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12.06.2018

Polen will Vergabe von EU-Mitteln beschleunigen

Preisvorstellungen und Innovationszwang sind die größten Bremsen / Von Michal Wozniak

Berlin (GTAI) - Bisher hat Polen erst 17 Prozent der über 86 Milliarden Euro aus den Fördertöpfen der Europäischen Union (EU) erhalten. Im Fokus standen Infrastruktur- und Transportprojekte, gefolgt von Vorhaben zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft in den Unternehmen. Gerade der Schwerpunkt auf Innovation und Forschung und Entwicklung macht vielen Unternehmen zu schaffen. Aber es gibt auch positive Beispiele, besonders aus der Kfz-Industrie und der Medizintechnikbranche.

Kein anderes Land der Gemeinschaft hat bis März 2018 so viele Gelder aus EU-Fördertöpfen für die Jahre 2014 bis 2020 erhalten wie Polen: Die über 14,5 Milliarden Euro sind fast zweieinhalbmal so viel wie beim zweitplatzierten Portugal. Bereits 32.533 Förderverträge mit einem Zuschussvolumen von knapp 42 Milliarden Euro wurden unterzeichnet.

Trotz der hohen Überweisungen aus Brüssel kann die bisherige Vergabe der EU-Fördergelder in Polen nur bedingt als erfolgreich gelten. Denn von den zur Verfügung stehenden über 86 Milliarden Euro hat Polen erst 17 Prozent ausgeschöpft, womit es unter dem EU-Durchschnitt bleibt. Der zuständige Minister für Investitionen und Entwicklung, Jerzy Kwiecinski, sieht jedoch Anzeichen einer Beschleunigung: Bis Anfang März 2018 seien knapp 77.500 Anträge für über 71 Milliarden Euro EU-Förderung eingegangen. "Binnen eines Jahres stieg der Wert der EU-kofinanzierten Vorhaben um 38,5 Milliarden Euro", vermeldete sein Ressort.

Die meisten Gelder sind auf Infrastruktur- und Transportprojekte entfallen. Mit über 7,5 Milliarden Euro lagen Vorhaben in den Bereichen Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittlerer Betriebe, Innovationen sowie Forschung und Entwicklung an zweiter Stelle. Etwa 6 Milliarden Euro wurden für den Übergang hin zu einer Niedrigemissionswirtschaft verwendet und knapp 3 Milliarden Euro für den Umweltschutz und die Wasserwirtschaft.

EU-Mittel helfen auch indirekt

EU-Gelder helfen Unternehmen beim Ausbau ihrer Kapazitäten und der Zukunftsplanung sowie bei der Umsatzsteigerung. Schienenfahrzeuganbieter können auf Aufträge in Höhe von knapp 1 Milliarde Euro hoffen. Diesen Wert erreichten die bis Februar 2018 vom Zentrum für EU-Transportprojekte (Centrum Unijnych Projektow Transportowych; CUPT) bewilligten Vorhaben. Betriebe des öffentlichen Personennahverkehrs, die ihren Fuhrpark erweitern und die Infrastruktur ausbauen, können bis zu etwa 1,7 Milliarden Euro bekommen.

Im Rahmen des Operationellen Programms (OP) Infrastruktur und Umwelt (Infrastruktura i Srodowisko; POIS) bewilligte die Europäische Kommission bis Anfang März 2018 die Förderung von 66 Großprojekten. Die jüngsten Entscheidungen betrafen den Hochwasserschutz in Kotlina Klodzka (75 Millionen Euro), die Modernisierung der Wasserversorgung in Warschau (152 Millionen) und den Ausbau des Pipelinesystems zum Flüssiggasterminal in Swinemünde (56 Millionen Euro).

Vor allem im Infrastrukturbereich wird die Vergabe immer schwieriger. Nach den Erfahrungen im Rahmen der vorherigen Finanzperiode rechnen Firmen genauer und vorsichtiger. Die gute Konjunktur und der zunehmende Fachkräftemangel führen vor allem in der Baubranche zu hohen Angebotspreisen. "Es gibt Probleme mit ausbleibenden Bewerbern, aber auch Wiederholungen von Ausschreibungen, weil die Angebotspreise weit über den vorgesehenen Kosten liegen", bestätigt Elzbieta Polak, Marschallin der Woiwodschaft Lebus (Lubuskie).

Unternehmen müssen sich noch an neue Realität anpassen

Bei der Beantragung von Fördergeldern macht Unternehmen ein Grundsatz der neuen Förderperiode zu schaffen: Die meisten Gelder sind für Forschung, Entwicklung und Innovation vorgesehen, nicht für den Kapazitätsausbau an sich. In einigen Regionen ist das Interesse der Unternehmen an gemeinsamen Forschungsprojekten mit Wissenschaftseinrichtungen besonders gering, zum Beispiel in der Woiwodschaft Heiligkreuz (Swietokrzyskie).

Dennoch erhielten Unternehmen bis Ende 2017 Zuschläge für über 13 Milliarden Euro EU-Mittel. Die Investitionssumme für die damit verbundenen Projekte ist nahezu doppelt so hoch. Mehr als die Hälfte davon wollen Großunternehmen stemmen, mittelgroße 4,6 Milliarden Euro, Klein- und Kleinstfirmen 3,8 Milliarden beziehungsweise 2,7 Milliarden Euro.

Elektromobilität aus EU-Mitteln

Zu den erfolgreicheren Branchen zählt der Kfz-Sektor. Im Rahmen des Programms InnoMoto vergab das Nationale Zentrum für Forschung und Entwicklung (Narodowe Centrum Badan i Rozwoju; NCBiR) allein in der ersten Jahreshälfte 2017 über 56 Millionen Euro Zuwendungen an 47 Unternehmen der Kfz-Industrie. Die Mittel sollen die Entwicklung neuartiger Mobilitätsprodukte und -lösungen unterstützen.

Zu den Begünstigten gehört unter anderem FSO Syrena aus Kutno. Das Unternehmen arbeitet an einem Elektrokleinwagen, der sich den Kultstatus der gleichnamigen "Königin der polnischen Straßen" aus den 1950er Jahren zu Nutze machen will. Das Traditionsunternehmen Melex wird bei der Entwicklung eines modularen Elektrotransporters unterstützt, und das Gleiwitzer Start-up Triggo erhält 3 Millionen Euro Förderung für die Finalisierung eines Kleinstwagens, der die Manövrierfähigkeiten eines Motorrads mit dem Allwetterkomfort eines Autos verbinden soll.

Kfz-Zulieferer forschen an Produktionsmethoden

Auch zahlreiche namhafte Zulieferer konnten sich ein Stück vom Kuchen sichern. Dazu zählen ausländische Firmen wie BWI, Hutchinson, Zannini, Faurecia oder Valeo und polnische Unternehmen wie Impexmetal, Wielton und Luma Investment. "Wir arbeiten an der Optimierung neuer Materialien und ihrer Nutzung für Autoteile", erklärte Piotr Cizkowski, Manager bei Luma, gegenüber dem Wirtschaftsblatt Puls Biznesu. Dazu arbeitet der Wagniskapitalgeber unter anderem mit dem Schlesischen Politechnikum zusammen.

Der polnische Kfz-Zulieferer Grupa Boryszew stellte 2017 elf Förderanträge, von denen sieben bewilligt wurden. Der Konzern greift vor allem Gelder für Forschungsarbeiten aus dem OP Intelligente Entwicklung (Inteligentny Rozwoj; POIR) ab. So entwickelt das Unternehmen zum Beispiel für über 8 Millionen Euro Technologien für die Komponentenproduktion für Türpaneele. Für ebenfalls über 8 Millionen Euro werden neue Lösungen für die Herstellung von Aluminiumblechen und -bändern erarbeitet.

Zuschläge auch für Medizintechnik

Andere Branchen sind ebenfalls erfolgreich. Ein großer Coup gelang im Dezember 2017 dem Hersteller von Diagnosereagenzien PZ Cormay. Für den Bau eines Forschungs- und Entwicklungszentrums für Laborchemie bekam die Firma eine Förderung über 450 Millionen Euro. Mit den EU-Mitteln kann das Unternehmen nahezu die Hälfte der geplanten Investitionskosten decken.

Auch wesentlich kleinere Spieler kommen zum Zuge. Die Firma DrOmnibus hat vom NCBiR über 500.000 Euro für die Weiterentwicklung ihrer Tablet-basierten Kindertherapie erhalten. Mit den Multimedialösungen für Kinder mit Entwicklungsstörungen konnte sie sogar die Herzen des britischen Prinzenpaares gewinnen: Prinzessin Kate fungiert seit dem Firmenbesuch als Honorarbotschafterin.

Ostpolen bietet mehr Chancen für Kleine

Den Erfolg von DrOmnibus würden die fünf ostpolnischen Woiwodschaften gern bei ihren Start-ups sehen. Deswegen setzten sie gezielt Mittel des OP Ostpolen (Polska Wschodnia; POPW) ein und errichteten sogenannte Startplattformen für neue Ideen.

In einer ersten Pilotphase wurden 210 Jungunternehmen bei der Tätigkeitsaufnahme gefördert, 102 von ihnen erhielten weitere Mittel für die Wachstumsphase. Der Erfolg verleitete die Europäische Kommission zur Freigabe weiterer Mittel für das Unterfangen. Für Unternehmen aus den Woiwodschaften Ermland-Masuren (Warminsko-mazurskie), Heiligkreuz, Karpatenvorland (Podkarpackie), Lebus sowie Podlachien(Podlaskie) stehen 2018 insgesamt 110 Millionen Euro in fünf Wettbewerben bereit.

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Wirtschaftsbeziehungen zur EU, Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Ausschreibungswesen

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