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24.02.2016

Russische Nahrungsmittelindustrie trotzt der Krise

Vorhaben in der Fleischproduktion und Milchverarbeitung / Schwere Zeiten für Getränkehersteller / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - In der Ernährungswirtschaft gibt es in Russland eine Reihe großer Projekte. Trotzdem ist die Lage schlechter als vor einem Jahr und 2016 wird es keinen Deut besser. Die maue Konjunktur, die schwindende Kaufkraft und teure Kredite verleiden vielen Firmen Investitionen. Dazu kommt die Ungewissheit ob der wirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklung.

Fleisch, Fisch, Milchprodukte, Obst und Gemüse - Russland lässt kaum noch Nahrungsmittel aus der EU, den USA und Australien ins Land. In den ersten zehn Monaten 2015 sind die Importe von Fleisch und Fleischprodukten, Fisch, Milch und Milcherzeugnissen wie Käse und Butter im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 30 bis 40% gesunken. Zuletzt hat Russland auch Sanktionen gegen Nahrungsmittel aus der Türkei und der Ukraine verhängt.

Unternehmen halten sich mit großen Investitionen zurück

Gleichzeitig predigen die Politiker in Moskau den verstärkten Ausbau der eigenen Landwirtschaft und der Lebensmittelverarbeitung. Doch Russlands Investoren sind vorsichtig. In den ersten drei Quartalen 2015 sind die Bruttoanlageinvestitionen in diesem Sektor um 12,4% gesunken. Wer ungenutzte Kapazitäten hatte, schöpft diese mittlerweile voll aus. Investiert wird in aller Regel in kleinere Modernisierungsmaßnahmen. Nur richtig große Unternehmen wagen sich dank staatlicher Subventionen an große Investitionen heran.

Denn trotz des relativ günstigen Rubels steigen die Selbstkosten der russischen Lebensmittelproduzenten. Gewürzmischungen, Emulgatoren, Verpackungs- und Lebensmittelmaschinen kaufen sie nach wie vor im Ausland. Wegen des schwachen Rubels ist das alles für russische Produzenten viel teurer geworden. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage aufgrund der Wirtschaftskrise und der daraus resultierenden Einkommensverluste. Dafür aber steigen die Preise für Lebensmittel: Von Januar bis November 2015 verteuerte sich ein durchschnittlicher Nahrungsmittel-Einkaufskorb um 21,4%.

In erster Linie profitiert der Handel von der Situation und kümmert sich mittlerweile verstärkt um Zulieferungen aus dem Inland. Und um die eigene Produktion, wie etwa der Einzelhandelsriese X5.

Zahlreiche Projekte in der Fleischproduktion geplant

Russlands größter Fleischhersteller Miratorg wird in den kommenden Jahren in die Produktion von Rindfleisch investieren. Zum Jahr 2020 sollen in der Region Brjansk bis zu 130.000 t Rindfleisch hergestellt werden; im Jahr 2015 waren es 40.000 t. Dazu will Miratorg 73 Mrd. Rubel (knapp 1 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 28.12.15: 1 Euro = 78,87 Rubel) in das Projekt investieren. Russland importiert jährlich 500.000 t Rindfleisch.

Obwohl russische Betriebe bei Schweinefleisch das Land schon fast selbst versorgen können, gibt es eine Reihe von Projekten. Miratorg etwa will in den kommenden Jahren in ein Megaprojekt zur Schweinemast in der Region Kursk 130 Mrd. Rubel (rund 1,6 Mrd. Euro) investieren. In den kommenden vier Jahren will das Unternehmen die Schweinefleischerzeugung sogar verdoppeln.

Die Agrarholding Rusagro will in der Region Primorje im Fernen Osten für 22 Mrd. Rubel (280 Mio. Euro) einen Schweinemastbetrieb zur Produktion von 100.000 t Fleisch errichten. Unterschiedliche Firmen bauen in den kommenden Jahren in mehreren russischen Regionen neue Betriebe, wie in Woronesch, Belgorod, Kaluga, Swerdlowsk, Kaliningrad und auf der Insel Sachalin.

Bei Hühnerfleisch ist Russland mittlerweile ein großer Hersteller. Dank zahlreicher zusätzlicher Projekte werden viele Betriebe künftig ihre Produkte sogar im Ausland anbieten. Sofern sie das nicht heute schon tun. Einer der Marktführer ist Eurodon.

Russlands größter Salatproduzent, Belaja Datscha, vervierfacht aufgrund des Embargos seine Gewächshausflächen auf 7 Hektar. Das soll lediglich die erste Ausbaustufe am Standort Kislowodsk sein. Die Agroholding produziert in Kislowodsk Salate und Tomaten.

Die Produktion von Käse ist in den ersten elf Monaten 2015 um fast 20% gestiegen. Allerdings landen in russischen Regalen überwiegend Käsesorten, die auf Basis von Palmöl produziert werden. Die Beamten der Lebensmittelaufsichtsbehörde Rosselchosnadsor gehen davon aus, dass 78% aller Käseprodukte in Russland nicht aus Milch hergestellt werden. Da diese allerdings unzureichend gekennzeichnet sind, werfen sie den Herstellern Produktfälschung vor.

Ausbau- und Modernisierungsvorhaben in der Milchverarbeitung

Etliche Unternehmen investieren in neue Technologien. Aber das ist nicht zwangsläufig eine Folge des Lebensmittelembargos. Das Milchkombinat Belebejeweski hat schon drei Jahre vor den Sanktionen mit dem Aufbau einer Käseproduktion begonnen und diese 2015 in Betrieb genommen. Allerdings hilft das Embargo jetzt bei der Markteinführung. Während der Markt für Käse 2015 um ein Fünftel einbrach, hatte Belebejewski einen guten Start und will 2016 den Verkauf um 20% erhöhen.

Der internationale Danone-Konzern investiert bis Ende 2016 rund 930 Mio. Rubel (knapp 12 Mio. Euro) in sein Milchverarbeitungswerk Petmol in Sankt Petersburg. Mit den Investitionen soll die Kapazität um 50% steigen. Zurzeit verarbeitet Danone am Standort rund 400 t Milch am Tag. Der Großteil der Ausrüstung kommt aus dem Ausland. Danone investiert bis 2017 rund 700 Mio. US$ in seine russischen Werke. Zwei davon fallen hingegen dem Rotstift zum Opfer: Die Werke in Tscheboksary und Tomsk werden geschlossen.

Das Milchkombinat Galaktika will bis 2018 seine Fabriken in den Regionen Leningrad und Kirow modernisieren. Zudem möchte das Unternehmen die Zusammenarbeit mit dem finnischen Konzern Valio ausbauen. Dabei geht es vor allem um die Lizenzproduktion von Milchprodukten des finnischen Unternehmens auf russischem Boden. Das deutsch-russische Unternehmen Ekoniva, der größte Milchviehbetrieb im Land, will ab 2016 in eine eigene Milchfabrik investieren.

Auch das französische Unternehmen Bonduelle hat 2016 Expansionspläne in Russland. Die dritte Linie in der Konservenfabrik in Krasnodar soll 7 Mio. Euro kosten. Die Kapazitäten sollen um 14% steigen. Dadurch erhöht sich das mögliche Produktionsvolumen des Unternehmens in Russland um 30 Mio. auf 250 Mio. Dosen.

Das Unternehmen Megakon investiert 250 Mio. Rubel (3,2 Mio. Euro) in eine neue Marmeladenproduktion im Gebiet Kursk. Die Kapazitäten sollen bei 20.000 t Marmelade pro Jahr liegen. Megakon will das neue Werk im Jahr 2017 in Betrieb nehmen.

Auch bei Backwaren gibt es einige große Projekte. Das Unternehmen Fazer investiert in Sankt Petersburg 14,4 Mrd. Rubel (rund 163 Mio. Euro) in ein neues Werk zur Produktion von Brot und Backwaren. Das Projekt gliedert sich in zwei Abschnitte. Zwischen 2016 und 2018 werden für 6 Mrd. Rubel Linien zur Herstellung gefrorener Backwaren aufgebaut. Im Zeitraum von 2023 bis 2025 folgt dann der nächste Abschnitt für frische Backwaren.

Der Markt für Schokolade beläuft sich auf 7,3 Mrd. US$. Der internationale Konzern Transmar plant eine Fabrik für Kakaoprodukte in der Region Moskau. Das Unternehmen ist seit 2010 mit einer Handelsvertretung in Russland aktiv und beliefert Konditoreien und Speiseeishersteller.

Produktionsvolumen ausgewählter Nahrungs- und Genussmittel
Produkt 2014 Veränderung 2014/13 (in %) Veränderung Jan.-Nov. 2015 / Jan.-Nov. 2014 (in %)
Fleischkonserven (in Mio. Doseneinheiten) 611 0,0 -12,3
Gekühlte Halbfertigerzeugnisse aus Fleisch (in 1.000 t) 981 12,6 4,7
Naturfischkonserven (in Mio. Doseneinheiten) 195 -6,3 23,3 *)
Backwaren kurzer Haltbarkeit (in 1.000 t) 6.204 -1,7 -1,1
Milch (in 1.000 t) 5.317 -1,0 0,1
Rübenzucker (in Mio.t) 5,2 6,5 6,6
Weizen- und Roggenmehl (in 1.000 t) 8.858 -1,6 1,9
Reis (in 1.000 t) 1.047 12,0 k.A.
Gemüse-und Pilzkonserven (in Mio. Dosen) 435 23,1 21,7

*) nur Fisch in Tomatensauce

Quelle: Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)

Alkoholkonsum geht zurück

Die Russen trinken immer weniger Alkohol. Staatliche Programme, erhöhte Akzisen, Einschränkungen für das Abfüllen in Plastikflaschen und Werbeverbote zeigen Wirkung. Aber auch die maue Konjunktur und sinkende Realeinkommen hinterlassen ihre Spuren. Im Jahr 2014 wurden in Russland 11 Mrd. Liter alkoholischer Getränke verkauft - 6% weniger als im Vorjahr. Der Trend setzte sich 2015 fort und wird in den kommenden Jahren anhalten.

Der schwache Rubel, grassierende Inflation und ein wachsender Schwarzmarkt setzen etablierten Firmen zu. Am schlimmsten erwischt es die Hersteller alkoholhaltiger Mischgetränke. In manchen Regionen sind solche Getränke bereits komplett verboten. Nach einem schwachen Jahr 2016 dürfte der Markt für Wein ab 2017 wieder wachsen, prognostizieren die Experten von Euromonitor International.

Produktionsvolumen ausgewählter alkoholischer Getränke in Russland
Produkt 2014 Veränderung 2014/13 (in %) Veränderung Jan.-Nov. 2015 / Jan.-Nov. 2014 (in %)
Wodka (in Mio. dkl) 66,6 -12,3 -2,7
Tafelwein (in Mio. dkl) 32,1 -5,3 k.A.
Helles Bier (in Mio. dkl) 816 -8,6 -6,6

Quelle: Statistikdienst der Russischen Föderation

Trübe Aussichten für Hersteller von nichtalkoholischen Getränken

Der Markt für nichtalkoholische Getränke wuchs 2014 um 9% auf 179,3 Mrd. Rubel (3,5 Mrd. Euro; EZB-Jahreswechselkurs 2014: 1 Euro = 50,95 Rubel). Das Marktforschungsinstitut Kredinform geht davon aus, dass die Nachfrage 2015 im Wert um 14 bis 15% gewachsen ist. Dies ist in erster Linie der hohen Inflation geschuldet. Mengenmäßig jedoch sieht es schlecht aus, die Produktion dürfte zurückgegangen sein. Auch 2016 wird ein schweres Jahr für Getränkehersteller.

Neue Großprojekte gibt es kaum. Dafür zuletzt einige Werkseröffnungen und -erweiterungen. Coca-Cola Hellenic hat eine neue Saftlinie in Orjol aufgebaut sowie eine Linie für Coca-Cola, Fanta und Sprite in der Region Rostow. Das neue Werk von Pepsico in der Region Nowosibirsk eröffnet dagegen erst im September 2016. Und damit ein Jahr später als geplant.

(H.B.)

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Russland Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Getränke, Nahrungsmittel

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