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02.06.2016

Russische Chemieindustrie erzielt höchstes Wachstum seit fünf Jahren

Chemieunternehmen erweitern Kapazitäten / Neue Projekte in der Kunststoffindustrie / Von Bernd Hones (April 2016)

Moskau (GTAI) - Entgegen der schlechten Konjunktur in Russland, meldet die Chemiebranche des Landes positive Ergebnisse. Im Gesamtjahr 2015 erreichte die chemische Produktion 6,3% und damit die Bestleistung innerhalb der letzten fünf Jahre. Der schwache Rubel beschert russischen Chemikalien eine höhere Konkurrenzfähigkeit. Hersteller von Düngemitteln und Treibstoffen haben derzeit besonders gute Karten. Indes planen die Chemieunternehmen für 2016 ihre Investitionen zu erhöhen.

Die Konjunktur in Russland lahmt, doch der Chemieindustrie geht es weiterhin richtig gut. Die chemische Produktion legte 2015 um 6,3% zu - das beste Ergebnis seit fünf Jahren. Keine andere Branche in Russland profitiert so sehr von der Rubelabwertung. Importierte Chemikalien werden dadurch teurer. Am heimischen Markt setzen sich zunehmend auch russische Produkte durch. Außerdem sind viele chemische Produkte, wie Düngemittel, auf Exportmärkten zurzeit besonders wettbewerbsfähig. Dies gilt ebenso für Treibstoffe.

Und so dürfte es auch 2016 weitergehen. Die Importe von chemischen Produkten werden weiter sinken, die Exporte steigen bei voraussichtlich stabiler Nachfrage in Russland. Die Reaktion der russischen Chemieunternehmen: Sie investieren weiter. Branchenriesen, aber auch kleinere Firmen modernisieren oder erweitern die Kapazitäten. Das wahrt Geschäftschancen für deutsche Ausrüster und Lieferanten von Additiven. Eine ganze Reihe großer Projekte stehen etwa beim Chemieausrüster Linde an. Der Konzern wird Technologie für ein Flüssiggasterminal des Erdgas-Giganten Gazprom liefern. Die Anlage entsteht in Blagoweschtschensk im Gebiet Amur. Durch diese Stadt soll das Erdgas aus der Sila Sibiri-Pipeline fließen, die sich über mehrere 1.000 km von Russland bis in die VR China erstrecken wird. Die Jahresleistung der Anlage soll bei 49 Mrd. cbm liegen.

Es gibt aber auch eine Reihe kleinerer Projekte. So will etwa der Methanol-Produzent Metafraks seine Investitionen 2016 auf 5,7 Mrd. Rubel (Rbl; knapp 72,4 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 15.3.16: 1 Euro = 78,73 Rbl) verdoppeln. Mit dem Geld sollen etwa eine Anlage zur Produktion von 55-prozentigen Formaldehydlösungen und eine Methanol-Anlage fertig gestellt werden.

Die Chemiefirma Baschkirskaja sodowaja kompanija will ihre Investitionen 2016 ebenfalls erhöhen. Und zwar um das Zweieinhalbfache auf 4 Mrd. Rbl (51 Mio. Euro). Mit dem Geld sollen vor allem bestehende Anlagen modernisiert werden. Bis 2020 will die russische Regierung die Kapazitäten für kalzinierte Soda um 20% erhöhen. Die Chancen stehen gut.

Produktion ausgewählter chemischer Erzeugnisse in Russland (in 1.000 t)
Erzeugnis 2015 Veränderung 2015/2014 (in %)
Kalzinierte Soda 3.084 1,1
Benzol 1.215 3,0
Xylol 548 9,7
Ethylen 2.787 16,4
Schwefelsäure 10.395 2,2
Natriumhydroxid 1.115 3,6

Quelle: Föderaler Statistikdienst (Rosstat)

Russische Düngemittelriesen weiter im Aufwind

Die russischen Düngemittelkonzerne haben die Produktion 2015 leicht erhöht und werden auch 2016 das Tempo hoch halten. Branchenriese Fosagro will 2016 zwischen 43 Mrd. und 53 Mrd. Rbl investieren - je nach Dollarkurs. Denn die Ausrüstung für die Modernisierungsmaßnahmen kommt zum größten Teil aus dem Ausland. Fosagro bezahlt das in ausländischer Währung und nicht in Rubel. Mit dem Geld will der Konzern eine neue Ammoniak-Zeche sowie eine Fabrik zur Herstellung von Karbamid-Granulat in Tscherepowez bauen. Dazu gehört auch eine Ammoniumsulfat-Fabrik sowie Verwaltungsgebäude und die Fabrik-Infrastruktur. Der Komplex soll 2017 fertiggestellt sein.

Im 2. Halbjahr 2015 hat die Aktiengesellschaft EuroChem Group mit dem Bau einer neuen Ammoniak-Anlage im Gebiet Leningrad begonnen. Der Betrieb soll Ende 2018 anlaufen. Co-finanziert wird das Projekt von einem internationalen Bankenkonsortium mit einem Kredit über 557 Mio. Euro und einer Laufzeit von 13,5 Jahren. Generalauftragnehmer wird der italienische Tecnimont-Konzern sein.

In der russischen Teilrepublik Tatarstan soll ein weiteres Ammoniak- und Düngemittelwerk errichtet werden. Einen entsprechenden Vertrag unterzeichneten der Präsident Tatarstans sowie Vertreter der beiden japanischen Firmen Mitsubishi Heavy Industries und Sojitz. In den vergangenen fünf Jahren hatten die Japaner bereits das Düngemittelwerk Ammoni in Mendelejewsk gebaut. Die Gesamtkosten liegen bei 1,4 Mrd. US$. Jetzt sollen sie auch bei Ammoni-2 zum Zuge kommen. Dieses zweite Werk in direkter Nähe zum bereits bestehenden dürfte ebenfalls bis zu 1,4 Mrd. $ kosten.

Der Kali-Riese Akron will 2016 rund 200 Mio. $ investieren, aber vor allem in Eisenbahnverbindungen und Bergbauprojekte. Für 120 Mio. $ kauft Akron einen 9,1 prozentigen Anteil an dem Unternehmen Werchnekamskaja kalinaja kompanija. Es befindet sich im Gebiet Perm. Zum Jahr 2021 soll dort ein Kalikombinat mit einer Kapazität von 2 Mio. t pro Jahr entstehen.

Produktion von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in Russland (in Mio. t)
Produkt 2015 Veränderung 2015/2014 (in %)
Düngemittel gesamt, davon 19,9 1,1
.Stickstoff 8,6 5,2
.Phosphor 3,2 5,1
.Kali 8,1 -4,4
Synthetischer Ammoniak, wasserfrei 15,2 3,8
Pflanzenschutzmittel (Pestizide und andere agrochemische Produkte) gesamt, davon (in 1.000 t) k.A. 4,6
.Insektizide 14,9 5,9
.Herbizide 30,7 -1,7
.Fungizide, Nagergifte und ähnliche 9,2 28,1

Quelle: Rosstat

Produktion von Farben und Lacken trotzt Krise der Abnehmerbranchen

Der Wert der Bauleistungen in Russland ist 2015 um 7% gesunken. Und zwar auf Rubelbasis. Im Vergleich zum Rubel hat der Euro im Jahresschnitt 2015 um ein Drittel zugelegt. Auf Eurobasis ergibt sich damit ein geradezu dramatischer Rückgang im Bausektor. Dasselbe gilt für die Automobilindustrie. Hersteller fahren die Produktion herunter, setzen auf Kurzarbeit und entlassen Mitarbeiter. Das heißt: Diese beiden extrem wichtigen Abnehmer von Farben und Lacken stecken tief in der Krise.

Die lokale Produktion berührt das kaum. Russlands Hersteller haben ihren Output von Farben und Lacken 2015 sogar um 1% gesteigert. Nur bei Lacken und Farben auf Polymerbasis ging die Produktion um 6% zurück. Wer leidet also unter der Nachfrageschwäche? Die Importeure. Auch wenn die Ganzjahreszahlen für die Importe 2015 zum Redaktionsschluss im März 2016 noch nicht vorlagen - die Einfuhren von Lacken und Farben dürften stark rückläufig gewesen sein.

Wer also in Russland Erfolg haben will, muss auch vor Ort produzieren. Der finnische Farbenhersteller Nor-Maali etwa baut ein neues Werk im Gebiet Pskow. Wie die Region mitteilte, sei als Standort die Sonderwirtschaftszone Moglino im Gespräch. Die Investitionen sollen sich auf über 250 Mio. Rbl (über 3 Mio. Euro) belaufen. Nor-Maali ist spezialisiert auf Industriefarben und Schiffsanstriche.

Der neuseeländische Farbenhersteller Nuplex plant den Ausbau seiner Produktion von Polymerharzen für die Lackerzeugung. Im Jahr 2014 hatten die Neuseeländer in Schebekino im Gebiet Belgorod eine Farbenfabrik vom russischen Hersteller Kwil übernommen. Jetzt geht es an den Ausbau. Die Kosten für die Erweiterung belaufen sich auf rund 1,1 Mrd. Rbl (rund 12 Mio. Euro).

Das Unternehmen Sibirski chimkombinat sucht einen Investor mit dessen Hilfe es eine Linie zur Produktion von pigmentiertem Titandioxid errichten möchte. Das ist die Grundlage für weiße Farbe sowie für Lebensmittelfarbstoffe. Mit dem Werk könnte Russland die Hälfte der eigenen Inlandsnachfrage selbst decken - diese liegt bei 84.000 t. Der Generaldirektor des Chemiewerkes ist auf der Suche nach einem Investor, der 800 Mio. Rbl (etwas mehr als 10 Mio. Euro) in das Projekt investiert.

Nachfrage nach Polymeren bleibt konstant

Die Nachfrage nach Kunststoffen in Russland ist 2015 fast auf dem Niveau des Vorjahres geblieben. Insgesamt lagen die Verkäufe um 38.000 t und damit um 0,8% unter dem Vorjahresniveau. Bei Polypropylen legte das Marktvolumen sogar um 10% zu, während bei PVC, PET und Polystyrol jeweils ein Minus zu verzeichnen war. Die PE-Verkäufe blieben exakt auf dem Niveau von 2014.

Marktvolumen für Kunststoffe in Russland 2015 (in 1.000 t)
Kunststoff Marktvolumen 2015 Veränderung 2015/2014 (in %)
Polypropylen (PP) 1.066 +10
Polyethylen (PE) 1.855 0
Polyvinylchlorid (PVC) 944 -8
Polyethylenterephthalat (PET) 547 -8
Polystyrol (PS) 535 -5

Quelle: Market Report

Dabei entwickelt sich die Produktion vor Ort noch viel besser als die Nachfrage als solche. Während die Importe stark zurückgingen, stieg die Produktion von Kunststoffen 2015 um 8,1%. Das liegt vor allem an den neuen Anlagen, die in den vergangenen beiden Jahren an den Start gingen: Poliom, Tobolsk-Polymer und Rusvinyl.

Produktion von Kunststoffen in Russland (in 1.000 t)
Kunststofftyp 2015 Veränderung 2015/2014 (in %)
Kunststoffe, davon 7.222 8,1
.Polyethylen 1.786 11,6
.Polystyrol 536 -0,6
.Polyvinylchlorid 847 17,7
.Polyester und Polycarbonate 622 4,8
.Polypropylen 1.331 23,3
.Polyamid 145 0,5
Synthetische Fasern 136 7,5
Kunstfasern und -garne 15,1 -25,4
Synthetischer Kautschuk 1.442 9,8

Quelle: Rosstat

Und es gibt eine ganze Menge neuer Projekte. So wird Tomskneftechim im Herbst 2016 ein 8 Mrd. Rbl teures Modernisierungsprogramm seiner Polypropylen-Produktion abschließen. Im Februar 2015 starteten die Bauarbeiten für Russlands künftig größte Polymer-Anlage. Sie liegt in Tobolsk. Dort baut Sibur das Megawerk Sapsibneftechim mit 1.500 t Pyrolyse-Kapazitäten pro Jahr. Die Technologie soll von der deutschen Linde AG kommen. Außerdem ist eine Anlage für 500.000 t Polypropylen pro Jahr geplant. Die Technologie für die Polypropylen-Anlage wird Sibur voraussichtlich bei LyondellBasell in den Niederlanden kaufen. Das Gesamtprojekt wurde auf 360 Mrd. Rbl taxiert. Das wären über 4,5 Mrd. Euro.

Ein weiteres großes Werk ist in Stawropol geplant: Etana. Dazu haben China Petroleum Technology and Development und Etana selbst Mitte Januar einen Vertrag über den Bau und die Inbetriebnahme der PET-Anlage mit einer Kapazität von 1,5 Mio. t pro Jahr unterschrieben. Damit geht der Bau der Anlage an ein chinesisches Unternehmen. Unklar bleibt jedoch, woher die Ausrüstung für die Anlage kommen soll.

Das russische Unternehmen SLT Aqua baut im Gewerbepark Togliattisintes eine neue Anlage zur Produktion von Rohren aus Polypropylen. Die Kapazitäten sollen zunächst bei 3.000 t liegen und später auf 10.000 t erhöht werden. Den Rohstoff Polypropylen will SLT Aqua bei Sibur kaufen.

Das Unternehmen NPP Polyplastik will in Zukunft Stahlrohrisolierungen auf Basis von Polyethylen-Verbundstoffen fertigen. Dazu wolle Polyplastik rund 10 Mio. Euro in eine entsprechende Fertigung investieren. Potenzielle Abnehmer sind Gazprom sowie der Ölpipelinebetreiber Transneft. Polyplastik betreibt Anlagen in Engels, Togliatti und Moskau und gehört zur Polyplastik-Gruppe.

Aber Vorsicht: Die Nachfrage nach Extrudern zur Weiterverarbeitung von Kunststoffen ist gesunken. Beispiel: Polyethylen. Hat Russland 2014 noch 420 Extruder importiert, waren es 2015 nur noch 250. Davon kamen 16 Stück aus Deutschland. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 haben deutsche Ausrüster noch 47 PE-Extruder nach Russland geliefert. Das geht aus einer Studie des Chemie-Beratungsunternehmens Creon hervor.

Nachfrage nach Katalysatoren steigt um mehr als die Hälfte

Russlands Raffinerien modernisieren ihre Anlagen zur Treibstoffproduktion. Ziel: Hochwertige Benzine und Diesel mit hohen Oktanwerten. Dazu brauchen die Raffinerien jährlich rund 14.000 t hochwertiger Katalysatoren. Doch bereits zum Jahr 2020 dürfte der Verbrauch nach diesen Stoffen auf 24.400 t steigen. Denn in diesem Maße legt auch die Nachfrage nach Treibstoff mit hohen Oktanwerten zu. Im Jahr 2015 kamen 70% aller Katalysatoren zum katalytischen Cracken aus dem Ausland, 19% stammten von Gazprom Neft und 11% von anderen russischen Herstellern.

Das soll sich ändern. Gazprom Neft will ab 2020 pro Jahr 6.000 t Katalysatoren für Hydrierprozesse sowie 15.000 t Katalysatoren zum katalytischen Cracken produzieren. Dazu investiert der Konzern am Omsker Erdölverarbeitungswerk 15 Mrd. Rbl (191 Mio. Euro). Sprich: Damit und zusammen mit den bestehenden Kapazitäten könnte Russland seinen Bedarf an Katalysatoren decken - zumindest für das katalytische Cracken.

Produktion von Treibstoffen in Russland (in Mio. t)
Treibstofftyp 2014 Veränderung 2015/2014 (in %)
Destillatbenzin 13,7 2,8
Motorenbenzin 39,2 2,3
Diesel 75,9 -1,1
Masut 71,5 -8,9

Quelle: Rosstat

Langfristige Investitionspläne hat auch die Unternehmerfamilie Gutserijew. Sie will die Ölraffinerie OrskNefteOrgSintes in den kommenden acht Jahren modernisieren und erweitern. Die Kosten liegen bei 5 Mrd. $. Dafür soll die Verarbeitungstiefe der Raffinerie auf 96% steigen. Zurzeit verarbeitet das Werk nahe der kasachischen Grenze Jahr für Jahr rund 6,6 Mio. t Rohöl.

(H.B.)

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