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26.06.2019

Russland erhöht Lokalisierungsanforderungen für Kfz

Ausländische Autobauer schließen Sonderinvestitionsverträge ab / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Russlands Regierung legt mit einem Punktesystem die Lokalisierungstiefe für Kfz neu fest. Ausländische Autobauer schließen Sonderinvestitionsverträge ab, um Subventionen zu erhalten.

Die Politik der Produktionslokalisierung der russischen Regierung tritt in eine neue Phase. In der Schlüsselbranche Fahrzeugbau definiert die Regierung den Lokalisierungsgrad neu. Ab 1. Juli 2019 soll der Anteil lokal erbrachter Wertschöpfung anhand eines Punktesystems bestimmt werden. Dann gilt: Nur wer eine bestimmte Punktzahl erreicht, gilt künftig als russischer Hersteller und hat Anspruch auf die zollfreie Einfuhr von Bauteilen und auf Absatzfördermaßnahmen.

Ohne diese Subventionen wäre eine Kfz-Produktion in Russland aufgrund der geringen Marktgröße unrentabel. Derzeit gewährt das Dekret Nr. 166 entsprechende Vergünstigungen. Doch die meisten Vereinbarungen laufen Ende 2020 aus - entsprechend steigt der Handlungsdruck auf Seiten der Original Equipment Manufacturer (OEM).

Punktesystem bestimmt Lokalisierungsgrad

Damit ein Pkw, leichtes Nutzfahrzeug (Light Commercial Vehicle - LCV), Lkw oder Bus als "Made in Russia" anerkannt wird, muss ein bestimmter Anteil an lokaler Wertschöpfung erbracht sein. Die Verordnung Nr. 661 vom 25. Mai 2019 definiert neue Anforderungen als Anhang zu der für die Lokalisierung maßgeblichen Verordnung Nr. 719 vom 17. Juli 2015.

Unter Lokalisierung der Produktion wird die Herstellung aller Schlüsselkomponenten von Fahrzeugen, einschließlich Karosserieelementen, Rahmen, Fahrgestell, Außen- und Innenteilen, Motor, Getriebe, elektronischen Steuergeräten sowie Forschung und Entwicklung auf russischem Territorium verstanden. Punkte werden dabei für bestimmte Fertigungsschritte vergeben, darunter Stanzen, Schweißen oder Lackieren, sowie für die Produktion von Motoren, Getrieben oder elektronischen Steuergeräten. Die vereinbarten Zielvorgaben sollen in einem Sonderinvestitionsvertrag fixiert werden. Es gilt der Grundsatz: Je größer die lokale Fertigungstiefe, desto mehr Punkte.

Punktesystem für die russische Automobilindustrie gemäß Verordnungen Nr. 719 und Nr. 661 (Auswahl)
Bauteil / Prozessschritt Punkte
Sitze bis zu 30
Klimaanlage bis zu 40
ABS bis zu 200
Exterieurteile bis zu 205
Stanzen bis zu 300
Einspritzsysteme bis zu 340
Schweißen bis zu 400
Lackieren bis zu 500
Fahrassistenzsysteme bis zu 500
Automatikgetriebe bis zu 790

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Zudem erhalten die Autobauer 200 Punkte für je 0,5 Prozent der Ausgaben für Forschung und Entwicklung gemessen am Gewinn. Damit soll den OEM die Ansiedlung von Forschungszentren schmackhaft gemacht werden.

Eine detaillierte Aufschlüsselung der Punktevergabe ist in russischer Sprache abrufbar: https://www.zakonrf.info/postanovlenie-pravitelstvo-rf-661-25052019/

Um einen Sonderinvestitionsvertrag abschließen zu können (Voraussetzung zur Erstattung der Ausgaben für die Entsorgungsabgabe) müssen Autobauer mindestens 7.000 Punkte bei 90 Prozent der zu produzierenden Einheiten erreichen. Um am Programm zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit teilnehmen zu können, werden ab 2019 bei 70 Prozent der zu bauenden Einheiten mindestens 900 Punkte, ab 2022 mindestens 1.200 Punkte und ab 2025 mindestens 1.400 Punkte verlangt. Zur Teilnahme an öffentlichen Aufträgen müssen Hersteller von Pkw und LCV ab 2019 mindestens 2.000 Punkte, ab 2021 mindestens 3.200 Punkte, ab 2023 mindestens 4.500 Punkte und ab 2025 mindestens 6.000 Punkte erzielen.

Novelle des Sonderinvestitionsvertrags verschärft Vergabekriterien

Russland bietet Unternehmen, die sich um einen Sonderinvestitionsvertrag bewerben, neue Möglichkeiten. Die Staatsduma hat einen Gesetzentwurf zur Novelle des Sonderinvestitionsvertrags (SPIK 2.0) Ende Mai 2019 in erster Lesung verabschiedet. Vertragsgegenstand sollen künftig nur noch High-Tech-Produkte sein. Die Laufzeit wird auf bis zu 20 Jahre verlängert. Steuervorteile werden für den gesamten Zeitraum gewährt. Die Mindestinvestitionssumme, die bisher bei 750 Millionen Rubel lag (etwa 10,4 Millionen Euro; 1 Euro = 72,39 Rubel, Stand: 14.06.2019, Quelle: Europäische Zentralbank), entfällt.

Vize-Premierminister Dmitri Kosak forderte alle OEM, die noch keinen Sonderinvestitionsvertrag (SPIK 1.0) unterzeichnet haben, auf, dies bis Ende Juni 2019 zu tun. Danach soll nur noch der SPIK 2.0 angeboten werden.

Mit dem SPIK 2.0 überlässt die Regierung den Autobauern die Wahl, wie sie die erforderliche Punktzahl erreichen. Künftig können OEMs die Lokalisierungstiefe bereits vor Ort gefertigter Bauteile erhöhen. Außerdem entfällt die Notwendigkeit, bestimmte Prozesse innerhalb eines festgelegten Zeitraums bewältigen zu müssen. Gleichzeitig werden die Regeln, um einen SPIK 2.0 abschließen zu können, verschärft. Die Auswahl muss in einem Wettbewerbsverfahren erfolgen, dessen Fokus auf Innovationen liegt. Die staatlichen Subventionen dürfen maximal 50 Prozent der Investitionssumme betragen. Zudem muss der Investor festgeschriebene Exportquoten erfüllen.

Autobauer schließen Sonderinvestitionsverträge

Das Ministerium für Industrie und Handel hat am 21. Juni 2019 fünf Anträge für Sonderinvestitionsverträge (SPIK) in der Automobilindustrie genehmigt - Volkswagen, Peugeot-Citroen, Volvo Trucks, GM-AwtoWAZ und Awtotor. Die ersten drei Unternehmen werden ihre SPIKs im Autocluster der Region Kaluga umsetzen. Auftragsfertiger Awtotor in Kaliningrad, der zurzeit im SKD-Modus arbeitet, plant die Produktion durch Schweißen und Lackieren zu erweitern. Das Industrieministerium erwartet insgesamt Investitionen von 74,5 Milliarden Rubel (1,05 Milliarden Euro). Die Autohersteller haben nun bis zum 1. Juli Zeit zur Vertragsunterzeichnung.

Genehmigte und kurz vor Abschluss stehende Sonderinvestitionsverträge in der Automobilindustrie
Unternehmen Projekt / Standort Investition Vertragsdetails
Volkswagen Group Rus Vertiefung der Lokalisierung der Modelle Volkswagen Polo und Tiguan; Skoda Rapid, Octavia und Kodiak / Start der Produktion der SUVs Volkswagen Tarek und Skoda Karoq / Erhöhung der Produktion der Motoren 1,6 PI und 1,4 TSI mit Ausführung folgender Arbeitsschritte: Bearbeitung der Pleuel-Kolben-Gruppe, Kurbelwelle, Zylinderkopf, Zylinderblock; dabei Verwendung von Billet-Kurbelwelle, Zylinderblock und russischem Kopf / Lokalisierung der Produktion von Getrieben und elektronischen Steuerungssystemen (zum Jahr 2028) / Gebiete Kaluga und Nischni Nowgorod (bei GAZ Gruppe) bis zu 160 Mio. Euro Abschluss bis 30. Juni 2019; Laufzeit: bis 2028
Peugeot-Citroen (PSA) Erneuerung der Modellpalette von Personenkraftwagen von Peugeot, Opel und Citroen / Produktion von leichten Nutzfahrzeugen mit Vertiefung des Lokalisierungsgrades auf das Niveau von GAZ und Sollers / Lokalisierung eines Verbrennungsmotors inklusive Export / Gebiet Kaluga k.A. Abschluss bis 30. Juni 2019; Laufzeit: bis 2028
GM-AwtoWAZ Modernisierung der Produktion der aktualisierten Chevrolet Niva-Fahrzeuge / Ausbau der Lokalisierung / Gebiet Samara k.A. Abschluss bis 30. Juni 2019; Laufzeit: bis 2028
Awtotor Aufbau von Schweiß- und Lackieranlagen / Reduzierung des Anteils der SKD-Montage zugunsten der CKD-Montage / Aktualisierung der Modellpalette jährlich um rund 25 Prozent / Gebiet Kaliningrad k.A. BMW hat sich dem SPIK von Awtotor angeschlossen und hat seine Arbeit an einem eigenen SPIK eingestellt, laut Wirtschaftszeitung Kommersant
Volvo Trucks (Volvo Vostok) Lokalisierung der Getriebeproduktion / Gebiet Kaluga 126 Mio. Euro Abschluss bis 30. Juni 2019; Laufzeit: bis 2028

Quellen: Kommersant, Ministerium für Industrie und Handel der Russischen Föderation

Für den Antrag des chinesischen Konzerns Great Wall, der kürzlich die Produktion der Marke Haval in seinem Werk in der Region Tula gestartet hat, steht die Entscheidung noch aus.

Abgeschlossene Sonderinvestitionsverträge in der Automobilindustrie
Unternehmen Projekt / Standort Investition (Mio. Euro) Vertragsdetails
AwtoWAZ und Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi Entwicklung neuer Modellreihen der Marken Lada, Nissan, Datsun, Renault und Mitsubishi; Erhöhung der Lokalisierungstiefe bei Motoren; Aufbau einer Getriebeproduktion / Moskau, Sankt Petersburg, Gebiete Samara, Kaluga, Republik Udmurtien 930 Abschluss 2018; Laufzeit: bis 2028
Kamaz und Daimler-Kamaz Rus (Joint Venture zwischen Daimler und Kamaz) Bau eines Werks zur Herstellung von Fahrerkabinen und Motoren / Nabereschnyje Tschelny, Republik Tatarstan 635 Abschluss 2018; Laufzeit: bis 2028; Werkseröffnung: Mai 2019
GAZ Group (Russian Machines, gehört Oleg Deripaska) Lokalisierung der Produktion von Motoren, Getrieben und Steuerungssystemen; Modernisierung der Modellreihen / Gebiete Nischni Nowgorod, Moskau, Uljanowsk, Jaroslawl, Tscheljabinsk 278 Abschluss 2018; Laufzeit: bis 2028
Daimler Bau eines Pkw-Werks / Jesipowo, Gebiet Moskau 250 Abschluss 2017; Laufzeit: bis 2026; Werkseröffnung: April 2019
Hyundai Bau eines Motorenwerks und Gründung eines Forschungs- und Entwicklungszentrums / Sankt Petersburg 221 Abschluss 2018; Laufzeit: bis 2028
Sollers Produktion neuer Modellreihen des UAZ und Ford Transit / Gebiet Uljanowsk und Republik Tatarstan 102 Abschluss 2019; Laufzeit: bis 2029
Isuzu-Sollers Bau eines Werks zur Produktion von mittelschweren Lkw / Gebiet Uljanowsk 83 Abschluss 2018; Laufzeit: bis 2027
Mazda-Sollers Bau eines Motorenwerks / Wladiwostok, Region Primorje 45 Abschluss 2016; Laufzeit: bis 2023

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Fahrzeuge, -zubehör, allgemein, Straßenfahrzeuge, allgemein, Kfz-Teile, -Zubehör (ohne Brennstoffzellen), Personenkraftwagen (Pkw), Nutzfahrzeuge (Nfz)

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