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26.06.2019

Russland braucht mehr Kläranlagen

Nur ein Viertel der Dorfbevölkerung hat Anschluss ans Abwassernetz / Von Gerit Schulze

Moskau (GTAI) - Die Anlagen zur Wasserversorgung und Abwasserreinigung in Russland sind stark verschlissen. Niedrige Tarife verhinderten bislang eine umfassende Sanierung. Das soll sich ändern.

In Russlands ländlichem Raum sind die Lücken beim Anschluss an das Trinkwassernetz und die Kanalisation groß. Nur jedes vierte Haus in den Dörfern ist an eine zentrale Kläranlage angeschlossen. Dort sind Sickergruben der übliche Weg zur Entsorgung von Schmutzwasser. Ähnlich hoch ist der Nachholbedarf bei Zählern. Auf dem Land misst nur jeder zweite Haushalt den Wasserverbrauch.

Zu den Regionen mit den größten Problemen bei der Wasserversorgung gehören Wologda, Kostroma, Kurgan und Karatschai-Tscherkessien. Dort haben weniger als 70 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser. Dies ergaben Untersuchungen der Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadsor.

Wasserversorgung in Russland (Anschlussgrad in Prozent)
Alle Stadtbevölkerung Landbevölkerung
Trinkwasseranschluss
.Anschluss an zentrale Trinkwasserversorgung 90,3 96,8 69,3
.Trinkwasser aus individuellen artesischen Brunnen 3,4 1,3 10,0
.Trinkwasser aus Pumpbrunnen 2,2 0,5 7,6
.Keine Trinkwasserversorgung 4,1 1,3 13,1
Kanalisation
.Anschluss an die zentrale Abwasserentsorgung 74,3 89,6 25,2
.Entsorgung über Rohrsysteme in .Sickergruben und Ähnliches 16,8 7,1 48,1
.Individuelle Abwasserentsorgung (inklusive Klärgruben) 3,1 1,4 8,4
.Keine Kanalisation 5,8 1,9 18,4
Wasserzähler
.Zähler Kaltwasserverbrauch 80,7 88,9 54,3
.Zähler Warmwasserverbrauch 53,4 67,0 9,6

Quelle: Rosstat, Erhebungen zum Lebensstandard der Bevölkerung (Erfassungszeitraum: September 2018, http://www.gks.ru/free_doc/new_site/KOUZ18/index.html)

Die Situation verbessert sich nur langsam, weil die Wasserbetriebe aufwändige Investitionen scheuen. Ein Grund sind die niedrigen Verbrauchstarife. In Moskau zahlen Privathaushalte ab 1. Juli 2019 für einen Kubikmeter Trinkwasser 40,48 Rubel (0,56 Euro; 1 Euro = 72,19 Rubel, Stand: 27.05.2019). Für Schmutzwasser steigt die Gebühr auf 29,57 Rubel (0,41 Euro). In Sankt Petersburg beträgt die Gebühr für Trink- und Schmutzwasser ab 1. Juli 2019 einheitlich 32,75 Rubel (0,45 Euro) je Kubikmeter. In anderen Regionen sind die Kosten häufig niedriger. Bis 2024 dürfen die Wassertarife in Russland nicht schneller als die Inflationsrate steigen.

Zum Vergleich: In Berlin liegt der Mengenpreis für Trinkwasser seit 2018 bei 1,813 Euro pro Kubikmeter, für Schmutzwasser bei 2,21 Euro.

Wasserverbrauch sinkt aufgrund der Konjunkturflaute

In den vergangenen fünf Jahren ist der Wasserverbrauch gesunken, da die Wirtschaftsentwicklung in Russland stagniert. Außerdem wächst das Bewusstsein für einen sparsameren Umgang mit Wasser. Die Industrie stellt ihre Produktion allmählich auf ressourcenschonende Technologien um.

Die Wasserentnahme aus natürlichen Quellen sank zwischen 2010 und 2017 von 79 Milliarden auf 69 Milliarden Kubikmeter. Etwa ein Zehntel des Trinkwassers geht durch lecke Leitungen verloren.

Einen starken Rückgang gab es auch beim Abwasservolumen. Hier nahm die Menge zwischen 2010 und 2017 um 13 Prozent ab.

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Die größte Abwassermenge fällt in Sankt Petersburg, Moskau und der Metallurgie-Hochburg Magnitogorsk an.

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Bis 2024 will Russland mindestens 6,7 Milliarden Euro in die Modernisierung seiner Wasserwirtschaft investieren. Wichtigste Programme sind die Föderalen Projekte "Sauberes Wasser", "Gesundung der Wolga" und "Schutz des Baikalsees".

Die überwiegend kommunalen Wasserwirtschaftsbetriebe (russisch: wodokanal) sind angehalten, bei ihren Beschaffungen zunehmend auf einheimische Technologie zu setzen. Dafür erarbeitet das Bauministerium zurzeit einen Katalog mit russischen Lieferanten von Material und Ausrüstungen. Die Importsubstitution gelingt besonders gut bei Rohrsystemen, auch bei Rohrarmaturen, Zählern, Druckmessgeräten und Pumpen.

Der Dortmunder Pumpenhersteller Wilo hat 2017 einen Sonderinvestitionsvertrag mit der russischen Regierung abgeschlossen. Dank der lokalen Fertigung in Noginsk bei Moskau gelten Wilo-Pumpen als "Made in Russia" und haben so Vorteile bei öffentlichen Ausschreibungen. Laut Wilo-Geschäftsbericht für 2018 stiegen die Umsatzerlöse in Russland trotz deutlicher Rubelabwertung um 2 Prozent. Das Unternehmen beobachtete zuletzt bei russischen Bauaktivitäten viele Großprojekte in der Wasserwirtschaft und bei Industrieanlagen.

Ausgewählte Investitionsprojekte in der russischen Wasserwirtschaft
Projekt/Ort Investition (Mio. Euro)o Projektstand Investor/Initiator
Modernisierung der Wasserleitungen/Gebiet Rostow-am-Don 127,5 Fertigstellung: 2024 Gebietsministerium für Kommunalwirtschaft
Bau von Wasserreinigungsanlagen / Baikalsee, Gebiet Irkutsk 110,8 Fertigstellung: 2024 Russisches Bauministerium, Forstbehörde Rosleschoz, Regionalverwaltungen Irkutsk, Transbaikal und Burjatien
Entwicklung und Betrieb der Wasserwirtschaft / Taganrog, Gebiet Rostow-am-Don 83,1 Konzessionsvergabe für 25 Jahre geplant (ab 2020) Wodokanal Taganrog und Gouverneur Gebiet Rostow
Modernisierung des Wasserversorgungs- und Abwassersystems / Orenburg 70,7 (nur 2019) Fertigstellung: 2021 Roswodokanal
Modernisierung der Kanalisation / Stadt Rybinsk, Gebiet Jaroslawl 69,3 Baustart: 2019 Sewerny Wodokanal
Ausbau und Modernisierung der Wasserversorgung und Kanalisation / Region Krasnodar 49,9 Fertigstellung: 2023 Roswodokanal
Ausbau und Modernisierung der Wasserversorgung und Kanalisation / Dzerschinsk, Gebiet Nischni Nowgorod 40,2 Finanzierungszusage der New Development Bank erwartet Stadtverwaltung und russisches Bauministerium
Renovierung der kommunalen Kanalisation / Sergijew Posad, Moskauer Gebiet 27,7 Bauanfang: 2020 Regierung des Gebiets Moskau
Bau von Kläranlagen / Gelendschik, Region Krasnodar 27,7 Fertigstellung: 2021 Russisches Bauministerium
Renovierung der kommunalen Reinigungsanlagen / Rewda, Swerdlowsk Gebiet 22,2 Fertigstellung: 2020 Ministerium für Energie und Kommunalwirtschaft
Renovierung der Abwassereinigungsanlagen / Kstowo, Gebiet Nischni Nowgorod 20,8 Fertigstellung: 2021 Sibur-Kstowo
Modernisierung der Wasserversorgungsanlagen / Region Stawropol 19,4 Fertigstellung: 2024 Ministerium für Kommunalwirtschaft der Region
Bau einer Abwasserreinigung im Rohrwalzwerk Tscheljabinsk 11,1 (nur 2019) Fertigstellung: 2024 TSchTPZ-Gruppe

Quellen: Unternehmensangaben, Presseberichte, Recherchen von Germany Trade & Invest

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Russischer Verband der Wasserversorgung und Abwasserreinigung (RAWW) http://www.raww.ru 243 Mitglieder (Wasserwerke, Lieferanten, Forschungsinstitute)
Ministerium für Bau und kommunale Wohnungswirtschaft http://www.minstroyrf.ru Unter anderem für Sanierung der kommunalen Wasser-Infrastruktur zuständig
Föderale Agentur für Wasserressourcen Roswodresursy http://voda.mnr.gov.ru Verwaltung der föderalen Wasserressourcen
Fachzeitschrift Wodootschistka, Wodopodgotowka, Wodosnabschenie http://www.vvvpress.ru Fachthemen zu neuen technischen Entwicklungen
Fachzeitschrift Wodosnabschenie i sanitarnaja technika http://www.vstmag.ru Monatszeitschrift für Wasserversorgung und Sanitärtechnik
Fachportal Woda Magazine http://www.watermagazine.ru Internetportal zum Thema Wasserwirtschaft
Fachmesse WasteTech http://www.waste-tech.ru Fachmesse in Moskau für Umwelttechnik im Zwei-Jahres-Rhythmus (zuletzt im Juni 2019)
Fachmesse Aquatherm http://www.aquatherm-moscow.ru Fachmesse für Heiztechnik, Wasserversorgung und Belüftung in Moskau, nächster Termin: 11. bis 14. Februar 2020

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Wasserversorgung, -gewinnung, Bewässerung, Kläranlagenbau, Abwasserentsorgung

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Edda Wolf

GUS/Südosteuropa

‎+49 228 24 993 214

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