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11.07.2019

Russland treibt Modernisierung seines Stromnetzes voran

Staatlicher Generalplan soll Netzausbau sicherstellen / Von Hans-Jürgen Wittmann (Juni 2019)

Moskau (GTAI) - Die russische Regierung macht Dampf bei der Modernisierung der Stromwirtschaft. Dazu verabschiedete sie ein 11 Milliarden Euro schweres Programm zur Erneuerung der Stromnetze bis 2035.

Markttreiber und -hemmnisse
Treiber Hemmnisse
Staatliches Programm zur Erneuerung der Stromnetze Strompreise decken Investitionskosten nicht
Digitalisierung des Stromnetzes (Smart Grids) Regionale Unterschiede beim Netzausbau
Gemeinsamer Strommarkt der Eurasischen Wirtschaftsunion Politik der Importsubstitution

Quelle: Analyse von Germany Trade & Invest

Staatlicher Monopolist kontrolliert Stromübertragung

Russland muss in die Modernisierung seiner Stromleitungen investieren, denn der Bedarf an Elektrizität im größten Flächenland der Welt wächst konstant. Bis 2024 wird der Stromverbrauch jährlich um 1 Prozent zulegen, laut einer Prognose des Energieministeriums. Im Jahr 2018 betrug der Stromverbrauch 1.076 Terawattstunden, ein Plus von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Stromerzeugung legte im gleichen Zeitraum um 1,7 Prozent auf 1.092 Terawattstunden zu.

Die Kapazität zur Stromerzeugung beträgt landesweit 243 Gigawatt. Strom aus erneuerbaren Energien genießt zwar Vorrang bei der Netzeinspeisung, doch der Anteil an der Stromerzeugung beträgt gerade einmal 1 Prozent.

Die Stromerzeugung ist in Russland privatwirtschaftlich organisiert, wohingegen die Übertragung durch die föderale Stromnetz-Holding Rosseti faktisch in staatlicher Hand ist. Das Unternehmen nennt 2,4 Millionen Trassenkilometer und eine halbe Million Umspannwerke mit einer Kapazität von 781 Gigawatt sein eigen. Neben dem übermächtigen quasi-Monopolisten wirken regionale Netzbetreiber wie die Setewaja Kompania mit etwa 10.000 Trassenkilometern und 374 Umspannwerken wie Zwerge. Die Netzgesellschaften erhalten für die Durchleitung des Stroms Gebühren, die von Region zu Region variieren.

Den Verkauf von Strom auf dem Groß- und Einzelhandelsmarkt koordinieren der nicht-kommerzielle Verband "NP Sowjet Rynka" als Regulator des Strommarktes und das Unternehmen "Administrator des Handels von Strom im Großhandel" (ATS). Energieintensive Konzerne aus der Metallurgie wie Rusal, NLMK oder Severstal kaufen ihren Strom direkt auf dem Großhandelsmarkt (Strombörse). Die Russische Eisenbahn (RZD) möchte sich vom Stromversorger Rusenergosbyt unabhängig machen und künftig ihren Strom ebenfalls direkt beziehen.

Regierung treibt Ausbau der Stromnetze voran

Der Modernisierungsbedarf in der russischen Netzinfrastruktur ist gigantisch. Etwa die Hälfte der Hochspannungsnetze und 70 Prozent der regionalen Verteilernetze sind marode. Hinzu kommt, dass auch das russische Stromnetz immer stärker Hackerangriffen ausgesetzt ist. Die USA planten Cyber-Angriffe auf das Stromnetz, berichtete die New York Times im Juni 2019. Diese würden bereits seit 2012 praktiziert, doch in letzter Zeit würde deren Intensität verstärkt.

Die Regierung will in den kommenden Jahren das Stromnetz modernisieren und erweitern. Das Weiße Haus in Moskau genehmigte einen "Generalplan für neue Energieobjekte bis 2035" für die Stromwirtschaft (Verordnung der Regierung der Russischen Föderation Nr. 1209-r vom 9. Juni 2017, http://government.ru/docs/28131/). In der Basisvariante sollen für etwa 11 Milliarden Euro 19.700 Kilometer neue Stromleitungen und Umspannstationen mit 59.900 MW Transformatorleistung errichtet werden.

Das Energieministerium macht sich für die Konsolidierung der regionalen Stromnetze unter Führung von Rosseti stark. Dabei sollen auch die Netze im Fernöstlichen Föderalbezirk, die derzeit noch dem Erzeuger Rushydro unterstehen, bei Rosseti eingegliedert werden. Das Energieministerium erhofft sich davon, die Modernisierung der Netze vereinfachen und die Effizienz der Netze erhöhen zu können.

Rosseti fordert Einführung kostendeckender Strompreise

Rosseti hat zudem eine "digitale Transformation" der Stromnetze bis 2030 angekündigt. Um den hohen Finanzierungsbedarf von 18,3 Milliarden Euro decken zu können, schlägt der Quasi-Monopolist eine Erhöhung der Stromtarife in den kommenden drei Jahren um 400 Prozent vor. Künftig sollen Endkunden nicht nur für die Sanierung des Stromnetzes bezahlen, sondern auch für die Bereithaltung einer Netzreserve und die Digitalisierung des Stromnetzes.

Die Regierung hat über diesen Vorschlag noch nicht final entschieden. Doch das Energieministerium und der Föderale Antimonopoldienst (FAS, Kartellamt) haben dem Vorstoß bereits eine klare Absage erteilt. Das Energieministerium fürchtet Tariferhöhungswünsche in ähnlicher Größenordnung von anderen Versorgern. Der Antimonopoldienst rechnet als Ausweichreaktion mit einer massenhaften Eigenerzeugung von Strom, sollte die Regierung dem Vorhaben zustimmen.

Die Tariferhöhung würde bei industriellen Abnehmern alleine für die Vorhaltung der Netzreserve zu Mehrbelastungen von bis zu 2 Milliarden Euro pro Jahr führen. Die höheren Kosten könnten Großabnehmer dazu verleiten, ihren Strom künftig direkt von den Erzeugern zu beziehen oder selbst zu erzeugen. Diese Möglichkeit haben private Endkunden jedoch nicht. Für die Verbraucher ist diese Initiative von Rosseti nur schwer nachvollziehbar, besonders vor dem Hintergrund, dass der Konzern im 1. Quartal 2019 Dividenden von beinahe 70 Millionen Euro ausgeschüttet hat. Im Gesamtjahr 2018 stieg der Konzerngewinn auf einen Rekordwert von 1,7 Milliarden Euro.

Bereits zuvor hatte die Regierung Rosseti begünstigt und eine Neuregelung der Kosten für die letzte Meile beschlossen. Großabnehmer müssen dabei die Stromübertragung für kleinere Firmen subventionieren. Dazu wurde der Föderalen Netzgesellschaft (FSK, gehört zu Rosseti) eine Erhöhung der Tarife um 50 Prozent in den kommenden sieben Jahren zugesagt.

Ferner schlägt das Energieministerium vor, die Ausgaben von Rosseti für den Ausbau der Netzinfrastruktur in die Gebühr für den technischen Anschluss ans Stromnetz von Verbrauchern, die eine Leistung von mehr als 150 kW benötigen, einzubeziehen. Wenn die Bedürfnisse des Investitionsprogramms bei der Zahlung für den Stromanschluss berücksichtigt würden, könnten die Ausgaben für Unternehmen um das Dreifache steigen.

Eurasische Wirtschaftsunion schafft gemeinsamen Strommarkt

Die Eurasische Wirtschaftsunion (EAWU) hat die Schaffung eines einheitlichen Strommarkts beschlossen. Damit kann Strom frei zwischen den Mitgliedsstaaten gehandelt werden. Der gemeinsame Markt hätte eigentlich bereits zum 1. Juli 2019 in Kraft treten sollen. Doch noch haben nicht alle Mitgliedstaaten die Voraussetzungen erfüllt. So müssen Stromerzeuger und Netzbetreiber in getrennter Hand sein, was in Russland zwar schon der Fall ist, in Belarus jedoch noch nicht. Zudem fordern russische Stromkonzerne, den Markt erst schrittweise zu öffnen, um sich vor Billigstrom aus den Mitgliedstaaten zu schützen. Wann der einheitliche Markt offiziell starten wird, ist derzeit noch nicht bekannt.

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Germany Trade & Invest http://www.gtai.de/russland Außenhandelsinformationen für die deutsche Exportwirtschaft, auch Hinweise zu Ausschreibungen
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Factsheets der Exportinitiative Energie https://www.german-energy-solutions.de/SiteGlobals/GES/Forms/Listen/Publikation/Publikation_Formular.html?cl2Categories_Typ_name=kurzinformationen Allgemeine Energieinformationen zum Land (teilweise mit Technologie- oder Anwendungsfokus)
AHK Russland https://russland.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Ministerium für Industrie und Handel(Minpromtorg) http://www.minpromtorg.gov.ru Zuständig für Industriepolitik, Lokalisierung und Einfuhrgenehmigungen
Ministerium für Energie (Minenergo) https://minenergo.gov.ru Zuständig für den Energie- und Rohstoffsektor
Verband NP Sowjet Rynka https://www.np-sr.ru/ru Regulator des Energiemarktes
Sistemni Operator Edinoj Energetitscheskoj Sistemi https://www.so-ups.ru Systembetreiber des Einheitlichen Energiesystems

Lesen Sie mehr im Artikel „Russische Stromkonzerne investieren in intelligente Netze“: http://www.gtai.de/MKT201907108008

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

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Russland Strom-, Energieerzeugung, allgemein, Stromübertragung und -verteilung, Digitalisierung

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