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09.04.2018

Schwierige Zeiten für Südafrikas Nahrungsmittelindustrie

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Bei den Verbrauchern ist Ebbe im Portemonnaie / Politische Unsicherheit fordert Tribut / Von Heiko Stumpf

Johannesburg (GTAI) - Südafrikas Konsumenten fehlt es an Geld und Zuversicht in die weitere Entwicklung. Zunehmend gefragt sind günstige Lebensmittelangebote kleiner unabhängiger oder informeller Händler. Das bereitet großen Handelsketten nebst Zulieferern Probleme. Bei vielen Nahrungsmittelproduzenten bleibt Kostensenkung das Gebot der Stunde. Neue Kapazitäten werden in der Geflügelindustrie und im Molkereisektor geschaffen. Die Getränkesparte wappnet sich für die Einführung der Zuckersteuer.

Aufgrund der Wirtschaftsflaute am Kap bewegen sich die südafrikanischen Nahrungsmittel- und Verpackungshersteller in einem problematischen Marktumfeld. Im Jahr 2016 schrammte das Plus des Bruttoinlandsprodukts (BIP) mit 0,6 Prozent nur knapp an der Stagnation vorbei. Auch 2017 gab es mit 1,3 Prozent ein enttäuschendes Wirtschaftswachstum.

Die südafrikanische Bevölkerung wächst derzeit mit 1,6 Prozent pro Jahr deutlich schneller als die Wirtschaftsleistung. Infolgedessen stieg die Arbeitslosigkeit Mitte 2017 auf 27,7 Prozent, der höchste Stand seit 2003. Diese Entwicklung bremst die Expansion der südafrikanischen Mittelschicht. Der Aufstieg von Haushalten in die obere Mittelschicht hat sich nach Angaben des Bureau for Food and Agricultural Policy (BFAP) verlangsamt. Insbesondere schwarze Mittelschichthaushalte leiden unter der "Black Tax", das heißt sie unterstützen einen erweiterten Familienkreis, der häufig kein eigenes Einkommen hat.

Zudem kommen neue Belastungen auf die Verbraucher zu. Durch geringere Steuereinnahmen aufgrund des schwachen Wachstums taten sich im Staatshaushalt Mindereinnahmen von 4,2 Milliarden Euro auf. Im Haushaltsjahr 2018/19müssen die Steuern deshalb um insgesamt 2,4 Milliarden Euro erhöht werden. Die wichtigste Maßnahme ist dabei die Anhebung der Umsatzsteuer von 14 auf 15 Prozent.

Ausufernde Korruption belastet Verbrauchervertrauen

Das Konsumklima litt zudem unter politischer Unsicherheit. Im Jahr 2017 gab es in der Presse im Wochentakt Enthüllungen über ausufernde Korruption in der Regierung. Im Mittelpunkt steht die Debatte um State Capture, die Unterwanderung des Staates durch private Interessengruppen. Berufungen auf Positionen in Ministerien oder Staatsunternehmen erfolgten unter Staatspräsident Jacob Zuma im Kontext eines großen Patronage-Netzwerkes. Insbesondere der eng mit Zuma befreundete Unternehmer-Clan der Guptas nutzte die Beziehungen zum Präsidenten, um sich durch Einflussnahme auf staatliche Stellen Aufträge zu sichern.

Wichtige Staatsunternehmen wie der Stromversorger Eskom oder Hafen- und Schienenbetreiber Transnet versinken in zahlreichen Korruptionsskandalen. Die Guptas nahmen sogar Einfluss auf die Besetzung von Kabinettsposten. Der damalige Vize-Finanzminister Mcebisi Jonas schockierte im Oktober 2016 die Nation mit der Enthüllung, dass ihm von den Guptas 50 Millionen Euro geboten wurden, wenn er das Amt des Finanzministers annimmt und als Gegenleistung deren Interessen fördert. Damit die korrupten Kreise vor Strafverfolgung verschont bleiben, wurden staatliche Institutionen gezielt angegriffen oder von innen heraus ausgehöhlt.

Der überall zu spürende Niedergang sorgte für pessimistische Stimmung im Land. Der Consumer Confidence Index des Bureau for Economic Research befindet sich bereits seit 48 Monaten im negativen Bereich. Lediglich um das Jahr 1985, als sich Südafrika wegen des Apartheid-Konfliktes im Ausnahmezustand befand, war das Verbrauchervertrauen noch mehr erschüttert.

Seit im Februar 2018 mit Cyrill Ramaphosa ein neuer Staatspräsident die Regierungsgeschäfte übernahm, hellt sich die Stimmung jedoch merklich auf. Ramaphosa will entschieden gegen die Korruption vorgehen und setzte bereits zahlreiche belastete Minister vor die Tür. Auch erste Ermittlungsverfahren gegen die Guptas und deren Unterstützer werden angestrengt. Zudem verspricht Ramaphosa einen wirtschaftsfreundlichen Kurs, weshalb die Wachstumsprognosen für das Jahr 2018 bereits auf 1,7 Prozent angehoben wurden.

Dadurch dürften auch die privaten Konsumausgaben wieder anziehen. Nach 2,2 Prozent im Jahr 2017 soll es 2018 ein Plus von 2,9 Prozent geben. Zuletzt profitierten aber vor allem langlebige Güter, während die Ausgaben für kurzlebige Güter wie Lebensmittel fast stagnieren.

Schwierige Lage für Handelsketten und Zulieferer

Auch im Einzelhandel ist das Stimmungsbild durchwachsen. Im Jahr 2017 gab es zwar ein reales Umsatzplus von 2,9 Prozent, Analysten zufolge kam dies jedoch vor allem kleinen unabhängigen oder informellen Händlern zugute. Das wird als Zeichen gewertet, dass die Verbraucher in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten nach günstigen Angeboten suchen. Für die großen Handelsketten und ihre Zulieferer ist die Lage hingegen schwierig.

Der größte Lebensmittelproduzent Tiger Brands meldet für das Geschäftsjahr 2017 einen Rückgang des Outputs um 3 Prozent. Auch der zweitgrößte Hersteller Pioneer Foods verzeichnete in fast allen Bereichen Nachfrageeinbußen (Ausnahmen Brot und Reis). Die Auslastung in der Lebensmittelindustrie ist auch insgesamt nur unzureichend. Im Jahr 2017 konnten nach Angaben von Stats SA lediglich 82,5 Prozent der installierten Kapazitäten genutzt werden. Fehlende Nachfrage wird als Hauptgrund genannt.

Im Jahr 2016 beliefen sich die Ausrüstungsinvestitionen in der südafrikanischen Nahrungsmittelindustrie auf rund 0,6 Milliarden Euro (in Landeswährung +9,4 Prozent gegenüber 2015). Im historischen Vergleich ist dies aber immer noch ein niedriger Wert, 2013 hatte Stats SA Investitionen von 1,0 Milliarde Euro ausgewiesen. Zahlen für 2017 gibt es erst im November 2018.

Bedarf für Kapazitätsaufstockung dürfte 2018 nur vereinzelt bestehen. Einige große Nahrungsmittelhersteller wollen die investiven Ausgaben in den kommenden Jahren sogar zurückfahren. Um die Investitionstätigkeit zu unterstützen startete das Department for Trade and Industry 2017 das Förderprogramm "Agroprocessing Support Scheme (APSS)" mit einem Volumen von 67 Millionen Euro.

Maschinen- und Ausrüstungsinvestitionen der südafrikanischen Lebensmittelindustrie 2016 (in Mio. Euro) *)
Sektor Investitionssumme
Fleisch und -produkte 32,8
Fisch und -produkte 1,3
Verarbeitung von Früchten und Gemüse 44,8
Herstellung pflanzlicher und tierischer Fette und Öle 14,8
Milch- und Molkereiprodukte 45,5
Getreide- und Stärkeprodukte 25,6
Tierfutter 13,7
Back- und Teigwaren 76,9
Zucker, Schokolade und Süßwaren 43,6
Sonstige Lebensmittel 53,6
Spirituosen, Wein 71,4
Bier, Malzgetränke 77,6
Softgetränke, Wasser 63,8

*) Jahresdurchschnittskurs 2016: 1 Euro = 16,298 Rand

Quelle: Stats SA

Unternehmen setzen auf Kosteneinsparungen

Mit Unternehmen wie Tiger Brands, Pioneer Foods, Nestlé, AVI, Rhodes Food, Clover, SAB, Distell, Astral, Quantum Foods, RCL Foods und Nampak verfügt Südafrika über zahlreiche große Abnehmer für Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen. Diese dürften 2018 vor allem in Kosteneinsparungen und Effizienzsteigerungen investieren, um in dem schwierigen Marktumfeld nicht in die roten Zahlen zu rutschen. Mechanisierung und Automatisierung gelten dabei als wichtige Maßnahmen.

"Wir haben unsere Arbeitsintensität in den vergangenen Jahren deutlich reduziert", erklärte der mittlerweile abgelöste Pioneer-CEO Phil Roux in der Presse. In den Getreidemühlen und Backfabriken des Unternehmens arbeiten nur wenige Mitarbeiter. "Die Investitionsrentabilität für Mechanisierungsmaßnahmen ist sehr gut", so Roux. Nachdem die operative Gewinnmarge 2017 auf 6,5 Prozent einbrach, will das Unternehmen 2018 wieder einen zweistelligen Wert erreichen. Derzeit gibt es Überlegungen, einige der 38 Produktionsstätten in Südafrika zu konsolidieren. Im Jahr 2017 übernahm Pioneer die vollen Anteile am Produzenten Heinz Foods SA.

Der Konkurrent Tiger Brands setzt stark auf Kosteneinsparungen, um trotz sinkender Produktionsmengen rentabel arbeiten zu können. Im Geschäftsjahr 2017 flossen rund 50 Prozent der Ausrüstungsinvestitionen in Erneuerungsmaßnahmen zur Effizienzsteigerung. Insgesamt konnte Tiger Brands die Kosten in den vergangenen vier Jahren um 47 Millionen Euro reduzieren. Der Betriebsgewinn legte um 14 Prozent zu. Für 2018 ist die Einrichtung einer zentralen Beschaffungsstelle für die 47 Produktionsstätten des Unternehmens geplant. Diese soll rund 80 Prozent des Einkaufs von Maschinen etc. vornehmen.

Ein schnell wachsender Lebensmittelhersteller ist die Rhodes Food Group. Das durchschnittliche Umsatzwachstum der letzten fünf Jahre erreichte beachtliche 25,4 Prozent, im gleichen Zeitraum wurden 67,1 Millionen Euro in die Produktionsanlagen investiert. Das Unternehmen verfügt über 15 Betriebsstätten in Südafrika und Swasiland. Eine Stärke von Rhodes liegt in der Herstellung von Fertiggerichten für die Premium-Supermarktkette Woolworth. Diese erfreuen sich in der oberen Mittelschicht wachsender Beliebtheit.

Auch die Supermarktkette Checkers entdeckt dieses Segment und will 135 neue Produkte ins Sortiment bringen, weitere 110 sind in der Entwicklung. Die Nachfrage nach Ready to Eat- und Ready to Cook-Produkten bietet Chancen für die südafrikanischen Nahrungsmittelhersteller.

Produktion von Fleisch soll steigen

Wieder bessere Stimmung herrscht in der Geflügelindustrie. Die Profitabilität der Unternehmen hat sich durch die gefallenen Preise für Futtermittel - aufgrund der guten Maisernte 2017 - verbessert. Futtermittel tragen rund 70 Prozent zu den Kosten der Hersteller bei. Infolge der Dürre 2016 waren die Preise explodiert, sodass Unternehmen wie RCL Foods über 4.000 Mitarbeiter entlassen und Betriebe schließen mussten. Billige Geflügelimporte halten einen Marktanteil von rund 30 Prozent und belasten die Hersteller zusätzlich.

Bis 2026 soll die Nachfrage nach Geflügelfleisch durchschnittlich um 1,9 Prozent auf knapp 2,4 Millionen Tonnen pro Jahr wachsen. Nach Prognose des BFAP wird die lokale Produktion von derzeit rund 1,6 Millionen bis 2026 auf 1,8 Millionen Tonnen steigen. Die Hersteller können ihre Kapazitäten deshalb ausbauen, was Nachfrage nach entsprechender Ausrüstung schafft.

Der Rindfleischkonsum brach 2017 hingegen um rund 20 Prozent ein. Schuld sind steigende Preise, da die Farmer nach der Dürre 2016 ihre Herden wieder aufbauen müssen und deutlich weniger Schlachtvieh zur Verfügung stellen können. Dieser Mangel dürfte auch noch 2018 anhalten. Langfristig sind die Aussichten jedoch positiv. Die Nachfrage soll bis 2026 von derzeit rund 750.000 Tonnen pro Jahr auf 900.000 Tonnen zunehmen. Der höhere Konsum kann nach Erwartung des BFAP vollständig durch die lokale Produktion gedeckt werden, sodass es weitere Investitionen in den Verarbeitungsbetrieben geben wird.

Lokale Molkereibetriebe müssen zunehmende Nachfrage decken

Die Nachfrage nach Molkereiprodukten hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Milchprodukte wie Käse symbolisieren in Südafrika den Aufstieg in den Mittelstand. Steigende Nachfrage kommt von Konsumenten mit festen Einkommen, welche die traditionelle Ernährungsweise des "Pap (Maisbrei) and Chicken" um neue Produkte ergänzen wollen. Der Konsum von Käse soll von derzeit rund 100.000 Tonnen pro Jahr um insgesamt 42 Prozent wachsen. Bei Butter ist ein Anstieg um 27 Prozent zu erwarten (Verbrauch circa 20.000 Tonnen im Jahr). Hersteller wie Clover, Danone und Parmalat dürften ihre Kapazitäten deshalb weiter ausbauen.

Die Getränkeindustrie bereitet sich auf die Einführung einer Zuckersteuer im April 2018 vor. Diese wurde nach Protesten der Industrie abgemildert. Für zuckerhaltige Getränke wird demnach eine Abgabe von 0,1 Cent pro Gramm ab einem Gehalt von 4 Gramm pro 100 Milliliter fällig. Industrievertreter rechnen dennoch damit, dass sich der Zuckerverbrauch dadurch um rund 200.000 Tonnen pro Jahr reduzieren wird und viele Arbeitsplätze verloren gehen. Fruchtsäfte und Milchgetränke sind von der Steuer jedoch ausgenommen. Nach Angaben des Herstellers Pioneer Foods sind rund 40 Prozent der eigenen Produktpalette betroffen, wobei das Unternehmen derzeit dabei ist, die Rezepturen anzupassen.

Die zu Anheuser-Busch gehörende South African Breweries investiert rund 187,9 Millionen Euro in den Ausbau ihrer Brauereien in Alrode und Rosslyn. Auch Heineken baut seine Sedibeng-Brauerei aus. Wachsender Beliebtheit erfreuen sich Craft Biere. Nach Angaben des BFAP stieg die Zahl der Brauereien von knapp über 30 (2013) auf rund 200 (2017). Diese haben einen Ausstoß von rund 20 Millionen Hektoliter pro Jahr.

(He.St.)

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Südafrika Nahrungs- und Genussmittel, allgemein, Nahrungsmittel- u. Verpackungsmaschinen

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