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16.07.2019

Polens Kohlesektor als Türöffner für chinesische Banken

Chinas Interesse an Polens Wirtschaft wächst / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - Der Rückzug europäischer Banken aus polnischen Kohleprojekten bietet neue Möglichkeiten für chinesische Institute. Ein erstes Projekt gibt es bereits. Auch die Baubranche wird umworben.

Polens Bergbauunternehmen könnten in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen stehen. Immer mehr Banken in Europa ziehen sich aus der Finanzierung von Kohlebergwerken und Kohlekraftwerken zurück. "Wir beobachten sehr große Veränderungen auf dem Energiemarkt und stellen fest, dass es immer mehr Finanzinstitute gibt, die bei der Finanzierung von Kohle vorsichtig sind", berichtet Joann Erdman, Vizepräsidentin der ING Bank Slaski, dem polnischen Ableger der ING Group.

Die Bank hatte im Dezember 2017 angekündigt, bis Ende 2025 bestehende Finanzierungen mit öffentlichen Versorgungsunternehmen einzustellen, wenn die kohlebefeuerte Stromerzeugung mehr als 5 Prozent von deren Energiemix ausmacht. Auch die in Polen tätigen Geldinstitute Societe Generale, Credit Agricole und Deutsche Bank haben bereits Abstand von der Kohlefinanzierung genommen. Im März 2019 folgte die mBank, Tochter der deutschen Commerzbank. "Der wachsende Druck im Zusammenhang mit der Reduzierung der Kohlendioxidemission rechtfertigt die Unterstützung dieses Energiesektors immer weniger", sagt Adam Pers, Vizepräsident für Firmen- und Investmentbanking der mBank.

Der Rückzug europäischer Banken bietet Chancen für Finanzinstitute aus anderen Teilen der Welt wie zum Beispiel aus den USA oder China. So unterzeichnete die polnische Kohlebergbaugruppe Jastrzebska Spolka Weglowa (JSW) im April 2019 einen Finanzierungsvertrag mit einem Konsortium aus verschiedenen Banken. Eine von ihnen ist der europäische Ableger der Industrie- und Geschäftsbank von China (ICBC).

Das Konsortium stellt JSW verschiedene Kredite im Gesamtwert von fast 180 Millionen Euro zur Verfügung. Mit den Geldern plant das Unternehmen unter anderem den Kauf moderner Technologien zur Steigerung der Kohleproduktion. Aber auch der Erwerb von Mehrheitsbeteiligungen am Schachtbauunternehmen Przedsiebiorstwo Budowy Szybow SA ist geplant. Nach eigener Aussage sieht die Unternehmensstrategie von JSW bis 2030 Investitionen in Höhe von 4,4 Milliarden Euro vor.

Eine große Herausforderung ist dabei die Beschaffung von Fremdfinanzierung. "Es wird immer schwieriger, mit polnischen Banken zu sprechen, denn in ihrer Beteiligungsstruktur gibt es große Investmentfonds, die Druck ausüben, damit die Banken ihr Engagement in allen kohlebezogenen Anlagen der polnischen Energieunternehmen reduzieren", sagt Daniel Ozon, Geschäftsführer von JSW. Dass chinesische Banken Kredite in Polen bereitstellen, wird voraussichtlich kein Einzelfall bleiben. Denn außer der Transportinfrastruktur steht auch der Ausbau der Energieinfrastruktur bei Chinas Seidenstraßeninitiative im Fokus.

Bank of China wächst jährlich um 50 Prozent

Auch die Entwicklung der polnischen Niederlassung der Bank of China zeigt, dass chinesische Banken in Polen zunehmend erfolgreich sind. Die 2012 gegründete Filiale hatte 2018 bereits 34 Beschäftigte, drei Jahre zuvor waren es noch 13. "Wir sind die am schnellsten wachsende Filiale der Bank weltweit", sagt Bin Xia, CEO der Bank of China in Polen. Nach Aussage des Bankiers hat die Niederlassung ihren Umsatz und Reingewinn jährlich um 50 Prozent gesteigert. Und dieses Tempo soll beibehalten werden.

Die polnische Filiale ist insbesondere an der Baufinanzierung des neuen Zentralflughafens nahe Warschau interessiert. Darüber hinaus will die Bank sich im Rahmen der Seidenstraßeninitiative an weiteren Infrastrukturprojekten beteiligen wie beispielsweise am Ausbau der Seehäfen sowie am Bau von Eisenbahnknotenpunkten und Logistikzentren. Xia zufolge interessieren sich große chinesische Firmen, zum Beispiel aus dem Automobilsektor, zunehmend für den Investitionsstandort Polen. Chinesen würden nach Angaben von Xia außerdem nach Möglichkeiten suchen, in Immobilien und die Abfallwirtschaft zu investieren.

Chinesische Investitionen in Polen werden innovativer

Bisher spiegelt sich das steigende Interesse allerdings nicht in großen Investitionen wider. Zwischen 2000 und 2018 flossen 1,4 Milliarden Euro in Form von ausländischen Direktinvestitionen aus China nach Polen. Damit zählt Polen in Mittel- und Osteuropa hinter Ungarn zwar zu den Ländern mit den meisten Investitionen. Verglichen mit westeuropäischen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) ist das Engagement chinesischer Firmen in Polen jedoch bislang gering. Im Vereinigten Königreich belaufen sich die chinesischen Direktinvestitionen für den gleichen Zeitraum auf fast 47 Milliarden Euro. Deutschland liegt mit 22,2 Milliarden auf Platz zwei.

Zu den bisherigen Investoren gehört unter anderem die Worldwide Logistics Group (WWL), einer der größten privaten Logistikdienstleister in China. Das Unternehmen erwarb im Februar 2018 Anteile in Höhe von 7,5 Prozent am polnischen Containerlogistiker ATC Cargo. Zugleich übernahm ATC Cargo damit die Verantwortung für die Entwicklung der WWL in Europa. "Polen wurde als operatives Zentrum unserer Expansion in Europa ausgewählt", sagt Jacky Lim, Präsident der WWL. Nach Aussage des Unternehmers ist auch ein Ausbau der Beteiligung an ATC Cargo in Zukunft denkbar.

Wie die Polnische Agentur für Investition und Handel (Polska Agencja Inwestycji i Handlu, PAIH) berichtet, ist bei den jüngsten Aktivitäten chinesischer Unternehmen in Polen ein steigender Innovationsgrad zu verzeichnen. So gab der weltweit drittgrößte Hersteller von Fernsehgeräten, die chinesische Firma TCL, im September 2018 bekannt, ein Forschungszentrum in Warschau eröffnen zu wollen.

Bartosz Biskupski, Leiter von TCL Research Europe, erklärte, dass sich das Labor auf die Forschung und Entwicklung in Bereichen wie Spracherkennung und Big-Data-Analysen konzentrieren soll. Das neue Zentrum wird mit geplanten 100 Ingenieuren das größte TCL-Labor außerhalb Chinas sein. TCL hat sich wegen der hohen mathematischen und algorithmischen Kompetenzen der polnischen Wissenschaftler für den Standort entschieden.

Chinesische Baukonzerne suchen Kontakt zur polnischen Branche

Die stark gestiegenen Kosten für Baumaterialien und Arbeitskräfte machen viele Verträge, die polnische Baufirmen zwar bereits vor mehreren Jahren mit der öffentlichen Verwaltung geschlossen, aber noch nicht erfüllt haben, unrentabel. Das wirkt sich negativ auf die Finanzergebnisse der Unternehmen aus Polen aus, weshalb die Banken und Versicherungen ihr Finanzierungen begrenzen, die Preise für Garantien und Kredite erhöhen oder zusätzliche Sicherheiten verlangen. Den polnischen Baufirmen erschwert dies den Abschluss von neuen Verträgen.

Laut Branchenvertretern bieten chinesische Baukonzerne den polnischen Firmen Finanzierungen im Austausch für eine gemeinsame Teilnahme an Ausschreibungen an. "Kooperationsvorschläge chinesischer Unternehmen gehen vor allem bei kleinen und mittleren polnischen Unternehmen ein, die am stärksten von der Beschränkung der Finanzierung durch die Banken betroffen sind. Es kommt vor, dass die Unternehmen sich weigern, zusammenzuarbeiten. Aber chinesischen Firmen ist das egal. Sie sagen: 'Wir werden warten. Wenn sie keine Bankenfinanzierung erhalten, werden sie selbst um ein Darlehen bitten'", sagt Jan Stylinski, Präsident des polnischen Verbandes der Arbeitgeber im Baugewerbe im Gespräch mit der Tageszeitung Puls Biznesu.

Kleinere Unternehmen mit Finanzierungsproblemen werden nach Meinung des Experten keine andere Wahl haben, als ihr Unternehmen an chinesische Firmen zu verkaufen oder gemeinsam mit ihnen Verträge in Konsortien umzusetzen.

Weitere Informationen über Polen finden Sie unter http://www.gtai.de/Polen

Unter http://www.gtai.de/seidenstrasse finden Sie zahlreiche weitere GTAI-Beiträge zum Thema neue Seidenstraße.

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen, China Bauwirtschaft, allgemein, Kohle, Seidenstraße

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