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01.10.2019

Polen will massiv in seine Wasserwirtschaft investieren

Systeme zur Wasserspeicherung sind gefragt / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - Polens Landwirte erhalten künftig finanzielle Unterstützung für den Bau von Bewässerungsanlagen. Zusätzliche Milliardeninvestitionen sollen die Wasserrückhaltung im Land erhöhen.

Auch im Jahr 2019 wird die polnische Regierung landwirtschaftliche Betriebe, die durch den heißen Sommer Ernteausfälle zu verzeichnen hatten, finanziell unterstützen. Ende August wurde beschlossen, zunächst umgerechnet rund 115 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Es ist allerdings davon auszugehen, dass diese Gelder nicht ausreichen werden. Im Jahr 2018 waren wegen der hitzebedingten Ernteausfälle fast 500 Millionen Euro an die Landwirte ausgezahlt worden.

Betriebe die 2019 aufgrund von Sturm, Hagel, Starkregen, Frühjahrsfrost oder Überschwemmungen Ausfälle zu beklagen hatten, können die Unterstützung ebenfalls beantragen. Vorausgesetzt der Schaden macht mindestens 30 Prozent der Ernte aus, werden Hilfen in Höhe von umgerechnet 116 Euro pro Hektar bezahlt. Für Landwirte, die Einbußen von mehr als 70 Prozent zu verbuchen haben, beläuft sich die Unterstützung pro Hektar auf 230 Euro. Vorrausetzung für den Erhalt der gesamten Zahlungen ist allerdings, dass die Landwirte zumindest 50 Prozent ihrer Felder versichert haben. Das trifft auf viele jedoch nicht zu. Betriebe die keine Versicherung abgeschlossen haben, können immerhin bis zu 50 Prozent der Zahlungen erhalten. Fördergelder können vom 3. bis zum 31.Oktober 2019 beantragt werden.

Zbigniew Karaczun, Professor für Biowissenschaften an der Universität Warschau berichtet, dass vor allem die Woiwodschaften Wielkopolskie (Großpolen) und Lodz (Lodsch) betroffen sind. Auch die Woiwodschaft Lubuskie (Lebus) gilt nach Einschätzung des Experten als dürregefährdetes Gebiet.

Regierung will landwirtschaftliche Bewässerungssysteme kofinanzieren

Um in den kommenden Jahren weniger Mittel für Dürrehilfen auszahlen zu müssen, sollen zudem Fördergelder für den Bau von Bewässerungssystemen bereitgestellt werden. Ein Landwirt kann im Rahmen des Programms "kleine Rückhaltung" (malej retencji) Beihilfen von bis zu 23.000 Euro erhalten. Voraussetzung sind förderfähige Investitionskosten von mehr als 3.500 Euro und die Installation eines Wasserzählers.

Bis zu 50 Prozent der Investitionsausgaben können durch das Programm abgedeckt werden, bei Junglandwirten sogar bis zu 60 Prozent. Die Betriebe haben die Möglichkeit, Unterstützung für den Bau von Bewässerungssystemen sowie Vorrichtungen zur Wasserentnahme aus Grund- oder Oberflächenwasser zu beantragen. Auch für die Modernisierungen bestehender Anlagen werden Mittel bereit gestellt. Insgesamt will das polnische Landwirtschaftsministerium im Rahmen des Programms "kleine Rückhaltung" bis zu 100 Millionen Euro bereitstellen. Die Gelder kommen aus dem europäischen Förderprogramm zur Entwicklung von landwirtschaftlichen Gebieten.

Großes Wasserrückhalte-Programm in Vorbereitung

Nach den neusten Plänen der polnischen Regierung sollen in Zukunft noch weitere Mittel für eine bessere Bewässerung in der Landwirtschaft zur Verfügung gestellt werden. So hat der Ministerrat Anfang September 2019 die Grundsätze für das Programm zur Wasserrückhaltung (Zalozenia do Programu Rozwoju Retencji; PRR) für den Zeitraum 2021 bis 2027 mit Perspektive bis 2030 angenommen. Dieses soll nun in der kommenden Zeit detailliert ausgearbeitet und Ende 2020 oder Anfang 2021 beschlossen werden.

Ziel des Programms ist es, das Volumen des in Polen zurückgehaltenen Wassers zu erhöhen, wodurch die Auswirkungen der Dürre sowie das Hochwasserrisiko vermindert werden sollen. Dafür ist unter anderem der Bau von 30 Rückhaltebecken geplant. Wie in den Grundsätzen zu lesen ist, lagern derzeit rund 4 Milliarden Kubikmeter Wasser in polnischen Rückhaltebecken, was 6,5 Prozent der jährlichen Abflussmenge entspricht. Durch die Umsetzung des Programms soll das Niveau auf etwa 15 Prozent angehoben werden.

Bei der Ausarbeitung des PRR sollen bereits bestehende Programme und Pläne im Bereich der Wasserwirtschaft wie beispielsweise der Plan zur Vorbeugung gegen Dürre (Plan przeciwdzialania skutkom suszy) sowie die Pläne zur Minimalisierung des Überschwemmungsrisikos (Plany zarzadzania ryzykiem powodziowym) berücksichtigt werden.

Investitionen in Milliardenhöhe geplant

Für die Umsetzung des PRR-Programms will das Ministerium für Seewirtschaft und Binnenschifffahrt bis 2027 insgesamt rund 3,3 Milliarden Euro bereitstellen. Nach den Plänen des Ministeriums sollen die Gelder durch europäische Fördertöpfe und Kredite von internationalen Finanzinstituten wie der Weltbank und der Europäischen Investitionsbank zur Verfügung gestellt werden.

Insgesamt sind 94 Investitionen in den verschiedenen Bereichen zur Wasserrückhaltung geplant. Sowohl große und kleine als auch künstliche sowie natürliche Systeme zur Speicherung von Wasser sollen zum Einsatz kommen. So sollen unter anderem Rückhaltebecken, Wassertreppen und Entwässerungsanlagen für Wasserstraßen gebaut werden.

Der Großteil der Projekte wird durch die staatliche Wasserverwaltung (Panstwowe Gospodarstwo Wodne Wody Polskie) realisiert. Eine Übersicht ihrer geplanten Projekte ist in polnischer Sprache unter https://gospodarkamorska.bip.gov.pl/fobjects/download/604755/zalacznik-nr-1-do-zalozen-2019-07-25-xlsx.html abrufbar.

Erste Projekte laufen bereits

Die Aufteilung der 94 Investitionen zwischen den Woiwodschaften variiert zum Teil sehr stark. So sind für die Woiwodschaften Kujawsko-Pomorskie (Kujawien-Pommern) und Dolnoslaskie (Niederschlesien) beispielsweise 912 Millionen beziehungsweise 720 Millionen Euro vorgesehen. Die Woiwodschaft Lodz hingegen wurde als einzige nicht in das Programm aufgenommen.

Zwar sollen viele der geplanten Projekte erst 2020 oder 2021 beginnen, ein Teil von ihnen ist allerdings bereits angelaufen. Für die nahe Gliniany in der Woiwodschaft Dolnoslaskie geplante Staustufe Lubiaz wurde Anfang August beispielsweise bereits ein Vertrag über die Planung mit der Firma DHV Hydroprojekt unterzeichnet.

Die Projektierungsarbeiten sollen 2023 abgeschlossen sein. Die Fertigstellung der Staustufe ist für 2027 vorgesehen. Insgesamt sind Investitionskosten in Höhe von 93 Millionen Euro veranschlagt. Unter anderem sollen eine Zweikammer-Navigationsschleuse, eine Fischtreppe und ein Wasserkraftwerk gebaut werden.

Binnenschifffahrt als Nutznießer

Wie in den Grundsätzen des PRR-Programms zu lesen ist, sollen durch die Umsetzung außerdem die Bedingungen für die Binnenschifffahrt verbessert werden. Marek Grobarczyk, Minister für Seewirtschaft und Binnenwirtschaft, betonte im August 2019, dass der Ausbau der Binnenschifffahrt in Polen für die Regierung von größter Bedeutung ist.

Ein erster Schritt dafür ist die Erstellung einer Strategie für den Ausbau der Binnenschifffahrt im Land. Eine erste Skizze soll noch 2019 vorliegen. Anschließend sollen Umweltverträglichkeitsprüfungen durchgeführt werden sowie öffentliche Konsultationen stattfinden. Die Vorlage der endgültigen Version ist für das 1. Quartal 2021 geplant. Dann soll die Europäische Kommission überzeugt werden, die Pläne in das Transeuropäische Verkehrsnetz (TEN-V) aufzunehmen. Für dieses stehen besondere Fördergelder zur Verfügung. Die Entscheidung wird die Kommission allerdings erst 2023 treffen.

Wie das öffentlich-rechtliche Polskie Radio berichtet, bereitet die polnische Regierung den Bau eines 90 Kilometer langen Kanals vor, der die Weichsel mit der Oder verbinden soll. Der sogenannte Schlesische Kanal wird voraussichtlich nach 2030 fertiggestellt werden und rund 2,6 Milliarden Euro kosten. Laut der Hörfunkanstalt sei das Projekt ein wichtiges Element zur Eröffnung einer Wasserhandelsroute, welche die baltischen Staaten mit dem Schwarzen Meer und der Adria verbinden soll.

Mehr Informationen zu Polen finden Sie unter http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Wasser-, Hafenbau, Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Umweltschutz Wasser, Gewässerschutz

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