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29.03.2018

Polnischer IT-Sektor erwartet Aufschwung

Nachholbedarf bei der Digitalisierung / Von Beatrice Repetzki

Warschau (GTAI) - Polen will zu einem noch bedeutenderen Standort für IT-Lösungen werden, auch in Kooperation mit anderen Ländern der Region. Durch eine verstärkte Migration soll der zunehmende Fachkräftemangel eingedämmt werden. Im Inland haben sowohl der öffentliche als auch der private Sektor noch einen erheblichen Nachholbedarf bei der Digitalisierung. Daher soll der Umsatz der IT-Branche 2018 wieder stärker steigen. Die Nutzung der Cloud gewinnt an Bedeutung.

Der Bedarf an IT-Lösungen wächst in Polen. Der Umsatz des inländischen IT-Sektors erreichte 2017 knapp 7,3 Milliarden Euro. Das Land sucht die Kooperation mit Nachbarstaaten wie der Ukraine, der Tschechischen Republik und der Slowakei, um gemeinsam die Position auf dem Markt zu stärken. Im Rahmen des 2016 initiierten Programms "Start in Poland" sollen innovative Jungunternehmer zur Firmengründung in Polen motiviert werden. Das mehrjährige Programm ist mit gut 700 Millionen Euro aus EU-Fonds ausgestattet.

Entwicklung des Umsatzes des IT-Sektors in Polen (Veränderung in %)
2014 2015 2016 2017 2018 *)
4,1 4,2 -3,9 2,7 6,0

*) Prognose

Quelle: Marktforschungsfirma PMR

Hemmend auf die Entwicklung des Sektors wirkt sich der Fachkräftemangel aus. Laut dem Vorsitzenden von IT Kontrakt, Tomasz Pyrak, fehlen in Polen derzeit rund 80.000 IT-Spezialisten. IT Kontrakt sucht solche Fachkräfte weltweit, wobei die Ukraine im Vordergrund steht. In Polen gibt es laut der Internetplattform Stack Overflow etwa 254.000 Programmierer, in der Ukraine 166.000. Experten aus diesen und 15 weiteren Ländern versucht auch die Stiftung Startup Hub Poland anzulocken.

Internationale Konzerne investieren verstärkt in IT-Lösungen, wovon auch polnische Firmen profitieren wollen. Die japanische Fujitsu Global Delivery Center Poland engagiert 200 IT-Spezialisten in ihrem Büro in Katowice (Kattowitz). Das ist neben Lodz (Lodsch) die zweite Niederlassung der Gesellschaft für digitale Dienstleistungen in Polen.

Bürger zögern beim Online-Kontakt mit Behörden

Der Staat will die Kommunikation mit den Bürgern und Firmen zunehmend elektronisch durchführen. Während bereits 94,6 Prozent der Firmen das Angebot der digitalen Verwaltung (e-Administracja) nutzen, ist die Akzeptanz unter den Bürgern deutlich geringer. Laut dem Ministerium für Digitalisierung (Ministerstwo Cyfryzacji; MC) nahmen 2016 nur 18,8 Prozent der Bürger das Angebot in Anspruch; 2020 sollen es laut Prognosen des Ressorts bereits 32 Prozent sein.

Verzögerungen bei der Digitalisierung und ein eher kleines Dienstleistungsportfolio sind nur ein Teil des Problems, wie der Direktor des Instytut e-Gospodarki (Institut der E-Wirtschaft), Roman Goralski, gegenüber der Tageszeitung Rzeczpospolita sagte. Darüber hinaus fehle eine Institution, die die Systeme der e-Administracja betreibe und koordiniere. Dafür würde sich seiner Einschätzung nach die Polnische Post (Poczta Polska; PP) eignen, die sich auch daran interessiert zeigt.

Polnische Post und EU-Mittel sollen helfen

Um eine solche Aufgabe übernehmen zu können, müsste die PP in moderne Technologien investieren. Das MC bereitet die elektronische Korrespondenz mit den Bürgern vor. Dazu sind E-Briefkästen einzurichten. Bereits im August 2016 hatten die Ministerien für Infrastruktur und Digitalisierung mit der PP eine Vereinbarung getroffen, die die Integration der IT-Systeme der öffentlichen Verwaltung mit der Plattform der PP Envelo vorsieht.

Anzahl der Systeme der e-Administracja in Polen
in Betrieb abgeschafft in Einführungsphase
564 63 56

Quelle: Ministerium für Digitalisierung (MC)

Die Marktforschungsfirma IDC erwartet ebenfalls eine Belebung der Investitionen des öffentlichen Sektors in IT-Lösungen. Will Polen die dafür im EU-Haushalt 2014 bis 2020 zur Verfügung gestellten Mittel auch tatsächlich nutzen, drängt die Zeit zur Einreichung entsprechender Projekte. IDC geht jedoch nicht davon aus, dass die auf den öffentlichen Sektor spezialisierten IT-Firmen dadurch ihre Verluste der Vorjahre ausgleichen könnten.

Unternehmen benötigen ERP- und CRM-Lösungen

Für 2018 erwartet IDC ein moderates Wachstum der gesamten Nachfrage nach Software. Neue Regulierungen etwa zum Schutz persönlicher Daten oder zum effizienteren Eintreiben der Mehrwertsteuer stellen höhere Anforderungen an Unternehmen und andere Einrichtungen.

Inländische Firmen sind im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich digitalisiert. Enterprise-Resource-Planning(ERP)- und Consumer-Relationship-Management(CRM)-Systeme gewinnen erst an Bedeutung. Laut Eurostat lag der Digitalisierungsgrad polnischer Unternehmen 2016 erst bei 21 Prozent gegenüber 36 Prozent im EU-Durchschnitt. Die Firma teamLeaders gibt an, dass 64 Prozent der großen, 41 Prozent der mittleren und 19 Prozent der kleinen Betriebe 2017 CRM-Systeme verwendeten. Die Durchdringungsquote von ERP-Systemen in Polen beziffert Eurostat mit 16 Prozent bei weniger als der Hälfte des EU-Durchschnitts (35 Prozent).

IDC rechnet mit einem Aufschwung bei ERP-Systemen, denn die Unternehmen müssen ihre Produktionsprozesse optimieren: Der zunehmende Fachkräftemangel zwingt zur Automatisierung. Der führende Anbieter von ERP-Systemen in Polen ist der SAP-Konzern vor dem inländischen IT-Unternehmen Comarch. Letzteres dominiert jedoch den Markt für kleinere Firmen.

Die digitale Wolke dringt zu KMU durch

Eine wichtige Anforderung, die Kunden im In- und Ausland an ERP-Systeme von Comarch stellen, ist deren mobile Anwendung. Das sagte der Stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft, Zbigniew Rymarczyk, der Rzeczpospolita. Die Systeme müssten Smartphone-kompatibel sein, am besten mit eigener App, sowie eine Onlinehandel-Komponente bieten. Wichtig ist zudem die Anbindung an die Cloud: Den Verkauf entsprechender Lösungen steigerte Comarch 2017 um 35 Prozent.

Cloud-Services werden verstärkt von kleinen und mittleren Unternehmen nachgefragt. So gut wie alle Systeme, die die Unternehmensführung unterstützen, bieten entsprechende Anbindungen. Branchenkenner gehen davon aus, dass auch der öffentliche Sektor verstärkt darauf zurückgreifen wird, etwa im E-Health-Bereich.

Mehr zu Polen finden Sie unter: http://www.gtai.de/Polen.

(B.R.)

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