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16.07.2019

Polen modernisiert Mautstellen auf den Autobahnen

Steigende Kosten verzögern Straßenbauaufträge / Von Beatrice Repetzki

Warschau (GTAI) - Die Mautstellen auf Autobahnen in Polen gelten nicht nur unter Lastwagenfahrern als Nadelöhr. Das soll jetzt anders werden.

Die Warteschlangen vor den Mautstellen auf den Autobahnen in Polen sind zu lang, sie behindern den Verkehr. In einem Pilotprojekt testet das Land deshalb das Video-Tolling, also die Zahlung der Mautgebühr per App. Die Zahlungsart stützt sich auf die Identifikation des Nummernschildes eines Fahrzeuges mit Hilfe der Videoaufzeichnung. Die Erprobung erfolgt auf einem Streckenabschnitt der Autobahn A1, die das Land von Norden nach Süden quert. Bisher wird elektronisch über das Streckenmautsystem ViaToll abgerechnet.

Das neue System ist dreimal schneller als das alte, wie das Pilotprojekt mit 17.000 Nutzern gezeigt hat. Um Video-Tolling zu nutzen, braucht man eine App auf dem Smartphone und eine damit verbundene Konto- oder Kreditkartennummer. Die private Betreibergesellschaft der gebührenpflichtigen Autobahn A1, die Gdansk Transport Company (GTC), setzt das Video-Tolling bereits seit Anfang Juli 2019 durchgehend auf der rund 150 Kilometer langen Strecke von Torun (Thorn) nach Gdansk (Danzig) ein.

Fließender Verkehr durch Video-Tolling

Auch Stalexport Autostrada Malopolska (SAM), ein zweiter privater Autobahnbetreiber interessiert sich für das Video-Tolling. Die Gesellschaft will es auf dem 60 Kilometer langen Abschnitt der Autobahn A4 von Katowice (Kattowitz) nach Krakow (Krakau) einsetzen. In den Vorjahren hatte SAM bereits kontaktlose Prepaid-Chipkarten eingeführt, mit denen die Mautgebühr schnell und einfach entrichtet werden kann.

Ein weiterer privater Autobahnbetreiber in der Woiwodschaft Großpolen, Autostrada Wielkopolska S.A. (AWSA), möchte nach eigenen Angaben ebenfalls ein neues Zahlungssystem einführen. Dieses soll kompatibel mit einem öffentlichen System sein, das der Hauptinspektor des Straßentransportes (Glowny Inspektorat Transportu Drogowego, GITD) erarbeitet. Ob dabei auch das Video-Tolling in Frage käme, sei noch nicht klar. Auch auf den staatlich betriebenen Autobahnabschnitten ist eine Mautgebühr zu entrichten. Der Bedarf an Mautausrüstungen, Verkehrsleitsystemen und anderen Infrastruktureinrichtungen wird in den kommenden Jahren weiter steigen.

Kostenexplosion bremst den Ausbau der Straßen aus

Polen hat in den vergangenen Jahren viele Kilometer Autobahnen und Schnellstraßen gebaut. Ende 2018 umfasste das Streckennetz laut der Generaldirektion für Landstraßen und Autobahnen (Generalna Dyrekcja Drog Krajowych i Autostrad GDDKiA) landesweit insgesamt 3.731 Kilometer. Ende 2003 waren es erst 658 Kilometer. Handlungsbedarf besteht auch weiterhin, denn manche Autobahnlücken sind noch zu schließen, weitere Abschnitte bis zur Grenze zu bauen und Umgehungsstraßen um Städte zu schaffen. Für 2019 verfolgt die GDDKiA das ehrgeizige Ziel, weitere 493 Kilometer fertige Schnellstraßen zu übergeben.

Neu gebaute Autobahn- und Schnellstraßenabschnitte (in km)
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 *)
346 424 660 384 332 84 137 356 321 493

*) geplant

Quelle: Generaldirektion für Landstraßen und Autobahnen GDDKiA

Die Auftragnehmer haben jedoch mit einem zunehmenden Kostendruck zu kämpfen. Nicht nur die Löhne, sondern auch die Preise für Baumaterialien und Dienstleistungen steigen. Dadurch ergeben sich Verzögerungen und einige Baufirmen müssen die Vorhaben aufgeben. Die GDDKiA beanstandet zum Beispiel, dass die Bauarbeiten der italienischen Firma Impresa Pizzarotti an drei Abschnitten der Schnellstraße S5 kaum voran gehen. Diese sollen eigentlich Ende 2019 fertig gestellt werden, doch danach sieht es nicht aus. Die GDDKiA will Ende Juli oder Anfang August 2019 eine Ausschreibung veröffentlichen, um einen neuen Auftragnehmer zu finden, der die Arbeiten beendet.

Mit Mitteln aus den Förderprogrammen der Europäischen Union will die GDDKiA insgesamt 3.263 Kilometer Schnellstraßen und Autobahnen bauen. Da die Projektkosten auch über die aktuelle Förderperiode von 2014 bis 2020 hinaus abgerechnet werden können, bezieht sich das polnische Straßenbauprogramm auf die Jahre 2014 bis 2023. Schwerpunkt dieses Programms ist der Bau von Schnellstraßen. Ursprünglich plante das Ministerium für Infrastruktur (Ministerstwo Infrastruktury, MI) für 2019 Ausgaben für den Straßenbau in Höhe von 5,7 Milliarden Euro. Bis 2022 sollten die Ausgaben schrittweise auf 4,7 Milliarden Euro im Jahr sinken.

Geplanter Bau von Schnellstraßen und Autobahnen 2014 bis 2023 (in km)
Schnellstraßen Umgehungsstraßen Autobahnen
2.641,1 369,4 252,2

Quelle: Generaldirektion für Landstraßen und Autobahnen GDDKiA, Straßenbauprogramm

Bauaufträge werden neu ausgeschrieben

Experten schätzen, dass Mehrausgaben von 2,3 Milliarden bis 2,8 Milliarden Euro notwendig sind, um das Straßenbauprogramm 2014 bis 2023 zu verwirklichen. Die Kosten für die derzeit im Bau befindliche S61 beispielsweise dürften inzwischen um 30 Prozent zu niedrig angesetzt sein. Die S61 ist Teil der Via Baltica nach Estland. Polen hatte sich 2016 verpflichtet, seinen Teil dieses wichtigen europäischen Transportkorridors in den Jahren 2018 bis 2021 zu bauen.

Die GDDKiA stornierte einen weiteren Vertrag über 142,3 Millionen Euro mit Impresa Pizzarotti zum Bau eines Abschnittes der S61 nach Suwalki (Suwalken). Die italienische Firma hatte noch nicht mit den Arbeiten begonnen. Im 2. Halbjahr 2019 soll das Projekt erneut ausgeschrieben werden. Bereits im Mai 2019 hatte die GDDKiA einen Vertrag über 112,5 Millionen Euro mit der spanischen Firma Rubau aufgekündigt, der einen weiteren Abschnitt der S61 umfasste. Hier waren ebenfalls noch keine Bauarbeiten erfolgt.

Die Liste der weiteren Pannen beim Ausbau des Straßenneztes ist lang: Auch die geplanten Bauarbeiten an der S7 bei Warschau hat Rubau nicht durchgeführt. Die italienische Firma Toto Construzioni Generali wird einen Abschnitt der S5 bei Poznan (Posen) nicht fertig stellen. Die polnische Firma Planet ist dem Bau einer Umgehungsstraße um Gora Kalwaria nicht nachgekommen.

Bei den erneuten Ausschreibungen muss die GDDKiA mit deutlich teureren Angeboten rechnen. Das zeigte sich zum Beispiel bei der Suche nach einem neuen Auftragnehmer zum Bau eines Abschnittes der A1 bei Czestochowa (Tschenstochau), den die italienische Firma Salini nicht mehr ausführen darf. Hier war das günstigste Angebot fast doppelt so teuer wie die ursprünglich von der GDDKiA veranschlagten Kosten.

Kontaktadressen

Generalna Dyrekcja Drog Krajowych i Autostrad (GDDKiA)(Generaldirektion für Landstraßen und Autobahnen) ul. Wronia 53; 00-874 Warszawa, Polen; T +48 22 375 88 88; http://www.gddkia.gov.pl
Glowny Inspektorat Transportu Drogowego (GITD); (Hauptinspektor des Straßentransportes) Al. Jerozolimskie 9400-807 Warszawa, Polen; T +48 22 220 40 00; info@gitd.gov.plhttps://gitd.gov.pl

Weitere Informationen zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Straßen-, Brücken- und Tunnelbau, Straßenverkehr

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