Suche

04.05.2018

Privatunternehmen sollen Ägyptens Abfallsektor ankurbeln

Ausbau des Recyclings bietet konkrete Geschäftschancen / Noch Handlungsbedarf bei Rechtsrahmen und Ausbildung / Von Oliver Idem

Kairo (GTAI) - Abfälle rücken in Ägypten immer stärker als Wertstoffe in den Blickpunkt. Das Umweltministerium wünscht sich explizit mehr private Investitionen in den Sektor. Noch werden die meisten Abfälle nicht fachgerecht entsorgt oder genutzt. Mittels einer aktuellen Studie zeigt das Umweltministerium aber auf, welche Reststoffe wirtschaftlich tragfähig recycelt werden können. In Kürze ist außerdem mit neuen rechtlichen Regeln und einem Einspeisetarif für Energie aus Abfällen zu rechnen.(Kontaktadressen)

Als wesentlichen Baustein einer organisierteren und wirtschaftlicheren Abfallbehandlung treibt das ägyptische Umweltministerium den Ausbau des Recyclings voran. Umweltminister Dr. Khaled Fahmy skizzierte auf einer Konferenz im April 2018 die Rolle des Ministeriums als Aufsichtsbehörde, die Richtlinien entwickelt sowie für Ausschreibungsunterlagen und -evaluierungen zuständig ist. Dienstleistungen im Abfallbereich sollen Unternehmen erbringen. Damit sich Investitionen rechnen, strebt das Ministerium längerfristige Verträge mit Anbietern an. Neben Steuereinnahmen und verschiedenen Fonds sind Gebühren zur Finanzierung vorgesehen. Sie sollen sozial ausgewogen gestaltet werden.

Für in- und ausländische Unternehmen verschiedener Größenordnungen ergeben sich Geschäftschancen. Ziel des Ministeriums ist einerseits die Erschließung von wirtschaftlichen Potenzialen in der Abfallwirtschaft und andererseits die Reduzierung von Umwelt- und Gesundheitsrisiken. In den vergangenen Jahren konnte bereits die Verbrennung von Reisstroh zurückgedrängt werden, die wegen ihrer Luftverschmutzung in der Kritik stand. Die unter Umweltgesichtspunkten umstrittene Nutzung von Kohle in Zementfabriken befindet sich ebenfalls auf dem Rückzug. Erste Unternehmen verfeuern bereits Sekundärbrennstoffe. In vielen Betrieben des importabhängigen Landes könnten kostengünstige Recyclingmaterialien verwendet werden.

Wirtschaftliches Potenzial von 3 Milliarden Euro kann erschlossen werden

In seiner aktuellen Studie "Economic and Financial Feasibility for Businesses in Egypt's Waste Industry" hat das ägyptische Umweltministerium 19 Bereiche identifiziert, in denen es tragfähige Möglichkeiten für Unternehmen sieht. Insgesamt könnten knapp 15 Millionen Tonnen Abfälle pro Jahr verwertet werden. Davon entfielen 13 Millionen Tonnen auf landwirtschaftliche Abfälle sowie 840.000 Tonnen auf Glas und 560.000 Tonnen auf Reifen. Das wirtschaftliche Potenzial beziffert das Ministerium auf knapp 3 Milliarden Euro jährlich. Zudem rechnet es mit 60.000 direkten und 790.000 indirekten Arbeitsplätzen, die entstehen könnten.

Geschäftschancen im ägyptischen Abfallsektor
Ausgangsstoffe Nutzung Interner Zinsfuß
Landwirtschaftliche Abfälle Torrefizierung zu Biokohle 88
Produktion mitteldichter Holzfaserplatten (MDF) 77
Wurmkompostierung 45
Produktion von Einstreu (fibre bedding) 43
Aerobe Kompostierung 25
Produktion von Tierfutter 20,6
Glasabfälle Produktion von Glasfasern 66
Reifenabfälle Produktion von Gummiwaren 88
Produktion von Pyrolyseöl und Ruß 64
Produktion von Gummipulver 30
Siedlungsabfälle Produktion von Fisch- und Geflügelfutter aus Bioabfall 29
Produktion von sortiertem Sekundärbrennstoff 43
Produktion von zerkleinertem Sekundärbrennstoff 57
Agroindustrielle Abfälle Produktion von biochemischem Pektin und D-Limonen 147
Produktion von ätherischen Zitrusölen zum Backen 57
Produktion von getrockneten Tomaten 41
Elektroschrott Sortierung und Zerlegung 63
Unterstützende Produkte und Dienstleistungen Einsammeln von Siedlungsabfällen 30
Design und Produktion von Recyclingmaschinen 28

Quelle: Studie "Executive Summary: Economic and Financial Feasibility for Businesses in Egypt's Waste Industry", ägyptisches Umweltministerium, Stand April 2018

Der Ausbau der Wertstoffnutzung bedingt auch ein höheres technisches Niveau als bisher. Bei der notwendigen Technik für den Abfallsektor ist Ägypten stark importabhängig, da nur in sehr geringem Umfang Ausrüstung im Land hergestellt wird. Als Teil einer 43 Millionen Euro teuren Feststoffabfall-Strategie sollen nun Entsorgungstechnik hergestellt und Recyclinganlagen modernisiert werden. Ende April 2018 berichtete die Zeitung Al Shorouk, dass das Ministerium für Militärproduktion entsprechende Verträge mit mehreren europäischen Entwicklungsinstitutionen geschlossen habe.

Einige Unternehmen engagieren sich bereits erfolgreich in der ägyptischen Abfallverwertung. Beispiele sind der PET-Flaschen-Recycler Bariq, die Speiseölverwerter Tagaddod und Biodiesel Misr und der Altreifenverarbeiter Marso. Geocycle Egypt und Reliance Investments produzieren Sekundärbrennstoffe. Jozoor fertigt Holzprodukte aus Resten, die beim Dattelanbau anfallen.

Rechtlicher Rahmen, Finanzierung und Ausbildung müssen noch zulegen

Als wesentliches Problem im Abfallsektor wurde in den vergangenen Jahren immer wieder der rechtliche Rahmen genannt. Ein neues Gesetz befindet sich auf dem Weg durch das Parlament und dürfte bald verkündet werden. Die offizielle Bekanntgabe eines Einspeisetarifs für die Erzeugung von Energie aus Abfällen steht noch aus. Erste Investoren haben in diesem Bereich bereits konkrete Pläne geschmiedet. Ende 2017 wurden Pläne zur Gründung einer zentralen Dachgesellschaft zur Abfallentsorgung mit staatlichem Mehrheitsanteil bekannt. An dieser sollen sich auch Unternehmen und Vereinigungen von Abfallsammlern beteiligen können. Die Einbindung informeller Sammler erscheint als ein zentraler Erfolgsfaktor, da ohne ihre Kooperation kaum ein funktionierendes Entsorgungsmodell vorstellbar ist.

Bei der Strukturierung und Modernisierung des Abfallsektors erhält Ägypten finanzielle Unterstützung und Beratung seitens der deutschen und europäischen Entwicklungszusammenarbeit. Im Rahmen des "National Solid Waste Management Program" werden an den lokalen Bedarf angepasste Strategien entwickelt, die entsprechende Infrastruktur und das benötigte Wissen aufgebaut. Da Berufsbilder und Tätigkeiten rund um die Branche erst entstehen, ist der Aus- und Weiterbildungsaspekt besonders wichtig.

Organisierte Abfallsammlung und -verwertung ist noch der Ausnahmefall

Schätzungen zufolge fallen in Ägypten jährlich insgesamt 95 Millionen bis 100 Millionen Tonnen Abfälle an. Der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) zufolge werden landesweit nur etwa 60 Prozent der Abfälle eingesammelt und davon weniger als 20 Prozent fachgerecht deponiert oder wiederverwertet. Die regionalen Unterschiede sind dabei erheblich, was im äußeren Erscheinungsbild verschiedener Städte und Regionen deutlich wird. Abfälle landen zu einem erheblichen Teil in Gewässern oder werden auf Straßen und Freiflächen abgelegt. Kompostierung und Recycling spielen noch eine untergeordnete Rolle. Mehr als 80 Prozent der Siedlungsabfälle von rund 21 Millionen Tonnen jährlich landen auf zumeist wilden Müllkippen. Landwirtschaftlicher Müll von 30 Millionen Tonnen wird nur unzureichend genutzt. Teile der etwa 3 Millionen Tonnen Industrieabfall verschmutzen den Boden. Medizinische Abfälle fallen mit 140.000 Tonnen zahlenmäßig weniger ins Gewicht, bergen aber ebenfalls Risiken für die Gesundheit von Menschen und Tieren.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Federation of Egyptian Industries http://www.fei.org.eg Die Chemical Chamber verfügt über eine Abteilung "Waste Management"
Ministry of Environment http://www.eeaa.gov.eg Gemeinsamer Internetauftritt mit der Egyptian Environmental Affairs Agency
National Solid Waste Management Program http://nswmp.net Unterstützt von der deutschen und EU-Entwicklungszusammenarbeit
Waste Management Regulatory Authority http://www.wmra.gov.eg Aufsichtsbehörde für den Abfallbereich

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll, Ausschreibungen und Entwicklungsprojekten in Ägypten können Sie unter http://www.gtai.de/ägypten abrufen.

Dieser Artikel ist relevant für:

Ägypten Umweltschutz, Entsorgung, Klimaschutz, allgemein, Abfallentsorgung, Recycling, Deponie und Abfallaufbereitungsbau

Funktionen

Manfred Tilz Manfred Tilz | © GTAI

Kontakt

Manfred Tilz

‎+49 228 24 993 234

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche