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17.10.2019

Russland gibt Gas beim Bau von LNG-Kapazitäten

Neue Verflüssigungswerke kurbeln die Exporte an / Von Gerit Schulze

Moskau (GTAI) - Russland macht Tempo beim Ausbau seiner Flüssiggas-Kapazitäten. Bis 2024 sollen sich die LNG-Exporte verdreifachen. Deutsche Hersteller von Ausrüstungen sind dabei gut im Geschäft.

Die Wachstumsraten der russischen Flüssiggas(LNG)-Branche sind beeindruckend. Rund 5,3 Milliarden US-Dollar (US$) hat das Land 2018 laut Zentralbank mit LNG-Exporten erlöst. Die Ausfuhrmenge stieg nach Angaben des Wirtschaftsministeriums um 50 Prozent auf 16,4 Millionen Tonnen. Bis 2024 sollen die Exporte auf 48 Millionen Tonnen zulegen.

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Aktivster Investor im russischen Flüssiggasgeschäft ist Novatek. Ab 2025 will der Konzern rund 37,5 Millionen Tonnen LNG produzieren. Bis 2030 soll die Menge auf 57 Millionen Tonnen steigen. Am Ostufer des Obbusens plant das Unternehmen drei große Werke, wobei das Projekt Arctic LNG-2 am weitesten fortgeschritten ist.

Zur Produktion der nötigen Stahlbetonelemente baut Novatek in Belokamenka bei Murmansk zurzeit ein "Zentrum für großtonnagige Meeresanlagen" (ZSKMS). Die Produktionsausrüstungen für die Betonwerke hat Liebherr geliefert.

Für Gazprom bedeutet die massive Expansion von Novatek Absatzeinbußen beim Verkauf von Pipelinegas. Deshalb will Gazprom nun ebenfalls eine weitere Verflüssigungsanlage bauen. Sie soll im Ostseehafen Ust-Luga entstehen, wo eine Gaspipeline endet. Das LNG-Projekt ist Teil einer riesigen Gaschemieanlage, in der auch Ethan und andere Flüssiggassorten produziert werden sollen. Als Partner für das Vorhaben war ursprünglich Shell im Gespräch, im Frühjahr 2019 hat sich Gazprom aber für die einheimische RusGasDobytscha entschieden.

Projekte zum Ausbau der LNG-Kapazitäten in Russland
Projekt (Standort) Geplante Kapazität in Mio. t / Jahr Investitionssumme in Mrd. US$ Projektstand Beteiligte Unternehmen
Arctic LNG-2 (Gydan-Halbinsel, Ostufer des Obbusens) 19,8 21,3 Erste Linie 2023, volle Leistung 2026 Novatek, Total (Frankreich), CNPC und CNOOC (beide China), Konsortium Mitsui/Jogmec (Japan)
Arctic LNG-1 (Gydan-Halbinsel) 19,8 k.A. Entscheidung über Bau wird nicht vor 2021 erwartet Novatek
Arctic LNG-3 (Gydan-Halbinsel) 19,8 k.A. Entscheidung erst nach Realisierung von Arctic LNG-1 und LNG-2 Novatek
Yamal LNG (Sabetta, Jamal-Halbinsel) 17,5 (derzeit 16,5) 27,0 (Gesamtprojekt) Vierte Linie soll im 1. Quartal 2020 starten (Kapazität: 1 Mio. jato) Novatek, Total, CNPC, Silk Road Fund
Sachalin-2 (Prigorodnoje, Südsachalin) 16,8 (derzeit 11,4 *)) 6,1 Dritte Linie soll 2026 starten, Baugenehmigung steht noch aus Gazprom, Shell (Niederlande), Mitsui und Mitsubishi (Japan)
Baltic LNG (Ust-Luga, Leningrader Gebiet) 13 10,9 Erste Linie ab 2023, zweite Linie bis Ende 2024 Gazprom, RusGasDobytscha
Far East LNG (De-Kastri, Region Chabarowsk) 6,2 9,8 2025 Betriebsstart Rosneft, ExxonMobil (USA), Sodeco (Japan), ONGC (Indien)
Obsky LNG (Sabetta, Jamal-Halbinsel) 4,8 5,0 Erste Linie ab Ende 2022, volle Leistung Mitte 2023, Investitionsentscheidung bis Mitte 2020 Novatek
Vladivostok LNG (Primorski, Gebiet Wladiwostok) 1,5 2,0 Baubeginn 2020 geplant Gazprom
Cryogas-Vysotsk LNG (Leningrader Gebiet) 1,1 (aktuell 0,6) 0,9 (Gesamtprojekt) Ausbau bis Ende 2020 Novatek, Gazprombank

*) tatsächlicher Produktionswert 2018; die ursprüngliche Kapazität war mit 9,6 Millionen Jahrestonnen (jato) angesetzt

Quellen: Pressemeldungen, Recherchen von Germany Trade & Invest

Westliches Know-how ist sehr gefragt

Für die Reservoirs zum Lagern von Flüssiggas hat Gazprom als Partner bereits Severstal sowie die japanischen Konzerne IHI Corporation und Mitsui ausgewählt. Severstal ist auch an einem Joint Venture mit der deutschen Linde AG in Sankt Petersburg beteiligt, das Wärmetauscher für die LNG-Produktion herstellt.

Diese Wärmetauscher kommen bei Arctic LNG-2 zum Einsatz. Überhaupt ist westliches Know-how bei dem Flüssiggasprojekt sehr beliebt. Der britische Ölfelddienstleister TechnipFMC übernimmt für Novatek die Detailplanung und Bauausführung (Engineering, Procurement, Construction / EPC). Der US-Anlagenbauer McDermott International soll über sein chinesisches Joint Venture QMW drei komplexe Module für die Verflüssigungsanlagen liefern. Siemens ist mit Kompressorentechnik im Geschäft, BASF mit Technologien für die Absorption saurer Gase.

Bei einem anderen Novatek-Projekt, Obsky LNG im Hafen Sabetta, soll erstmals nur russische Technologie zum Einsatz kommen. Für die Verflüssigung wird das von Novatek patentierte Verfahren "Arctic Cascade" angewandt.

US-Denkfabrik sieht Russland in den Top 3 der LNG-Exporteure

Eine Lizenz für den Export von Flüssiggas haben in Russland bislang nur Gazprom und Novatek sowie Rosneft für Förderstätten im arktischen Schelf. Rosneft hat Anfang September 2019 angekündigt, ein Flüssiggaswerk in De-Kastri bei Chabarowsk zu bauen. Daran beteiligt sind die Rosneft-Partner des Projekts Sachalin-1, darunter der US-Konzern ExxonMobil. Als Absatzmarkt haben die Initiatoren vor allem Japan im Blick. Aus einem anderen Flüssiggasprojekt, Pechora LNG, hat sich Rosneft zurückgezogen, sodass dessen Zukunft unklar ist.

Trotz der milliardenschweren Investitionen in neue Kapazitäten wird Russland nicht zum Weltmarktführer bei Flüssiggas. Das prognostiziert eine neue Studie der Washingtoner Denkfabrik CSIS. Demnach behält Katar auch in zehn Jahren mit 109 Millionen Tonnen die Spitzenposition. Die USA rücken dank des massiven Neubaus von Anlagen auf Platz zwei vor (101 Millionen Tonnen). Russland könnte mit rund 50 Millionen Tonnen zum drittgrößten LNG-Produzenten der Welt werden.

Das Energieministerium in Moskau ist aber optimistischer. Es rechnet bis 2025 mit einer Inlandsproduktion von 73 Millionen Tonnen. Bis 2035 könnte der Wert auf bis zu 140 Millionen Tonnen steigen.

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Mehr LNG-Bedarf im Inland

Die steigende LNG-Produktion soll nicht nur für den Export genutzt werden. Russland will den Treibstoff ebenso im Verkehr und zur Energieversorgung im Inland einsetzen. Die führende Reederei Sovcomflot unterhält bereits eine Flotte von sechs Tankern, die mit Flüssiggas angetrieben werden. Auch zur dezentralen Energieversorgung soll LNG zum Einsatz kommen. Kleinere Verflüssigungsanlagen planen Novatek und Gazprom unter anderem in Magnitogorsk und Tscheljabinsk, bei Kaliningrad und auf der Insel Sachalin.

Der Erfolg der arktischen LNG-Projekte hängt besonders vom Abtransport der Rohstoffe über die Nordostpassage ab. Bei seinem ersten Projekt Yamal LNG setzt Novatek Tanker aus südkoreanischer Produktion ein. Dafür hatte das Unternehmen bei der Werft DSME 15 Schiffe der Eisklasse Arc7 für 5,5 Milliarden US$ geordert.

Riesige Umschlagterminals auf den Halbinseln Kamtschatka und Kola

Um das Flüssiggas nicht auf Eistankern bis zum Endkunden zu bringen, plant Novatek zwei große Umschlagterminals östlich und westlich der Arktisroute. Die beiden Anlagen auf den Halbinseln Kamtschatka und Kola sollen eine Kapazität von jeweils rund 20 Millionen Tonnen pro Jahr haben. Dort soll das Flüssiggas von Tankern der Eisklasse 7 auf normale Tanker verladen werden. Das verringert die Transportkosten.

Auf Kamtschatka beginnt das 1,7 Milliarden US$ teure Bauvorhaben voraussichtlich 2020. Die französische Total plant eine Beteiligung von 10 Prozent an den beiden Umschlagterminals, berichtete die Tageszeitung Kommersant.

Eistanker sollen künftig in Russland gebaut werden

Für das Vorhaben Arctic LNG-2 hat sich Novatek Kapazitäten auf der neuen russischen Werft Swesda bei Wladiwostok gesichert. Beim Bau der 17 Schiffe will Swesda mit Samsung Heavy Industries kooperieren. Die Kiellegung des ersten Eistankers ist für 2021 geplant. In Dienst gestellt werden die über 300 Millionen US$ teuren Schiffe ab 2023.

Im März 2019 hat Premierminister Dmitri Medwedew ein Dekret unterzeichnet, das LNG-Schiffstransporte auf dem Nördlichen Seeweg unter ausländischer Flagge erlaubt. Damit reagiert die Regierung auf mögliche Verzögerungen beim Bau der russischen Tankerflotte.

Kontaktadressen

Bezeichnung Adresse Ansprechpartner
Novatek Ulitsa Udaltsova 2, 119415, Moskau, Russland; T +7 (495) 730 60 00; novatek@novatek.ru, http://www.novatek.ru Ewgeni Kot (Direktor für LNG-Projekte)
Gazprom Ulitsa Nametkina 16, 117997 Moskau, Russland; T +7 (495) 719 30 01; gazprom@gazprom.ru, https://www.gazprom.ru
RusGasDobytscha Ulitsa Nametkina 12A, 117420, Moskau, Russland; T +7 (495) 419 5454; info@rusgasdob.ru, http://www.rusgasdob.ru Konstantin Makhov (Generaldirektor)
Rosneft Sofiyskaya naberezhnaya 26/1, 117997, Moskau, Russland; T +7 (499) 517 88 99; postman@rosneft.ru, https://www.rosneft.ru
Gazprombank Ulitsa Nametkina 16/1, 117420, Moskau, Russland; T: +7 (495) 980 41 07; mailbox@gazprombank.ru, https://www.gazprombank.ru Aleksandr Uschkow (Abteilungsleiter Projekt- und Strukturfinanzierung)

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Öl, Gas

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Edda Wolf

GUS/Südosteuropa

‎+49 228 24 993 214

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