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09.04.2019

Palästinensische Arbeitskräfte entlasten defizitäre Leistungsbilanz

Unverändert hoher Importüberschuss / Von Wladimir Struminski

Jerusalem (GTAI) - Trotz leichter Zunahme der palästinensischen Exporte und geringeren Importen, hat sich am Handelsbilanzdefizit wenig getan. Arbeit in Israel sorgt zum Teil für Entlastung.

Im Jahr 2018 nahmen die palästinensischen Warenexporte in laufenden Dollarpreisen um 3,1 Prozent zu. Demgegenüber wurde bei der Wareneinfuhr ein Rückgang um 2,4 Prozent verzeichnet. Das geht aus vorläufigen Außenhandelsangaben des Palästinensischen Zentralamts für Statistik (Palestinian Central Bureau of Statistics - PCBS) hervor.

An dem erdrückenden Handelsbilanzdefizit haben diese Veränderungen der Handelsströme jedoch kaum etwas geändert. Zwar ging der Importüberschuss um 3,6 Prozent zurück, doch blieb der Deckungsgrad der Importe durch Exporte mit 19,2 Prozent niedrig.

Palästinensischer Außenhandel 2014 bis 2018 (Mio. US$)
Jahr Exporte Importe Deckungsgrad der Importe durch Exporte in % 1)
2014 944 5.683 16,6
2015 958 5.226 18,3
2016 927 5.364 17,3
2017 1.065 5.854 18,2
2018 2) 1.098 5.716 19,2

1) Berechnet nach Angaben des Palästinensischen Zentralamts für Statistik; 2) Vorläufige Angaben

Quelle: Palästinensisches Zentralamt für Statistik

Abhängigkeit von Israel nimmt nicht ab

Israel blieb das mit großem Abstand wichtigste Abnehmerland der palästinensischen Exporteure, deren Ausfuhr 2018 mit 963 Millionen US-Dollar (US$) zu 87,7 Prozent auf israelische Käufer entfiel. Die Ausfuhr in alle anderen Länder war mit 135 Millionen US$ nicht nur gering, sondern ging auch gegenüber dem Vorjahr um 27,4 Prozent zurück.

Solche Zahlen spiegeln die ungenügend entwickelte Export-Infrastruktur der palästinensischen Wirtschaft wider, die Exporte auf internationale Märkte enorm erschwert. Dadurch wird der Verkauf ins benachbarte Israel zu einer Art Standardoption.

In Wirklichkeit dürfte der israelische Anteil am palästinensischen Außenhandel in dem einen oder anderen Maße von den offiziell ausgewiesenen Prozentsätzen abweichen, ohne indessen das Gesamtbild zu ändern. So etwa werden nicht alle palästinensischen Warenverkäufe an Israelis erfasst. Das gilt für Einkäufe, die Israelis bei Palästinensern im Westjordanland tätigen, ebenso wie für viele Transaktionen, bei denen die Waren nach Israel geliefert werden.

Auf der anderen Seite greifen palästinensische Industriebetriebe oft auf die Dienste israelischer Exporthändler zurück. Die dabei nach Israel exportierten Waren sind letztendlich nicht für den israelischen Markt bestimmt, was ebenfalls nicht immer separat erfasst wird.

Bei der Einfuhr wiederum kaufen palästinensische Unternehmen Waren aus Übersee häufig bei israelischen Importeuren, so dass nicht alle aus Israel importierten Waren auch aus Israel stammen. Umgekehrt werden israelische Waren nicht selten an palästinensische Kunden verkauft, ohne offiziell erfasst zu werden. Das wird durch die Tatsache erleichtert, dass Israel und die palästinensischen Gebiete ein gemeinsames Zollgebiet bilden.

Palästinensischer Außenhandel mit Israel und anderen Ländern 2016 bis 2018 (Mio. US$)
Handelsrichtung 2016 2017 2018 1)
Exporte nach Israel 771 879 963
Exporte in andere Länder 156 186 135
Israelischer Anteil an den Exporten in % 2) 83,2 82,5 87,7
Importe aus Israel 3.123 3.235 3.308
Importe aus anderen Ländern 2.376 2.619 2.408
Israelischer Anteil an den Importen in % 2) 58,2 55,3 57,9

1) Vorläufige Angaben; 2) Berechnet nach Angaben des Palästinensischen Zentralamts für Statistik

Quelle: Palästinensisches Zentralamt für Statistik

Arbeit wichtigster Exportposten

In der palästinensischen Leistungsbilanz schafft die Ausfuhr von Dienstleistungen einen gewissen Ausgleich für das Handelsbilanzdefizit. Das ist hauptsächlich der Beschäftigung von Palästinensern bei israelischen Arbeitgebern geschuldet.

Nach den jüngsten verfügbaren Angaben verdienten palästinensische Arbeitnehmer 2017 bei israelischen Arbeitgebern 1,9 Milliarden US$. Dieser Betrag entsprach dem 2,2-fachen der Warenexporte nach Israel. Auf Grund der für die ersten neun Monate 2018 vorliegenden Zahlen lässt sich schätzen, dass das Arbeitsentgelt palästinensischer Arbeitnehmer in Israel oder in israelischen Siedlungen 2018 bei rund 2,1 Milliarden US$ lag.

Laut der palästinensischen Arbeitsmarktstatistik waren im 4. Quartal 2018 rund 130.000 Bewohner des Westjordanlandes in Israel oder in israelischen Siedlungen im Westjordanland beschäftigt. Das waren 12,9 Prozent aller, beziehungsweise 17,5 Prozent der im Westjordanland lebenden, palästinensischen Beschäftigten. Bewohner des Gaza-Streifens haben keine Beschäftigungsmöglichkeit in Israel.

Da die Löhne, die palästinensische Beschäftigte bei israelischen Arbeitgebern verdienen, im Durchschnitt höher als die von palästinensischen Arbeitgebern gezahlten sind, ist der Anteil dieser Berufstätigen am Gesamtarbeitsentgelt palästinensischer Arbeitskräfte höher, als ihr Anteil an der Beschäftigtenzahl. Das bedeutet eine erhebliche Entlastung der Arbeitsmarktsituation im Westjordanland ebenso wie in der palästinensischen Leistungsbilanz, behindert aber die langfristige Entwicklung der einheimischen Wirtschaft.

Ungenutztes Exportpotenzial

Der ungenügende Anschluss der palästinensischen Industrie an internationale Märkte ist einer der Gründe für ihre in den letzten Jahren rückläufige Produktionsentwicklung. In dem Jahrfünft 2014 bis 2018 ist die Produktion des verarbeitenden Gewerbes um insgesamt 6,7 Prozent zurückgegangen.

Auch im palästinensischen Dienstleistungssektor besteht ungenutztes Potenzial. Wie eine im Februar 2019 veröffentliche Arbeitsmarktanalyse des PCBS ergab, bestand bei Angehörigen hochqualifizierter Berufe, die erheblich zur Entwicklung der Exportwirtschaft beitragen könnten, hohe Arbeitslosigkeit. Diese Reserven zu aktivieren, wäre ein wichtiger Entwicklungsimpuls für die palästinensische Wirtschaft im Allgemeinen und für den technologieintensiven Sektor im Besonderen.

Arbeitslosenquoten in den palästinensischen Gebieten (ausgewählte Berufe, 4. Quartal 2018
Beruf Arbeitslosenquote in %
Mathematik und Statistik 18,9
Ingenieurswesen 24,7
Biowissenschaften 24,7
Architektur 29,3
Computerwissenschaften 41,8

Quelle: Palästinensisches Zentralamt für Statistik

Dieser Artikel ist relevant für:

Palästinensische Gebiete Verschiedene Dienstleistungen, allgemein, Bilanzen, Arbeitsmarkt / Löhne / Ausbildung, Außenhandel / Struktur, allgemein

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