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15.11.2018

Polen investiert 100 Milliarden Zloty gegen den Smog

Förderprogramm für private Haushalte aufgelegt / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - Polen subventioniert den Austausch alter Heizungsanlagen und Maßnahmen für mehr Energieeffizienz. Auf regionaler Ebene laufen solche Programme bereits.

Die Luftqualität in Polen zählt zu den schlechtesten innerhalb der Europäischen Union (EU). Ein wesentlicher Grund dafür ist die Schadstoffemission der Privathaushalte. Mit Hilfe des Programms "saubere Luft" will die Regierung das Problem angehen. Im September 2018 hat sie die Bereitstellung von rund 24 Milliarden Euro (103 Milliarden Zloty) über einen Zeitraum von zehn Jahren beschlossen. Eigentümer von Einfamilienhäusern können eine finanzielle Unterstützung für eine energetische Sanierung erhalten.

Unter anderem kofinanziert die Regierung den Austausch von emissionsintensiven Öfen und Kesseln für Privatpersonen. Auch für Arbeiten zur Senkung des Energieverbrauches wird eine Förderung gewährt, beispielsweise für den Austausch von Fenstern und Türen, Wanddämmung, Modernisierung der Zentralheizung sowie für die Installation eines Lüftungssystems mit Wärmerückgewinnung. Des Weiteren ist Geld für Mikrophotovoltaikanlagen und Solarkollektoren vorgesehen.

Die Gesamtinvestitionskosten werden sich zwischen 2018 und 2029 nach Angaben der Regierung auf rund 31 Milliarden Euro belaufen, wovon 24 Milliarden vom Staat und der Rest als Eigenbeiträge der Haushalte gedacht sind. Die Mittel der Regierung entfallen zu 60 Prozent auf Subventionen und zu 40 Prozent auf Darlehen. Nach Aussage des polnischen Premierministers Mateusz Morawiecki wird ein großer Teil der Investitionen dank EU-Finanzhilfen durchgeführt werden.

Zuschüsse und Darlehen zur Modernisierung von Heizungen stark nachgefragt

Mehr als 4 Millionen Haushalte können Morawiecki zufolge von dem Förderprogramm profitieren. Voraussetzung für die staatliche Unterstützung sind Modernisierungskosten von mindestens 1.600 Euro. Die Subventionen werden bis zu Projektkosten von 12.300 Euro gewährt, wobei eine Unterstützung in Form von Darlehen für die zusätzlichen Kosten möglich ist. Hausbesitzer können Subventionen in Höhe von 30 bis 90 Prozent der Kosten erhalten. Ein Darlehen kann für die kompletten Baukosten beantragt werden.

Die Nachfrage der Verbraucher nach Förderung ist groß. In den ersten vier Wochen der Programmlaufzeit sind bereits mehr als 6.000 Anträge auf eine Kofinanzierung gestellt worden. Die meisten Anträge kamen dabei aus den Woiwodschaften Masowien, Schlesien und Pommern. Um die Nachfrage nach dem Förderprogramm weiter zu steigern, finden in ganz Polen Informationsveranstaltungen statt. Rund 200.000 Personen haben sich bereits auf dem Portal für Landesmittel registriert: der erste notwendige Schritt, um Mittel beantragen zu können.

Finanziell schwachen Haushalten, die den Eigenbetrag des Förderprogramms nicht stemmen können, will die Regierung in Zusammenarbeit mit den Gemeinden unter die Arme greifen. Im November 2018 beschloss der Sejm, von 2019 bis 2024 weitere 28 Millionen Euro für den Austausch alter Heizungsanlagen und Maßnahmen für eine bessere Energieeffizienz zur Verfügung zu stellen. Sollte das Vorhaben auch vom Senat und Präsidenten befürwortet werden, übernimmt die Regierung für finanziell schwache Haushalte bis zu 70 Prozent der Kosten. Den restlichen Anteil sollen die Gemeinden beisteuern.

Verkauf von Kohleschlamm an private Haushalte verboten

Im Kampf gegen den Smog hat die Regierung neben dem Förderprogramm "saubere Luft" bereits andere Reformen beschlossen beziehungsweise plant deren Umsetzung in naher Zukunft. 2017 wurden beispielsweise die die Schadstoffausstoß-Vorgaben für Festbrennstoffkessel in privaten Haushalten sowie in klein- und mittleren Unternehmen verschärft. Seitdem dürfen nur noch Geräte der Kesselklasse 5 verkauft werden. Die Tageszeitung Rzeczpospolita nennt Schätzungen, nach denen bis 2017 jährlich rund 150.000 Kohleöfen minderwertiger Kesselklassen an polnische Haushalte verkauft wurden.

Ein gesetzliches Verkaufsverbot für die schädlichsten Brennstoffe (Kohleschlamm und Flotationskonzentrat) an private Haushalte sowie für kleine Kesselräume, das September 2018 in Kraft getreten ist, soll ebenfalls zur Verbesserung der Luftqualität beitragen. Ähnliches erhofft sich die Regierung durch die Einführung eines Systems von Qualitätszertifikaten für feste Brennstoffe. Dadurch können Kunden seit dem 04. November 2018 Informationen über die Qualität der Kohle sowie den Brennwert erhalten. Das Heizen mit Kohle minderwertiger Qualität gilt als eine Ursache für die schlechte Luftqualität.

Zusätzliche regionale und lokale Programme

Auf regionaler und lokaler Ebene gibt es teilweise bereits eigene Programme, um die Luftverschmutzung zu reduzieren. Einwohner der Stadt Krakau beispielsweise können Subventionen zur Thermomodernisierung von Gebäuden erhalten. Im Rahmen des entsprechenden Programms wurden von 2013 bis 2018 rund 20.000 Kohleöfen ausgetauscht. Die Zuschüsse beliefen sich zwischen 2015 und 2017 auf mehr als 40 Millionen Euro, knapp 1,4 Millionen Euro entfielen dabei auf den Austausch von Öfen. Noch bis zum 31.12.2018 können die Bewohner einen Zuschuss von bis zu 60 Prozent beantragen.

Auch in der Stadt Gliwice bekommen die Einwohner beim Austausch veralteter Öfen finanzielle Unterstützung. Von Januar bis Oktober 2018 sind 600.000 Euro Fördermittel für neue Heizungen gewährt worden. In der Woiwodschaft Opole gibt es ebenfalls Subventionen für den Ersatz von Kohlekesseln. 2017 wurden im Rahmen des Programms rund 300.000 Euro ausgezahlt.

In der Woiwodschaft Schlesien werden 11,6 Millionen Euro in neue Technologien zur Reduzierung der Schadstoffemission investiert. In Zusammenarbeit mit dem Nationalen Zentrum für Forschung und Entwicklung (NCBR) fördert die Selbstverwaltung die industrielle Forschung. Unternehmen können sich allein oder in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern um eine finanzielle Förderung bewerben. Unterstützt werden Entwicklungs- und Implementierungsarbeiten für Projekte, welche die Luftqualität in der Region verbessern.

Hohe Konzentration von Feinstaub in den Städten

Im Bereich der Luftverschmutzung besteht seitens der Regierung dringender Handlungsbedarf. Das geht aus dem neuesten Bericht der Obersten Kontrollbehörde NIK (Najwyzsza Izba Kontroli) hervor. Laut Aussage der Behörde zählt Polen innerhalb der EU zu den Ländern mit der schlechtesten Luftqualität. 2018 überschritt die Luftverschmutzung in einigen polnischen Städten die gesundheitsschädliche Grenze. Im Weltgesundheitsorganisations-Ranking der 50 Städte mit der höchsten Luftverschmutzung innerhalb der EU finden sich 33 polnische Städte.

Hauptproblem ist die hohe Konzentration von Feinstaub der Partikelgrößen PM10 und PM2,5. 2017 überschritten 74 Prozent der Zonen die zulässigen Höchstwerte für PM10. Bei PM2,5 waren es 41 Prozent. NIK berichtet zudem, dass das Erreichen der vorgegebenen Werte in einigen Gebieten des Landes 100 Jahre dauern wird, sollte Polen den Kampf gegen die Luftverschmutzung nicht intensivieren.

Mehr Informationen zu Polen finden Sie unter http://www.gtai.de/polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Energiepolitik, Umweltschutz Luft, Klimaschutz, Energieeinsparung

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Fabian Möpert

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