uganda, Ostafrika Maschinen- und Anlagenbau, allgemein, Produktionsanlagen für Chemie, Petrochemie und Pharmazie, Pipelinebau, etc., Öl, Gas, Petrochemie

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