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09.07.2019

Polens Landwirte wollen trotz schlechter Stimmung investieren

Viele Betriebe machen sich Sorgen um ihre Absatzmärkte / Von Niklas Becker

Warschau (GTAI) - Nur ein kleiner Teil der polnischen Agrarbetriebe verfügt über ausreichend Fläche, um rentabel arbeiten zu können. Genau diese Höfe wollen in Zukunft mehr investieren.

Die Stimmung unter den polnischen Landwirten ist gespalten. Jeder Dritte von ihnen erwartet, dass 2019 ein schlechtes oder sehr schlechtes Jahr für Polens Agrarsektor wird. Ein Viertel schätzt die Situation hingegen ganz anders ein und rechnet 2019 mit einem guten beziehungsweise sehr guten Jahr. Die übrigen 40 Prozent der Landwirte gehen für 2019 von keinen Veränderungen gegenüber dem Vorjahr aus. Das geht aus einer Befragung der Bank BGZ BNP Paribas unter rund 340 polnischen Landwirten vom Dezember 2018 bis Januar 2019 hervor.

Wie die Befragung außerdem zeigt, befürchtet etwa jeder zweite befragte Landwirt negative finanzielle Ergebnisse für das Jahr 2019. Fast die Hälfte von ihnen rechnet damit, sich deshalb verschulden zu müssen. Die andere Hälfte hofft, die finanziellen Einbußen mit eigenem Ersparten ausgleichen zu können. Grund für die schlechte Stimmung unter den Landwirten sind unter anderem die gestiegenen Kosten für Saatgut und Dünger. Auch die erwarteten niedrigen Preise für den Verkauf ihrer Waren drücken die Laune nach unten.

Maschinen und Anlagen sind gefragt

Laut Studie wollen drei von vier befragten Landwirten trotz der wirtschaftlich schwierigen Situation 2019 in ihren Betrieb investieren. Ganz oben auf der Liste stehen dabei Maschinen und Anlagen. Gut 19 Prozent der Betriebe wollen sich neue Ausrüstung anschaffen (Mehrfachnennungen möglich). Jeder dritte Betrieb möchte gebrauchte Maschinen und Anlagen erwerben. Außerdem wollen die Landwirte ihre Gebäude modernisieren (41 Prozent) und zusätzliches Land erwerben (21 Prozent).

"Die polnischen Landwirte gewinnen trotz leichter Stimmungsschwankungen an Stärke", berichtet Jakub Porecki, Direktor für den Maschinen- und Anlagenmarkt bei Santander Leasing in Polen. Bereits Ende 2017 hatte die Bank eine leichte Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in der Agrarbranche beobachtet. Dennoch registriert das Geldinstitut ein stetiges Wachstum im Bereich der Finanzierung von Landmaschinen und -geräten: Im Jahr 2018 betrug das Plus 10,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Verschiedene weitere Umfragen unter den Betrieben in Polen zeigen, dass vor allem Junglandwirte bereit sind, in größerem Umfang zu investieren. Abgesehen vom Alter der Landwirte spielt bei den geplanten Investitionen auch die Betriebsfläche eine Rolle. Dies zeigt eine Auftragsstudie des Ministeriums für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung. Bei Betrieben mit einer Fläche von mehr als 30 Hektar (ha) planen nur knapp 17 Prozent keine Investitionen. Von den Betrieben mit 10 ha bis 30 ha wollen indes mehr als 25 Prozent nicht investieren. In der Kategorie unter 10 ha gilt dies sogar für jeden dritten Betrieb.

Polnischer Markt für land- und forstwirtschaftliche Maschinen (in Millionen Euro) 1)
2015 2016 2017
Import 1.214,2 896,2 1.188,1
Export 909,4 931,1 1.136,4
Verkaufte lokale Produktion 859,5 832,1 1.008,2
Marktvolumen 2) 1.164,4 797,2 1.059,9

1) NACE-Produktionscode 28.3; 2) rechnerisches Marktvolumen = Importe plus verkaufte lokale Produktion minus Exporte

Quellen: Eurostat; Berechnungen von Germany Trade & Invest

Nur die wenigsten Betriebe sind groß genug

Eine Studie des Marktforschungsunternehmens Attention Marketing zusammen mit der Beratungsfirma für den Landwirtschaftssektor Agrotime verdeutlicht das steigende Interesse polnischer Landwirte, in ihren Maschinenpark zu investieren. Demnach gaben 89 Prozent der befragten Betriebe an, in den letzten drei Jahren landwirtschaftliche Maschinen oder Ausrüstung gekauft zu haben. Zugleich planen 69 Prozent von ihnen in den nächsten zwei bis drei Jahren Investitionen in diesem Bereich.

Zu berücksichtigen ist, dass diese Umfrage nur unter Landwirten mit einer bewirtschafteten Fläche von mehr als 50 ha durchgeführt wurde. Experten im Land zufolge gilt diese Größe als Untergrenze, damit ein Betrieb wirtschaftlich rentabel ist. Nach Angaben des Statistischen Hauptamtes GUS bewirtschaften allerdings lediglich 2,2 Prozent der Betriebe eine Fläche dieser Größenordnung.

Polens landwirtschaftlich genutzte Flächen sind stark fragmentiert. So verfügt mehr als die Hälfte der rund 1,4 Millionen Landwirte über Flächen von weniger als 5 ha. Das Institut für Agrar- und Ernährungswirtschaft geht davon aus, dass lediglich 400.000 Landwirte den größten Teil ihres Einkommens aus der landwirtschaftlichen Produktion beziehen.

EU-Mittel machen 50 Prozent der Einkommen aus

Einen großen Einfluss auf den Agrarsektor in Polen hatte der Beitritt des Landes zur Europäischen Union (EU) im Jahr 2004. Mehr als 80 Prozent der polnischen Agrarprodukte werden in andere EU-Mitgliedstaaten exportiert. Wie ein Bericht der Stiftung zur Entwicklung der polnischen Landwirtschaft (FDPA) zeigt, haben sich die Ausfuhren von Agrarprodukten in den 15 Jahren der EU-Mitgliedschaft fast versechsfacht (2004: 5,2 Milliarden Euro; 2018 29,3 Milliarden Euro).

Neben dem vereinfachten Zugang zu den ausländischen Märkten haben europäische Fördermittel erheblich zur Entwicklung der Landwirtschaft in Polen beigetragen. Zwischen 2004 und 2017 beliefen sich die Direktzahlungen an polnische Landwirte auf 28 Milliarden Euro. Diese Zahlungen machen laut Studie der FDPA 50 Prozent der Einkommen der Landwirte aus. Aus diesem Grund verfolgt die Branche die Diskussion um den neuen EU-Finanzrahmen für die Zeit nach 2020 sehr genau.

Embargo gegen Russland macht den Landwirten weiterhin zu schaffen

Mit Spannung beobachtet man in Polen auch die Verhandlungen um den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs. Das Land gehört für polnische Landwirte zu den wichtigsten Exportmärkten. Die Ausfuhren von Agrarprodukten in das Königreich summierten sich 2018 auf 2,4 Milliarden Euro. Dies entspricht 10 Prozent aller landwirtschaftlichen Exporte Polens.

Bereits der Wegfall des russischen Absatzmarktes aufgrund der Einführung des Embargos der EU im Jahr 2014 hat viele polnische Landwirtschaftsbetriebe schwer getroffen. Noch heute haben viele von ihnen Schwierigkeiten, alternative Exportmärkte zu finden - allen voran die Apfelproduzenten. Vor dem Embargo verkaufte Polen 60 Prozent der Apfelernte nach Russland. Sorgen bereitet dem Agrarsektor außerdem die seit mehreren Jahren auftretende Afrikanische Schweinepest.

Weitere Informationen zu Polen finden Sie unter http://www.gtai.de/Polen

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Land- und Forstwirtschaftsmaschinen

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