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09.04.2019

Russland fährt Produktion von Polyolefinen massiv hoch

Milliardenschwere Investitionsprojekte sollen wachsende Nachfrage auf dem Inlandsmarkt decken / Von Gerit Schulze

Moskau (GTAI) - Russland ist dabei, seinen Bedarf an thermoplastischen Kunststoffen zunehmend durch eigene Produktion zu decken. Große Investitionsprojekte verringern die Abhängigkeit von Importen.

Russlands Chemiebranche ist eine der investitionsfreudigsten Wirtschaftszweige. Der steigende Bedarf an Kunststoffen für Verpackungen, Rohrleitungen, Baumaterialien und Fahrzeugen führt zu zahlreichen Investitionsprojekten. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Polyethylen (PE) liegt mit 13,5 Kilogramm im Jahr erst bei einem Drittel des US-Niveaus (38 Kilogramm). Bei Polypropylen (PP) verbrauchen die Russen 8,6 Kilogramm pro Jahr, Bürger der Europäischen Union (EU) dagegen 25 Kilogramm.

Nach Angaben des Beratungsunternehmens Creon Energy betragen die PE- und PP-Kapazitäten 3,3 Millionen Tonnen. Zehn Unternehmen produzieren diese Polyolefine; die größten Hersteller sind Kasanorgsintes und Sibur-Tobolsk.

Produzenten von Polypropylen und Polyethylen in Russland
Unternehmen / Region PP-Kapazitäten (1.000 t/Jahr) PE-Kapazitäten (1.000 t/Jahr) Webseite
Kasanorgsintes / Tatarstan - 770 http://www.kazanorgsintez.ru
Sibur-Tobolsk / Tjumen 500 - http://www.sibur.ru/siburtobolsk
Nischnekamskneftechim / Tatarstan 210 230 http://www.nknh.ru
Tomskneftechim / Tomsk 140 270 http://www.sibur.ru/TomskNeftehim
Stawrolen / Stawropol 120 300 http://stavrolen.lukoil.ru
Ufaorgsintes / Ufa 120 100 http://www.bashneft.ru
Poliom / Omsk 210 - http://www.sibur.ru/siburtobolsk
NPP Neftechimija / Moskau 120 - http://www.neftekhimia.ru
Gazprom Neftechim Salawat / Baschkortostan - 166 http://salavat-neftekhim.gazprom.ru
Angarski sawod polimerow / Irkutsk - 77 http://www.rosneft.ru

Quelle: Inventra (Creon Group), Konferenz "Polyethylen. Polypropylen", Moskau, März 2019

Bei Polypropylen hat sich die Jahresproduktion seit 2010 mehr als verdoppelt auf 1,38 Millionen Tonnen im Jahr 2018 - bei einer Inlandsnachfrage von 1,22 Millionen Tonnen. Bei Polyethylen ist die Jahresproduktion im genannten Zeitraum um knapp ein Fünftel auf 1,78 Millionen Tonnen gestiegen. Der Inlandsbedarf erreichte jedoch 1,92 Millionen Tonnen.

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Besonders hoch ist das Defizit bei linearem Polyethylen niedriger Dichte (PE-LLD). Hier muss Russland noch die Hälfte seines Verbrauchs importieren. "Bei den Einfuhren fällt auf, dass der Anteil von Spezialmarken sinkt, während die Lieferungen billiger Basismarken aus benachbarten Ländern steigt", erklärt Lola Ogrel, Leiterin der Analyseabteilung bei der Creon Group.

Deutschland hat dennoch eine starke Lieferposition bei Polymeren. Fast ein Fünftel der russischen Importe von Polyethylen niedriger Dichte entfiel 2018 auf deutsche Hersteller. Größtes Lieferland war Belarus mit 58 Prozent. Bei linearem Polyethylen niederer Dichte entfielen knapp 8 Prozent auf Deutschland. Hier sind Saudi-Arabien und Südkorea die wichtigsten Herkunftsländer. Ähnlich präsent ist Deutschland bei Polyethylen hoher Dichte mit einem Importanteil von 9 Prozent. Es ist damit der zweitgrößte Lieferant hinter Usbekistan (56 Prozent).

Der steigende Bedarf an Polyethylen hing zuletzt vor allem mit der wachsenden Nachfrage nach Folien zusammen. Sie kommen überwiegend als Verpackungsmaterial und für Beschichtungen zum Einsatz. Großes Potenzial hat Polyethylen bei der Herstellung von Rohren für Gas- und Wasserleitungen sowie für die Abwasserentsorgung.

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Breiter sind die Anwendungsgebiete für Polypropylen. Es kommt in Russland bei Konsumgütern, Rohren, Vlies- und Kompositmaterial sowie zur Herstellung von Folienfäden und Folien zum Einsatz. Laut Creon-Expertin Ogrel führt diese Vielfalt dazu, dass selbst in Krisenzeiten die PP-Nachfrage stabil ist. "Sinkt der Bedarf in einem Segment, so wird der Rückgang durch andere Produktgruppen kompensiert." Wachstumspotenzial sieht die Marktanalystin besonders bei Verbundmaterialien.

Dank zahlreicher Investitionsprojekte sind Russlands PP-Kapazitäten seit 2010 um 120 Prozent gestiegen, während der Inlandsbedarf um 64 Prozent wuchs. Trotz der neuen Produktionsanlagen arbeiten die Betriebe am Limit.

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Russlands Entwicklungsstrategie für die Chemieindustrie geht davon aus, dass sich der Kunststoffbedarf bis 2030 verdreifacht. Jeder Russe soll dann rund 90 Kilogramm Plastikprodukte im Jahr verbrauchen. Deshalb soll die Inlandsproduktion erheblich ausgebaut werden.

Derzeit werden laut Creon fünf große PP-Vorhaben realisiert. Ihre Umsetzung würde die Kapazitäten im Land auf 3,84 Millionen Tonnen nahezu verdreifachen. Die PE-Projekte könnten den Ausstoß sogar verfünffachen - auf 10 Millionen Tonnen pro Jahr.

In Tobolsk entsteht eine der weltweit größten Polymeranlagen

Besonders das Projekt SabSibNeftechim in Tobolsk des führenden Chemiekonzerns Sibur wird die Kräfteverhältnisse am Markt verändern. Das Vorhaben kostet fast 9 Milliarden Euro und soll eine Jahresproduktion von 1,5 Millionen Tonnen PE und 500.000 Tonnen PP erreichen. Es wäre damit eine der größten Polymeranlagen der Welt.

Ein weiteres gigantisches Vorhaben plant Gazprom am Ostseehafen Ust-Luga. Dort soll ein Gasverflüssigungswerk entstehen, in dem auch riesige Mengen Polyethylen produziert werden können. Zu den ursprünglichen Projektpartnern gehörte Shell. Inzwischen setzt Gazprom hauptsächlich auf die einheimische RusGasDobytscha.

Ein Problem für die Modernisierung der Kunststoffindustrie ist das Fehlen einheimischer Anlagenbauer. "Denn die Rubelabwertung hat die Importe von entsprechenden Produktionsausrüstungen erheblich verteuert", sagt Creon-Expertin Lola Ogrel. Dennoch wird Russland bei der Umsetzung der anstehenden Großprojekte nicht an westlichen Anlagenlieferanten vorbeikommen. Auch für kleinere Zulieferer ergeben sich interessante Geschäftsmöglichkeiten.

Ausgewählte Investitionsprojekte der PE- und PP-Produktion in Russland
Projekt / Region Investition (Mrd. Euro) Projektstand Kapazität *) / Projektbetreiber
Wostoschnyi Neftechimitscheski Komplex (Östlicher Petrochemischer Komplex), Hafen Nachodka / Primorski krai 17,3 (1. und 2. Stufe) Finanzplan wird aktualisiert; geplante Fertigstellung der Raffinerie: 2020; Chemiewerk bis 2022 850.000 t PE, 750.000 t PP / Wostotschnaja Neftechimitscheskaja Kompanija (Tochterfirma von Rosneft, http://www.rosneft.ru)
Gasverflüssigungs- und verarbeitungswerk Baltijskij, Hafen Ust-Luga / Leningrader Gebiet 10,6 Machbarkeitsstudie, Vorbereitung eines Joint Ventures; Fertigstellung: 2022 bis 2023 Neben LNG-Produktion auch 1,5 Mio. t PE pro Jahr geplant / Gazprom SPG Sankt-Peterburg (http://www.gazprom.ru), RusGasDobytscha (http://rusgasdob.ru)
Ethylenkomplex im Werk Nischnekamskneftechim / Tatarstan 10,1 Baubeginn: Herbst 2019, Fertigstellung 2025 1. Produktionsstufe: 600.000 t Ethylen, 300.000 t PE, 180.000 t PP / TAIF-Holding (http://www.taif.ru)
Petrochemiekomplex Sapsibneftechim / Tobolsk, Gebiet Tjumen 8,8 Im Bau, Fertigstellung: ab 2020 1,5 Mio. t PE, 500.000 t PP / Sibur Holding (http://www.sibur.ru)
Bau des Amur Gaschemiekomplexes / Gebiet Amur 7,0 Noch keine Investitionsentscheidung, geplanter Baustart: 2020, Fertigstellung: 2024 1. Produktionsphase: 1,2 Mio. t PE, 2. Phase: 800.000 t PE / Sibur Holding
Gaschemiekomplex Budjonnowsk / Region Stawropol 1,5 Projektierung, Fertigstellung: 2023 geplant 255.000 t PE / Lukoil (http://www.lukoil.ru)
Polymerwerk Ust-Kut / Gebiet Irkutsk 1,5 Technische Konzeption des Projekts in Arbeit 650.000 t PE / Irkutskaja neftjanaja kompanija (http://www.irkutskoil.ru)
Gasverarbeitungswerk Minnibajewsk / Republik Baschkortostan 1,0 Teil des Entwicklungsprogramms von Tatneft bis 2030 247.000 t PP sowie weitere Chemieprodukte / Tatneft (http://www.tatneft.ru)

*) Abkürzungen: PE = Polyethylen, PP = Polypropylen

Quellen: Creon Group; Recherchen von Germany Trade & Invest

Kontaktadresse

Creon Group

Ansprechpartnerin: Lola Ogrel

(Head of Analytical Department)

Universitetski Prospekt 9

119296 Moskau / Russland

T +7 495 276 77 88

lola.ogrel@creonenergy.ru

http://www.creon-group.com

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland erhältlich.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Produktionsanlagen für Chemie, Petrochemie und Pharmazie, Öl, Gas, Petrochemie

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Edda Wolf

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