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28.12.2018

Russlands Maschinenbauer auf Modernisierungskurs

Konkurrenz durch lokale Anbieter wächst / Von Gerit Schulze

Moskau (GTAI) - Russland ist ein wichtiger Markt für den Maschinenbau. Doch die Rahmenbedingungen haben sich verschärft: Lokale Hersteller werden subventioniert und bei öffentlichen Aufträgen bevorzugt.

Russland gehört zu den zehn wichtigsten Exportzielen deutscher Ausrüstungshersteller. Nachdem die Lieferungen vier Jahre in Folge gesunken waren, geht es seit 2017 wieder bergauf. Besonders gefragt sind Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen, Antriebstechnik sowie Bau- und Baustoffmaschinen. Geschrumpft war dagegen im Jahresverlauf 2018 die Nachfrage nach ausländischen Landmaschinen, Förder- und Verfahrenstechnik.

Zu den Hürden am russischen Markt gehören der schwache Rubel, der Einfuhren verteuert, die schwierige Kapitalbeschaffung der russischen Abnehmer und die niedrigen Wachstumsraten der Gesamtwirtschaft. Die Unternehmen suchen für ihre Investitionsprojekte daher verstärkt preisgünstige Anbieter.

China ist größter Lieferant

Längst ist China der führende Maschinenlieferant für Russland. Mit 9,3 Milliarden US-Dollar (US$) im Jahr 2017 entfällt ein Viertel des Importvolumens bei den wichtigsten Positionen SITC 71 bis 74 auf das Reich der Mitte. Deutschland liegt auf dem zweiten Platz, verlor aber 2017 Marktanteile, weil die Wachstumsraten deutlich hinter denen des Gesamtmarktes zurückblieben. Stark zulegen konnten hingegen Maschinenhersteller aus Südkorea, Italien und Japan.

Russlands Maschinenimporte nach Ländern (in Millionen US-Dollar) *)
Land 2016 2017 Veränderung 2017/16 (in %)
China 8.197 9.305 13,5
Deutschland 5.271 5.533 5,0
Italien 2.447 3.223 31,7
USA 1.948 2.227 14,3
Japan 1.124 1.440 28,1
Südkorea 1.005 1.398 39,1
Frankreich 1.194 1.117 -6,4
Belarus 824 1.000 21,4
Vereinigtes Königreich 699 800 14,4
Tschechien 702 787 12,1
Sonstige 8.090 12.430 53,6
Insgesamt 31.501 39.260 24,6

*) Summe der SITC-Positionen 71 bis 74

Quelle: UN Comtrade

Die Marktbedingungen für deutsche Maschinenbauprodukte erschweren sich, denn die russische Regierung fördert zunehmend die eigene Industrie und will Importe durch lokale Produkte ersetzen. Ein Hebel dafür sind die Beschaffungen staatlicher Industrieholdings wie dem Flugzeugbaukonzern OAK oder der Schiffbauholding OSK, die prioritär einheimische Ausrüstung einkaufen müssen.

Die Subventionspolitik für den Maschinenbau zielt besonders auf Werkzeugmaschinen, Landtechnik, Nahrungsmittelmaschinen und Baumaschinen. Agrarbetriebe erhalten zum Beispiel günstige Kredite, wenn sie russische Mähdrescher oder Sämaschinen kaufen. Bei Baumaschinen wurde eine Entsorgungsgebühr eingeführt, die zwar in- und ausländische Anbieter gleichermaßen betrifft, den einheimischen Produzenten aber vom Staat erstattet wird. Lokale Hersteller von Lebensmittelmaschinen bekommen Staatsbeihilfen, wenn sie ihren Kunden Rabatte auf den Kaufpreis gewähren.

Werkzeugmaschinen im Fokus

Als Schlüsselbranche für den künftigen Erfolg des russischen Maschinenbaus hat das Industrieministerium den Werkzeugmaschinenbau auserkoren und dafür eine Entwicklungsstrategie bis zum Jahr 2030 erstellt. Laut dem Dokument beträgt die Importabhängigkeit - gemessen am Wert der verkauften Maschinen - aktuell über 90 Prozent, bei den Stückzahlen knapp 70 Prozent.

Bis 2030 könnte sich der Absatz von Werkzeugmaschinen in Russland gegenüber heute um zwei Drittel erhöhen - auf umgerechnet 1,8 Milliarden Euro. Der Marktanteil der rund 80 einheimischen Hersteller soll bis dahin auf 50 Prozent steigen. Zur Erreichung dieser Vorgaben sind verschiedene Maßnahme geplant: direkte Subventionen für Forschungsaktivitäten, ein engerer Austausch zwischen Forschungsinstituten und Industrieanwendern, die Bildung von Branchenclustern sowie ein Ausschluss von Importwaren bei Staatsaufträgen. Zudem rückt die digitale Vernetzung der Produktionsanlagen durch Industrie 4.0-Lösungen in den Fokus.

Explizit gewünscht sind Kooperationen mit ausländischen Technologieführern und ausländische Direktinvestitionen. Einige deutsche Maschinenbauer haben bereits auf den Druck zur Lokalisierung reagiert und eigene Produktionsstätten errichtet oder planen, bestehende Fertigungskapazitäten zu erweitern. Das verbessert die Chancen, bei Staatsaufträgen zum Zuge zu kommen.

DMG Mori erhöht den Lokalisierungsgrad am Standort Uljanowsk bis 2020 auf 70 Prozent. Die Maschinenfabrik Berthold Hermle baut in der Wolgastadt ein Design- und Technologiezentrum. SEW-Eurodrive errichtet in Sankt Petersburg ein Werk für Antriebs- und Automatisierungstechnik. Pumpenhersteller Wilo baut eine Fertigungslinie in Noginsk bei Moskau auf. Siemens erweitert im Gebiet Leningrad seine Fabrik für Gasturbinen.

Mehr lokale Pharmaproduktion

Grundsätzlich bietet Russland trotz der Abschottungstendenzen gute Geschäftsmöglichkeiten. Dafür sorgt das selbstgesteckte Ziel, die eigene Industrie wettbewerbsfähiger zu machen sowie Effizienz, Arbeitsproduktivität und das Exportvolumen zu steigern. In der Metallurgie, Petrochemie, Zementherstellung und im Bergbau beginnt 2019 die schrittweise Einführung der "Besten verfügbaren Techniken" (BVT), um den Schadstoffausstoß zu reduzieren.

Die Produktionsanlagen müssen auf den aktuellen Stand der Technik gebracht werden und bekommen erst dann eine neue Betriebserlaubnis. Dabei berät die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) die russische Regierung und einige Pilotunternehmen.

In der Pharmaindustrie laufen zahlreiche Investitionsvorhaben zum Aufbau von Produktionsanlagen. Die Strategie "Pharma 2030" zielt auf mehr Wertschöpfung in der Branche; künftig sollen auch Wirkstoffe in Russland hergestellt werden. Ähnliche Entwicklungspläne hat Moskau für die Holzverarbeitungsindustrie und den Transportmaschinenbau erstellt.

Außerdem sorgt die Fahrzeugindustrie für Bedarf an Produktionsausrüstungen. Autobauer wie BMW, Mercedes-Benz, Volkswagen, Hyundai und AwtoWas (gemeinsam mit Renault, Nissan und Mitsubishi) realisieren neue Investitionsprojekte. Staatliche Infrastrukturvorhaben treiben den Bedarf an Baumaschinen an.

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht, Zoll und Ausschreibungen in Russland sind unter http://www.gtai.de/russland abrufbar.

Dieser Artikel ist relevant für:

Russland Maschinen- und Anlagenbau, allgemein

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