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23.02.2017

Polnische Bahn will Investitionsstau überwinden

Große Strecken sind noch zu modernisieren / Schienennahverkehr gewinnt an Bedeutung / Von Beatrice Repetzki

Warschau (GTAI) - Umfangreiche Investitionen in die polnische Eisenbahninfrastruktur stehen mittelfristig weiter an. Das Landesbahnprogramm sieht bis 2023 Ausgaben von gut 15 Mrd. Euro vor. Für von der EU kofinanzierte Projekte stehen dabei über 10 Mrd. Euro zur Verfügung. Die Geschwindigkeit von Güter- und Passagierzügen ist weiter zu erhöhen und moderne Techniken sind einzuführen, auch zur Erhöhung der Sicherheit. Die Städte Warschau und Lodsch bauen U-Bahnen, Posen plant ein Vorstadtnetz.

Polen nimmt weitere umfassende Modernisierungen seiner Bahninfrastruktur in Angriff. Das Landesbahnprogramm, Krajowy Program Kolejowy (KPK), sieht Investitionen von insgesamt 67 Mrd. Zloty (Zl; rund 15,5 Mrd. Euro, 1 Euro = 4,3314 Zl; Stand: 17.2.17) bis 2023 vor. Rund 9.000 km Strecken sind zu erneuern und mit moderner Technik auszustatten. Das soll den Zügen eine höhere Geschwindigkeit erlauben. Der Betreiber des polnischen Schienennetzes PKP Polskie Linie Kolejowe (PKP PLK, http://www.plk-sa.pl) tätigte 2016 die ersten Ausschreibungen im Rahmen dieses Programms.

Im laufenden Jahr sollen daraufhin Verträge im Gesamtwert von rund 20 Mrd. Zl unterzeichnet werden. Außerdem plant PKP PLK 2017 weitere über 100 Ausschreibungen im Gesamtwert von 12 Mrd. Zl, so dass im laufenden Jahr insgesamt 220 Verträge im Gesamtwert von 26 Mrd. Zl unterschrieben werden sollen.

Einige davon betreffen strategisch wichtige Streckenabschnitte, wie zwischen Warschau und Lublin für 3,1 Mrd. Zl, Warschau und Poznan (Posen) für 2,6 Mrd. Zl sowie Krakow (Krakau) und Rudzice für 1,5 Mrd. Zl. Die tatsächlich getätigten Ausgaben sollen laut dem Vorsitzenden der PKP PLK Ireneusz Merchel von etwa 4,1 Mrd. Zl (2016) auf 5,5 Mrd. Zl (2017) wachsen und 2018 den Betrag von 10 Mrd. Zl übersteigen. Im Jahr 2019 sollen sie mit über 13 Mrd. Zl am höchsten ausfallen, um anschließend bis 2023 auf 1,9 Mrd. Zl wieder deutlich zu sinken.

Von der Verwirklichung der Vorhaben wollen auch die drei bedeutenden, auf die Bahninfrastruktur spezialisierten Bauunternehmen Trakcja (http://www.grupatrakcja.com/pl/), Torpol (https://torpol.pl) und die Gruppe ZUE (http://www.grupazue.pl) profitieren. Ihre Ergebnisse hatten sich im Laufe von 2016 aufgrund der schwächeren Auftragslage verschlechtert.

Ergebnisse der drei großen Bauunternehmen für die Bahninfrastruktur in Polen (in Mio. Zl)
Jan.-Sept. 2015 Einnahmen Jan.-Sept. 2016 Einnahmen Jan.-Sept. 2015 Nettogewinn Jan.-Sept. 2016 Nettogewinn
Trakcja 897 888 38 47
Torpol 843 497 27 4
ZUE 384 221 7 -6

Quelle: Firmenangaben

Erneuerungsmaßnahmen verzögerten sich

Nachdem in den Vorjahren große Bahnstrecken modernisiert worden waren, schwächten sich die Aktivitäten bereits 2015 ab. Bis Ende 2015 konnten noch im Rahmen des EU-Haushalts von 2007 bis 2013 getätigte Ausgaben abgerechnet werden. Das Abrufen der Mittel aus dem EU-Haushalt von 2014 bis 2020 zögerte sich hinaus.

Modernisierte Bahnstrecken (in km)
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
699 631 467 500 1.141 939 1.295 1.394 828

Quelle: PKP PLK

Im Rahmen des Operationellen Programms für Infrastruktur und Umweltschutz (OPIuU) von 2014 bis 2020, zu dem die EU 27,4 Mrd. Euro beisteuert, stehen Polen insgesamt 32 Mrd. Euro zur Verfügung. Das Land selbst muss also 4,6 Mrd. Euro aufbringen, um entsprechende Projekte verwirklichen zu können. Für den Bahnverkehr sind im OPIuU rund 5 Mrd. Euro vorgesehen.

Hinzu kommen EU-Mittel aus den Regionalprogrammen, aus dem speziellen Fördertopf für das strukturschwachere Ostpolen und dem länderübergreifenden Programm "Europa verbinden". Dadurch kann die polnische Bahn bis 2020 Investitionen für über 10 Mrd. Euro durchführen, für die sie eine EU-Förderung in Anspruch nehmen darf. Die abschließenden Abrechnungen können sich dabei bis 2023 hinziehen.

Eine wichtige Bahnstrecke durch Ostpolen von Olsztyn (Allenstein) über Bialystok und Lublin nach Rzeszow mit einem Abzweig nach Kielce soll 2022 oder 2023 übergeben werden. Die Kosten dafür werden auf 6,7 Mrd. Zl veranschlagt; es ist vorgesehen, dass die EU aus dem OPIuU rund 2,6 Mrd. Zl beisteuert. Dadurch soll sich die Fahrzeit verkürzen und manche Teilstrecken sollen überhaupt für den Passagierverkehr eingerichtet werden.

Erhöhung der Sicherheit

Bei den Modernisierungsmaßnahmen geht es auch um die Erhöhung der Verkehrssicherheit. Das Landesbahnprogramm KPK sieht ein besseres Zusammenspiel von Schiene und Straße vor. An 182 Bahnübergängen landesweit sollen moderne Ausrüstungen und Warnvorrichtungen angebracht werden. Zusätzlich sollen fünf Kreuzungen geschaffen werden, an denen gar keine Kollisionen möglich sind. Diese bis 2020 zu verwirklichenden Maßnahmen kosten die PKP PLK annähernd 400 Mio. Zl und sollen aus dem OPIuU kofinanziert werden.

Weitere Sicherheitsmaßnahmen betreffen den Zustand des rollenden Materials. Die damit befasste Gesellschaft PKP Energetyka (http://www.pkpenergetyka.pl) will laut ihrem Vorsitzenden Wojciech Orzech 2017 rund 25 Mio. Zl aufwenden, um gelieferte Schienenfahrzeuge künftig überprüfen sowie die Qualität der technischen Überwachungen und Reparaturen daran kontrollieren zu können. Das Sicherheitsmanagement soll durch ein modernes IT-System unterstützt werden.

Ausbau der Stadtnetze

Der Ausbau von Vorstadtbahnen rückt stärker ins Blickfeld. In Poznan soll die Bahn Poznanska Kolej Metropolitalna (PKM) künftig dazu beitragen, Kfz-Staus in der Stadt zu vermeiden. Zunächst ist dabei ein drittes 4 km langes Gleis vom Hauptbahnhof Poznan Glowny bis zum Ostbahnhof Poznan Wschod zu legen, was bis zu 1 Mrd. Zl kosten könnte. Eine entsprechende Machbarkeitsstudie soll 2018 vorliegen. Später könnten verschiedene Städte im Umkreis von bis zu 50 km an die PKM angeschlossen werden.

Nachdem im Dezember 2016 der unterirdische Bahnhof von Lodsch, Lodz Fabryczna, in Betrieb genommen worden war, soll bis 2022 für über 2 Mrd. Zl ein Tunnel unter der Stadt gebaut werden. Dieser soll den Eisenbahnverkehrsknotenpunkt von Lodz vervollständigen und gleichzeitig Platz für eine unterirdische Stadtbahnstrecke mit drei zentral gelegenen U-Bahn-Stationen bieten. Gegen Ende November 2016 hatte die PKP PLK eine entsprechende Ausschreibung bekannt gegeben.

Auch die Stadt Warschau setzt auf unterirdische Verbindungen. Sie verlängert ihre zweite U-Bahnlinie um zunächst sechs Stationen. Drei Stationen auf der östlichen Weichselseite baut die italienische Firma Astaldi S.p.A. und drei Stationen in westlicher Richtung die türkische Gesellschaft Gülermak. Die Übergabe ist für 2019/2020 vorgesehen. Die Kosten für diese Vorhaben werden auf insgesamt rund 3,5 Mrd. Zl veranschlagt. Die EU sagte eine Kofinanzierung aus ihrem Kohäsionsfonds in Höhe von 432 Mio. Euro zu. Bis 2022 soll diese U-Bahn-Linie an beiden Enden weiter verlängert werden.

B.R.

Dieser Artikel ist relevant für:

Polen Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Eisenbahnbau, Schienenfahrzeuge, Schienenverkehr, Öffentlicher-Personen-Nahverkehr (ÖPNV), Signal-, Sicherheitstechnik (nicht Zugangs-Kontrolltechnik)

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