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25.07.2019

Polen sind aufgeschlossen gegenüber Telemedizin

Ausbau scheitert häufig an öffentlicher Finanzierung / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - Verschiedene Projekte der Telemedizin befinden sich in einer Pilotphase. Rechtliche Aspekte bremsen die Akzeptanz bei Ärzten. Kommunen finanzieren Projekte selbst.

Zwei Drittel der Polen erwarten positive Auswirkungen auf ihr Leben durch Telemedizin, so eine Umfrage des Softwarehauses Lekseek. Bei den Ärzten liegt dieser Anteil bei 58 Prozent. Allerdings nutzen nur rund 8 Prozent der medizinischen Einrichtungen Technologien aus diesem Bereich, so das Zentrum für Gesundheitsinformationssysteme (Centrum Systemow Informacyjnych Ochrony Zdrowia, CSIOZ). Grund hierfür sind mangelnde finanzielle Mittel. Der Nationale Gesundheitsfonds (Narodowy Fundusz Zdrowia, NFZ) zahlt bisher nur für Telekonsultationen in der Kardiologie und Geriatrie.

Die Befragung von Lekseek zeigt, dass Polen der Telemedizin gegenüber aufgeschlossen sind. Sowohl eine alternde Bevölkerung als auch der Mangel an medizinischem Personal machen den Bereich attraktiv. CSIOZ schätzt, dass die Entwicklung der elektronischen Gesundheitsdienste zu Einsparungen von 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts führen kann. 2018 wären das rund 1,7 Milliarden Euro gewesen.

Rechtliche Fragen blockieren die Entwicklung

Nach Aussage von Irena Lipowicz, Leiterin der Fakultät für Recht und Verwaltung an der Warschauer Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität benutzten private Gesundheitsdienstleister telemedizinische Anwendungen bereits häufiger. Allerdings blockieren rechtliche Fragen ihren Einsatz.

Ähnlich sieht es Marek Kubicki, Vorstandsmitglied des privaten Gesundheitsdienstleisters Damian Medical Center: "Die Gesetzgebung hat mit der Entwicklung neuer Technologien nicht Schritt gehalten. Einige medizinische Verfahren basieren auf der Interpretation allgemeiner Vorschriften und nicht auf spezifischen Richtlinien", berichtet der Experte dem Portal Prawo.pl.

Nach Aussage von Kubicki haben einige Ärzte Angst, eine Diagnose zu stellen, ohne den Patienten gesehen zu haben, da grundsätzlich eine persönliche Untersuchung vorgeschrieben ist. Die Mediziner arbeiteten nicht nach dem Prinzip "was nicht verboten ist, ist erlaubt" und warteten deshalb auf neue Vorschriften.

Kommunen finanzieren Projekte

Einige Kommunen in Polen warten nicht länger auf Finanzierungsmöglichkeiten durch den Nationalen Gesundheitsfonds und subventionieren digitale medizinische Dienstleistungen aus eigenen Mitteln und mit Geldern der Europäischen Union. So bereiten die Gemeinde Malczyce und das Marschallamt in Niederschlesien beispielsweise eine Ausschreibung zum Kauf von Messgeräten für das Falkiewicz-Krankenhaus in Wroclaw (Breslau) vor.

Mit diesen Geräten können Senioren mit chronischen Erkrankungen zu Hause Tests durchführen. Algorithmen analysieren die Messwerte und die Ergebnisse werden an den Patienten, die Pflegekräfte sowie an eine Kontaktstelle gesendet. Die ersten Geräte sollen Anfang 2020 ausgeliefert werden. Die Investitionskosten belaufen sich auf rund 1,9 Millionen Euro, wobei mehr als 80 Prozent aus europäischen Fördertöpfen stammen. Neben den Messgeräten werden auch Server und Festplatten angeschafft.

Großes Interesse an Telemedizin-Kiosk

Ein Beispiel für die private Nutzung von Telemedizin bietet die 2018 eröffnete virtuelle Klinik des Gesundheitsdienstleisters Enel-Med. Die Online-Sprechstunde hat alleine in den ersten sechs Monaten nach der Eröffnung 80.000 Patienten angezogen. Voraussetzung für den Besuch in der virtuellen Klinik ist ein Smartphone. Damit tritt der Patient per Video oder Chat mit dem Arzt in Kontakt. Die Bezahlung erfolgt per Kreditkarte.

Ein weiteres Beispiel für den Einsatz der Telemedizin findet sich in der Warschauer Zentrale der staatlichen Gesundheitsversicherung PZU Zdrowie. Die Mitarbeiter des Unternehmens können hier den Telemedizin-Kiosk testen. Unter anderem steht ein digitales Stethoskop, Thermometer, EKG- und Blutdruckmessegerät sowie eine Kamera zur Untersuchung von Hals, Ohr und Haut zur Verfügung. Die Ergebnisse der Untersuchungen bespricht der Patient per Video mit dem Arzt. Dieser kann auch elektronische Überweisungen und Rezepte ausstellen. Durchschnittlich dauert so ein digitaler Arztbesuch weniger als zehn Minuten.

Wie Julita Czyzewska, Geschäftsführerin von PZU Zdrowie, berichtet, werden die Funktionen des Kiosks nach Abschluss des Pilotprojekts erweitert. "Wir sehen einen Bedarf für telemedizinische Dienstleistungen. Von unseren Vertragspartnern haben wir bereits Anfragen zur Implementierung einer Lösung wie den Telemedizin-Kiosk erhalten", informiert die Unternehmerin im Gespräch mit der Tageszeitung Rzeczpospolita.

Weitere Informationen zu Polen finden Sie unter http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Gesundheitswesen allgemein, Digitalisierung

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Fabian Möpert

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