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06.03.2019

Portugals Kompetenzstrategie will digitale Integration von Bevölkerung und Unternehmen

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Entwurf einer Strategie für künstliche Intelligenz in der Diskussion / Von Miriam Neubert (Februar 2019)

Lissabon (GTAI) - Portugal punktet mit Konnektivität, aber nicht alle Menschen nutzen das Internet. Ein Bündel digitaler Bildungsmaßnahmen soll dem abhelfen und technologische Innovation anregen.

Digitalisierungsstrategie

Mit der Verabschiedung einer Agenda Portugal Digital hat Portugal bereits im Dezember 2012 politisch die Weichen gestellt, um seine digitale Wirtschaft bis 2020 gezielt zu entwickeln. Und zwar auf beiden Seiten, die diese Wirtschaft ausmachen: einem wettbewerbsfähigen Informations- und Kommunikationstechnik-Sektor (IKT) und einer Informations- und Wissensgesellschaft. Die Strategie entstand in Abstimmung mit der Privatwirtschaft und setzt auf ihre Beteiligung. Priorität haben sechs Handlungsfelder, darunter der Zugang zu Breitband und digitalem Markt; Verbesserung der digitalen Bildung, Qualifikation und Teilhabe; Unterstützung des Gründergeists und der Internationalisierung im IKT-Sektor.

Aktualisiert wurde die Agenda 2015 durch die Resolution des Ministerrats Nr. 22/2015 vom 16. April 2015 (https://dre.pt/application/conteudo/66997036), um sie noch besser auf die Digitalstrategie der Europäischen Union (EU) auszurichten, kleine und mittelständische Unternehmen verstärkt einzubinden und Konvergenz in der Fördermittelperiode 2014 bis 2020 sicherzustellen. Für Koordination und Monitoring sorgt eine spezielle interministerielle Kommission.

Hinzu kam 2017 eine mit der Unternehmenswelt abgestimmte Strategie Industrie 4.0 (http://www.industria4-0.cotec.pt/en/industry-4-0-program/action-plan/). Sie ist bis 2020 mit 4,5 Milliarden Euro dotiert, die zur Hälfte aus den Europäischen Struktur- und Investitionsfonds stammen. Monitoring und Aktualisierung obliegt der Unternehmensvereinigung COTEC Portugal.

Mit Zielen bis 2030 wartet die 2017 verabschiedete Nationale Initiative Digitalkompetenzen INCoDe.2030 auf (http://www.incode2030.gov.pt). Dieses integrierte Programm öffentlicher Politik will digitale Bildung und Teilhabe so vorantreiben, dass Portugal neue Technologien nicht nur einsetzt, sondern an ihrer Entwicklung teilnimmt.

Strategie für künstliche Intelligenz

Im Rahmen der Initiative Digitalkompetenzen hat Portugal im Februar 2019 den Entwurf einer Strategie für künstliche Intelligenz (KI) "AI Portugal 2030" vorgestellt (http://www.incode2030.gov.pt/sites/default/files/draft_ai_portugal_2030.pdf). Diese Innovations- und Wachstumsstrategie will KI in Portugal im europäischen Kontext fördern. Erarbeitet wurde der Plan von der Koordinierungsstelle der INCo.De.2030 in Zusammenarbeit mit der portugiesischen Wissenschafts- und Technologiestiftung FCT, der Innovationsagentur und der Agentur für die Modernisierung der Verwaltung.

Potenzial zur Förderung der KI in Portugal sieht der Entwurf der KI-Strategie unter anderem in Transport, Landwirtschaft, nachhaltigen Energiesystemen, Cybersicherheit, Industrie, Blue Economy, Stadtentwicklung, Mobilität.

Nicht zuletzt soll KI in der öffentlichen Verwaltung eine größere Rolle spielen. Anfang 2018 starteten vier Pilotprojekte zwischen Forschungseinrichtungen und Behörden. Sie betreffen die Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit und Antibiotikamissbrauch, die Lebensmittelsicherheit und Chatbots für Unternehmer. Eine neue Ausschreibungsrunde des FCT führte zu 15 weiteren Projekten, darunter Derm.AI, eine Kooperation zwischen Fraunhofer Portugal Research und den Shared Services des Gesundheitsministeriums. Es fördert den Einsatz von KI beim teledermatologischen Screening.

Auf KI setzt in einer neuen Phase auch das Programm MIT Portugal, eine Kooperation zwischen dem Massachusetts Institute of Technology und den portugiesischen Universitäten. Es will die Forschung zu KI bis 2030 mit 120 Millionen Euro finanzieren.

E-Government

Gute Fortschritte beim E-Government bescheinigte Portugals Regierung 2018 die Studie der Vereinten Nationen zu dem Thema (E-Government Survey 2018). Gegenüber 2016 hat sich das Land um neun Positionen auf Platz 29 in die Spitzengruppe der sehr hoch bewerteten Länder vorgearbeitet (insgesamt 193). Die Modernisierung der öffentlichen Dienste in Portugal wird als positives Beispiel eigens beleuchtet. Als Schwäche gilt Open Data, frei nutzbare offene Datenbestände, bei denen das Land noch nicht so weit sei.

Das Schlüsselwort, das Bürgern und Unternehmen das Leben mit den Behörden schrittweise erleichtert, lautet Simplex (http://www.simplex.gov.pt). Es steht seit 2006 für Hunderte von Maßnahmen, die Verwaltungsprozesse vereinfachen, digitalisieren, entbürokratisieren. Das aktuelle Programm Simplex+ 2018 reicht von Juni 2018 bis Mai 2019. Als Simplex-Supermaßnahme hat das Ministerium für die Präsidentschaft und Modernisierung der Verwaltung im Februar 2019 das elektronische öffentliche Service-Portal ePortugal (https://eportugal.gov.pt) vorgestellt. Es bündelt das zerstreute E-Angebot der öffentlichen Hand in einem Portal für Bürger und Unternehmen.

Die Durchsetzung der elektronischen Rechnung gilt als wichtiger Baustein der digitalen Transformation. Pilotprojekte haben 2018 die elektronische Rechnungsstellung bei öffentlichen Vergaben erprobt. Die Europawahlen im Mai 2019 nutzt Portugal, um im Kreis Evora die elektronische Stimmenabgabe (mit Präsenz des Wählers) zu testen.

Eingespielt hat sich schon länger die Bürgerkarte (Cartão de Cidadão). Sie ist Personal-, Kranken-, Sozialversicherungs- und Steuerzahlerausweis in einem und seit 2014 auch eine Smart Card, ein elektronisches Dokument, das viele Vorgänge online ermöglicht.

Stärken/Schwächen

Dank des extensiven Breitbandausbaus durch die Telekomfirmen ist Portugal bei der Konnektivität den meisten anderen EU-Ländern voraus. Das belegt Rang 8 zu dem Thema im EU-Digitalisierungindikator DESI 2018. Das Breitband-Internet erreicht alle Haushalte; beim schnellen und ultraschnellen Glasfaser-Hausanschluss (FFTH) sind es 95 Prozent (EU-Durchschnitt: 58 Prozent). Es ist der vertragliche Bezug des festnetzbasierten und mobilen Breitbands, die Nutzung durch die Bevölkerung also, bei dem das Land noch zurückliegt, sich aber schrittweise verbessert.

Auf Basis der Konnektivität können sich weitere Stärken Portugals entfalten: die Fähigkeit, Talente anzuziehen (Platz 17 im World Talent Ranking 2018), internationale Forschungskooperationen aufzubauen (Beispiel MIT, Fraunhofer), für internationale Investoren interessant zu sein. Der multinationale Telekomkonzern Altice ist als Besitzer von Portugal Telekom ein wichtiger Innovationstreiber. Um die Entwicklung von 5G-Diensten in Portugal voranzutreiben, hat Altice Portugal Ende 2018 eine strategische Partnerschaft mit Huawei unterzeichnet.

Die dynamische portugiesische Gründerszene kann mit der E-Commerce-Plattform für Luxuswaren Farfetch und der Plattform für Applikationsentwicklung Outsystems erste Unicorns aufweisen.

Nicht zu unterschätzen als Katalysator für die aktuell ausgeprägte Dynamik bei technologischen Start-ups und internationalen Investitionen in Softwareentwicklungszentren, Digital- und Data-Hubs in Portugal ist der Web Summit. Europas größter Treffpunkt der Technologiegründerszene findet seit 2016 in Lissabon statt. Er hat Portugal auf die internationale Tech-Bühne gehoben und soll bis 2028 jährlich in Lissabon stattfinden.

Trotz des Wirtschaftswachstums seit 2014 kann der Staat keine großen Sprünge machen und ist bei Investitionen auf EU-Fördermittel und die Kooperation mit der Privatwirtschaft angewiesen. Obwohl sich die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) der Unternehmen seit 2015 erholen, besteht insgesamt noch großer Nachholbedarf. Insgesamt lag der F&E-Anteil am BIP 2017 mit 1,3 Prozent in Portugal deutlich unter dem EU-Schnitt (2,1 Prozent). Auch könnte der beginnende Fachkräftemangel bremsend wirken.

Ausblick

Portugal gewinnt als IT-Entwicklungsstandort. Im Bereich Vernetzung von Kraftfahrzeugen und autonomem Fahren etwa haben sich 2018 weitere Zentren für F&E, Softwareentwicklung, Technologie und Daten angesiedelt, darunter von Bosch, Volkswagen, BMW, Daimler. Die Revolution 4.0 erfasst alle Branchen. Zentral sind neben dem Kfz-Sektor die Textilindustrie, die Metallverarbeitung und der Formenbau, die Nahrungsmittelherstellung, die Chemie- und die Pharmaindustrie. Im Dienstleistungssektor ist es der Tourismus mit all seinen Facetten. Zunehmend werde die Digitalisierung zur Personalisierung der Produkte sowie des Marketings genutzt und die Datenanalyse zur Prozessverbesserung eingesetzt, stellt die PwC-Studie Digital Champions 2018 fest.

Beispielhaft ist Portugal bei der hohen Integration erneuerbarer Energien, was in Verbindung mit den Nachhaltigkeitsplänen der Städte Digitalisierungspotenzial eröffnet. Die Auszeichnung mit dem European Green Capital Award 2020 verleiht der Hauptstadt Lissabon hier einen zusätzlichen Impuls. Im Blick hat der Staat auch die Meereswirtschaft. Ein Bluetech Accelerator soll als Motor wirken für Start-ups zu Big Data, Blockchain und IoT in diesem Bereich.

Kontaktadressen

Bezeichnung Kontakt Anmerkung
Agência Nacional de Inovação (ANI) http://www.ani.pt staaliches Agentur für Innovation
COTEC Portugal, Associação empresarial para a Inovação http://www.cotecportugal.pt Unternehmensvereinigung für die Innovation
Fundação para a Ciência e a Tecnologia FCT http://www.fct.pt staatliche Stiftung für Wissenschaft und Technologie
Agência para a Modernização Administrativa http://www.ama.gov.pt Agentur für die Modernisierung der Verwaltung
Associação da Economia Digital (ACEPI) http://www.acepi.pt Unternehmensverband der Digitalen Wirtschaft

Weitere Informationen zu Portugal finden Sie unter http://www.gtai.de/portugal

Mehr zum Thema Digitalisierung finden Sie unter http://www.gtai.de/wirtschaft-digital

Dieser Artikel ist relevant für:

Portugal Verwaltung, Administration, Digitalisierung

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