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06.07.2018

Polen will die Umweltbilanz von Einfamilienhäusern verbessern

Hohe Fördermittel für die Thermomodernisierung von Häusern vorgesehen / Von Michal Wozniak

Berlin (GTAI) - "Kaum etwas ist wichtiger als ein warmes Zuhause und saubere Luft" - mit diesen Worten läutete der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki im Februar 2018 eine Offensive gegen Smog und Energiearmut ein. Binnen zehn Jahren will die Regierung in Warschau über 30 Milliarden Euro in Form von Zuzahlungen, Vorzugskrediten und Steuernachlässen dafür zur Verfügung stellen. Unterstützt werden die Thermomodernisierung und der Austausch von Wärmequellen in Einfamilienhäusern.

Zwei Drittel der Städte Europas mit der stärksten Luftverschmutzung liegen laut einem Ranking der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization; WHO) in Polen. Seither ist der Kampf für saubere Luft zum heiß diskutierten Politikthema im Land an der Weichsel geworden. Im Februar 2018 stellte der Europäische Gerichtshof ferner fest, dass Polen jahrelang zu wenig gegen die hohe Feinstaubkonzentration in der Luft unternommen hat.

MKT201807058001.14

Einige Gegenmaßnahmen hat die polnische Regierung bereits eingeleitet, darunter im Rahmen des Entwicklungsplans der Elektromobilität (nähere Informationen unter: http://www.gtai.de/MKT201805098009) und zur Förderung von Energieeffizienz in kommerziellen und öffentlichen Gebäuden (https://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Trends/EE-Gebaeude/Land-Polen/trend-land-polen.html). Diese bergen auch Chancen für deutsche Unternehmen, vor allem Anbieter moderner Heiztechnik und Isolierungsmaterialien.

Durch das Programm "Saubere Luft" (Czyste powietrze) soll nun stärker gegen Abgase von Heizungsanlagen in Kellern und Kleinkesseln vorgegangen werden. Es handelt sich dabei um einen Katalog von Fördermaßnahmen, die Besitzer von Einfamilienhäusern zur Verbesserung der Energiebilanz ihrer Eigenheime bewegen sollen. Etwa die Hälfte der Mittel, knapp 15 Milliarden Euro, sind als Zuschüsse für Thermomodernisierungsmaßnahmen sowie den Austausch von Heizkesseln vorgesehen. Im Visier stehen dabei Kohlekessel, für die das Programm als Ersatz Wärmepumpen, Gas- oder Biomassekessel sowie die Anbindung ans örtliche Wärmenetz vorsieht. Außer Zuschüssen soll es auch Vorzugskredite und Steuernachlässe geben.

Da das Programm "Saubere Luft" größtenteils aus Fonds der Europäischen Union (EU) finanziert werden soll, darunter Fördermittel, die erst in der Finanzperiode nach 2021 greifen, geht es mit einem Pilotprojekt los. Dieses umschließt 22 Kommunen und wird zu 100 Prozent aus dem Staatshaushalt gedeckt. "Das sind etwa 15.000 bis 16.000 Häuser, in denen weniger Betuchte leben. Dafür stehen 175 Millionen Euro zur Verfügung", erklärt Piotr Wozny, Beauftragter des Premierministers für das Förderprogramm.

Dank Zuschüssen Kostendeckung bis zu 90 Prozent möglich

Wenn das Programm "Saubere Luft" dann richtig startet, soll die Zentralregierung 70 Prozent der Mittel beisteuern. Sie wird auch für die Bewertung der Anträge und die Auszahlung der Mittel verantwortlich sein. Die restlichen 30 Prozent soll die jeweilige Kommune aufbringen.

Maximal zulässige Kosten pro Maßnahme, die eine Erstattung im Rahmen des Programms "Saubere Umwelt" ermöglichen (in Euro)
Maßnahme Kostenobergrenze
Isolierung von Wänden mit begründeten Zusatzarbeiten (pro qm) 34,98
Austausch von Außenfenstern und -türen (pro qm) 163,26
Inneninstallationen zur Beheizung oder Erwärmung von Nutzwasser 2.332,31
Gas-Brennwertkessel mit Abgasabführeinrichtung 4.664,61
Wärmepumpen zur Beheizung oder zur Beheizung und Erwärmung von Nutzwasser 6.996,92

Quelle: Nationaler Fonds für Umweltschutz und Wasserwirtschaft (Narodowy Fundusz Ochrony Srodowiska i Gospodarki Wodnej)

Beantragt werden können Zuschüsse für Vorhaben mit einem Wert von 1.630 bis 12.360 Euro. Die Höhe der Zulage wird von der Einkommenssituation des Hauseigentümers abhängen und 40 bis 90 Prozent des Projektwertes betragen. Um sie in Anspruch zu nehmen, darf das Pro-Kopf-Einkommen im Haushalt grundsätzlich nicht mehr als 250 Prozent des sogenannten Sozialkriteriums betragen, das Mitte 2018 bei 514 Zloty (etwa 120 Euro) lag. Allerdings dürfen Kommunen den Multiplikator auf bis zu 350 Prozent erhöhen. Ferner ist nach Abschluss der Renovierung ein Energieaudit des Gebäudes durchzuführen.

Steuernachlass gegen Erfolgsnachweis

Privatpersonen, in deren Haushalt das Monatseinkommen pro Kopf über 1.600 Zl (etwa 373 Euro) beträgt, können bis zu drei Jahre lang 20 Prozent der Renovierungskosten von der Einkommensteuer absetzen.

Um von dieser Maßnahme profitieren zu können, dürfen Modernisierungskosten ebenfalls umgerechnet etwa 12.360 Euro nicht übersteigen. Auch in dem Fall ist ein Energieaudit nach Abschluss der Renovierung verpflichtend (nähere Informationen unter: https://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Trends/EE-Gebaeude/Land-Polen/trend-land-polen.html#1576206). Denn die polnische Regierung will "effektive Thermomodernisierung" betreiben, wie Finanzministerin Teresa Czerwinska unterstreicht.

Bessere Kreditkonditionen für ein besseres Klima

Als dritte Maßnahme vergibt die Bank für Umweltschutz (Bank Ochrony Srodowiska; BOS) Vorzugskredite mit einer Laufzeit von bis zu 15 Jahren. Diese unterstützenden Kredite sind mit beiden vorhergenannten Förderungen kombinierbar. Insgesamt stehen bis zu 9,2 Milliarden Euro zur Verfügung. "Zusammen mit den Programmpartnern wollen wir die Energieeffizienz von 4 Millionen Einfamilienhäusern verbessern, 3 Millionen Kessel älterer Generationen austauschen und über 1 Million innovative Niedrigemissions-Heizsysteme installieren", nennt BOS-Chef Boguslaw Bialowas als Ziel.

Import ausgewählter Produkte für Thermomodernisierungsmaßnahmen nach Polen (in Mio. Euro)
SITC-Pos. Wärmequelle 2015 2016 2017 davon aus Deutschland (2017)
697.32 Haushaltsöfen, Kesselöfen und nichtelektrische Raumheizgeräte 25,4 64,5 21,9 3,7
711 Dampfkessel 96,3 104,9 102,0 83,5
775.8 Elektrowärmegeräte 811,1 854,7 881,1 233,5
812.1 Heizkessel und Heizkörper für Zentralheizungen 243,0 265,6 311,2 102,6
635.31 Fenster, -rahmen aus Holz 14,6 14,4 15,8 0,2
635.32 Türen, -rahmen aus Holz 3,1 2,5 3,8 0,3
691.13 Türen, Fenster aus Eisen oder Stahl 75,4 76,8 80,5 38,0
691.21 Türen, Fenster aus Aluminium 14,9 16,7 15,7 5,0
893.31 Bodenbeläge, Wand- und Deckenverkleidungen aus Kunststoff 51,9 48,9 68,2 5,5

Quelle: Eurostat

Gute Chancen auch für deutsche Anbieter

Für deutsche Unternehmen resultieren aus dem Programm vor allem neue Absatzmöglichkeiten im Bereich der Heiztechnik und der Hausisolierung. Im Isolierungsbereich zählt Polen bereits zu den größten Märkten Europas. Laut dem Verband für Isolierungssysteme (Stowarzyszenie na Rzecz Systemow Ocieplen) wurden 2016 etwa 40 Millionen Quadratmeter Gesamtwandfläche isoliert. Die Jahresumsätze mit entsprechenden Lösungen sollen laut dem Marktforschungsunternehmen PMR bis 2020 die 1-Milliarde-Euro-Grenze überschreiten. Allerdings beherrscht bisher eine ältere Technologie die Nachfrage: Bei vier von fünf Vorhaben werden Lösungen auf Styroporbasis eingesetzt.

Bei Fenstern und Türen greifen Kunden ebenfalls eher zu traditionelleren Materialien: PVC oder Holz. Der Markt wird von Erzeugnissen einheimischer Werke dominiert. Diese stellten 2017 über 23 Millionen Fenster und Türen her und überboten das Vorjahresergebnis somit um knapp 6 Prozent. Am dynamischsten entwickelten sich dabei Aluminiumprodukte, die jedoch größtenteils ins Ausland gehen. Etwa 40 Prozent der Gesamtproduktion von Fenstern und Türen wird exportiert. Durch ihr Auslandsgeschäft verdienten die Hersteller 2017 laut dem Zentrum für Branchenanalysen (Centrum Analiz Branzowych) knapp 1,9 Milliarden Euro.

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Umweltschutz Luft, Klimaschutz, Energieeinsparung, Wohnungsbau

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