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08.08.2018

Polen will moderne Schienenfahrzeuge einsetzen

Infrastruktur wird ausgebaut / Von Beatrice Repetzki

Warschau (GTAI) - Auf den Gleisen sollen in Polen neue Lokomotiven und Triebwagen rollen. Auch die Schienen- und Kommunikationstechnik wird modernisiert. Inländische Anbieter forschen selbst.

Die Eisenbahn gewinnt als Verkehrsmittel in Polen an Bedeutung. Der Komfort soll sich für die Reisenden weiter verbessern. Immer modernere Schienenfahrzeuge sollen auf einer erneuerten Infrastruktur rollen. Durch die anstehenden Investitionen können sich auch für deutsche Anbieter von Technologien und Fahrzeugen Zulieferchancen ergeben.

Aufatmen beim polnischen Vorzeigehersteller

Der in Bydgoszcz (Bromberg) beheimatete Hersteller von Schienenfahrzeugen Pesa will sein Sortiment ausbauen. Zu diesem Zweck wendet der staatliche Polnische Entwiklungsfonds (Polski Fundusz Rozwoju; PFR) 70 Millionen Euro auf, um fast 100 Prozent der Aktien zu übernehmen und das Kapital von Pesa aufzustocken. Die Transaktion soll im Oktober 2018 abgeschlossen werden.

Pesa stellt ein breites Sortiment von Fahrzeugen her, darunter elektrische und Dieseltriebzüge. Noch nicht anbieten kann das Unternehmen Multisystem-Lokomotiven, die international fahren können. Die sind aber unabdingbar um die vom PFR-Chef Pawel Borys aufgestellten Ziele zu erfüllen: Die Position im Inland festigen, Ausfuhren erhöhen. Der neue Eigentümer strebt zudem Lieferverträge über längere Produktionsserien an, um höhere Margen zu erzielen. Das Unternehmen solle weltweit eine bedeutende Rolle spielen auf dem wachsenden Markt für Schienenfahrzeuge, insbesondere bei Regional- und Straßenbahnen. Langfristig soll ein privater Partner gewonnen werden.

Deutsche Bahn ist wichtigster Kunde

Pesa exportiert seine Produkte auch nach Deutschland. Ende Mai 2018 erhielt das Unternehmen vom Eisenbahn-Bundesamt (EBA) die Genehmigung, dort seine aus zwei Teilen bestehenden Dieselzüge Pesa Link einzusetzen. Für Dreiergespanne folgte die Zulassung der Bahnfahrzeuge (Homologation) zwei Monate später.

Bis 2019 plant Pesa die Lieferung von insgesamt 71 Link-Zügen an DB Regio. Der Rahmenvertrag sieht bis Ende 2020 eine Bestellung von maximal 470 Link-Zügen für 1,2 Milliarden Euro vor. Derzeit hat Pesa nach eigenen Angaben Aufträge im Wert von rund 468 Millionen Euro in seinen Büchern. Die Einnahmen beliefen sich 2017 auf über 235 Millionen Euro.

Das Unternehmen übernimmt auch Service-Leistungen, die ebenfalls ausgeweitet werden sollen. Die Güterverkehrsparte der Polnischen Staatsbahnen (Polskie Koleje Panstwowe; PKP), PKP Cargo, beauftrage Pesa im Mai 2018 mit der Modernisierung von 38 Diesellokomotiven des Typs ST44. Die Arbeiten sollen 2019 und 2020 durchgeführt werden und 41 Millionen Euro kosten.

Bahndienstleister setzten auf Innovationen

Beide Unternehmen unterzeichneten auch eine Absichtserklärung zum Bau von Zweikraft- und autonomen Lokomotiven. Dank einer Kooperation mit dem Nationalen Centrum für Forschung und Entwicklung (Narodowe Centrum Badan i Rozwoju; NCBR) im Rahmen des Regierungsprogramms Luxtorpeda 2.0 will ebenfalls der Passagierbereich PKP Intercity (PKP IC) innovative Züge auf die Schiene bringen. In Entwicklung und Bau elektrischer Lokomotiven, Triebwagen und Push-Pull-Einheiten, die Höchstgeschwindigkeiten von 160 bis 230 Stundenkilometern pro Stunde erreichen, sollen 900 Millionen Euro fließen.

Das langfristige Investitionsprogram von PKP IC beläuft sich auf insgesamt 1,6 Milliarden Euro. Bis 2023 sollen 700 Waggons modernisiert und 185 neubeschafft werden. Außerdem ist der Kauf von 19 elektrischen Triebzügen und die Erneuerung von 14 weiteren geplant. PKP IC liebäugelt ferner mit 118 neuen Lokomotiven und der Modernisierung von annähernd 200 aus dem bestehenden Fuhrpark. Mit den vorangegangenen Investitionen sollen 80 Prozent der eingesetzten Fahrzeuge bis 2023 neu oder erneuert sein. Über eine Klimaanlage sollen 94 Prozent verfügen, drahtlosen Internetzugang 77 Prozent bieten.

Passagieraufkommen steigt

Die Maßnahmen sollen weitere Passagiere zum Zugfahren bewegen. Laut eigenen Angaben beförderte PKP Intercity 2017 nahezu 43 Millionen Passagiere, um 11 Prozent mehr als im Vorjahr. Damit konnte die Dynamik des gesamten Passagieraufkommens auf der Schiene um das Dreifache gesteigert werden. Laut dem Amt für Bahntransport (Urzad Transportu Kolejowego; UTK) bedeuteten knapp 304 Millionen Bahnpassagiere 2017 das beste Ergebnis seit 15 Jahren.

Regionale und lokale Anbieter investieren

Ein wachsender Anteil der Passagiere entfällt auf regionale und stadtnahe Verbindungen. Diese werden von der PKP-Tochter Polregio sowie Gesellschaften der Woiwodschafts-, Gemeinden- und Stadtverwaltungen realisiert. Auch hier steht dank EU-Mitteln ein Investitionsschub bevor.

Die der Hauptstadtregion Masowien unterstellten Koleje Mazowieckie kaufen 71 Flirt-Züge von Stadler für 500 Millionen Euro. Stadler Polska produziert in Siedlce. Die oberschlesischen Koleje Slaskie erwerben noch 2018 insgesamt 19 Züge von Pesa. Die Warschauer Schnellbahn kauft 21 Züge und die Pommersche Kolej Metropolitalna mindestens fünf. Die Lodzka Kolej Aglomeracyjna aus Lodz (Lodsch) bestellte bei Newag 14 Züge des Typs Impuls II für 62 Millionen Euro. Newag entwickelt bereits mit dem NCBR die Multisystem-Lokomotive Griffin, die in Polen, Deutschland und der Tschechischen Republik eingesetzt werden kann.

Polregio will zusammen mit der Agentur für Industrieentwicklung (Agencja Rozwoju Przemyslu; ARP) inländischen Start-ups die Chance geben, ihre Lösungen in einer großen Organisation zu testen. Die Firma ist der größte Passagierbeförderer auf der Schiene mit einem Marktanteil von 27 Prozent und will sich weiter digitalisieren. Dazu beschafft Polregio mobile Terminals unter anderem zum Fahrkartenverkauf und will seine Service-Stationen für Züge um intelligente Lösungen erweitern.

Schienenverwalter sucht technologischen Anschluss

Um die Möglichkeiten der neuen Züge auszuschöpfen wird auch die Infrastruktur fortlaufend modernisiert. Gleise werden ausgetauscht, die Bahntechnik angepasst und Bahnhöfe renoviert. In die Bahninfrastruktur soll 2019 laut dem dafür zuständigen Unternehmen PKP Polskie Linie Kolejowe (PKP PLK) ein Rekordbetrag von 3,2 Milliarden Euro fließen.

MKT201808078001.14

Im März 2018 unterzeichnete PKP PLK einen Vertrag im Wert von 500 Millionen Euro mit dem Konsortium Nokia Solutions and Networks, Wasko, Pozbud und Herkules. Er betrifft die Schaffung eines digitalen Kommunikationssystems auf Basis des GSM-R-Standards. Dieser ist Voraussetzung, um das European Rail Traffic Management System (ERTMS) umzusetzen, den zukünftigen Standard auf Schienentrassen des Transeuropäischen Netzes Verkehr (TEN-T). Es informiert Lokführer über die Streckenbeschaffenheit, kontrolliert seine Arbeit und macht Signale überflüssig.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse
Pesa Bydgoszcz http://www.pesa.pl
Polski Fundusz Rozwoju http://www.pfr.pl
PKP Intercity http://www.intercity.pl
PKP Polskie Linie Kolejowe http://www.plk-sa.pl
PR Polregio https://polregio.pl

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Eisenbahnbau, Schienenfahrzeuge

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Fabian Möpert

‎+49 30 200099209

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