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07.03.2018

Prag will smarte Metropole werden

Konzept für Entwicklung einer Smart City bis 2030 erstellt / Schwerpunkte Verkehr, Energie und Abfall / Von Gerit Schulze

Prag (GTAI) - Die mit barocken Prachtbauten und mittelalterlichen Gassen reich gesegnete Hauptstadt Tschechiens soll mit smarten Technologien lebenswerter werden. Dafür setzt die Prager Stadtverwaltung auf intelligentere Verkehrssysteme, Emissionsschutz durch mehr Energieeffizienz und einfacheren Zugang zu Informationen für Bürger und Touristen. Als eine der reichsten Regionen in Europa verfügt die Stadt über entsprechende Finanzmittel, um den Rückstand beim Thema Smart City zügig aufzuholen.

Tschechiens Hauptstadt ist vor allem als Touristenmagnet bekannt. Die malerische Lage an der Moldau und Attraktionen wie die Prager Burg lockten 2017 rund 7,7 Millionen Besucher an. Mit über 18 Millionen Übernachtungen gehörte die Stadt zu den zehn beliebtesten Reisezielen in Europa. Doch Prag ist auch das wirtschaftliche Zentrum des Landes. Rund ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes entsteht in der Metropole. Die Stadt erlebt einen enormen Bevölkerungszuwachs; innerhalb eines Jahrzehnts ist die Einwohnerzahl um rund 100.000 auf 1,3 Millionen gewachsen.

Geld für Investitionen in Smart-City-Technologien ist vorhanden. Denn Prag ist heute eine der reichsten Regionen in Europa. Hinsichtlich der Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung liegt Tschechiens Hauptstadt auf Platz 6 in der EU, noch vor Oberbayern oder Stuttgart (berechnet nach Kaufkraftparitäten).

Basisdaten Prag
Indikator 2016
Einwohner (Mio., Jahresdurchschnitt) 1,273
Fläche (qkm) 496
BIP/Kopf (Euro) 34.681 *)
BIP/Kopf (US$) 38.374
Anteil am gesamten BIP (%) 25,0
Bevölkerungsdichte (Einwohner/qkm) 2.581
Anteil der Haushalte mit Zugang zu Elektrizität(%) 100
Elektrizitätsverbrauch pro Kopf (kWh/Jahr) 4.659
Länge des ÖPNV (km) 2.308
Abfall pro Einwohner (kg/Jahr) 3.958
Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Trinkwasser (%) 100
Wasserverbrauch pro Kopf (Liter/Tag) 171

*) Umrechnung anhand des Wechselkurses 1 Euro = 27,033 Tschechische Kronen (Kc), 1 US-Dollar = 24,432 Kc (Tschechische Nationalbank, Wechselkurs 2016)

Quellen: Tschechisches Statistikamt (CSU), Umweltministerium (MZP), Verkehrsbetrieb Prag (DPP), Regulierungsbehörde für den Energiesektor (ERU), Wechselkurs Tschechische Nationalbank (CNB), Berechnungen Germany Trade & Invest

Abgeschlagen in Smart-City Ranking

In der Praxis hat die Moldaustadt noch viel Nachholbedarf. Im globalen Smart-City-Ranking 2017 der Easy Park Group rangiert Prag nur auf Platz 72 von 100 untersuchten Metropolen. Am negativsten bewertet wurden die fehlenden Beteiligungsmöglichkeiten der Bürger bei der Stadtentwicklung sowie der geringe Anteil sauberer Energiequellen bei der Strom- und Wärmeversorgung. Außerdem bemängeln die Autoren der Studie, dass smarte Gebäudetechnologien bislang kaum eine Rolle spielen. Punkten kann Prag hingegen mit den zahlreichen Wi-Fi-Hotspots. Hier gehört Tschechiens Hauptstadt laut Easy Park zu den zehn führenden Standorten weltweit. Auch der öffentliche Nahverkehr wird lobend erwähnt.

Die aktuelle Smart-City-Strategie der Stadtverwaltung für die Zeit bis 2030 konzentriert sich auf sechs Schwerpunkte: Mobilität der Zukunft, Abfallwirtschaft, smarte Gebäude und Energienutzung, attraktiver Tourismus, Umwelt und die Nutzung von Big Data.

Die Autoren der Strategie schlagen vor, Carsharing in der Stadt zu fördern sowie Informationen zur Verkehrslage und zu freien Parkplätzen per Smartphone zugänglich zu machen. Für die Ampeln im Stadtgebiet sind intelligente Steuerungen vorgesehen, die den Verkehrsfluss verbessern. Außerdem plant Prag Pilotprojekte für autonomes Fahren.

Um den Durchbruch bei der Elektromobilität zu schaffen, will Prag in den kommenden Monaten über eine Million Euro in 59 neue Ladestationen investieren. Auch Stromversorger wie CEZ und PRE bauen das Netz aus.

Zudem soll der Fuhrpark der Prager Verkehrsbetriebe DPP schrittweise auf emissionsfreie Antriebe umgerüstet werden. Derzeit hat das kommunale Unternehmen noch rund 1.180 Busse mit Verbrennungsmotor im Einsatz. Ab September 2018 wird die Linie 207 mit 14 Elektrobussen bedient. Auch für den Flughafenzubringer vom Hauptbahnhof sind Busse mit Batterieantrieb vorgesehen.

Im Energiebereich sind Investionen in smarte Beleuchtung und dezentrale Stromnetze geplant. Besonders Krankenhäuser und andere Versorgungseinrichtungen könnten so unabhängiger von möglichen Blackouts werden, heißt es in der Prager Smart-City-Strategie. In öffentlichen Gebäuden sind Investitionen in Energieeffizienz angedacht.

Alte Bausubstanz erfordert Investitionen

Der Prager Gebäudebestand ist mit einem Durchschnittsalter von über 61 Jahren der älteste im Land. Erneuerbare Energien spielen bei der Versorgung der Häuser fast keine Rolle. Zwar gibt es in Tschechien dank EU-Fonds prall gefüllte Fördertöpfe, mit denen moderne Heizsysteme und Wärmedämmung kofinanziert werden. Prag ist als reiche Region jedoch von den Förderprogrammen meist ausgeschlossen. Deshalb will die Stadt einen eigenen Fonds für saubere Energie einrichten.

In der Abfallwirtschaft schlagen die Autoren der Smart-City-Strategie eine komplette Trennung des Hausmülls vor. Das Einsammeln der Abfallmengen könnte dank Sensorsteuerung in den Mülltonnen und intelligenterer Tourenplanung effizienter werden. In einer Pilotphase hat die Stadtverwaltung 2017 in der Haupteinkaufstraße 30 Abfallbehälter installiert, die den Müll selbstständig komprimieren und ein Signal an die Müllabfuhr senden, wenn sie voll sind.

Eine Verbesserung des Abfallmanagements ist dringend nötig. Derzeit werden rund zwei Drittel der Prager Siedlungsabfälle verbrannt und maximal 20 Prozent recycelt. Die EU verlangt bis 2030 eine Wiederverwertungsquote von 60 Prozent.

Mit dem verstärkten Aufbau von Mess- und Sensortechnik will Prag das Frühwarnsystem für bestimmte Gefährdungslagen im öffentlichen Raum verbessern. Außerdem soll jeder Bürger in die Lage versetzt werden, mit mobilen Messgeräten die Luftverschmutzung in der Stadt zu messen. Auch über Urban Agriculture, also Gartenbau und Tierhaltung in direkter Wohnumgebung, denken die Prager Zukunftsforscher nach.

Im Tourismus geht es vor allem darum, die Besucherströme besser durch die Stadt zu navigieren, um so die Hot Spots zu entlasten. Dafür werden Datenströme aus sozialen Netzwerken oder öffentlichen Kameras ausgewertet (Big Data); Smartphone-Apps und intelligente touristische Karten befinden sich in der Entwicklung.

Eine Übersicht über aktuellen Projekte für eine Smart City Prag bietet die Webseite https://smartprague.eu.

Ausgewählte Smart-City-Projekte in der Tschechischen Republik
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mio. Euro) *) Projektstand Anmerkung / Ansprechpartner
Verkehrsbetriebe in verschiedenen Städten 141,6 Anschaffung von emissionsarmen Fahrzeugen für den öffentlichen Nahverkehr, u.a. in Prag, Ceske Budejovice, Plzen, Liberec Modernisierung des Fuhrparks, Senkung der Emissionen; http://www.dpp.cz
Stadt Prag 23,7 Investitionen zur Umsetzung des Smart-City-Konzepts für die kommenden zwei Jahre IT, Verkehr, Energieeffizienz, Gesundheitswesen, Abfallwirtschaft, Verwaltung; http://www.smartprague.eu
Stadt Pisek 22,5 Monitoring Verkehr, Strom, Wasserleitungen; Projekt für 8 Jahre Wasserwirtschaft, Energieeffizienz, IT, Verkehr; https://smart.pisek.eu
Stadt Pardubice k.A. Energieleitsysteme in Schulen seit 2015, smarte Parkplätze und Fahrradständer, Stauwarnung Energieeffizienz, Parken mit mobiler App, Verkehr; http://scpoint.eu/
Stadt Plzen k.A. Technologiezentrum für Drohnen zum Monitoring, Überwachung der Luftqualität, Smartphone-Apps, Smart Education Verwaltung, IT, Verkehr, Bildung, Umwelt; http://smartcity.plzen.eu/projekty/

*) Wechselkurs 1 Euro = 25,36 Kc (Tschechische Nationalbank, 21.2.18)

Quellen: Recherchen von Germany Trade & Invest; Pressemeldungen

Mehr zum Land finden Sie unter http://www.gtai.de/Tschechien

Dieser Artikel ist relevant für:

Tschechische Republik Abfallentsorgung, Recycling, Energieeinsparung, Urbanisierung, Stadtentwicklung

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