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19.07.2019

Russland und China bauen strategische Zusammenarbeit weiter aus

Chinesische Konzerne beteiligen sich an russischen Großprojekten / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Russland und China rücken enger zusammen - politisch, aber vor allem wirtschaftlich. Chinas "Belt and Road Initiative" ist eines der Schlüsselelemente der Kooperation beider Länder.

China ist Russlands wichtigster Handelspartner. Wie eng die Bande zwischen den beiden eurasischen Großmächten mittlerweile ist, belegen folgende Zahlen eindrucksvoll: Der bilaterale Handel hat 2018 erstmals die Marke von 100 Milliarden US-Dollar (US$) durchbrochen. Wirtschaftsminister Maksim Oreschkin rechnet mittelfristig mit einer Verdopplung des Handelsvolumens. Die Präsenz Chinas auf dem russischen Markt ist mit 5.000 Firmen inzwischen stärker als die Deutschlands mit etwa 4.600 Unternehmen. Die chinesische Delegation auf dem Sankt Petersburger Wirtschaftsforum (SPIEF) umfasste 2019 erstmals mehr als 1.000 Teilnehmer.

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Transportkorridore zu Land und auf dem Wasser geplant

Im Rahmen der milliardenschweren "Belt and Road Initiative" (BRI) der chinesischen Regierung wollen die beiden Länder ihre wirtschaftliche Zusammenarbeit weiter ausbauen. Doch damit die neue Seidenstraße Realität werden kann, müssen zunächst neue Transportkorridore entwickelt werden. China möchte den Nördlichen Seeweg mit der maritimen Seidenstraße verbinden. Die Strecke entlang der russischen Nordmeerküste verkürzt den Lieferweg von Asien nach Europa um 40 Prozent im Vergleich zur Route durch den Suezkanal.

Zudem kann die Nordostpassage, die ab 2040 ganzjährig eisfrei sein könnte, von Schiffen mit größerem Tiefgang befahren werden. Präsident Wladimir Putin hat in seinen Mai-Dekreten das Ziel vorgegeben, den Güterverkehr auf dieser Route bis 2024 auf 80 Millionen Tonnen zu vervierfachen. Zudem zeigte sich das Staatsoberhaupt offen für eine Anbindung der Nordostpassage an die maritime Seidenstraße.

Auf dem Landweg ist der Bau der Mautautobahn Meridian und des Transportkorridors Europa-Westchina geplant. Letzterer soll die Hochgeschwindigkeitszugstrecke von Moskau nach Kasan, deren Realisierung zurzeit auf Eis liegt, ersetzen. Zudem werden neue Logistik-Hubs gebaut. In Belyi Rast im Gebiet Moskau errichten die Russische Eisenbahn (RZD) und die chinesische Liaoning Port Group bis 2022 für etwa 280 Millionen US$ ein Container-Terminal.

Ebenfalls im Gebiet Moskau, in Naro-Fominsk, wollen die Firmen Slawtrans-Service und Russia-China Agriculture Industry Development Fund für etwa 100 Millionen US$ den Agrohub Eurasia zum Transport landwirtschaftlicher Erzeugnissen und Lebensmittel nach China bauen.

Der wachsende Güterverkehr zwischen Europa und China bietet auch deutschen Unternehmen Geschäftschancen. Der Logistikdienstleister Hellmann und die Vereinigte Transportlogistikfirma der Eurasischen Eisenbahnallianz (UTLC ERA; https://www.utlc.com) arbeiten beim Warentransport zwischen China und Europa zusammen. Seit April 2019 liefern Hellmann und UTLC täglich Fahrzeuge aus Bremerhaven in die chinesische Metropole Chongqing. Die Firma Rhenus hat im Mai 2019 ein Logistikzentrum im Gebiet Woronesch eröffnet. Von dort werden künftig Agrarerzeugnisse auf der neuen Seidenstraße nach China und Europa transportiert.

China investiert in Filetstücke der russischen Wirtschaft

Chinesisches Geld fließt meist über staatliche Fonds oder Staatsholdings in russische Projekte. Derzeit werden 70 Vorhaben im Wert von 20 Milliarden US$ realisiert, berichtet die Russisch-chinesische Regierungskommission zur Zusammenarbeit bei Investitionen. Allerdings fließen chinesische Investitionen nur in bestimmte, strategisch wichtige Bereiche der russischen Wirtschaft, wie Energie, Transport, Infrastruktur, Luftfahrt oder Landwirtschaft.

Beispielsweise sind die China National Petroleum Corporation (CNPC) und der Seidenstraßenfonds am Gasverflüssigungswerk Jamal LNG von Novatek beteiligt. Im Juni 2019 haben CNPC und die China National Offshore Oil Corporation (CNOOC) zudem 20 Prozent der Anteile am Arctic 2-LNG-Werk von Novatek übernommen.

Sinopec unterzeichnete eine Absichtserklärung zur Gründung eines Joint Ventures mit Sibur zum Bau des 7,9 Milliarden US$ teuren Amur-Gaschemiekomplexes im Gebiet Amur. Rosneft und CNPC arbeiten gemeinsam an der Erkundung und Förderung von Rohstoffen. Dabei hat CNPC das Recht, einen Minderheitenanteil an den Lagerstätten von Rosneft in Sibirien zu erwerben.

Russlands größter Mobilfunkanbieter MTS und der chinesische Telekommunikationsausrüster Huawei haben den Aufbau von Mobilfunknetzen der 5. Generation (5G) in allen russischen Millionenstädten vereinbart. Der chinesische Autobauer Haval nahm Anfang Juni 2019 sein Werk zur Produktion von Fahrzeugen der Marke Great Wall in Tula in Betrieb. Der Bau eines Motorenwerks und einer zweiten Produktionslinie für etwa 350 Millionen US$ sind geplant.

Gemeinsame Projekte bei Forschung und Entwicklung

Darüber hinaus intensivieren Russland und China ihre Forschungszusammenarbeit. Gemeinsam planen sie die Gründung eines "Tals des Intellekts", das vom Verband der technischen Hochschulen Russlands und Chinas (ATURK, http://asrtu.ru) und Huawei realisiert werden soll. Dort sollen Wissenschaftler aus beiden Ländern gemeinsam forschen. Zudem investieren der Russische Fonds für Direktinvestitionen (RDIF) und die China Investment Corporation (CIC) 1 Milliarde US$ in die Schaffung eines russisch-chinesischen wissenschaftlich-technischen Innovationsfonds zur Erforschung von Künstlicher Intelligenz, neuer Materialien sowie Raumfahrttechnologien.

Konflikte mit den USA schweißen Russland und China noch enger zusammen

Angesichts der geopolitischen Verwerfungen der USA mit China (Zölle) und Russland (Sanktionen) wollen die beiden Länder künftig noch enger kooperieren. Um sich vor weiteren US-Sanktionen zu schützen, treiben Russland und China die Entdollarisierung ihrer Handelbeziehungen voran. Im Juni 2019 vereinbarten die Staatschefs Wladimir Putin und Xi Jinping, künftig verstärkt auf Basis der nationalen Währungen Rubel und Yuan zu fakturieren. Dazu soll ab 2020 ein Abrechnungssystem analog zu SWIFT zwischen der VTB-Bank und der Industrial and Commercial Bank of China eingerichtet werden. Auch das Clearing soll künftig auf Basis der nationalen Währungen erfolgen.

Ausgewählte russisch-chinesische Großprojekte
Projektbezeichnung Investitionssumme (Mrd. US$) und Geldgeber Umsetzungszeitraum und Projektstand Durchführer/Generalauftragnehmer mit Nationalität
Arktic LNG-2 / Gydan-Halbinsel, Autonomer Bezirk der Jamal-Nenzen 25,5 (je 10% Finanzierung durch CNPC, CNOOC, Mitsui, JOGMEC und Total) Geplante Fertigstellung: stufenweise 2023 bis 2026 Novatek; Ausrüster des LNG-Werks: Technip FMC (Russland)
Gasverarbeitungswerk Amur (Amurski GPZ) / Gebiet Amur 21,5 (Konsortium von Gazprombank, China Development Bank und ING) Im Bau; Inbetriebnahme der 1. Stufe: 2021, der 2. Stufe: 2025 Gazprom, NIPIGaz (Russland)
Erschließung des Pajacha-Erdölvorkommens / Region Krasnojarsk 20,6 Vorbereitungsarbeiten; Beginn der Bohrungen: 2024 Neftegasholding (Russland) und China National Chemical Engineering Company (CNCEC)
Bau des Großraumflugzeugs CRAIC CR929 20,0 Projektierung; Inbetriebnahme: 2023 China-Russia Commercial Aircraft International Company (CRAIC, Joint-Venture der russischen OAK und chinesischen COMAK)
Bau des russischen Teils des Transportkorridors Europa-West China 10,4 (davon 60% aus dem russischen Staatshaushalt) Projektierungsphase, geplanter Baubeginn: 2021; Teil des Infrastrukturplans bis 2024 Rosawtodor (Russland); potenziell: China Communication Construction Corporation, CECC, Shandong High-Speed Group
Russischer Teil der Mautstraße Meridian bis zu 9,5 (potenzielle Geldgeber: Vneschekonombank, UK Lider und Awtodor) Vorbereitungs- und Projektierungsarbeiten, finanziert durch RHK; Teil des Infrastrukturplans bis 2024 ZAO Russkaja holdingowaja kompanija (RHK, Russland)

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Wichtige chinesische Firmen in Russland(nach Sektoren)
Sektor Firmenname Aktivitäten
Erdöl- und Gasförderung, Chemie, LNG-Produktion CNPC, Bejing Enterprises Group, Fosun Group Beteiligung an russischen Unternehmen, u.a. Rosneft, Sibur
Telekommunikation Huawei Zusammenarbeit mit MTS zum Aufbau eines 5G-Netzes
Kfz, Kfz-Teile Lifan Motors, Great Wall Motors, Sinotruk, Chery, Geely, Dongfeng Motor, Changan Automobile Group, Foton Motor, FAW, Brilliance Auto, Triangle Produktion und Absatz von Kfz und Kfz-Teilen
Banken und Versicherung ICBC, China Construction Bank, Bank of China, Agricultural Bank of China, Sinosure, China Development Bank, Eximbank of China, Jiulongfu Außenhandelsfinanzierung , Investitionen, Kreditvergabe; Unterstützung chinesischer Firmen auf dem russischen Markt
Logistik, Infrastrukturbau Russisch-Chinesischer Investitionsfonds für regionale Entwicklung (IFRD; http://ifrd.ru) Investitionen in Initiativen "Belt and Road Initiative" und Wolga-Jangtse
Online-Handel Alibaba Grenzüberschreitender Online-Handel, Joint-Venture mit RFPI, Megafon, Mail.ru Group

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Unter http://www.gtai.de/seidenstrasse finden Sie zahlreiche weitere GTAI-Beiträge zum Thema neuen Seidenstraße.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland, China Wirtschaftsförderung, Industriepolitik, Verkehrsinfrastrukturbau, allgemein, Öl, Gas, Telekommunikations- u. Navigationstechnik (inkl. Mobilfunk), Logistik / Speditionen, Seidenstraße

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