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31.05.2018

Schweiz: Wirtschaft kann mit dem Brexit leben

Bilaterale Vereinbarungen sollen Status Quo absichern / Von Axel Simer

Bonn/Bern (GTAI) - Für die Schweiz ist der Brexit zwar keine konkrete Bedrohung, jedoch macht er eine Reihe von Anpassungen der Rechtsgrundlagen nötig, da die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich auf den Schweizer Verträgen mit der EU basieren. Das Vereinigte Königreich ist bei Waren der sechstwichtigste und bei Dienstleistungen der drittwichtigste Handelspartner der Schweiz. (Kontaktadressen)

Regierung will Auswirkungen des Brexits auf bilaterale Beziehungen verhindern

Für den Fall eines harten Brexits ergeben sich hohe Rechtsunsicherheiten. Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft wären der Verlust des gegenseitigen präferenziellen Marktzugangs und der Rückfall auf die WTO-Regeln,

Rechtsunsicherheit für Schweizer Niederlassungen im Vereinigten Königreich, neue tarifäre und nichttarifäre Handelshemmnisse sowie die Umlenkung internationaler Wertschöpfungs- und Logistikketten.

Wirtschaftsverflechtungen zwischen der Schweiz und dem Vereinigten Königreich (VK; Anteile in Prozent)
Indikator 2017
Anteil Warenimporte aus dem VK am BIP 0,9
Anteil Dienstleistungsimport aus dem VK am BIP 1,1
Anteil Warenexport in das VK am BIP 1,7
Anteil Dienstleistungsexport in das VK am BIP 1,2
Anteil der Direktinvestitionen aus dem VK am Gesamtbestand ausländischer Direktinvestitionen in der Schweiz 5,3

Quellen: Eidgenössische Zollverwaltung; Schweizer Nationalbank

Konkrete Prognosen über die Auswirkung des Brexits auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Schweiz und den Waren- und Dienstleistungshandel mit dem Vereinigten Königreich gibt es nicht. Angetrieben durch den Brexit hatten allerdings inländische Konjunkturinstitute wie KOF und BAK Economics im Herbst 2016 ihre BIP-Prognosen für 2017 und 2018 um jeweils rund 0,2 Prozentpunkte gesenkt.

Offiziell rechnet die Schweiz mit keinerlei negativen Auswirkungen des Brexit auf die wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Vereinigten Königreich. Ziel der Regierung (Bundesrat) ist die Umsetzung der "Mind-the-Gap-Strategie". Diese soll die Rechtsgrundlage der bilateralen Beziehungen zum Vereinigten Königreich, die heute auf den Schweizer Verträgen mit der EU basieren, rechtzeitig und inhaltsgleich ersetzen. Die Schweizer Regierung befände sich daher in einem permanenten "handelspolitischen Dialog" mit britischen Regierungsvertretern, so der Leiter der Schweizer Steuerungsgruppe, Remigi Winzap, in einem Gespräch mit GTAI.

Das Vereinigte Königreich ist ein wichtiger Wirtschaftspartner

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Großbritannien und der Schweiz sind nach wie vor eng. Das Vereinigte Königreich zählte 2017 für die Schweiz zu den Top-5-Exportmärkten für Waren und Dienstleistungen. Nichtsdestotrotz zeigt sich beim Handel eine gemischte Dynamik. Während die Exporte im materiellen Bereich wertmäßig rückläufig waren, haben die Exporte von Dienstleistungen stark zugenommen.

Beim Warenhandel war 2017 ein Rückgang sowohl bei den Importen (-5 Prozent) als auch Exporten (-1 Prozent) zu verzeichnen. Diese Entwicklung lässt sich teilweise durch das im Kontext des Brexits stark schwächelnde Britische Pfund Sterling erklären. Dieses hat seit dem Austrittsentscheid vom 23. Juni 2016 im Verhältnis zum Schweizer Franken stark an Wert verloren (zeitweise bis zu -18 Prozent). Zu den wichtigsten Güterexportkategorien der Schweiz in das Vereinigte Königreich gehören Produkte der Bereiche Chemie und Pharma, Maschinen und Uhren sowie Dienstleistungen der Finanzindustrie und von IKT- und Beratungsunternehmen.

Schweizer Warenhandel mit dem Vereinigten Königreich und Deutschland 2017
Vereinigtes Königreich Deutschland
Importe aus...(Mrd. Euro) 5,5 47,1
Rang in der Importstatistik 8 1
Exporte nach... (Mrd. Euro) 10,2 37,1
Rang in der Exportstatistik 6 1
Handelsvolumen mit... (Mrd. Euro) 15,6 84,2
Rang als Handelspartner 6 1

Quelle: Eidgenössische Zollverwaltung

Wesentlich stärker gingen die Dienstleistungsimporte aus Großbritannien zurück (-7 Prozent), während die Schweizer Dienstleistungsexporte nach Großbritannien im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um rund 15 Prozent verzeichneten. Auffallend sind insbesondere Beratungen, deren Export um 59 Prozent stieg, sowie Forschung und Entwicklung, wo der Import um 47 Prozent abnahm. Insgesamt belief sich das Handelsvolumen mit Waren und Dienstleistungen zwischen der Schweiz und dem Vereinigten Königreich 2017 auf rund 30 Milliarden Euro, zuzüglich des Handels mit Gold und Edelmetallen in der Höhe von rund 16 Milliarden Euro. Letztere fallen insbesondere bei den Importen stark ins Gewicht und übertreffen die übrigen Warenimporte um mehr als das Doppelte. Der Handel mit Gold und Edelsteinen wird in der Schweiz traditionell nicht mit dem Warenhandel, sondern separat erfasst, da es hier von Jahr zu Jahr erhebliche Schwankungen gibt und es fast ausschließlich um Transithandel geht.

Investitionen aus dem Vereinigten Königreich vor allem bei Dienstleistungen

Über den Handel mit Waren und Dienstleistungen hinaus existieren zwischen den beiden höchst innovativen und diversifizierten Volkswirtschaften mit ihren renommierten Hochschulen auch im Bereich Forschung und Entwicklung enge Verbindungen. Für die Schweizer Zuliefererindustrie der Automobilbranche ist das Vereinigte Königreich ebenfalls ein wichtiger Markt. Zudem sind sowohl britische Touristen, wie auch gut qualifizierte Fachkräfte aus dem Vereinigten Königreich in vielen Branchen hochgeschätzt.

Während die aktuellsten Zahlen weiterhin ein positives Bild der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen der Schweiz mit Großbritannien zeigen, ist der Blick in die Zukunft mit ungleich größeren Unsicherheiten behaftet. Entsprechend schwierig sind Prognosen über die weitere Entwicklung, beispielsweise bei den ausländischen Direktinvestitionen. Diese kann, abhängig vom weiteren Verlauf des Brexit, sowohl positiv als auch negativ verlaufen.

Wichtig für die bilateralen Beziehungen ist der Bestand an Direktinvestitionen und die damit verbundene Anzahl Beschäftigter im jeweils anderen Staat. 2016 beschäftigten Schweizer Unternehmen gemäß Zahlen der Schweizerischen Nationalbank 96.138 Personen in Großbritannien. Der Personalbestand britischer Firmen in der Schweiz belief sich im selben Zeitraum auf 26.690 Beschäftigte. Die Bestände an Schweizer Direktinvestitionen im Vereinigten Königreich lagen 2016 bei 54,2 Milliarden Schweizer Franken (+10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, rund 50 Milliarden Euro). Auch die Bestände aus Großbritannien in der Schweiz haben sich positiv entwickelt (rund 45 Mrd. Euro). Zahlen für 2017, die erste Rückschlüsse auf die Auswirkungen des Brexits auf die Direktinvestitionen haben könnten, lagen zu Redaktionsschluss noch nicht vor.

Wichtigste Branchen sind wirtschaftliche Dienstleistungen gefolgt vom Groß- und Außenhandel, persönlichen Dienstleistungen, Finanzdienstleistungen, Verkehr und Kommunikation sowie Chemie und Pharma. Unter den Industriebranchen sind zudem Elektroindustrie und Maschinenbau von Bedeutung. In den vergangenen zwei Jahren erfolgten die Direktinvestitionen ausländischer Investoren in der Schweiz fast ausschließlich im Dienstleistungsbereich - allen voran im Segment Finanz- und Holdinggesellschaften. Dies gilt auch für das Vereinigte Königreich. Größte britische Unternehmen in der Schweiz sind einige international tätige Rohstoffhändler.

Kontaktadressen

Eine Bestandsaufnahme der möglichen Brexit-Auswirkungen auf 13 europäische Länder finden Sie in der GTAI-Analyse "Der Brexit und seine Folgen" auf: http://www.gtai.de/brexit-zielmaerkte

Weitere Informationen zu Wirtschaftslage, Branchen, Geschäftspraxis, Recht und Zoll zur Schweiz können Sie unter http://www.gtai.de/schweiz abrufen.

Unter http://www.gtai.de/brexit informiert Germany Trade & Invest regelmäßig über Aktuelles und Hintergründe zum Brexit.

Dieser Artikel ist relevant für:

Schweiz Außenwirtschaft, allgemein, Konjunktur, allgemein, Brexit

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