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31.05.2018

Polen: Rückgang der EU-Fördermittel wegen Brexit befürchtet

Sorgen um zukünftige Ausgestaltung von EU-Fonds / Von Michal Wozniak

Berlin (GTAI) - Polens Wirtschaft wird vom Brexit voraussichtlich nicht aus ihrer Bahn geworfen. Dennoch drohen besonders durch den Wegfall des Vereinigten Königreichs in seiner Funktion als zweitgrößter EU-Beitragszahler Einbußen beim EU-Mittelzufluss. (Kontaktadressen)

Wegfall der britischen EU-Einzahlungen bereitet Sorgen

Polens Wirtschaft dürfte durch den Brexit unmittelbar nur leichte Blessuren erleiden. Laut dem niederländischen Institut Centraal Planbureau wird das polnische Bruttoinlandsprodukt je nach realisiertem Brexit-Modus um 0,4 bis 0,6 Prozent geringer ausfallen. Damit läge der Verlust unter dem EU-Durchschnitt und etwa auf gleicher Höhe wie in Deutschland.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Polen und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2016
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP 1,2
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP 0,6
Anteil Warenexport in das VK am BIP 2,8
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP 0,8
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in Polen 5,1

Quellen: Eurostat; NBP

Allerdings könnte langfristig der Wegfall des zweitgrößten Beitragszahlers der Europäischen Union sichtbare Konsequenzen für Polen mit sich bringen. Um das jährlich etwa 6 Milliarden Euro großes Manko in der EU-Kasse zu füllen, müsste Polen nicht nur, je nach Schätzung, jährlich zwischen 90 Millionen (Centre for European Policy Studies) und 311 Millionen Euro (Bertelsmann Stiftung) mehr nach Brüssel überweisen. Das Land müsste auch darauf hoffen, dass die übrigen Mitglieder bei der Beitragserhöhung mitspielen.

Durch den britischen Austritt würde zudem das Niveau des EU-Bruttoinlandsproduktes um knapp einen Prozentpunkt sinken. Dadurch könnten drei polnische Regionen (Großpolen, Niederschlesien, Schlesien) die magische 75 Prozent Marke des EU-Durchschnitts knacken und somit teilweise Anspruch auf Mittel aus dem Kohäsionsfonds verlieren sowie engere Grenzen bei der Investorenförderung gesetzt bekommen.

Brexit-Risiko weit größer für Exporteure

Polen lieferte 2017 rund 13 Milliarden Euro ins Vereinigte Königreich. Und das ist nur die direkte Bilanz. Als wichtiger Zulieferer, der 80 Prozent seiner Ausfuhren auf EU-Märkten und über 27 Prozent alleine in Deutschland platziert, werden auch Verwerfungen der Handelsbeziehungen anderer EU-Staaten Konsequenzen haben. "42 Prozent der polnischen Importeure und Exporteure erwartet, dass der Brexit negativen Einfluss auf ihre Tätigkeit haben wird", berichtet Michal H. Mrozek, Vorstandsvorsitzender der HSBC Bank Polska, auf Basis einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Kantar.

Seit Polens EU-Beitritt wuchsen die Exporte ins Vereinigte Königreich um mehr als das Fünffache. Die Ausfuhren insgesamt stiegen zwischen 2003 und 2017 derweil "nur" um 330 Prozent. Am meisten zu verlieren hat die Kfz-Industrie, die 2017 nahezu 1,7 Milliarden Euro aus dem Geschäft mit dem Vereinigten Königreich erwirtschaftet hat. Dahinter folgen Hersteller elektrischer Maschinen (1,1 Milliarden Euro), verschiedener bearbeiteter Waren (0,9 Milliarden Euro), von Fleisch (0,8 Milliarden Euro) sowie Möbeln und Nachrichtentechnik (jeweils 0,7 Milliarden Euro).

Am wichtigsten ist der Markt im Vereinigten Königreich allerdings für Anbieter von Tee und Kaffee sowie Büromaschinen, die dort über 14 Prozent ihrer Ausfuhren platzieren. Ferner liegt der Anteil des Vereinigten Königreichs an den Gesamtexporten in den Bereichen Düngemittel, Nichteisenmetalle, ätherische Öle sowie Kork- und Holzwaren im zweistelligen Bereich.

Polnischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mrd. Euro) 5,6 56,8
Rang in der Importstatistik 9. 1.
Exporte nach... (Mrd. Euro) 13,0 56,0
Rang in der Exportstatistik 3. 1.
Handelsvolumen mit... (Mrd. Euro) 18,6 112,8
Rang als Handelspartner 7. 1.

Quelle: Eurostat

Potenzielle Zulieferlücken bei Kfz und Chemie am größten

Zu den Topimportprodukten aus dem Vereinigten Königreich zählen Erzeugnisse der Automobilindustrie, die knapp 18 Prozent des Importvolumens ausmachen. Dahinter reihen sich bearbeitete Waren, organische Chemikalien sowie elektrische Maschinen und Geräte mit jeweils um die 300 Millionen Euro ein.

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Da der Warentransport hauptsächlich über die Straße und nicht über Häfen läuft, hält sich die öffentliche Verwaltung mit Vorbereitungen auf die in Zukunft möglicherweise geltenden Rahmenbedingungen zurück: Die Abwicklung werden Hamburg, Rotterdam und vor allem die französischen Nordseehäfen übernehmen müssen. Bis nähere Details der neuen Handelsregelung feststehen sind deswegen auch kaum größere Veränderungen der Zollbehörde zu erwarten. Die gleiche "Abwarten und Tee trinken"-Einstellung scheinen auch die Unternehmen übernommen zu haben.

Gute Chancen auf mehr Dienstleistungs-Outsourcing

Wesentlich aktiver gestaltet sich das Buhlen um in Großbritannien angesiedelte Firmen, die nach dem Brexit in ein EU-Land umziehen wollen. Allerdings sehen Experten deren Hauptinteresse vor allem auf den großen Ländern Westeuropas. "Nach Mittelosteuropa werden vor allem die kommen, die stark auf Kostenoptimierung aus sind", erklärt Przemyslaw Berendt, stellvertretender Vorstandsvorsitzender beim IT-Dienstleister Luxoft.

"Das Hauptgeschäft wird eher Richtung Dublin oder Frankfurt ziehen", erwartet auch Marcin Petrykowski, Direktor der Ratingagentur Standard & Poor's in Polen. Er sieht aber Potenzial, zumindest Teilkompetenzen oder einige operative Tätigkeiten nach Mittelosteuropa, darunter vor allem nach Polen, zu holen. "Wir sollten nicht um die Entscheidungszentren kämpfen - das wird schwierig. Wir sollten aber unsere Vorteile ausspielen, die Bereiche aufzuzeigen, in denen wir effektiver sind", fügte er hinzu.

Dies würde angesichts einer möglichen Rückkehrwelle polnischer Staatsbürger aus dem Vereinigten Königreich helfen, Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen. Dank der sofortigen Arbeitsmarktöffnung nach Polens EU-Beitritt begaben sich geschätzt über 2 Millionen Polen auf Jobsuche über den Ärmelkanal. Der Andrang nimmt aber derzeit deutlich ab: 2017 zählte das Office for National Statistics 62.000 Neuankömmlinge aus Polen, kaum mehr als halb so viel wie zwei Jahre zuvor.

Die polnische Regierung rechnet mit etwa 150.000 "Brexit-Rückkehrern". Ein Segen für den polnischen Arbeitsmarkt, auf dem laut dem Hauptamt für Statistik (Glowny Urzad Statystyczny; GUS) Ende 2017 etwa 118.000 Stellen unbesetzt blieben. Wegen des wesentlich niedrigeren Lohnniveaus an der Weichsel dürften viele Expats aber andere westeuropäische Länder vorziehen. Zudem hat sich ein Großteil der polnischen Jobemigranten in Großbritannien bereits eingerichtet und ihre Rechte scheinen nach heutigem Stand auch langfristig gesichert zu sein.

Bisheriges Engagement britischer Investoren bleibt hinter Erwartungen zurück

Bis Ende 2016 haben Firmen aus dem Vereinigten Königreich laut der Polnischen Nationalbank knapp 9 Milliarden Euro in Polen investiert, was sie zur sechstgrößten Investorengruppe machte. Laut GUS beschäftigten zu der Zeit knapp 1.300 Unternehmen mit britischer Kapitalbeteiligung insgesamt 100.000 Mitarbeiter in Polen. Die größten waren vor allem in der Metallverarbeitung, der Luft-, der Kfz- und der Chemieindustrie sowie im Finanzsektor tätig.

Die neueste britische Großinvestition ist ein im April 2017 eröffnetes Gemeinschaftswerk für Hilfsantriebe (Accessory Drive Trains, ADT) von Rolls-Royce, das in der südostpolnischen Aviation Valley etwa 200 Personen einen Arbeitsplatz gegeben hat. Die dort produzierten Teile kommen bei Düsentriebwerken der Trent-Motorenfamilie des britischen Luftfahrtkonglomerats zum Einsatz, die unter anderem in den Airbus-Modellen A350 XWB und A330neo verbaut werden.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll zu Polen können Sie unter http://www.gtai.de/Polen abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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