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03.08.2018

Panama wirbt um regionale Konzernspitzen

Firmen nutzen Privilegien durch Ansiedlungsprogramme sowie Steuer- und Zollvorteile in Freizonen / Von Ulrich Binkert

Panama-Stadt (GTAI) - Das Logistik- und Dienstleistungsschwergewicht Panama will mehr Wertschöpfung ins Land holen. Dafür bietet es mehr als das riesige Warenlager namens Colón Free Zone.

Mit Hilfe des Ansiedelungskonzepts SEM (Ley de Sedes de Empresas Multinacionales) hofft Panama, dass ausländische Konzerne ihre regionalen Verwaltungen für die umliegenden Länder in Panama einrichten. Die großen Logistiker und auch einige Baufirmen führen in dem Land tatsächlich Regional Headquarters (HQ). Jenseits der Schwerpunktbranchen Panamas allerdings ist Bosch mit seinem HQ für Zentralamerika plus Karibik eher eine Ausnahme.

Dienstleistungszentren populär

Unter dem SEM-Regime richten ausländische Firmen eher Shared Service Center (SSC) ein. Diese Dienstleistungszentren machen für andere Konzernteile oder -niederlassungen zum Beispiel die Buchhaltung oder den IT-Service. Dafür erhalten die Unternehmen Vergünstigungen, die für andere Bereiche wie etwa Fertigungsaktivitäten nicht gelten.

Artur Barreiros von Bosch Panama sagt, der SEM-Status gebe ihm vor allem einen direkten Draht ins Handelsministerium, "das läuft dann per Whatsapp." SEM-Unternehmen können unbegrenzt Ausländer beschäftigen, während deren Anteil normalerweise 10 Prozent nicht übersteigen darf. Zudem sind für die SEM-Beschäftigten keine Sozialabgaben zu entrichten, weder durch die Firmen noch durch die Angestellten, die außerdem von der Einkommensteuer befreit sind.

Die Behörden prüfen SEM-Antragsteller auf wirtschaftliche Substanz. Sie hätten aber noch nie eine Firma abgewiesen, sagt Jonathan Díaz, der im Handelsministerium (MICI) mit vier Kollegen für SEM zuständig ist. Derzeit sind 146 Firmen mit etwa 6.000 Beschäftigten als SEM registriert. Die größten sind laut Díaz Procter & Gamble (500 Beschäftigte), Philips (500, davon knapp ein Drittel Ausländer) und Huawei (400).

Auch Freizonen locken in Panama ausländische Unternehmen mit Vergünstigungen. Als wichtigste Zonen nennt die OECD die Freizone Colón und Panamá Pacífico (PP) sowie die City of Knowledge. Unternehmen können die Vorteile von SEM und Freizonen nicht kombinieren. 3M zum Beispiel produziert in Panamá Pacífico unter dem PP-Förderregime und hat daneben, zur Nutzung der SEM-Bedingungen, die Firma 3M Panama HQ als SSC gegründet.

Freizone Panamá Pacífico will auch Industrie

"Panamá Pacífico ist vermutlich die dynamischste Freizone im Land", meint Henry Kardonski, Geschäftsführer der privaten Agentur, die PP im Auftrag der Regierung entwickelt. Die Zone bietet Zoll- und Steuervorteile für Firmen, die Hightech produzieren, in der See- oder Luftfahrtindustrie tätig sind, Logistikdienste erbringen oder SSC einrichten wollen.

PP beherbergt laut Kordonski derzeit 285 Firmen mit etwa 8.000 direkt Beschäftigten, von denen viele auf dem großzügig angelegten Gelände leben. 30 Prozent der Beschäftigung sei der Logistik zuzuordnen, 60 Prozent anderen Dienstleistungen und 10 Prozent der Produktion. BASF betreibt eine Fertigung, Liebherr ein Ersatzteillager; auch MAN Diesel, Lapp Kabel und einige andere deutsche Firmen sind dort ansässig.

Größter Arbeitgeber in Panamá Pacífico ist Dell. Der US-Computerriese deckt von hier aus mit 2.000 Beschäftigen ganz Amerika ab. Davon arbeiten 800 Leute im Callcenter. Die Firma will 2019 laut Betriebsleiterin Alisa Exline weitere 200 Personen einstellen und hat ihren Pachtvertrag gerade um 25 Jahre verlängert. Exline lobt die "hervorragende Infrastruktur" des Parks sowohl für die Firma selbst als auch für die Beschäftigten. Besonders wertvoll findet die Managerin den One-Stop-Shop der Zone, der für Firmen und Beschäftigte der Zone exklusiv staatliche Dienstleistungen bündele.

Freizone Colón als Handelsdrehscheibe

Die Colón Free Zone (CFZ) auf der Atlantikseite des Panama-Kanals ist eine zollfreie Handelsdrehscheibe für die Region, die fast so viel importiert wie die Republik Panama selbst und über 15-mal mehr exportiert. In der Freizone sammeln sich auch kleine Bestellungen, die, zusammengefasst, schnell und billig zum Empfänger etwa nach Kolumbien oder Honduras gelangen können. Der internationale Flughafen Tocumen ist 40 Minuten entfernt, Lateinamerikas umschlagsstärkster Komplex an Container-Terminals direkt nebenan.

Schwerpunkt der CFZ sind Konsumgüter und Pharmazeutika (2016: 15 Prozent der Reexporte, HS-Kapitel 30). Allerdings betreibt zum Beispiel auch Bosch ein großes Warenlager und durchlaufen Chemikalien, Spezialmaschinen und andere Investitionsgüter die Zone. DB Schenker verteilt von Colón aus Fenster, Werkzeug, Spirituosen oder Kosmetika in der Region und umgekehrt, als neuere Entwicklung, regionale Produkte - Kartoffelchips aus Guatemala - in der Welt.

Eine nennenswerte Weiterverarbeitung findet in der CFZ nicht statt, auch wenn die Reexporte stets höher sind als die Importe. Dies gilt besonders für Pharmazeutika, notorisch sind massive Viagra-Lieferungen nach Puerto Rico. Die Tabletten werden in der Freizone höchstens etikettiert und verpackt, sagt Julio de León von Panamas großer Handelsfirma Motta Internacional. Acht der elf führenden Pharmaproduzenten weltweit sind einem großen Logistiker zufolge in der CFZ präsent und machen dort neben der Etikettierung auch Qualitätskontrolle.

Etikettieren und Verpacken: viel mehr gibt es noch nicht

Der Logistiker DHL öffnet in Colón jede einzelne Schachtel der Schuhe, die er in die Zone verbracht hat, und etikettiert sie dann nach den Bestimmungen des Ziellandes. Ähnlich läuft dies den Informationen zufolge bei viel genutzten Investitionsgütern. Der chinesische Lkw-Hersteller Shacman kündigte im Februar 2018 an, ein Montagewerk in der CFZ zu installieren.

Zu den negativen Seiten der staatlich verwalteten Zone sagt Julio de León von Motta, das CFZ-Management sei inflexibel und ein One-Stop-Shop wie in Panamá Pacífico nicht vorhanden. Die Politik interessiere sich nicht wirklich für die CFZ, die schon 1948 in Betrieb ging, mit Motta als einem der Mitgründer. Dafür sei der jetzige Direktor nach nur elf Monaten schon wieder auf dem Absprung, der dritte in den letzten vier Jahren.

Außerdem laufen die Geschäfte schleppend. Im Motta-Showroom, der in einer überfüllt wirkenden Gegend des umzäunten CFZ-Geländes liegt, langweilen sich die Angestellten in den Shops. "Heute kommen täglich vielleicht noch 25 Leute hierher, vor vier oder fünf Jahren waren es zehnmal so viele", sagt León. Inzwischen werbe die Zone sogar um Touristen, um dem Gelände wieder mehr Leben einzuhauchen.

Colón spürt Venezuela-Krise

Die Reexporte der Zone sind zwischen 2011 und 2016 um knapp ein Drittel (auf 10,4 Milliarden US-Dollar/US$) gesunken. Im 1. Halbjahr 2018 lagen sie mit 5,8 Milliarden US$ immerhin wieder um 19 Prozent über dem Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Beschäftigten in der Zone hat sich laut León in den letzten Jahren halbiert und erreiche derzeit 19.000.

Bei Motta liefen früher über zwei Drittel des CFZ-Reexportgeschäfts mit Venezuela und Kolumbien. Kleine und mittelgroße Händler kommen in die Zone, um sich mit Ware zu versorgen. Die Krise in Venezuela und Importzölle in Kolumbien haben das Geschäft schwer getroffen, ebenso das Verbot von Bargeld-Transaktionen. Überdies, so León, laufe in Lateinamerikas Konsumgütergeschäft immer mehr über die großen Einzelhandelsketten, die ihre Ware direkt von den Herstellern in Übersee beziehen. Auch der Abschluss bilateraler Handelsverträge lenke mehr Handel an der Drehscheibe Colón vorbei.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Freizone Colón http://www.colonfreetradezone.com Freizone
Zone Panamá Pacífico http://www.panamapacifico.com Freizone
City of Knowlege http://ciudaddelsaber.org/en Freizone

Weitere Informationen zu Panama finden Sie unter: http://www.gtai.de/panama

Dieser Artikel ist relevant für:

Panama Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Logistik / Speditionen, Shared Service Center

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