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31.05.2018

Schweden: Der Brexit verheißt wenig Gutes

Vereinigtes Königreich ist für Schweden ein wichtiger Wirtschaftspartner / Von Heiko Steinacher

Bonn (GTAI) - Das Ergebnis des Brexit-Referendums verdarb den Schweden gehörig die Laune. Die überregionale Tageszeitung Dagens Nyheter sah darin einen "Mittsommernachtsalbtraum" für die Regierung in Stockholm. Svenska Dagbladet verglich sie mit einem Erdbeben der Stärke neun auf der Richterskala. Das Vereinigte Königreich war einer der stärksten Verbündeten für Schweden in der Europäischen Union. Experten erwarten mehrheitlich negative Folgen für die schwedische Wirtschaft. (Kontaktadressen)

Die Entscheidung der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union (EU) dürfte auch für Schweden negative Auswirkungen haben. Die meisten Unternehmen haben sich enttäuscht über den Ausgang des Brexit-Referendums geäußert und viele Ökonomen rechnen infolgedessen mit einem langsameren Anstieg des schwedischen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Da Schweden aber auch mit zahlreichen anderen Ländern Handel treibt, gehen sie davon aus, dass die Folgen für die schwedische Wirtschaft und den Arbeitsmarkt insgesamt überschaubar bleiben.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen Schweden und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2017
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP 1,5
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP 1,5
Anteil Warenexport in das VK am BIP 1,8
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP 1,3
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in Schweden (2016) 12,1

Quelle: Statistikamt SCB

Vereinigtes Königreich ist wichtiger Wirtschaftspartner für Schweden

Das Vereinigte Königreich ist Schwedens sechstwichtigstes Lieferland hinter Deutschland, den Niederlanden, Norwegen, Dänemark und China. Schweden bezog 2017aus dem Vereinigten Königreich Waren über fast 7 Milliarden Euro.

Bei der Ausfuhr des nordischen Landes wird die Abhängigkeit von den Briten genauso deutlich: Das Exportvolumen ins Vereinigte Königreich ist mit 8,4 Milliarden Euro sogar noch größer, wobei die Insel in der schwedischen Ausfuhrstatistik ebenfalls auf Rang sechs landet, hinter Norwegen, Deutschland, den USA, Finnland und Dänemark.

Schwedischer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus?(Mrd. Euro) 7,0 25,5
Rang in der Importstatistik 6. 1.
Exporte nach? (Mrd. Euro) 8,4 14,8
Rang in der Exportstatistik 6. 1.
Handelsvolumen mit Schweden (Mrd. Euro) 15,4 40,3
Rang als Handelspartner 6. 1.

Quelle: Eurostat

Im Neugeschäft Umorientierung auf deutsche Anbieter denkbar

Von den möglichen Rückgängen schwedischer Importe aus dem Vereinigten Königreich wären vermutlich viele Waren betroffen, die auch Deutschland nach Schweden liefert, darunter chemische Erzeugnisse und Arzneimittel, Metallerzeugnisse, Kraftmaschinen, Spezialmaschinen, Elektrotechnik und Straßenfahrzeuge. Insofern könnte der deutsche Export nach Schweden indirekt profitieren. Deutsche Unternehmen genießen in Schweden nach wie vor einen guten Ruf. Im Zuge gewisser Substitutionseffekte könnte daher Aufmerksamkeit auf sie fallen.

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Unklar ist, wie sich der Wechselkurs der Krone gegenüber dem Euro entwickeln wird. Gegenüber dem britischen Pfund Sterling wird der Außenwert der schwedischen Währung wahrscheinlich noch weiter steigen, während er zum US-Dollar und zum Schweizer Franken nach Meinung vieler Analysten eher sinken soll. Das Gros der schwedischen Unternehmen dürfte sich gegen Währungsrisiken absichern, um sich vor einem weiteren Verfall des Pfund Sterling zu schützen. Transaktionen zwischen Schweden und dem Vereinigten Königreich laufen aber in verschiedenen Währungen, neben Pfund und Schwedischer Krone auch in Euro oder US-Dollar.

Vereinigtes Königreich könnte Lücke als ausländischer Investor hinterlassen

Das Vereinigte Königreich ist der drittgrößte Auslandsinvestor in Schweden. Laut einem Bericht der Stockholmer Handelskammer (SCC) könnte die Bereitschaft zu neuen britischen Direktinvestitionen in Schweden, vor allem in Stockholm, nach dem Brexit deutlich sinken. Dennoch: Wenn das Vereinigte Königreich den Binnenmarkt verlässt, ist damit zu rechnen, dass britische Unternehmen Produktionseinheiten in EU-Ländern aufbauen werden, um auf diese Weise weiterhin vom einheitlichen Binnenmarkt profitieren zu können. Im Vordergrund dürften dabei Standorte mit kompatibler Expertise, ähnlichen Industrien und starker Kundennähe stehen. Einige Experten rechnen Schweden in dem Zusammenhang durchaus gute Chancen aus.

In umgekehrter Richtung belegt Schweden in der Rangfolge der größten Auslandsinvestoren im Vereinigten Königreich Platz acht. Rund 1.000 bis 1.100 schwedische Tochtergesellschaften sind im Vereinigten Königreich angesiedelt, darunter Electrolux, Ericsson, H&M, Ikea, Saab, Scania und Skype. Einer Studie im Auftrag der Britisch-Schwedischen Handelskammer zufolge erwarten etwa drei Viertel der befragten Unternehmen durch den Brexit negative Auswirkungen auf ihre Geschäftstätigkeit. Die größten Sorgen betreffen dabei den Umsatz, aber auch Investitionen und Beschäftigung. Bis zu einem Fünftel der schwedischen Unternehmen mit Geschäftsaktivitäten im Vereinigten Königreich könnte im Zuge des Brexits seine Investitionen weg von der Insel verlagern, schätzt die Wirtschaftsförderungsagentur Business Sweden.

In der Debatte, welche EU-Metropole zukünftig London als Finanzhauptstadt Europas ablösen könnte, spielt Stockholm keine Rolle. Diesen Wettbewerb werden wohl Amsterdam, Dublin, Frankfurt, Luxemburg und Paris unter sich austragen. Da viele schwedische Private Equity-Firmen aber eine Niederlassung in London haben, könnten sich auch im Finanzsektor negative Rückkopplungen für Schweden ergeben.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll zu Schweden können Sie unter http://www.gtai.de/schweden abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Schweden Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern, Regionen, Brexit

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