Suche

27.06.2018

Russland will zum Nahrungsmittelexporteur aufsteigen

Milliardeninvestitionen in die Landwirtschaft sorgen für Wachstum / Von Hans-Jürgen Wittmann

Moskau (GTAI) - Die russische Landwirtschaft boomt. Staatliche Subventionen und die als Gegensanktionen verhängten Importbeschränkungen für Agrarprodukte und Nahrungsmittel aus der Europäischen Union beflügeln die Branche. Im Jahr 2017 fuhr Russland bei Weizen eine weitere Rekordernte ein. Auch die Fleischproduktion deckt inzwischen den heimischen Bedarf. Bei Rohmilch gibt es allerdings nach wie vor ein Defizit. Auf russischen Äckern kommen erste Smart-Farming-Lösungen zum Einsatz.

Die Landwirtschaft hat sich binnen weniger Jahre vom Sorgenkind zu einem Wachstumsmotor der russischen Wirtschaft entwickelt. Und das, obwohl sie nur 4,4 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beisteuert. Die Produktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse stieg 2017 im Wert um 2,4 Prozent auf 85,7 Milliarden Euro und nahm von Januar bis Mai 2018 um weitere 2,5 Prozent zu. Dabei stellte Russland neue Ernterekorde auf. Bei Getreide wurde 2017 mit 134,1 Millionen Tonnen - davon Weizen mit 85,8 Millionen Tonnen - eine historische Bestmarke übertroffen.

Fakten Russland
2017
Einwohner (in Mio.) Ist 2017: 146,8 Prognose 2035: 145,9
Ackerfläche (2016, in Mio. Hektar) 80,0
Anteil der Landwirtschaft an der Entstehung des BIP (in Prozent) 4,4
Export von Agrargütern (in Mrd. US-Dollar) 20,1

Quellen: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Ministerium für Landwirtschaft, Vereinte Nationen (UN)

Export von Agrarerzeugnissen steigt um mehr ein Fünftel

Auch die Ausfuhr von Nahrungsmitteln und landwirtschaftlichen Produkten entwickelt sich positiv und legte 2017 um 21,3 Prozent auf 18,3 Milliarden Euro zu. Russland erlöste damit ein Drittel mehr Geld als mit dem Export von Waffen (etwa 13,8 Milliarden Euro), sagte Präsident Putin in seiner Rede zur Lage der Nation. Etwa 30 Millionen Tonnen Getreide gingen ins Ausland, was Russland auf Platz 2 der weltweiten Getreideexporteure katapultierte. Für 2018 hofft das Landwirtschaftsministerium, die Marke von 50 Millionen Tonnen zu knacken.

Russland könnte in Zukunft zu einer Agrar-Supermacht aufsteigen und die Welt mit "grünem Gold" ernähren. Präsident Wladimir Putin fordert, dass sich Russland in den kommenden vier Jahren zum Nettoexporteur von Agrarerzeugnisse entwickeln soll. Das Landwirtschaftsministerium rechnet damit, dieses Ziel bereits 2020 zu erreichen. Bis 2025 soll sich der Exportwert von landwirtschaftlichen Produkten und Nahrungsmitteln auf 35 Milliarden Euro verdoppeln.

Der Staat fördert den Agrarsektor massiv. Für 2018 stehen etwa 3,5 Milliarden Euro zur Verfügung. Das entspricht in etwa dem Vorjahreswert. Das Gros der landwirtschaftlichen Produktion stammt aus kleinen und mittelgroßen Betrieben. Diese will das Wirtschaftsministerium gezielt unterstützen, um einer weiteren Konzentration hin zu großen Agrarholdings entgegenzuwirken.

Russland bei Milchprodukten weiter von Importen abhängig

Trotz steigender Ausfuhren bleibt das größte Flächenland der Erde weiter von Importen landwirtschaftlicher Produkte und Nahrungsmittel abhängig. Im Jahr 2017 passierten Güter im Wert von 25,4 Milliarden Euro die Grenze. Am höchsten ist der Bedarf bei Butter und Käse. Auch die Einfuhren aus der EU stiegen 2017 wieder um 16 Prozent, und das trotz der Einfuhrbeschränkungen für Produkte tierischen Ursprungs.

Bleiben die Importrestriktionen für Lebensmittel bestehen, wird die landwirtschaftliche Produktion in Russland weiter steigen. Die Importsubstitution schottet dabei den heimischen Markt vor unliebsamer Konkurrenz ab.

Wachstumspotenzial längst nicht ausgeschöpft

Investoren nutzen die Gunst der Stunde und stecken Geld vor allem in den Bau von Gewächshäusern und Viehzuchtbetrieben. Um die Wertschöpfung zu erhöhen, investieren landwirtschaftliche Betriebe zudem verstärkt in Kapazitäten zur Weiterverarbeitung ihrer Produkte.

Investitionen vor allem in die marode Infrastruktur werden dringend benötig. Aufgrund fehlender Lagerkapazitäten kann Getreide meist nur zur Haupterntezeit exportiert werden, wenn die Preise niedrig sind. Ein Transport zur Weiterverarbeitung ist oftmals nicht möglich oder unrentabel. Die potenziellen Ertragsflächen nehmen durch dauerhaften Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden, die Bodenerosion sowie Überbeanspruchung der Äcker ab.

Russland wird Selbstversorger bei Fleisch

Den Fleischbedarf kann Russland mittlerweile aus eigener Fertigung decken. Die Produktion von Fleisch stieg 2017 auf 14,6 Millionen Tonnen, ein Plus von 7,7 Prozent im Vergleich zu 2016. Schweinefleisch legte um 7,4 Prozent und Geflügel um 7,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. Auch bei Rindfleisch ist ein leichter Zuwachs um 1,3 Prozent zu verzeichnen.

Der größte russische Fleischproduzent Miratorg will etwa 135 Millionen Euro in den Bau einer Rinderfarm im Gebiet Tula investieren. In Kaliningrad errichtet Miratorg zwei neue Höfe zur Zucht von Angusrindern. Der deutsche Konzern Tönnies eröffnete im Februar 2018 im Gebiet Woronesch zwei neue Schlachtanlagen. Bis 2022 sollen vor Ort zehn weitere Betriebe errichtet werden. Die norwegische Firma Russia Baltic Pork Invest (RBPI, gehört zur thailändischen Charoen Pokphand CP Group) investiert bis 2023 etwa 100 Millionen Euro in den Bau von zwei Schweinezuchtbetrieben mit je 180.000 Tieren im Gebiet Nischni Nowgorod.

Bau von Gewächshäusern wird gefördert

Der Gemüseanbau in Gewächshäusern ist ein Schwerpunkt der russischen Agrarpolitik Ziel ist es, die Abhängigkeit von Importen zu verringern. Dennoch legte 2017 die Einfuhr von Tomaten um 11 Prozent zu. Um die Nachfrage zu bedienen, hob Russland zum 1. November 2017 das Importverbot für türkische Tomaten wieder auf und erlaubt die Einfuhr von bis zu 50.000 Tonnen pro Jahr. Bei Kartoffeln sank die Ernte um 4,9 Prozent auf 29,6 Millionen Tonnen, da die Aussaat in die Schlechtwetterperiode fiel.

Auch im Gemüseanbau stehen Investitionen an. Miratorg diversifiziert sein Geschäftsmodell und investiert im Gebiet Tula 85 Millionen Euro in den Anbau, die Lagerung und Verarbeitung von Gemüse. Das Unternehmen Ekoresurs errichtet bis 2019 für 55 Millionen Euro einen Gewächshauskomplex im Gebiet Smolensk. Belaja Datscha steckt bis 2019 etwa 35 Millionen Euro in Gewächshäuser in der Region Stawropol. Die Firma Woroneschskij Schampionow baut bis Ende 2018 in der Region Krasnodar eine Anlage zur Aufzucht von Champignons für etwa 30 Millionen Euro.

Smart Farming-Lösungen im Kommen

Die russische Regierung will 2019 das Programm "Digitalisierung der Landwirtschaft" starten. Mit Hilfe eines drohnen- und satellitengestützten Informationssystems sollen Anbau und Ernte auf landwirtschaftlichen Flächen erfasst und kontrolliert werden. Das System ermöglicht die Analyse der Böden sowie des Pflanzenwuchses und soll so den Einsatz von Treibstoff, Düngemitteln und Pestiziden verringern.

Der Landtechnikhersteller Rostselmasch und Cognitive Technologies (führender russischer Entwickler von Software für unbemannte Fahrzeuge) haben gemeinsam den Prototypen eines autonom fahrenden Mähdreschers entwickelt. Ab 2023 sollen erste Exemplare in Serie gehen. Das Wladimir Traktorenwerk (VTZ) und das Designbüro KB Aurora aus Rjasan führen seit Herbst 2016 Feldtests mit dem autonom fahrenden Traktor "Agrobot" durch. Dieser besteht aus einem von VTZ produzierten Traktor (ohne Fahrerkabine) und einem automatisierten Steuerungssystem von KB Aurora.

Projekte landwirtschaftlicher Betriebe in Russland
Investitionsprojekt Investitionen (in Mio. Euro) Projektverantwortlicher Projektstand
Schweinezucht- und Fleischverarbeitungskomplex / Gebiet Kursk 984 Miratorg, http://www.miratorg.ru Im Bau. Fertigstellung: 2021
Drei Schweinemastbetriebe / Region Primorje 424 Rusagro, http://www.rusagrogroup.ru Im Bau. Fertigstellung: 2018
Schweinemastbetrieb und Anlage zur Herstellung von Mischfutter / Gebiet Orjol 343 Miratorg, http://www.miratorg.ru Geplante Fertigstellung: 2022
Milchfarm / Region Primorje 270 Zhong Ding Dairy Farming (VR China) Im Bau
Drei Viehzuchtkomplexen und eine Molkerei / Region Primorje (TOR Michajlowskij) 220 TH True Milk Group, http://www.thmilk.vn Im Bau. Fertigstellung: 2023
Putenzuchtkomplex in / Region Primorje 165 Rusagro, http://www.rusagrogroup.ru Absichtserklärung unterzeichnet
Gewächshauskomplex zum Gemüseanbau im Gebiet Rjasan 127 OOO A Agro Rjasan Kooperationsabkommen unterzeichnet

Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest

Weitere Artikel zur Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie in Bulgarien, Rumänien, Russland, der Türkei und der Ukraine finden Sie unter: http://www.gtai.de/ernaehrung-gus-soe

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, allgemein, Pflanzenproduktion, Tierproduktion

Funktionen

Kontakt

Edda Wolf

GUS/Südosteuropa

‎+49 228 24 993 214

Suche / Mann mit Lupe | © GettyImages/BernardaSv

Suche

Recherchieren Sie aktuelle Marktanalysen, Wirtschaftsdaten, Zoll- und Rechtsinformationen, Projekte und Ausschreibungen aus über 120 Ländern.

Zur Suche