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24.11.2017

Polens IT-Sektor kommt wieder in Schwung

Neue Großaufträge / Auch Unternehmen müssen investieren / Von Beatrice Repetzki

Warschau (GTAI) - Nach rückläufigen Einnahmen 2016 soll der polnische IT-Sektor 2017 wieder wachsen. Öffentliche Aufträge sanken in den letzten Jahren, während der Bedarf von Unternehmen und Banken groß ist. Nun aber investieren auch öffentliche Institutionen wie die Sozialversicherung oder der Schienennetzverwalter wieder. Polnische Firmen entwickeln zwar eigene Software, übernehmen aber zunehmend Outsourcing-Aufgaben. Somit sind Software-Importe notwendig. Auch Privatleute nutzen das Internet verstärkt.

Der polnische IT-Sektor hat die Talsohle durchschritten und blickt wieder optimistischer in die Zukunft. Nach einer Flaute winken neue öffentliche Aufträge. Das größte inländische Unternehmen Comarch unterzeichnete im Oktober 2017 einen Vertrag im Wert von 32 Millionen Euro mit dem Justizministerium. Außerdem rechnet es sich Chancen für einen Vertrag von 12 Millionen Euro mit dem Hauptamt für Geodäsie und Kartografie aus.

Umsätze des IT-Sektors (Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %)
2013 2014 2015 2016 2017 *) 2018 *)
2,7 4,1 4,2 -3,9 2,7 6

*) Prognose

Quelle: Marktforschungsfirma PMR

Kurz vor der Entscheidung steht eine große Ausschreibung der Sozialversicherungsanstalt ZUS (Zaklad Ubezpieczen Spolecznych). Hier hatte Comarch mit 57 Millionen Euro das günstigste Angebot eingereicht. Sein Konkurrent Asseco Poland entsprach mit seinem Angebot von 88 Millionen Euro weitgehend dem für das Projekt vorgesehenen Budget. Deutlich teurer ist die Lösung der Firma Atos mit 102 Millionen Euro. Für ein weiteres System innerhalb des ZUS hatte wiederum Asseco nach eigenen Angaben kürzlich mit 5 Millionen Euro die beste Offerte abgegeben.

Experten erwarten einen wachsenden Druck zur termingerechten Abrufung von EU-Mitteln aus dem Haushalt 2014 bis 2020. Das dürfte wieder mehr mittlere und große Projekte bedeuten. Der Analytiker der Raiffeisen Bank Polska, Dominik Niszcz, rechnet mit einem steigenden IT-Bedarf im Gesundheitswesen sowie bei den regionalen und lokalen Selbstverwaltungen.

Auch die polnische Bahn investiert in digitale Technik. Ihr für das Schienennetz zuständiger Bereich PKP PLK wählte das Angebot eines Konsortiums unter Führung von Nokia Solutions and Networks aus, dem auch die Gesellschaften Wasko, Pozbud und Herkules angehören. Der Auftrag hat einen Wert von 536 Millionen Euro netto. Ausgeschrieben hatte die PKP PLK die Implementierung des Zugleitsystems ERTMS/GSM-R. Das Drahtlosnetz GSM-R soll das zentrale für die Bahn bestimmte digitale Kommunikationssystem werden.

Unternehmen müssen digitaler werden

Generell müssen polnische Firmen weiter in IT-Lösungen investieren, um ihren Rückstand in diesem Bereich aufzuholen. Das dynamische Wirtschaftswachstum von über 4 Prozent heizt die Nachfrage zusätzlich an. Die Notwendigkeit zur Bekämpfung der Cyberkriminalität rückt ebenfalls stärker ins Bewusstsein.

ERP-Systeme (Enterprise Resource Planning) verbreiten sich. Laut der Marktforschungsfirma DiS nutzen über 28.000 Firmen in Polen diese Systeme. Die Anzahl der einzelnen Nutzer solcher Lösungen liegt bei 600.000 und soll bis 2020 auf 700.000 steigen. Die Dynamik in Polen bleibt jedoch hinter der in der gesamten Europäischen Union (EU) zurück. Stieg die Anzahl der Unternehmen, die ERP-Systeme einführten, in der EU seit 2012 um 15 Prozent, so erhöhte sie sich in Polen lediglich um 10 Prozent. Nachfragepotenzial ist somit vorhanden, wobei die Cloud auch bei ERP eine wachsende Rolle spielen dürfte.

Neues Gesetz schafft neuen Bedarf

Personalakten dürfen künftig digital geführt werden und können somit die Papierversionen ersetzen. Die Regierung gab Einzelheiten zu einem entsprechenden Projekt bekannt. Ab 2019 dürfen Arbeitgeber demnach ihre Mitarbeiterarchive, die nach 1998 angelegt wurden, elektronisch aufbereiten. Das soll den Firmen Einsparungen von 24 Millionen Euro jährlich bringen, wie das für Wirtschaft zuständige Entwicklungsministerium (Ministerstwo Rozwoju) schätzt.

Für die Akten neu eingestellter Mitarbeiter soll ab dem 1. Januar 2019 eine Pflicht zur Digitalisierung gelten. Diese Vorgaben bedeuten für Hunderttausende Firmen eine neue Herausforderung, zumal sich außerdem abzeichnet, dass diese auch mehr Informationen über die Löhne ihrer Mitarbeiter als bisher dem ZUS übermitteln müssen, so etwa zum 13. Monatsgehalt.

Mit der zunehmenden Anzahl der elektronisch aufzubereitenden Angaben wächst auch die Notwendigkeit zur Nutzung der Cloud für die immer größeren digitalen Archive. Cloud-Lösungen wendeten 2016 erst 8 Prozent der polnischen Firmen an. Das geht hervor aus einem Bericht, den SW Research im Auftrag von Huawei Mobile Digital verfasst hat, sowie aus Angaben des Statistischen Hauptamtes GUS.

Chancen für ausländische Anbieter

Solche Digitalisierungsmaßnahmen eröffnen auch ausländischen Anbietern entsprechender Lösungen Zulieferchancen. Laut dem Vorsitzenden von Asseco Poland, Adam Goral, leisten die IT-Firmen in Polen immer häufiger Outsourcing-Dienste anstatt eigene Produkte und Technologien zu schaffen. Unter den 20 größten IT-Gesellschaften befänden sich nur zwei inländische Hersteller von Computerprogrammen. Software muss Polen somit auch importieren.

Andererseits konzentrieren sich die großen Handelsunternehmen, neben neuen Produkten und der Cloud, vor allem auf Vertriebsbereiche mit mehr eigener Wertschöpfung. So wollen unter anderem AB und ABC-Data ihre Rentabilität erhöhen.

Immer mehr Internetnutzer

Nicht nur für Firmen wächst die Bedeutung des Internet, sondern auch Privatpersonen sind immer häufiger online. Laut Google Market Insights nutzen 25,5 Millionen Polen das Internet, das heißt zwei Drittel der Bevölkerung. In der Altersklasse über 16 sind 82 Prozent regelmäßig online, von denen wiederum verwenden 70 Prozent dafür Smartphones. Polen, die älter als 55 sind, nutzen zu 59 Prozent das Internet aktiv, wie aus einer von der Marktforschungsfirma Kantar TNS für Google durchgeführten Untersuchung hervorgeht. Die 25- bis 44-Jährigen sind im globalen Vergleich überdurchschnittlich oft online.

Altersstruktur der Internetnutzer in Polen und weltweit (in %, Altersangabe in Zahlen)
16-19 20-24 25-34 35-44 45-54 55-64 über 65
Polen 5 9 22 22 15 14 12
Welt 7 8 19 20 18 14 14

Quelle: Google Markte Insights

Umsätze der Telekommunikationsgesellschaften mit Internetanschlüssen ( in Mrd. Euro)

2017* 2018* 2019* 2020* 2021*
Festnetz 0,79 0,80 0,82 0,84 0,85
Mobil 1,35 1,47 1,56 1,65 1,71

* Prognose

Quelle: PwC

(B.R.)

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